Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 9
21. Februar 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         
 

Frühe Kaiser-Gedichte

Die Kunde, daß chinesische Kaiser gedichtet hätten, verblüffte im 18. Jahrhundert die deutschen Literaten. Derlei waren sie von ihren Herrschern nicht gewohnt, wie manches andere, das sie über China hörten. Schon von einem der ersten chinesischen Kaiser sind einige Gedichte überliefert, zum Beispiel:

		                             Liu Pang
		                             Lied vom großen Sturm
		
		                             Ein großer Sturm erhob sich,
		                                  und Wolken stoben auf.
		                             Er trieb sie voll Macht bis ans Weltmeer
		                                  und kehrte zurück nach Haus.
		                             Wo sind Kerle voller Wildheit,
		                                  daß sie dieses Reich bewahren?
						
Mit dem Sturm meinte Liu Pang natürlich sich selbst. - Nach jahrelangen Kämpfen mit Rivalen hatte er, ein eher vierschrötiger Haudegen, sich zum Kaiser ausgerufen und die zweite Herrscherdynastie begründet. Seine Herrschaft blieb noch ungefestigt, bis er dann im Jahre 195 v. Chr. einen weiteren Widersacher besiegt hatte.

Nach langen Jahren kehrte er jetzt in seine Heimatstadt P'ei zurück. Dort lud er alte Freunde und die örtlichen Notabeln zu einem Gelage, auch 120 junge Burschen kamen. Vom Wein beschwingt, erhob sich der Kaiser zum Tanz und gröhlte diese Verse: etwas holperig! Dabei rannen ihm die Tränen, und die jungen Burschen mußten in seinen Gesang einstimmen. Eine lebhafte Szene wird das gewesen sein!

Schließlich befreit der Kaiser seine einstigen Mitbürger für alle Ewigkeit von Steuern, und der Geschichtsschreiber fährt in seinem Bericht fort: "Die Väter und Alten, die Mütter und Freunde aus P'ei tranken tagelang voller Glück und mit großer Freude. Sie erzählten ihm alte Geschichten und machten ihn so lachen und freudvoll." Erst nach mehr als zehn Tagen kann sich der Kaiser losreißen.

Am Hofe seines Nachfolgers Liu Ch'e, der als Kaiser Wu von Han kanonisiert wurde und von 140 bis 87 auf dem Thron war, ging es schon gesitteter zu. Jedenfalls begünstigte dieser talentierte Literaten und förderte -ohne die Notwendigkeiten einer Großmachtpolitik aus den Augen zu lassen- Bildung und Gelehrsamkeit. Auch ihm werden einige Gedichte zugeschrieben, darunter das schwermütige:
		                             Liu Ch'e
		                             Weise vom Herbstwind
		
		                             Der Sturm des Herbstes erhob sich,
		                                  weiß stieben die Wolken dahin.
		                             Die Kräuter und Bäume welken,
		                                  nach Süden die Wildgänse ziehn.
		
		                             Einst blühten hier Orchideen,
		                                  vom  Balsamkraut blieb ein Hauch.
		                             Ich sehne mich nach der Liebsten,
		                                  die ich nicht vergessen kann.
		
		                             Mein stattliches Schiff ließ ich kreuzen
		                                  über die Wasser des Fen,
		                             daß es die Wogen durchquerte:
		                                  Blank stieg die Gischt auf,
		                             und Flöten und Zimbeln jauchzten
		                                  zum Gesang der Ruderknechte.
		
		                             Wenn Freude und Glück sich erfüllten,
		                                  dann wird die Trauer tief.
		                             Wie kurz waren Jugend und Leben?
		                                  Was bringt das Alter mit?
						

Der Anfang dieses Gedichtes erinnert an den ersten Vers des Liu Pang, dem freilich solch feinsinnige Herbstklage über die Vergänglichkeit des Lebens noch fremd gewesen war. Bald durchzieht sie jedoch die ganze Dichtung dieser Han-Zeit. - Einen anderen Hintergrund hat ein Klagelied von Liu Hsü, einem Sohn des Liu Ch'e, der sich mit dem stolzen Titel eines Titularkönigs schmücken durfte und vor allem, wie die meisten dieser reichen Müßiggänger, den Lustbarkeiten zugetan war. Als ein starker und ungestümer Mann, der er war, machte er sich sogar Hoffnungen auf den Kaiserthron und versuchte, diese durch magische Praktiken noch zu befördern. Am Ende steht dann aber dieser Gesang:

		                             Liu Hsü
		                             Lied
		
		                             Lange leben wollte ich,
		                                  leben ohne Ende;
		                             doch was soll mir solche Dauer,
		                                  wenn ich ohne Freuden lebe?
		
		                             Eine Frist setzt mir der Himmel.
		                                  Eine Frist, die ich nicht scheue,
		                             denn die Rösser meines Kaisers
		                                  stehen schon am Wege, warten.
		
		                             Unten bei den Gelben Quellen,
		                                  bei der Quellen dunkler Tiefe
		                             wird noch jedes Leben Tod.
		                                   Soll das jetzt mein Herz verbittern?
		
		                             Was mir diese Freuden waren?
		                                  Alles, was mein Herz entzückt.
		                             Wenn nicht immer wieder Spaß kommt,
		                                  sind die Freuden schnell dahin.
		
		                             Schon ruft mich das Reich der Toten,
		                                  offen stehen seine Tore.
		                             Niemand kann mich jetzt vertreten,
		                                  ich mache mich allein davon.
						

Seine Umtriebe waren nämlich ruchbar geworden. Der regierende Kaiser beauftragte zwei der höchsten Würdenträger, ihn zu befragen. Liu Hsü erbittet sich eine Frist zum Nachdenken. Er lädt seine Kinder und die Hofdamen zu einem Gelage - in die "Halle des Strahlenden Lichtes". Nach Gesängen und Tänzen anderer stimmt der König dann sein Lied an, unter Tränen aller Anwesenden. Beim ersten Hahnenschrei hebt er das Gelage auf und erdrosselt sich mit seiner Siegelschnur. Mehrere Hofdamen folgen ihm in den Tod. - So ganz allein blieb er also auch im Jenseits nicht.

Wild und ungestüm verliefen augenscheinlich auch andere Feste in dieser Zeit, in welcher jauchzende Freude und der Tod oft zu nahen Gefährten wurden. Die Abbildungen (WW 1981.10), die Umzeichnungen von Bildsteinen aus einem hanzeitlichen Grab wiedergeben, zeigen das sehr deutlich.

 
 
  Läßt sich bei den Gedichten der Kaiser Liu Pang und Liu Ch'e immerhin noch vorstellen, daß deren Verse von ihnen stammten, dann gilt das für das Gedicht des Kaisersohnes Liu Hsü nicht ohne weiteres. Zu "operettenhaft" erscheint das Ambiente, in welchem es entstanden sein soll! Vergleichbares gilt auch für weitere Gedichte, welche die Überlieferung Angehörigen des Kaiserhauses Liu von Han zuschrieb. Möglicherweise stammen diese Texte ursprünglich von den Geschichtenerzählern auf den Märkten, die auf dem Umweg über die Geschichtsschreiber dann in die literarischen Sammlungen und in die Literaturgeschichte fanden. Vielleicht gehörten sie auch in szenische Darbietungen.

 
 
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