Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 9
21. Februar 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         

Der Boxeraufstand in Hofgeismar

Einige Zeitungsartikel wurden geschrieben, ein paar Bücher sind erschienen, doch sonst haben die Vorgänge in China vor hundert Jahren augenscheinlich kaum zu historischen Rückblicken Anlaß gegeben. Zwar sind die Vorgeschichte des Boxeraufstandes von 1900, der Ablauf des Aufstandes und vor allem seine "Sühne" wichtige Vorgänge in der Geschichte der deutsch-chinesischen Beziehungen, doch zu wenig ist darüber auch allgemein bekannt.

Die äußeren Abläufe sind weitgehend geklärt, die deutschen Greuelschriften zu diesen Gelegenheiten entfalten auch heute ihre eindeutigen Botschaften. Was jedoch - in den Augen des Historikers - noch weitgehend aussteht, ist die Sicherung der Zeugnisse, welche die deutschen Chinakämpfer von damals hinterließen. Noch viele solcher Zeugnisse dürften sich in Privatbesitz befinden: Fotos, Briefe, Tagebuchaufzeichnungen - allesamt möglicherweise mit feinen Nuancierungen der vorherrschenden Bilder und Einsichten.

boxeraufstandDas Stadtmuseum Hofgeismar ist nicht hoch genug dafür zu rühmen, daß es aus solchen Privatsammlungen und aus eigenen Chinabeständen eine Ausstellung "China 1900" zusammenstellte, die noch bis zum 4. März 2001 zu besichtigen ist. Der sorgfältig, nur hier und dort etwas beliebig gestaltete Katalogband gibt einen ersten Einblick in die Ausstellung. Neben Hintergrunddarstellungen, oft als "Historisches Stichwort", erschließt er -und zwar nicht nur als Begleiter durch die Ausstellung- interessante historische Materialien: die "Tagebuch"-Bilder, vor allem Aquarelle und Zeichnungen, des bekannten Historienmalers Theodor Rocholl (1854-1933), der die deutsche China-"Expedition" als künstlerischer Dokumentarist begleitete; Auszüge aus den Tagebüchern des weiteren Teilnehmers Hans-Adalbert von Stockhausen, durch seinen Sohn vorgestellt; auch eine sorgfältige Erkundung über den "geheimnisvollen Tod des Werner Rabe von Pappenheim" durch Helmut Burmeister, den Direktor des Stadtmuseums Hofgeismar. Hinter diesen zentralen Katalogbeiträgen, auch weiteren Einzelheiten, steckt chinabezogene Heimatforschung, wie der Berichterstatter sie sich öfter wünschte, damit der verborgene Reichtum deutscher Chinazeugnisse ans Licht gelange. Insgesamt ist der Katalogband ein kleines Schmuckstück.

Der Katalog gibt sich nicht "kritisch", und die "Einführung" zu ihm weiß das zu begründen. Trotzdem läßt er an manchen Stellen ahnen, was Deutsche damals in China taten: Wie gelangte das Porträt eines chinesischen Kaisers in die Hände eines deutschen Soldaten und trug seither zum Familienstolz bei? An anderen Stellen deutet sich an, wie stark der "Boxeraufstand" die damals überaus negativen deutschen Chinabilder verändern sollte.

Amüsant ist ein kurzer Text über den Kommandeur des deutschen Expeditionskorps, den wegen dessen Gewalttaten geschmähten Feldmarschall Graf Waldersee, der überdies oft als "Weltmarschall" verlästert wurde. Nebenbei erlag der 68jährige, fern der Ehefrau, auch noch den Reizen einer Chinesin. Vielleicht lag es daran, daß ein chinesisches Theaterstück in den 1920er Jahren ihn und die Deutschen auf angenehme Weise darstellte. Verblüfft registrierte der Berichterstatter noch in den 1980er Jahren, daß der Name Waldersee in der VR China einen guten Klang hatte und keineswegs nur mit den deutschen Greueltaten der Jahre 1900/1901 verbunden wurde. Vielleicht hat er jetzt, bei der Lektüre des Katalogs aus Hofgeismar, eine Erklärung dafür gefunden.

Ein Katalog ersetzt nie die Begegnung mit den Originalen, die mehr als eine Abbildung vermitteln. Bestellen kann man ihn beim Stadtmuseum Hofgeismar, für wenig mehr als 15 Mark, und Hofgeismar - auch sonst lohnt sich offenbar ein Besuch dort, in der Nähe von Kassel, denn Hofgeismar rühmt sich als "Stadt, die alles hat".
 
 
 

Ein event und ein Buch

Anfang Dezember letzten Jahres erfreute manchen Hamburger, daß sich Marion Gräfin Dönhoff -nach längerer Krankheit und gerade vor ihrem 91. Geburtstag- endlich wieder in der Öffentlichkeit zeigte.

Die Präsentation eines Buches war der Anlaß, die der Investment-Banker Claus Grossner an der Elbchaussee arrangiert hatte: "China - Eine Weltmacht kehrt zurück", von Konrad Seitz, der von 1995 bis 1999 deutscher Peking-Botschafter gewesen war. Von "großer Freude und Bewunderung" bei dessen Lektüre sprach die unvermeidliche Gräfin bei dieser Gelegenheit und vom "stupenden Wissen" des Autors.

Den sinologischen Leser entzückt die Lektüre nicht gar so sehr. In vierzig Kapiteln stellt der einstige Botschafter Vorgänge und Sachverhalte der chinesischen Geschichte dar, vom Altertum bis zum Jahre 2020. Dabei gelingt ihm immer wieder, auf wenigen Seiten kühne Bögen über Jahrtausendgrenzen und sonst unzusammenhängende Vorgänge zu schlagen. Verblüffende Einsichten begegnen: "Die Welt war aus den Fugen. Es herrschte Bürgerkrieg. Die Menschen lebten in ständiger Angst vor Plünderung, vor Misshandlung und Tod. Wie ließ sich die Welt wieder in Ordnung bringen? Aus dieser Frage entstand die chinesische Philosophie." - Auf solche Weise "entsteht" Philosophie: zack, zack!

Am Ende seiner China-Ströpereien mahnt der Diplomat, "daß die Europäer zuerst einmal begreifen, was sich in Asien abspielt: der Aufstieg einer Weltmacht." - Jetzt steigt die Weltmacht auf, während sie im Buchtitel nur "zurückkehrte", und der Begriff Weltmacht wird denn auch nirgendwo analysiert, weder für die Geschichte noch für die Gegenwart.

Der Pensionär hat offenbar die Feierabendlektüre seiner Botschafterzeit in ein vielseitiges eigenes Buch umgewandelt. Grundlegende, auch Detailuntersuchungen von sinologischer Seite haben ihn nicht sonderlich interessiert, und zu chinesischen Quellentexten hat er ohnehin keinen Zugang. So wird sein Werk, das allerdings zahlreiche -für ein nur allgemein an China interessiertes Publikum- möglicherweise aufschlußreiche Mitteilungen enthält, insgesamt zu einer Ansammlung von Geschichtsklitterungen: ohne Methode und Bedacht.

Das Buch strickt weiter an dem alten Mythos von dem ungebrochenen Kontinuum der chinesischen Kultur und Geschichte seit 3000 Jahren, kurze Schwächeperioden dabei eingeräumt. Stattdessen ist dieser Zeitraum auch auf dem Gebiet des heutigen China durch gewaltige Umbrüche und Erneuerungen gekennzeichnet, von Widersprüchen nachhaltigster Wirkung und durch verblüffende Anfänge. Hierfür fehlt dem Autor allerdings der Blick. Sein Buch gibt eine anregende Lektüre für Gräfin Dönhoff und Altkanzler Schmidt ab, für Interessenten an einem Sinologiestudium und für Wirtschaftsleute, die nach China aufbrechen.

Nicht wenige deutsche Chinadiplomaten haben über ihr Dienstland geschrieben. Manche dieser Schriften sind auch nach langen Jahren lesenswert. - Das Buch von Konrad Seitz umfaßt 448 Seiten und erschien im Siedler-Verlag. Bei einem Preis von 50 Mark hätten sich auf dieser Seitenfülle ein paar Abbildungen mehr - und auch in besserer Qualität - unterbringen lassen.
 
 
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