Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 9
21. Februar 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         

Schätze einer Seminarbibliothek

Das Semester neigt sich dem Ende entgegen. Dieser Umstand bringt mit sich, daß die Bibliothek der ChinaA im 7. Stock des Philosophenturms an manchen Tagen besonders stark belebt ist: Semesterarbeiten sind abzuschließen, Referate müssen noch gehalten werden; auch ist vorzubereiten, was in den Semesterferien für die Abfassung von Magisterarbeiten getan werden soll - wenn Jobs und Reisen dafür Zeit lassen. Immer wieder stöbern auch Externe in den Regalen herum, gegenwärtig vor allem eine betagte Chinesin.

Auch der Berichterstatter unternimmt täglich zehn bis zwanzig Gänge in die beiden großen Bibliotheksräume, obwohl sie bei diesem trüben Wetter noch muffiger wirken als gewöhnlich. Das haben Bibliotheksräume, alte zumal, nun einmal so an sich. Nicht Arbeitseifer zieht ihn freilich meistens in die Bibliothek, sondern etwas ganz anderes: Vergnügen und Abschiedsschmerz zugleich.

In einem Jahr steht der Umzug der ChinA in den neuen Flügelbau am Hauptgebäude der Universität an. Dann werden alle Bibliotheken des Asien-Afrika-Instituts zu einer Zentralbibliothek zusammengefaßt. Diese wird sich im Erdgeschoß befinden, zwei Stockwerke von den Dienstzimmern entfernt. Nie mehr werden dann solche Minutengänge in die Bibliothek möglich sein, von anderen Annehmlichkeiten zu schweigen.

Überdies erscheint als sinnvoll, bei dieser Gelegenheit alle jene Werke zu archivieren, welche für die Alltagsarbeiten in Lehre, Forschung und Studium nicht mehr gebraucht werden, weil sie überholt sind oder durch handlichere Neuausgaben ersetzt wurden. Viele Werke aus diesen Altbeständen hat seit Jahren niemand mehr in die Hand genommen, doch bis zum Umzug will der Berichterstatter sie alle noch einmal aufgeschlagen haben, denn aus den Abgeschiedenheiten eines Archivs werden sie sich nicht gar so leicht hervorholen lassen.

Welche Schätze entdeckt er bei solchen kleinen Streifzügen! Natürlich kannte er die großen - im chinesischen wie im europäischsprachigen Teil der Bibliothek. Immer wieder staunt er dabei -auch beim Blick in die alten Inventarverzeichnisse- über die Großzügigkeit Hamburger Ostasienkaufleute dereinst, die manches dieser schon damals wertvollen Werke dem noch jungen ChinaS am Kolonialinstitut zur Verfügung stellten, wie sie auch die Hamburger Museen mit solchen "Mitbringseln" aus Fernost versorgten. Die kaiserliche Enzyklopädie T'u-shu chi-ch'eng -Zeitungsartikel rühmten wiederholt das in Europa in diesem frühen Druck beinahe einzigartige Exemplar als das "größte Buch der Welt"- zählt zu diesen frühen Stiftungen. Damals erlaubte der reguläre Bibliotheksetat offenbar sogar die Anschaffung von schweinsledergebundenen europäischen Folianten aus dem 17./18. Jahrhundert mit Texten und Bildern zu China. Deren kräftiges handgeschöpftes Papier erfreut den Tastsinn noch heute, und es sieht oft so frisch aus, daß es auch die nächsten Jahrhunderte noch überstehen wird, ohne den in allen Bibliotheken drohenden "Säurefraß" des Papiers befürchten zu lassen. Nicht wenige von solchen Werken würden heute auf Auktionen weit über 10.000 Mark erbringen. Natürlich stehen solche Kostbarkeiten nicht in den allgemein zugänglichen Teilen der Bibliothek.

geschäftsgründungAndere Kostbarkeiten sind weniger spektakulär. Wenn der Müßiggänger jedoch einen Band "Chinesisch-deutscher Sprach- und Sachführer für Kaufleute. Geschäftsgründung in China" von vor hundert Jahren entdeckt, der -in Handschrift vervielfältigt- einen Ratgeber für das Chinageschäft damals bietet, dann vergleicht er ihn vergnügt mit der Fülle von entsprechenden Werken aus der Gegenwart und entdeckt, zu seiner Verblüffung, wie wenig sich die grundlegenden Inhalte unterscheiden.

In einem chinesischen Faszikel, das den Anhang zu einer Geschichte des chinesischen Münzwesens aus dem Jahre 1827 bildet, erfreuen ihn dann Abbildungen von Sonderformen der chinesischen Münzen, mit dem viereckigen Loch im Münzrund. Ihnen wurden schöne Namen beigegeben: Drachen-Phönix-Geld, Tierkreis-Geld, Blumen-Geld, Drachenpaar-Geld, Zehntausend-Jahre-Geld. Amüsiert liest er die Anmerkungen des chinesischen Gelehrten, der dereinst solche Stücke sammelte. Das Zehntausend-Jahre-Geld stamme wohl aus der Han-Zeit, denn in Texten jener Zeit sei der Segenswunsch wan-sui, "Zehntausend Jahre", erstmals literarisch belegt: dem Kaiser dargebracht.
   
münzenWahrscheinlich waren diese Formen des "Geldes" einfach Amulette oder vergleichbare Glückszeichen. Über solche Alltagsdinge der altchinesischen Kultur weiß heutzutage niemand mehr viel. Wenn demnächst dieses -zugleich köstliche wie kostbare- Faszikel in ein Archiv gelangt, dann ist das zugleich auch eine Beerdigung. Niemals mehr wird sich jemand, durch beiläufiges Herumblättern angeregt, dafür interessieren. Indes, diese Form der Bewahrung einer Kostbarkeit ist auch notwendig: Beim Umblättern der Seiten bricht das feine chinesische Papier leicht, und nur die günstigeren klimatischen Bedingungen eines Archivs können auch diesen Schatz bewahren.    
 

Großzügige Bücherspenden

 
  Am 9. Januar 2001, genau um 14 Uhr, wurde das Treiben auf dem Flur der ChinA noch lebhafter als davor. Möbelpacker einer Berliner Spedition karrten 40 Umzugskartons heran, die mit China-Büchern gefüllt waren.

Der Berliner Sinologieprofessor Dr. Kuo Heng-yü war umgezogen, und einen Teil seiner stattlichen Bibliothek machte er jetzt der ChinA zum Geschenk. Deike Zimmann und ihre beiden Gehilfinnen, Maria Schreibweis und Cathleen Wrana, begaben sich sogleich an das Auspacken und das Vorsortieren: Bücher in chinesischen und westlichen Sprachen einerseits, Spreu und Weizen andererseits.

Kuo Heng-yü wird seine Gründe gehabt haben, warum er diesen wichtigen Teil seiner Bibliothek nicht einem der beiden China-Seminare in Berlin oder einem anderen zur Verfügung stellte, sondern eben den Hamburgern. Vielleicht trug dazu die Erinnerung an einen Vortrag und ein Essen bei, das dereinst sogar dem "Hamburger Abendblatt" eine Notiz wert war, so opulent war es ausgefallen. Zu dem "Riesen-Menü" gehörten nämlich noch gut zwanzig weitere Schalen und Schüsseln. Der Chefredakteur des "Abendblatts" war dabei, und solche Zeitungsnotizen nutzte er wohl als sein Tagebuch.
 
  Kleinere Büchergeschenke hatte die ChinA auch vorher schon erhalten. Selten waren Schätze darunter, doch oft Desiderata oder Wörterbücher und andere Nachschlagewerke, die für den Studienalltag nützlich und hilfreich sind.

Ende Januar 2001 trafen noch einmal vier große Pakete ein: Die Kulturabteilungen der Taipeh-Büros in Hamburg und Berlin schickten moderne, auf Taiwan entwickelte Materialien für den Sprachunterricht. Video-Kassetten waren darunter, CDs und natürlich auch Lehrbücher und Nachschlagewerke. Auch das waren hochwillkommene Unterlagen, die wahrscheinlich demnächst den Sprachunterricht der ChinA oder auch den Selbstunterricht der Studierenden in kleinen Arbeitsgruppen bereichern werden.
 
 
 

Tibet von einer Reise: Iris Teut und Oliver Wack

Warum sollen HSG und ChinA für ihre Vortragsveranstaltungen immer nur Referenten von außerhalb gewinnen? Viel näher liegt, öfter auch die Kenntnisse und Erfahrungen ihrer Mitglieder beziehungsweise der Absolventen den übrigen Interessenten zu vermitteln.

Eine solche Gelegenheit war am 26. Januar, 18 Uhr - im prächtig gefüllten Hörsaal G des Philturms. Entgegen der Einladung, die in den Hörsaal E erfolgt war, erforderte die erbärmliche universitäre Projektionstechnik für Dias einen Hörsaalverlegung. Hierfür war auch die wohlwollende Billigung eines Hausmeisters erforderlich, da -zu dieser Tageszeit- die Verlegung der Veranstaltung in einen anderen Raum nicht mehr durch die zuständigen Verwaltungsinstanzen der Uni HH genehmigt werden konnte. Die Organisation einer Veranstaltung begegnet oft den seltsamsten Widrigkeiten.

Iris Teut hatte die Bildfolge zusammengestellt und führte sie vor, am zweiten Projektor durch Eva Binde unterstützt. Oliver Wack sprach -souverän und aus dem Stegreif- die notwendigen Erklärungen zu den Bildern.

Großartige Bilder erschienen dabei aus der Fülle der mehr als 200 gezeigten, doch auch die sich wiederholenden Eindrücke wurden sichtbar, wie sie sich bei der Betrachtung einer so alten Kultur und aufgrund der verordneten Beschränkungen des Fotografierens in den tibetischen Klöstern ergeben, auch aus den eigentümlichen Lichtverhältnissen in diesem Hochgebirgsland.

Von Menschenrechten, die während der letzten Jahre in Deutschland die öffentlichen Diskussionen zu Tibet bestimmt haben, war dabei selten die Rede, auch nicht vom Dalai Lama. Auch an diesem Abend wurde jedoch in manchen Augenblicken und bei diesem und jenem Bild deutlich, aus den Hintergründen, warum das Thema "Tibet und die Menschen-/Selbstbestimmungsrechte" nie ganz vergessen werden darf.
 

Zwei Vietnamistik-Vorträge

Die Auswahlkommission, welche die Neubesetzung der Vietnamistik-Professur an der ChinA vorzubereiten hat, tagte bereits mehrere Male. Sie sichtete die eingegangenen Bewerbungen und dann die wissenschaftlichen Arbeiten der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die aufgrund ihres Profils in Lehre und Forschung und in Übereinstimmung mit den Anforderungen des Ausschreibungstextes in die engere Wahl gezogen werden sollten. Solche Arbeit einer Auswahlkommission muß naturgemäß im Geheimen stattfinden.

Nach solchen Vorüberlegungen, die für die überprüfenden Instanzen in den Akten sorgfältig dokumentiert werden müssen, ist jedoch angebracht und gar erforderlich, auch einer weiteren universitären Öffentlichkeit Einblick in ein solches Berufungsverfahren zu geben. Das geschieht in der Regel dadurch, daß die in der engeren Wahl verbliebenen Bewerberinnen und Bewerber zu öffentlichen Vorträgen und damit verbundenen Gesprächen eingeladen werden. Diese dienen nicht zuletzt dem Zweck, den Menschen hinter seinen Schriften kennenzulernen und mehr über seine fachlichen Konzeptionen zu erfahren. In mancher Hinsicht ist das ein entscheidender Teil eines solchen Berufungsverfahrens, und deshalb soll er auch öffentlich sein. Für die zu solchen Probevorträgen Eingeladenen bedeutet das eine Anerkennung und Auszeichnung.

Bei dem ersten sprach Dr. Jörg Thomas Engelbert am 24. Januar über "Chinesische und südostasiatische Einflüsse auf die Märchen der Viet". - Engelbert war bisher vor allem als Forscher über die politischen Verbindungen Vietnams, in Geschichte und Gegenwart, zu der Region des südostasiatischen Festlandes hervorgetreten. Offenbar umfaßt sein forschendes Interesse auch die Traditionen der dortigen Volksliteraturen.

Dr. Ursula Lies sprach, bei dem zweiten dieser Vorstellungs-Vorträge, am 7. Februar über "Vietnamesische Literatur in der Kolonialzeit: zwei Kurzromane im Vergleich". - Ihr zentrales Interessengebiet ist die "moderne" vietnamesische Literatur, wobei natürlich für den Begriff der literarischen "Modernität" in einem so fernen asiatischen Land andere Maßstäbe gelten mögen als in Europa. Ein Lehrbuch für das Vietnamesische hat sie überdies verfaßt.

An beiden Vorträgen zeigten sich erfreulicherweise die gegenwärtigen Studierenden der Vietnamistik in HH sehr interessiert. Die Abteilung für Afrikanistik und Äthiopistik des Asien-Afrika-Instituts hatte hierfür -dankenswert und wieder einmal ganz unbürokratisch- ihren Übungsraum zur Verfügung gestellt. Der Berichterstatter registrierte überrascht, daß bei einem vorangegangenen Berufungsverfahren in den Islamwissenschaften solchen Vorstellungsvorträgen im gleichen Raum weniger studentische Teilnehmer gelauscht hatten, obwohl die Zahl der Studenten der Islamwissenschaften wohl zehnmal größer als die der Vietnamisten ist. - Solches Interesse seitens der Studierenden könnte als verheißungsvoll für die künftige Entwicklung der Vietnamistik in HH erscheinen.

Ein Bewerber aus den USA wird demnächst den "Reigen" dieser Vorträge abrunden. Er begann seine Vietnamistik-Studien allerdings vor Jahren in HH, bei Prof. Dr. Duy-Tu Vu. Damals war die Vietnamistik in HH als Studienfach noch nicht begründet, und er mußte seine Wege in eine wissenschaftliche Laufbahn in dieses junge Fach -und voll von Neugier auf dieses hierzulande weitgehend unbekannte Land- eben jenseits des Atlantik suchen.

Dr. Engelbert und Dr. Lies kamen an der Humboldt-Universität zur Vietnamistik, noch in den Zeiten der DDR. Nach deren Ende wurde auch die Vietnamistik "abgewickelt", wie das im Jargon der Politiker und der Finanzexperten hieß. Mittlerweile ist die Hamburger Vietnamistik-Professur die einzige in ganz Deutschland. Und wieviele davon gibt es in Europa?

Wer jemals in diesem Land weilte und erste Einblicke in seine Kultur erhielt oder sich über dessen Geschichte während der letzten Jahrzehnten Gedanken machte, der wird dieses hiesige Desinteresse beklagen. Der Auswahlkommission für einen Vorschlag zur Besetzung dieser Professur fiel deshalb eine hohe Verantwortung zu.
 
 
 

In Peking wahrgenommen

 
  Im Juli letzten Jahres hatte Professor Michael Friedrich von der ChinA zu einer Expertentagung geladen: "Tomb Text Workshop". Hierbei ging es um die spektakulären Textfunde, die den chinesischen Archäologen während der letzten Jahrzehnte gelungen waren. Das waren Versionen überlieferter Texte, die sich von diesen zum Teil erheblich unterscheiden, aber auch bis dahin gänzlich unbekannte Texte philosophischer, historischer, medizinischer oder prognostischer Ausrichtung. Hinzukamen kamen zahlreiche schriftliche Dokumente aus dem Alltagsleben der ausgehenden Chou- und Han-Zeit.

tomb text workshopAlle diese Textfunde geben Verständnis- und Interpretationsprobleme der mannigfaltigsten Art auf. Die Zahl der Wissenschaftler, die sich in diesen Problemen auskennen, ist weltweit nicht groß. Deshalb sind solche Tagungen als Gesprächsforen überaus nützlich.

Das von Professor Xing Wen in Peking gegründete "International Center for Research on Bamboo und Silk Documents" widmet ihren Newsletter Nr. 6 ganz der Hamburger Tagung. Der Newsletter dokumentiert durch Kurzfassungen der Referate die während der Tagung vorgetragenen neuen Forschungsansätze und -ergebnisse. Dem Ruf der ChinA in der sinologischen Welt, insbesondere in China, wird diese Dokumentation gewiß nicht schaden.
 
 
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