Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 9
21. Februar 2001
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

In diesen Tagen

blieb kaum Zeit für müßiges Flanieren und andere Privatheiten, denn dienstliche Notwendigkeiten verlangten nach ihrem Recht. Trotzdem gibt es einiges zu China aus Hamburg zu berichten - nicht nur, daß der Chinesische Staatszirkus seinen HH-Aufenthalt jetzt "endgültig" bis zum 11. Februar verlängerte. Mitte Januar hatte er sich bei den Hamburgern noch dadurch zusätzlich beliebt gemacht, daß Direktor Ning dem Verein "Kinder helfen Kindern" einen Scheck in Höhe von 19.040 Mark überreichte.

transrapidAnsonsten ärgert sich Hamburg gegenwärtig darüber, daß seine Partnerstadt Shanghai voraussichtlich die erste kommerziell betriebene Strecke der Magnetschwebebahn Transrapid bauen wird, nachdem die Verbindung Hamburg-Berlin an Bedenken von Umweltschützern und Finanzierungsexperten gescheitert war. Alle HH-Tageszeitungen berichteten in langen Artikeln über das Shanghaier Projekt (Fotomontage HA 24.01.2001). Da verbarg sich die eine oder andere Regung partnerstädtischen Neides hinter dem begeisterten Shanghai-Lob, das dann auch manche Stilblüte hervorbrachte. So rühmt die "Welt am Sonntag" am 28. Januar 2001: "Es gibt derzeit sicher keinen passenderen Ort für die Magnetschwebebahn als die aufstrebende 14-Millionenmetropole", wo alles schneller, höher, besser sein müsse als in Tokio, Hongkong oder Singapur, Hamburg ganz ungeachtet. "Da ist der Transrapid das Sahnehäubchen einer unglaublichen Wandlung." - Bisher waren Sahnehäubchen weniger von Wandlungen als von Feinschmeckersüppchen, Eisbechern und dem Selbstgebackenen von Mudders bekannt.

Die Feiern zum Beginn des Jahres der Schlange am 24. Januar zogen sich lange und über viele Tage hin, in den unterschiedlichen Kreisen. Am 25. Januar feierte der Chinesische Verein wieder mit 400 Gästen, Drachentanz und Tombola im CCH, doch Feiern in anderen, auch privateren Kreisen folgten.

Einen Tag davor, am 24. Januar, hatte Generaldirektor Dr. Cheun-yen Hwang vom hiesigen Taipei-Büro zu seinem Abschiedsempfang ins "Interconti" geladen. Nach siebenjährigem Wirken in dieser Position wurde Hwang in sein Außenministerium zurückberufen. Die lange Verweildauer in Hamburg - in der Regel überschreitet ein solcher dienstlicher Aufenthalt nicht den Zeitraum von drei Jahren - spricht dafür, daß sein Wirken hier erfolgreich war. Und für die Güte des Büffets, das während seiner Amtszeit Ruhm erlangte, spricht, daß sich nach den allfälligen Reden die chinesischen und deutschen Honoratioren in Dreierreihen an ihm drängelten. "Hwang ist ein Norddeutscher", sagte der Hamburger EU-Abgeordnete Georg Jarzembowski. Ob er wußte, daß Hwang in HH, Anfang der 1980er Jahre, zum Dr. jur. promoviert worden war?

Bei dieser Gelegenheit wurde auch bekannt, daß die HH-Privatbank Berenberg demnächst in Shanghai ein Büro eröffnen will, um deutschen Mittelständlern den Zugang zum chinesischen Markt zu erleichtern. Dieses Haus ist seit langer Zeit im Chinageschäft - und zwar mit ansehnlichen Wachstumsraten - vertreten, ohne davon viel öffentliches Aufheben zu machen.
  china scoutsNicht viel Aufheben macht auch Dr. Monika Lützow, eine Absolventin des ChinaS der Uni Hamburg, von der Gründung ihrer Firma "China Scouts", die auf anderer Ebene gleiche Ziele verfolgt und eine umfassende Beratung anbietet. Nach langen Arbeitsjahren in China, auch beim Bundesverband der deutschen Industrie, verfügt sie ebenfalls über die besten Voraussetzungen hierfür. Ihr Firmenprospekt zeigt eine kleine Erinnerung an vergangene Sinologiestudien: ein Signum, das - wenn richtig entschlüsselt - fünffaches Glück und langes Leben wünscht.

Welche Voraussetzungen erfüllte aber "Confucius" dafür, daß ein Online-Schachcomputer nach ihm benannt wurde? Dieser altchinesische Weltweise hätte sich schaudernd bei dem Gedanken abgewandt, bei diesem königlichen Spiel irgendeinem virtuellen Maschinchen gegenüberzusitzen. Er kannte dieses Spiel allerdings nicht, und über ein verwandtes chinesisches Spiel werden ihm nicht nur freundliche Worte zugeschrieben. Beim Internetauftritt des "Hamburger Abendblatts" kann man gegen "Confucius" antreten und, wie die meisten bisherigen Risikoschachspieler, verlieren.

 
  Da lobe ich mir den Firmenprospekt von Christine Berg, ebenfalls einer Absolventin des ChinaS! "Immer wieder übersetzen, ist das nicht eine Freude?" steht auf Deutsch und Chinesisch auf dem Prospekt ihrer "China-Dienste". Hiermit wandelte sie, gekonnt, ein Wort des Konfuzius ab, mit welchem dessen "Gespräche" beginnen.
china-dienste  
  ostasien service"Montblanc", der Hamburger Hersteller von Füllfederhaltern, fühlte sich hingegen zu China-Schnickschnack aufgerufen. Ein Luxusstück entstand, in nur 88 Exemplaren: mit einem goldenen Drachen als Clip, Brillianten an den Füßen, und für 16.000 Mark. Das wird manchen neureichen Shanghaiern gefallen, doch das Jahr der Schlange eignet sich wohl nicht für eine Wiederholung, obwohl diese als kleiner Bruder des Drachens gilt. - Wie in jedem Jahr erfreute der "Ostasien Service" von Dr. Gerd Boesken seine Geschäftspartner und Freunde mit einer Kurzeinführung in das Jahr der Schlange.

Vermögende Shanghaier wird auch der Maler Shan Fan brauchen, der in Hamburg vor fünfzehn Jahren seinen Aufstieg in die Weltkunst begann. In zwei Jahren will er 100 Künstler an der Langen Mauer für drei Wochen versammeln, damit sie jenes kleine Stück von ihr, das als Rennstrecke der Touristen dient, bunter gestalten - als "Symbol der Verbundenheit der Menschen". Bürgermeister Ortwin Runde freut sich schon auf dieses "Menschheitskunstwerk".

Auch Helmut Schmidt, Ex-Bundeskanzler und Mitherausgeber der "Zeit", weilte unlängst wieder in China, dem er als Kanzler 1975 einen ersten Besuch abgestattet hatte. Er fuhr nicht nur touristisch, sondern als einstiger "Weltökonom" auch, um China Wege in die Zukunft zu weisen. "Zeit"-Korrespondent Georg Blume hatte ein Gespräch mit drei Chinesen organisiert - mit einem "Internet-Pionier", einem Schauspieler und einem Biogenetiker, nachdem Jiang Zemin seine Aufwartung bereits erfahren hatte. Unter dem Titel "Reich ohne Mitte" protokollierte die "Zeit" vom 18. Januar dieses Gespräch. 245 Zeilen hatten die drei Chinesen für sich, 198 kamen Schmidt allein zu, und auf vier Zeilen brachte sich sogar noch der "Zeit"-Korrespondent unter. Lange schon ist Schmidt auch Chinaexperte: "Über vier Jahrtausende hinweg hat China sich kontinuierlich zivilisatorisch weiterentwickelt. (...) Angesichts dieser gesellschaftlichen Vitalität sollte man über die Versäumnisse in der kurzen Periode von 1949 bis 2000 nicht verzweifeln." - Solchen Worten dieses neuen China-Weltweisen läßt sich lange nachsinnen, ebenso seiner knappen Schlußsentenz: "Meine Prognose lautet deshalb, daß die Bevölkerungsexplosion zusammen mit der Technologieexplosion und der Globalisierung zu einer gegenseitigen Anpassung aller Zivilisationen führt."

Vitalität, Explosionen, Globalisierung - die in der VR China unlängst wieder besonders kräftig verfolgte andersartige Heilsbewegung Falunggong wird dergleichen anders verstehen, vor allem die kleinen "Versäumnisse" der letzten 50 Jahre. "Eine traditionelle Meditationspraxis für Menschen in der modernen Gesellschaft", überschreibt ihr deutschsprachiges Zeitungsblättchen "Blickpunkt" seinen Aufmacher und hebt drei Grundforderungen der Bewegung hervor: Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit, Nachsicht. - Das klänge gut, wären nicht auch andere Dinge abzuwägen. In letzter Zeit erhielt der Berichterstatter mehrmals Besuch von liebenswürdigen jungen Damen aus dieser Bewegung. Sie wollten ihn veranlassen, sich einer Kampagne mit dem Ziel anzuschließen, daß der Bewegungs-Guru Li Hongzhi den Friedensnobelpreis erhalte.
 

China-Abend im Walddörfer Gymnasium

Dieses Gymnasium zählt seit Jahren zu den wenigen weiterführenden Bildungsanstalten, die sich kontinuierlich einer Verbreitung von China-Kenntnissen verschrieben haben. Als Vorreiter in dieser Hinsicht erfüllt es damit auch gesamtgesellschaftliche Aufgaben.

Zu seinen Chinaprojekten gehört ebenso lange eine Chinesisch-Arbeitsgemeinschaft, die sich mit erkennbaren Erfolgen dem Lernen dieser nicht ganz einfachen Sprache verschrieben hat. Dem Vernehmen nach soll Chinesisch an dieser Schule demnächst sogar Abiturfach werden.

Sichtbar werden diese Erfolge auch an einem "China-Abend" werden, zu welchem das Walddörfer Gymnasium für den 20. Februar 2001, 19 Uhr, in sein Forum, Ahrensburger Weg 28, einlädt. Der Abend steht unter dem Motto "Vom Feudalismus zum 'Global Player'" und verheißt ein buntes Programm, das von Ausführungen zur chinesischen Geschichte über Ausstellungen von Fotographien und Kalligraphien bis zu Kulinarischem und Tanzvorstellungen reicht. Einem solch begeisternden Projekt ist ein zahlreiches Publikum zu wünschen.
 
 
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