Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 8
7. Januar 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         

Sinolusitanische Ergötzungen

Wer während der ersten Oktobertage durch portugiesische Provinzstädte schlendert, fühlt sich oftmals an 1968er Zeiten in Deutschland erinnert: Von überall her hört er junge Leute lautstark irgendwelche Parolen skandieren. Der Nichtkenner des Portugiesischen kann dann nur rätseln, wogegen demonstriert werde.

Neugierig dem Getöse nachgehend, begegnet er bald diesen jungen Leuten, auf irgendwelchen Plätzen, auch dem Markt dieser Städtchen, und staunt: Die jungen Frauen tragen unter schwarzen Umhängen schwarze Kostüme, die Männer frackähnliche schwarze Anzüge, nicht wenige werden durch barettartige Kopfbedeckungen behütet. Ihnen stehen noch jüngere Leute gegenüber, deren Häupter Eselsohrenkappen schmücken oder die sich ihre Gesichter zu Tierfratzen umgeschminkt haben. Studenten sind das. Die älteren haben sich in ihren herkömmlichen Festhabitus gehüllt, sie weisen die Erstsemester, die sich als noch nicht ganz Mensch geworden darzustellen haben, in das Universitätsleben ein. Das geht nicht ohne Sprechchöre und Wechselgesänge ab, doch auch an munteren Spielchen fehlt es dabei nicht.

Ein Versprechen der portugiesischen "Nelkenrevolution" vom Jahre 1974 war gewesen, jeder Provinz des Landes eine Universtität zu stiften. Deshalb wiederholen sich solche studentischen Initiationsriten in all diesen kleinen Universitätsstädtchen, ohne erhebliche Abweichungen. Heutzutage sind diese Bräuche, wie zu hören war, nicht mehr ganz unangefochten.

Beim Gang durch solche Universitäten läßt sich zwar selten Sinologisches, doch immer wieder Chinesisches entdecken - oder aber Chinoiserien. Die meisten dieser jungen Universitäten wurden nämlich in jahrhundertealten Gemäuern angesiedelt, jesuitischen Kollegien zum Beispiel. Auch in diesen hatten portugiesische Seefahrerkühnheit und das koloniale Festsetzen im chinesischen Macao Spuren hinterlassen.

coimbraIn der herrlichen alten Universiätsbibliothek von Coimbra wurden die Seitenwände der Bücherborde mit Chinamotiven geschmückt. Durch Königliches Gesetz zur "Estudo General" war am 1. März 1290 die Universität Coimbra gegründet worden. Die Bibliothek mit ihren 300.000 Bänden wurde um 1720 gestaltet. Ihre sinoesken Dekorationen, auf das Holz gemalt und oft vergoldet, führte ein gewisser Manuel da Silva aus. Chinesische Bücher stehen allerdings nicht in den Regalen.

Noch lebendiger wurden die Einblicke in Studienalltage vergangener Jahrhunderte im südlicher gelegenen Evora mit seinen heute 38.000 Einwohnern. 1551 wurde dort ein Jesuitenkolleg gegründet, doch bereits 1558 zur Universität erhoben, dann 1759 geschlossen und erst nach 220 Jahren, 1979, neu eröffnet. Der Professor thronte dereinst auf einer Lehrkanzel weit über den Studenten. Alle Wände der Räume, auch die der Gänge, wurden mit blauweißen, Azulejos genannten, Bildkacheln geschmückt, die Szenen aus der Wissenswelt des 17./18. Jahrhundert wiedergeben. Auch eine allegorische Darstellung der ASIA, hingegossen auf ihrem Prunkwagen ruhend, gehört dazu. Am Eingang in dieses Schatzhaus lange vergangener Vorstellungen fand sich auch eine reiche Fülle von Chinaszenen.

azulejo   azulejo

Erstaunlicherweise wurden die portugiesischen Chinabeziehungen bisher wenig erforscht, und die dazugehörigen Chinoiserien sind weitgehend unbekannt. Vielleicht hängt das damit zusammen, daß in Portugal erst jetzt eine Sinologie entsteht. Der HH-Absolvent Dr. Anando Landt trägt seinen Teil dazu bei.

Nebenbei bemerkt, sogar Chinarestaurants sind in diesen portugiesischen Provinzstädtchen nur selten anzutreffen.
 
 

Eine Inschrift als Bildbeschreibung

Im Jahre 1973 wurde im Kreis Ts'ang-shan, Provinz Shan-tung, ein Grab geöffnet, das mehrere Bildsteine enthielt. Solche Bildsteine, dazu Bildziegel und Wandmalereien, sind aus zahlreichen Gräbern der Han-Zeit bekannt. Viele der auf ihnen gezeigten Motive ließen sich leicht identifizieren: Szenen aus dem Bereich religiöser Vorstellungen, aus der Mythologie, aus Geschichte und Alltag. Manche von diesen Darstellungen wiederholen sich, abgewandelt allerdings durch die Eigenwilligkeiten regionaler Schulen von Kunsthandwerkern, möglicherweise auch durch andere Gegebenheiten. Andere Darstellungen erscheinen als einzigartig.

Ganz unsicher ist bis heute, wie diese Bilder in Gräbern "gelesen" werden müssen: Wem sollten sie was zeigen? Was bedeuteten die wiederkehrenden oder voneinander abweichenden Bildprogramme? Manchmal ist noch heute zu erkennen, daß diese Bildsteine und -ziegel ehedem farbig ausgemalt waren. Was soll solch eine bunte Bilderwelt im Grabe? Tausende dieser Bilddokumente sind bislang bekannt, mit einer Fülle von Motiven und Motivfügungen.

cangshan bruecke

Auch die Motive aus dem Bildgrab von Ts'ang-shan sind wohlbekannt. Der "Zug über die Brücke" beispielsweise, der in anderen Ausformungen sogar zu einem "Kampf um die Brücke" gerät. Welche Brücke? Gelegentlich werden auf solchen Bildsteinen einzelne Motive durch eine Beischrift identifiziert. In dieser Hinsicht weist das Bildgrab von Ts'ang-shan eine Einzigartigkeit auf: eine lange Inschrift, die 328 Schriftzeichen umfaßt. Sie beschreibt offenbar die dargestellten Szenen, könnte also eine wichtige Interpretationshilfe bieten.

cangshan inschrift Seit der Entdeckung dieses Grabes haben sich mehrere chinesische Wissenschaftler mit dieser Inschrift befaßt - und das allein zeigt, daß deren Lektüre weder einfach ist noch zu eindeutigen Einsichten verhilft. Direkte Zeugnisse aus einer so fernen Zeit, die nicht durch die Überlieferung geglättet wurden, sprechen nun einmal eine fremde Sprache für den späteren Betrachter.

Bereits die erste Zeile dieser Inschrift gibt ein Problem auf: Dort steht, das Grab sei im ersten Jahr einer Regierungsperiode yüan-chia angelegt worden. Da diese in der frühen chinesischen Chronologie zweimal vorkam, läßt sich die Angabe in das Jahr 414 oder in das Jahr 151 nach westlichem Kalender umrechnen. Die ersten Berichterstatter zogen die Spätdatierung vor, weitere Interpreten neigten der früheren zu, ohne viele Begründungen allerdings. Allein dieser Abstand von beinahe 300 Jahren legt ganz unterschiedliche Interpretationsweisen nahe. - Vielleicht bietet ein Seminar im Laufe dieses Semesters Gelegenheit, ein paar Rätsel dieser Inschrift zu lösen und damit das genauere Verständnis dieser hanzeitlichen Bildprogramme in Gräbern zu befördern.

   
 
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