Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 8
7. Januar 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         

Ekstasen, Kalauer und eine Erinnerung

In der letzten Folge dieser Notizen waren einige Schreckenstexte deutscher Minderdichter, die anläßlich des Boxeraufstandes in China entstanden waren, zu zitieren. China hat auch die größeren Dichter jener Zeit fasziniert. Damals, vor hundert Jahren, begann eine etwas umfassendere Rezeption chinesischer Dichtung in Deutschland.

arno holz   Den Namen des bedeutenden naturalistischen Dramatikers und Prosaisten Arno Holz (1863-1929) kennen heute nur noch Literaturwissenschaftler. Einflußreich für die deutsche Literatur war er nur kurze Zeit. Sein zugleich monströser wie großartiger "lyrischer Zyklus" mit dem Titel "Phantasus", an dem Holz bis an sein Lebensende arbeitete, nahm jedoch viele Züge deutscher Dichtung im 20. Jahrhundert vorweg. Auf dessen abertausend Zeilen, die sich zwischen Ekstasen und Sprachspielereien bewegen, kommt Holz immer wieder Chinesisches in den Sinn. So widmet er Chinas großem Dichter Li Po, beziehungsweise Li T'ai-po (Holz schreibt ihn Li-tai-pe), einen langen Passus:
...
als
dein geliebter, liebster Liebling
Li-tai-pe,
als "grand docteur qui aimait à boire", als
Chinas größter Dichterkaiser,
der
dreißig
Bücher Lieder sang, der tausend Unzen Gold
vertrank,
"fern von Madrid"
und
Ming-hoang,
frei
aller
Bande, die immer wieder dich entrückend heimatlichen Lande
mit Palmen-, Magnolien- und Bambusschatten, mit Azaleen, Veilchen- und Irismatten, mit
funkelnden Wildströmen
und
Bergwaldnächten, in Sonnenblust und Mondscheinprächten,
heute
in Seide, morgen in
Fetzen, nur untertan den eigenen Gesetzen:

"Wenn
das Leben nichts ist,
als ein ... großer, leerer ... als ein ...wirrer, schwerer ... als ein
schillernder,
flüchtiger, nichtiger
Traum,
ein ... Wellenschaum ... ein
tanzender,
hüpfender, spielender, schlüpfender,
schaukelnder, gaukelnder,
verfließender,
verrinnender, verglitzernder
Wogenfaum,
wozu sich ... sorgen ... weshalb sich ... härmen ... warum sich
grämen?

Ich ... ich
trinke!

In einem der Schauspiele von Holz, "Ignorabimus", spielt ein "chinesisches Zimmer" eine Rolle, das er in einer langen Regieanweisung beschreibt. In anderen Werken bereimt er, kalauernd, immer wieder über Chinesisches:

                                                 Durch China wanderte einst solo
                                                 der weltberühmte Marco Polo.
						
Und:
                                                 Konfuzius atzt sich an Haifischflossen
                                                 mit gesüßten  Bambussprossen.
						
Auch Li Po begegnet dem Leser noch öfter:
                                                 Zwischen blühenden Chrysanthemen, unter steilhohen Fichten,
                                                 sitzen zwei fröhliche Freunde und dichten;
                                                 sie nennen sich Li-tai-pe und Thu-fu,
                                                 lachen, trinken Reiswein und prosten sich zu.
						

Derlei Reimereien mögen den Sinologen interessieren, der nach Zeugnissen poetischer deutscher Chinarezeption Ausschau hält. Für einen gewöhnlichen Leser bleiben von Arno Holz allein unsterblich seine "Des Schäfers Dafnis Freß-, Sauff- und Venus-Lieder". In diesen persifliert er auf die heiterste Art die auch zu seiner Zeit längst vergessene sogenannte Schäferdichtung des deutschen Rokoko. Obwohl das -wegen der im Rokoko gesteigerten deutschen Chinalust, der "Chinoiserie"- nahegelegen hätte, fällt Holz in diesem Werk China leider nicht ein. Trotzdem sollen einige Verse dieses Werk illustrieren, winterlich zurückhaltende:

dafnis   ode trochaica

Wenn Arno Holz nicht mehr war - ein Virtuose der Beherrschung deutscher Sprache war er allemal.

Ein ebensolcher Virtuose war unter den gegenwärtigeren Ernst Jandl (* 1925), der in diesem Jahr starb:

                                                 lichtung

                                                 manche meinen, lechts und rinks
                                                 kann man nicht
                                                 velwechsern.
                                                 Werch ein Illtum!
						

Über die gleiche sprachliche Eigenart kalauert auch der sehr gegenwärtige Dichter und Cartoonist Robert Gernhardt (* 1937):

chines und has

Was aber "Li-tai-pe" angeht - der unvergessene, am 11. Juli 1956 als 31jähriger gestorbene Hamburger Dichter Werner Riegel widmete auch ihm eine Strophe:

                                                 Wir sind in Dorn und Schleh
                                                 Wo sich der Himmel staut.
                                                 Der Schnaps des Li-tai-pe
                                                 Rinnt hinter die Haut.
						

Im 1. Weltkrieg war Li Po in Deutschland einem größeren literarischen Publikum durch das Inselbändchen "Dumpfe Trommel und berauschtes Gong" bekanntgeworden: ein Entsetzensschrei des Übersetzers Klabund (eigentlich: Alfred Henschke, 1890-1928) angesichts der Kriegsgreuel, in chinesischem Gewand. Auch Riegel versuchte, die Schrecken des 2. Weltkrieges im Gedicht zu überwinden. Wie Holz fällt ihm Konfuzius ein - in seinem sarkastischen "Hymnus auf den neuen Menschen":

                                                 MG 42, ein Spruch des Konfutse,
                                                 vages Bild vom Lager im grünen Strauch,
                                                 ein Foto am Bett, das ich gleichgültig duze,
                                                 ein beliebiges Lied und ein Dörfchen im Rauch.
						

In der letzten Strophe nennt Riegel noch "Dschingis-Khan", der öfter auch bei Holz vorkommt. Das "Dörfchen im Rauch" erinnert an Lao-tzu und ein Gedicht von Bert Brecht - und: Die übersetzten Texte von "Li-tai-pe" und "Konfutse" lasen nicht wenige in den Schützengräben der beiden Weltkriege.

 
 
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