Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 8
7. Januar 2001
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         

Semesterbeiläufigkeiten

Die Umwandlung der Institute/Seminare des Fachbereichs Orientalistik in ein Asien-Afrika-Institut bringt zunächst für alle Beteiligten ein gerüttelt Maß an Mehrarbeit mit sich. Es braucht Zeit, bis für die neue Struktur Vorgehensweisen gefunden sind, und Ideen, bis das Institut sich neue und gemeinsame Arbeitsfelder erschlossen hat.

china-boulevardIn der ChinA fehlen solche Ideen nicht. So hatten für den 26. Oktober, 14 Uhr, Studierende des 3. Semesters einen "China-Boulevard" unter der Sinopalme organisiert, zum Abschluß der Orientierungseinheit für die Erstsemester. Nicht nur solche, sondern auch zahlreiche "Ehemalige" saßen und standen dann in dem Flur im 7. Stock des Philturms. Zwischen 40 und 80 Neugierige lauschten den Kurzdarbietungen von Studierenden und Lehrenden der ChinA (Foto Martin Meißmer). Alle Programmpunkte waren entweder aus Studieninteressen entstanden oder illustrierten Chinainteressen jenseits des Semesteralltags. Weil anschließend nur begeisterte Meinungen zu hören waren, soll ein ähnlicher "Boulevard" künftig jeweils zu Beginn des Wintersemesters eingerichtet werden - wenn sich engagierte Drittsemester finden, um ihn zu organisieren und Plätzchen für die Gäste zu backen.

Am Abend des 26. Oktober wurde dann mit einer stattlichen Bildfolge, dank Deike Zimmann aus zwei Beamern projiziert, im Hörsaal Phil A des "Abschieds vom China-Seminar" gedacht. Das war schon erstaunlich, daß ungefähr 200 Interessenten, die meisten davon "Ehemalige", dem Vortrag lauschten. Seine besondere Note erhielt dieser Abend dadurch, daß der hochbetagte Wolfgang Franke, der von 1950 bis 1977 am ChinaS als Professor gelehrt hatte, anwesend war. Zwischen den beiden Teilen des Vortrags trug er Erinnerungen an seine eigene Studienzeit vor. Reicher Beifall dankte ihm. Am Ende verabschiedete Prof. Bernd Eberstein dann Frau Helga Schäfer und Herrn Weng Onn Loke offiziell in den Ruhestand.

schreibende frauenMit dem Semesterbeginn waren noch zwei größere Projekte verbunden, die durch die vier Assistentinnen der Ost- und Südostasienfächer vorbereitet wurden: eine interne Tagung von Wissenschaftlerinnen aus ganz Deutschland vom 20. bis 22. Oktober und eine daran anschließende Vorlesungsreihe. Beide hatten das Oberthema "Bemerkenswerte Frauen in Ost- und Südostasien". Die Tagung widmete sich, genauer, den schreibenden Frauen jener Region, in Vergangenheit und Gegenwart, konnte dieses Thema natürlich nicht erschöpfen, führte aber zu fächerübergreifenden Anregungen. Das sollte auch das Ziel der Vorlesungsreihe im Allgemeinen Vorlesungswesen sein, die bis in das neue Jahr fortgeführt wird. Leider blieben die studentischen Interessenten an deren Themen weitgehend ihren fachlichen Gebundenheiten verhaftet und hörten sich nur selten die Vorträge aus anderen Fächern an. Das galt -auch schon bei der Tagung- in für den Beobachter erstaunlicher Weise allerdings auch für die eine oder andere der Organisatorinnen.

Zu einer weiteren Vortragsveranstaltung lud dann die der ChinA eng verbundene Hamburger Sinologische Gesellschaft (HSG) ein. Dr. Michael Schimmelpfennig, Heidelberg, referierte über "Der 'wahre Dichter' als Vorbild für Minister? - Zur Rezeption Qu Yuans in der Han-Zeit". Zwar orientierten sich seine Ausführungen nur beiläufig an dem selbstgesetzten Thema, doch für den Fachmann waren sie aufschlußreich. Schimmelpfennig referierte die Hypothesen, die er in seiner Doktorarbeit entwickelt hatte - und manche HSG-Veranstaltung soll eben auch Nachwuchswissenschaftlern ein Forum bieten.

Nach soviel Wissenschaft wurde es Zeit für etwas mehr Anschaulichkeit. In der HSG-Vortragsreihe "Old Chinahands erzählen" berichtete Dr. Monica Strelow, eine "Ehemalige" des ChinaS, über "Tianjin im Jahre 1949". Dort hatte sie als junges Mädchen die kommunistische Machtübernahme erlebt. Unter den zahlreichen Anwesenden war wohl nicht einer, der nicht durch ihren Bericht gefesselt worden wäre.

Nur am Rande sei notiert, daß drei Fernsehteams aus China und Korea angereist kamen, um mit Angehörigen der ChinA lange Berichte aufzunehmen. Vielleicht werden der eine oder die andere "in der Ferne" diese Sendungen zufällig sehen. Sie sind für das Jahr 2001 geplant, doch die Sendetermine stehen noch nicht fest.

Zwischendurch weilte auch wieder ein chinesischer Dichter in der ChinA, am 30. November: Xiao Kaiyu (* 1960). Als Nutznießer eines Alfred-Döblin-Stipendiums hielt er sich gerade in Wewelsfleth nahe Glückstadt auf und hatte Interesse an einer Begegnung mit Studierenden bekundet. Dr. Dorothee Schaab-Hanke, unterstützt durch Dr. Zhu Jinyang, bereitete diese vor. Neben zahlreichen Zeitschriftenveröffentlichungen publizierte Xiao seit 1986 nicht weniger als sieben Gedichtbände. Der jüngste, von 1999, trägt den Titel Xuexi zhi tian, "Das süße Lernen". Das Titelgedicht ist mit "Leiter Zhangs erste Frage - In Erinnerung an die Auflösung einer Akrobatengruppe, 1984" überschrieben. Im Gedicht sagt dieser Leiter Zhang dann zu einer Artistin: "Wir haben deine Knochen/ wirklich gemäß unseren Bedürfnissen verändert." Plötzlich ist der Staatszirkus, an dem Hamburg sich entzückt, ganz nah.

Zu guter Letzt: Für den 15. Dezember hatte Chen Jianfu, der Generalkonsul der VR China, die Mitglieder der ChinaA zu einem festlichen Abendessen in seine Residenz eingeladen. Dabei ging es erfreulicherweise gar nicht so diplomatisch zu, wie man das hätte erwarten können.

 
 

Weiter in die Wissenschaft

thomas froehlichSeine Doktorarbeit ist jetzt als Buch erschienen (im Campus Verlag), unter dem Titel "Staatsdenken im China der Republikzeit (1912-1949. Die Instrumentalisierung philosophischer Ideen bei chinesischen Intellektuellen". Das ist ein ansehnliches Buch geworden - kein Wunder, denn schon die Examensarbeit wurde als "ausgezeichnet" beurteilt.und Thomas Fröhlich (* 1966) damit zum Dr. phil. promoviert. Zusätzlich wurde diese scharfsinnige und kenntnisreiche Arbeit mit dem Förderpreis der "Greve-Stiftung für Wissenschaften und Kultur" ausgezeichnet.

Nach Studien in Zürich, Taipei und Tokyo legte Thomas Fröhlich im Mai 1999 am ChinaS, Hamburg, sein Doktorexamen ab. Gegenwärtig arbeitet er als Assistent am Ostasiatischen Seminar der Universität Zürich. Seine Habilitationsschrift, der nächste Schritt in die Wissenschaft, soll sich mit dem politischen und kulturellen Engagement taiwanesischer "Aktivisten" während der japanischen Herrschaft auf Taiwan befassen.

Jetzt wird Fröhlich neugierig darauf sein, wie die größere Gemeinschaft der Wissenschaftler, jenseits von Hamburg und Zürich, sein "Staatsdenken" aufnimmt. Einer seiner Vorgänger, Jost Zetzsche, dessen Doktorarbeit ebenfalls mit einem Preis bedacht worden war, kann sich schon freuen: Seine Dissertation "The Bible in China" wurde in der jüngsten Ausgabe der angesehenen Zeitschrift China Quarterly 164 (Dez. 2000) überaus anerkennend rezensiert.
 
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