Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 8
7. Januar 2001
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         
 

Vorbemerkung

 
  Diese Folge der "Hamburger China-Notizen" geht verspätet ins Netz. Von mancher Seite wurde sie erfreulicherweise gar schon angemahnt. Zwar waren die Texte größtenteils Mitte November geschrieben, doch die Bilder mußten noch vorbereitet werden - und einiges mehr. Hierfür fehlte während der vergangenen Wochen die Muße.

Die Verzögerung gibt Gelegenheit, auf einige Hamburger China-Nachrichten aus dieser Jahresendzeit hinzuweisen:

- Das "Hamburger Abendblatt" berichtete am 22. Dezember, die Drogeriemärkte Budnikowsky vertrieben nicht länger Feuerwerkskörper aus China: Lärm- und Umweltschutzgründe! Am 29. Dezember wußte das Blatt hingegen: "Knaller: 99 Prozent liefern die Chinesen." Beim letzten Jahreswechsel wurden, nach Angaben des Statistischen Landesamtes, in HH 29 Millionen Mark in die Silvesterluft geknallt. Dieses Jahr wird das weniger sein, und das "HA" meinte wohl "lieferten", denn seine Angabe vom 29. Dezember bezog sich auf die letzten Jahre.

circus- Hamburg entzückt sich gegenwärtig wieder über einen chinesischen Zirkus, diesmal den Chinesischen Staatszirkus, der nach Verlängerung bis zum 21. Januar auf dem Heiligengeistfeld gastiert. "Yin Yang" ist, dem Zeitgeist folgend, das Motto des Programms. Bewundert werden die artistischen Darbietungen, die auf vollendeter Körperbeherrschung beruhen. Ein Wunder sind diese freilich nicht, denn schon Bildsteine aus der Zeit von vor 2000 Jahren dokumentieren eine einzigartige Tradition der Artistik. Mancher Besucher wandte sich freilich mit Grausen: Wie bald sind diese geschmeidigen Leiber einfach kaputt trainiert?! Bei solchen Erwägungen liegen weitere Assoziationen ganz nahe. - An China scheiden sich immer wieder die Geister, auf die unterschiedlichsten Weisen.

akrobaten

Nicht viel Geist hatte gewaltet, als im Literaturteil der "Zeit" vom 28. Dezember 2000 drei Kürzestvorstellungen von neuen China-Büchern erschienen:

- Angesichts eines Prachtbandes über die Große Mauer meint der Rezensent, diese sei "grammatikalisch ein Singular" und mehr als 2000 Jahre sei an ihr gebaut worden. - Gezierte Unkenntnis!

- Zu vier Erzählungen des Bandes "La la la" von Mianmian wird hervorgehoben, daß in ihnen "so heftige Sätze stehen wie 'Unsere Liebe begann auf einem Gebäude, das bereits Feuer gefangen hatte.'" - Heftig!

- Einen Band über Schnupftabakflaschen nennt der Betrachter rühmend einen "Kosmos der als Währung des Herzens dienenden Döschen". - Kosmos der Döschen? Schwülstiger "Zeit"-Geist!

Die ruhige Zeit "zwischen den Jahren" bot ferner Gelegenheit, die Schreibereien des nächsten Jahres vorzubereiten: allesamt erfreulich und spannend. Zu solchen guten Vorsätzen gehört, daß diese "Notizen" dann einigermaßen regelmäßig, alle sechs Wochen, erscheinen sollen. In diesem Sinne grüße ich (mit einer Karikatur von Inge Teoh) vom Schreibtisch im ChinaS, das -um der Korrektheit willen- von jetzt an in den Texten dieser Notizen ChinA (für "Abteilung für Sprache und Kultur Chinas" des Asien-Afrika-Instituts der Universität Hamburg) heißen soll.

stumpfeldtAllen Betrachtern dieser "Notizen" wünsche ich Freude, Glück und Wohlergehen im Jahre 2001.
 
  Silvester 2000 Hans Stumpfeldt  
 
 

Der Chinesische Friedhof in Hamburg

Gewöhnlich zeigen sich die November-, Dezembertage in Hamburg dunkel und trübe, gar schmuddelig. Dieses Jahr bestätigt solche Erinnerungen nicht. Sogar die Sonne läßt sich öfter blicken, und auch sonst ist der Himmel oft hell und blau, während die vielgefürchteten Novemberstürme ausblieben.

Das mag in dieser Zeit christlichen Totengedenkens die eine oder den anderen zu einem Friedhofsgang verlockt haben, selbst wenn Ohlsdorf und vergleichbare Orte sonst nicht zu ihren bevorzugten Spaziergangsstrecken zählen. Sollte so jemand gar von dem Chinesischen Friedhof auf Ohlsdorf gehört haben, wird er ihn bei einem solchen Gang nicht leicht -und schon gar nicht zufällig- gefunden haben.

Wenige Monate, nachdem der Hamburger Chinesische Verein am 10. Oktober 1929 auf St. Pauli, im Ballhaus "Cheong Shing", was wohl "Lange Mauer" bedeuten sollte, gegründet worden war, sicherte er sich ein Eckchen auf Ohlsdorf, weit vom Haupteingang entfernt. Dort sollten hiesige Chinesen kostenlos ihre letzte Ruhe finden. Zur Einweihung dieses Chinesischen Friedhofs reiste sogar Chiang Tso-pin, der damalige chinesische Gesandte in Berlin, an. Ein Stein mit der chinesischen Aufschrift Hua-ch'iao kung-mu, "Friedhof für Auslandschinesischen", trägt heute noch seinen Namenszug.

ohlsdorfDas sind nicht sehr viele Gedenksteine, die seither in diesem stillen Winkel aufgestellt wurden - und mancher gibt sogar das eine oder andere Rätsel auf. Selbst wenn der Spaziergänger dieses nicht sogleich löst, hat er in diesem abgegrenzten Bezirk einen Augenblick stiller Muße erfahren. Die chinesischen Toten im Jenseits werden ihm solches Nachsinnen danken. - Am leichtesten findet er diesen wohlgepflegten Ort von Kapelle 13 aus.

Wo aber finden die anderen und gewiß zahlreicheren Hamburger Mitbürger chinesischer Herkunft ihre letzte Bleibe? Wahrscheinlich traten die Überreste der meisten von ihnen in einer Urne ihre letzte Reise an, um bei den Ahnen in der Erde ihres Heimatortes beigesetzt zu werden.

ohlsdorf: hu junyinErst weitab von diesem Friedhof, bei Kapelle 7, traf der müßige Flaneur noch einmal auf chinesische Schriftzeichen und verhielt natürlich den Schritt: an der Grabstätte einer Familie Franke. Ein Gedenkstein erinnert an den großen Sinologen Otto Franke (1863-1946), den Begründer der Hamburger Sinologie. Die chinesischen Schriftzeichen erinnern jedoch an die Ehefrau seines Sohnes und späteren Nachfolgers Wolfgang Fr.: Hu Chün-yin, ihrerseits eine eindrucksvolle Persönlichkeit. Dem Vernehmen nach war die Friedhofsverwaltung gar nicht davon angetan, daß auch in dieser Gegend von Ohlsdorf chinesische Schriftzeichen ein Totengedenken ausdrücken sollten.

Auch sonst vermitteln Friedhöfe dem beiläufigen Spaziergänger hochinteressante Einblicke in kulturgeschichtliche Alltäglichkeiten. Ohlsdorf ist dafür eine besonders anschauliche "Fundgrube".

Kein Nobelpreis für China

Der Sturm im deutschen Blätterwald um die diesjährige Verleihung des Nobelpreises für Literatur hat sich längst gelegt. Im Grunde war das auch nur ein sanftes Rauschen: zu unbekannt war den meisten Schreibern der chinesische, in Frankreich lebende 60jährige Gao Xingjian. Kein Buchhändler kannte den Namen, und nur an den verborgensten Orten waren übersetzte Texte von ihm aufzutreiben oder eben gar nicht. Da zeigte die angesehene Literaturzeitschrift "die horen" wieder einmal, was -im Hinblick auf die Vermittlung hier unbekannter Literaturen- in ihr steckt. In einem kleinen Heft druckte sie Auszüge aus Gaos "Busstation" nach, die sie 1985 veröffentlicht hatte, mit einigen Tuschbildern von ihm als Beigabe dazu.

Hamburg verbinden mit Gao Xingjian besonders genaue Erinnerungen. Im Rahmen eines Austauschprogramms hatte das Thalia-Theater 1988 eines seiner Stücke auf die Bühne gebracht: Ye-jen, "Yeti", in dem, wie der Autor damals sagte "Probleme der Umweltzerstörung in China und zudem das Problem des Stückeschreibens genannt (sic) werden."

yerenRegie führte am Thalia Lin Zhaohua vom Volkskunsttheater in Peking. Er hatte das in China formal und inhaltlich umstrittene Stück bereits dort auf die Bühne gebracht. Hier in HH hatte er es mit deutschen Schauspielern zu tun, die manchmal sogar "chineseln" mußten - und er sprach kein Deutsch. Derlei Inszenierungsprobleme führten zu manchen Verstörungen bei der gegenseitigen Wahrnehmung, auch im Grundsätzlichen. Nach den Unterschieden zwischen chinesischem und deutschen Sprechtheater befragt, erklärte Lin, zum Erstaunen mancher: "Es gibt hauptsächlich einen Unterschied, was die Stücke betrifft. In China werden viel mehr moderne Stücke gespielt, die Zeitprobleme behandeln. Hier sind es mehr Klassiker."

Die überregionale Presse nahm von seiner Inszenierung nur verhalten Kenntnis, was auch sonst ihre Haltung zur chinesischen Gegenwartsliteratur kennzeichnet. Die HH Lokalpresse rezensierte hingegen ebenso fleißig wie süffisant:

"Ein Stück", zog sich die MoPo am 28. 10. 1988 in einem kleinen Dreispalter aus der Affäre, "das es einem leicht machte, zynisch zu spötteln - wären da nicht Ernst und Einfalt in gutem Sinn, die würdig und gebieterisch anrühren. Es geht um unsere Welt, auch wenn sie uns fremd vorkommt."

"Schlichteste, im Detail liebevoll ausgedachte Theatermittel - ein wenig wie Kindertheater eben", weiß die TAZ vom gleichen Tage, in ihrer unnachahmlichen Direktheit.

Das Abendblatt, ebenfalls am 28. Oktober, holte etwas weiter aus: "Der Beifall war lang. Er honorierte mit der guten Leistung die gute Absicht. ... Aus Text, Tanz, Gesang und Pantomime, dem Spiel mit wallenden Tüchern und ästhetisch ausgeklügelten Tableaus schuf Lin Zhaohua ein Stück, das unterhält und zugleich an eine Wunde rührt, die uns alle schmerzt und angeht. ... was den Alster-Chinesen an akrobatischem Können fehlt, machen sie durch Charme und Spielfreude wett."

Sogar die "Bild"-Zeitung ließ das Ereignis nicht ruhen. Autor und Regisseur wollten, schreibt sie, "mit einer in China neuen, der westlichen Welt angenäherten Theaterspielerei ihr Publikum aufklären. ... Aus allem werden zwei recht bunte Theaterstunden, die von den deutschen Darstellern mit einem gehörigen Schuß Naivität auf die Bühne gestellt werden. Fünf Minuten Langeweile schleichen sich da manchmal auch ein. Aber im Ganzen ist der Ausflug in den fernen Osten sehr interessant." - "Fünf Sterne", befindet der "Bild"-Autor, des Deutschen nur halbwegs mächtig, abschließend.

Drei Tage später kartete die "Frankfurter Rundschau" aus der Ferne nach: "Das ist alles sehr rührend, auch niedlich - wirklich eine rare Kuriosität. ... China war uns (verdächtig) nahegekommen - und bleibt doch sehr fern."

Bald war dieser Abend allseits vergessen. Seither gab es noch manchen schüchternen Versuch, das Werk von Gao auch hierzulande bekannt zu machen, doch erfolglos allemal. Inzwischen haben auch die chinesischen Gegenwartsliteraten Gao vergessen. Daß ausgerechnet er diesen hochangesehenen Literaturpreis erhielt, verstand kaum einer von ihnen. Von Schiebereien hinter den Kulissen des Auswahlkomitees wurde schnell gemunkelt.

Seit einer Reihe von Jahren hatten nicht nur die literarischen Szenen in China ersehnt, daß diese Ehrung aus Stockholm einen Chinesen treffen würde. Jetzt traf sie einen, doch einen solchen, mit dem sich niemand -außer einigen sinologisch Beflissenen- identifizieren mochte. Die Verbreitung chinesischer Gegenwartsliteratur im Westen wird dieser Nobelpreis jedenfalls nicht fördern.
 
 
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