Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 7
10. Oktober 2000
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         

Siegel für das Jenseits

Die Sphragistik, "Siegelkunde", gehört zu den historischen Hilfswissenschaften, denen die westliche Sinologie bisher wenig Aufmerksamkeit widmete. Nur für die Kunsthistoriker waren die Siegelabdrucke auf Rollbildern mehr oder weniger interessant. Dabei zählen Siegel zu den aufschlußreichsten archäologischen Funden, verraten sie doch unmittelbar etwas über die Identität des Toten, aus dessen Grab sie geborgen wurden. Erstaunlicherweise sind Siegelfunde in Gräbern allerdings verhältnismäßig selten. In ungefähr 4.000 untersuchten Gräbern aus der Han-Zeit fanden sich nicht einmal 200 Siegel, obwohl diese kleinen Fundstücke einen besonderen Vorzug aufweisen: Wegen ihrer geringen Größe (Siegelfläche selten mehr als zwei mal zwei Zentimeter, Höhe ebenso) entgingen sie oft den Blicken der frühen Grabräuber, finden sich also auch noch in geplünderten Gräbern.

Nach der Siegelinschrift lassen sich zwei Hauptgruppen unterscheiden, die persönlichen Siegel und die Amtssiegel. Es gibt jedoch noch weitere Inschriftentypen, und auch diese beiden Hauptgruppen lassen sich noch mehrfach unterteilen. Im Grabe eines Mannes aus der Han-Zeit lagen zum Beispiel drei Siegel mit zwei unterschiedlichen Inschriften (obere Reihe der Abb.): ch'en P'ing, "Untertan P'ing", und zweimal Huan P'ing ssu-yin, "Persönliches Siegel des Huan P'ing", in unterschiedlichen Ausführungen. Unter den Amtssiegeln sind die von Militärs besonders häufig, so das silberne Siegel mit der Inschrift (Abb. untere Reihe, links) p'i chiang-chün yin, "Siegel des Assistierenden Generals".

siegel

Die meisten Siegel sind aus Bronze gefertigt, solche aus Edelmetallen wie Silber und Gold waren höheren Rängen und Würden vorbehalten. Ein Kaiserinnen-Siegel aus der Han-Zeit, das vor ungefähr dreißig Jahren gefunden wurde, besteht aus Jade. Es trägt die Inschrift (Abb. untere Reihe, Mitte): huang-hou chih hsi, "Petschaft der Erhabenen Kaiserin". Auch Frauen niederen Ranges, sogar Konkubinen, waren jedoch siegelfähig, was für eine selbständige Rolle in der Gesellschaft spricht.

Die meisten Siegel weisen einen "Steg" genannten Bügel über dem Siegelblock auf, durch den das Siegelband gezogen wurde. Die Siegel wurden im Alltag nämlich am Gürtel getragen. Bei anderen treten Darstellungen von Schildkröten oder Wundertieren an dessen Stelle.

Was aber ist von einem Siegel zu halten, dessen Inschrift t'ien-ti shih-che lautet, "Abgesandter des Himmelskaisers"? Solchen und anderen Rätseln im Zusammenhang mit Funden von Siegeln aus der Han-Zeit spüre ich gerade am nächtlichen Schreibtisch nach.

 

Kicken im Alten China

kicken

Unlängst mokierte sich die FAZ in einer Glosse darüber, daß alle möglichen frühen Erfindungen der chinesischen Kultur zugeschrieben würden. Sie meinte boshaft, demnächst werde das wohl auch vom Fußball behauptet werden. Wo die FAZ recht hat, da hat sie recht - und diesmal sogar in beiden Aussagen dieser Glosse.

Tatsächlich ist eine Art Fußballspiel sicher durch mehrere Bilddokumente aus der Han-Zeit (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) dokumentiert. Hier werden, von oben nach unten, der Abdruck eines Bildsiegels und ein Detail aus einer Abreibung eines Bildsteines mit solchen Darstellungen wiedergegeben. Ts'u-chü, "Balltreten", wurde das Spiel damals genannt. Von mehreren Han-Kaisern wird überliefert, daß sie sich dieses Spiels befleißigt hätten. Sogar im Wettstreit mit Barbaren-"Delegationen" aus dem Westen hätten sie es getrieben: erste Länderspiele! In ihrer Palastbibliothek stand auch schon eine erste Schrift über dieses Spiel, die jedoch verlorenging.

Manche literarische Quelle behauptet sogar, das Spiel sei noch älter. Von Lin-tzu, der Hauptstadt des alten Staates Ch'i, heißt es für das 3. Jahrhundert v. Chr., daß dessen Einwohner, mehrere hunderttausend, so reich gewesen seien, daß alle sich Vergnügungen wie dem Zitherspiel, Hunderennen oder eben dem "Balltreten" widmen konnten. Natürlich behauptet auch eine Legende, Huang-ti, der Gelbe Kaiser und Urvater der chinesischen Kultur, habe den Ball erfunden: eine Lederhülle, mit Haaren gefüllt. Dieser soll den Ball allerdings eher für Fangspiele verwendet haben.

Auch in späteren Jahrhunderten war dieses Ballspiel beliebt. Die dritte Abbildung gibt die Umzeichnung eines Gemäldes wieder, das den ersten Sung-Kaiser T'ai-tsu (960-975) hierbei zeigt. Sein Nachfolger Hui-tsung (1101-1125) soll es sogar mit besonderer Leidenschaft betrieben haben. Auch die Hofdamen waren an diesem Spiel beteiligt, wie die Dekorseite eines Bronzespiegels dokumentiert.

Die Regeln dieses "Balltretens" lassen sich einstweilen nur ahnen. Sicher ist, daß es mit unterschiedlich zusammengesetzten Spielergruppen gespielt werden konnte, von zwei Spielern angefangen. Einzelheiten lassen sich vielleicht einer kurzen, allerdings schwer verständlichen Schrift mit dem Titel "Bilder und Regeln zum Balltreten" entnehmen, die aus der Ming-Zeit (1368-1644) überliefert ist. Allem Anschein nach gehörte das Spiel zu den Vergnügungen der höheren Herrschaften, und ebenso wahrscheinlich ist, daß es sich um ein Geschicklichkeitsspiel handelte, bei dem es auf Technik und Ballbeherrschung ankam.

Insofern wäre es ein gutes Training für die ruhmlosen deutschen Kicker und Kickerinnen der Gegenwart gewesen. Und wenn vor Jahren ein deutscher Fußballtrainer wie "Schlappi" von Waldhof Mannheim die chinesische Fußballszene aufzumischen begann, dann könnte man jetzt vielleicht auch einen dieser Alten Chinesen reaktivieren, um deutschen Kickern Ballgefühl zu vermitteln.

 
[China - Hamburg]   [ChinaS]   [Schreibtisch-Notizen]   [Chinatexte]
Seitenanfang Hauptseite Suche & Archiv Impressum