Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 7
10. Oktober 2000
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         

Neuruppin, Hunnengesänge und ein Siemens-Konfuzius

Für den Chinakundigen bilden die Blätter der "Shanghai Bildzeitung", die von 1884 bis 1898 erschienen, einen Quell beinahe unerschöpflichen Vergnügens. In Holzschnitten, mit erläuternden Texten versehen, orientierten sie ihr Publikum über Aktuelles und Sonderbares aus der ganzen Welt - nicht selten auf eigenwillige Weise. Damals erschienen in Shanghai noch mehrere solcher Blätter.

bilderbogen neuruppinWas Shanghai für China war, das war für Deutschland Neuruppin. Niemand wird sich leichthin freiwillig nach Neuruppin wagen, obwohl Theodor Fontane seine Heimatstadt pries. Wer den Gang durch diese Kleinstadt, im Brandenburgischen gelegen, nicht scheut und gar noch durch das Heimatmuseum schlendert, steht plötzlich unversehens vor einem Chinamotiv (Foto Marianne Stumpfeldt). Das Bild illustriert ein Ereignis im Gefolge des Boxeraufstandes vom Jahre 1900. Der Bildtext lautet:

"Aus Peking läuft die Nachricht ein, daß der Kaiserliche Palast, die Residenz des Kaisers von China, zum Theil durch eine Feuersbrunst zerstört wurde. Dieser Theil des Palastes wurde mit dem sich anschließenden Asbesthause von dem Höchstkommandierenden, Grafen Waldersee und seinem Stabe bewohnt. Das durch Unvorsichtigkeit entstandene Feuer griff mit großer Schnelligkeit in den nur aus leichtem Material hergestellten Gebäuden um sich, sodaß die anwesenden Bewohner nur durch die Fenster sich zu retten vermochten. General von Schwarzhoff, welcher um einige wichtige Akten zu retten, in das brennende Gebäude noch einmal zurückkehrte, fand sehr bedauerlicher Weise in den Flammen den Tod."

Solche Bilderbögen aus Neuruppin kannte bald die ganze Welt, nachdem 1810 der Neuruppiner Drucker Gustav Kühn auf diese Idee gekommen war und sich mit zwei ortsansässigen Konkurrenten den Markt teilte. Bis in das 20. Jahrhundert wurden ungefähr 22.000 solcher Blätter gedruckt, mit einer geschätzten Gesamtauflage von 100 Millionen. Ein Vorläufer der Illustrierten und der der Boulevardpresse war das - aus Neuruppin! Großstädtische Konkurrenten in Berlin und München etwa konnten da nicht mithalten. Erforscht wurde diese bunte, schlichte Bilderwelt -die Kolorierung wurde in den Anfängen von Kinderhand, mit Hilfe von Schablonen, vorgenommen- noch nicht, schon gar nicht im Hinblick auf die Chinamotive darin. Die Erforschung der deutschen Chinarezeption hat sie jedenfalls bisher nicht bemerkt.

Erfreulich ist der sachliche Ton des oben wiedergegebenen Textes: damals nicht selbstverständlich. Die "Hunnenrede" von Wilhelm II. (siehe Folge 6) hatte Wirkung gezeigt mit ihrem "Pardon wird nicht gegeben", vor allem auch bei Deutschlands Minderdichtern. - Ein Johannes Trojaner läßt unter dem Titel "Füselier Schulzes Lina" dieses Gemüt von dessen Chinakämpfen träumen:

"Fünf links und fünfe rechts
Zerrt er an den Zöpfen
In der Hitze des Gefechts,
Um sie dann zu köpfen.
 
Oder sollt geneigt er sein,
Mal Pardon zu geben?
Er Pardon? Fällt ihm nicht ein!
Allen geht's ans Leben!"

Eine damals hochgeschätzte "illustrierte Kulturzeitschrift" mit dem Titel "Jugend" entblödete sich nicht, im Jahre 1900 "Die chinesischen Wirren in Schüttelreimen" zu besingen:

"Es hüpften die Boxerlümmels heiter
Einst auf Confutses Himmelsleiter.
 
Da kamen an die weissen Horden,
Obschon sie's nicht geheissen worden.
 
Sie brachten ausser Pferden, Waffen
Auch mit noch ihre werthen Pfaffen.
 
Sie wollten alle zu Christen machen,
Confutses Tempel müssten krachen.
 
Doch als sie gar nicht milder wurden,
Die Boxer immer wilder murrten.
 
Und thaten so die Fremden hassen,
dass sie sie samt den Hemden frassen.
 
Sie glaubten in ihren Schelmenherzen,
Man könnte mit preuss'schen Helmen scherzen.
 
Nun wird man sie mit Hieben laben,
Bis sie wissen, wen sie zu lieben haben."

Einem Erfolgsschriftsteller jener Tage, dem stets martialischen Rechtsprofessor Felix Dahn (1834-1912), mißfiel die Charakterisierung deutscher Soldatenbriefe aus China als "Hunnenbriefe" durch den Sozialisten August Bebel. Als Replik reimte er sich flugs einen "Bayerischen Hunnenbrief" zusammen, in welchem ihm die westlichen, vor allem deutschen Greueltaten in China im Gefolge des Boxeraufstandes zu einer Art Oktoberfest gerieten; ein kleiner Auszug:

"Bei Taku und Tientsin hat's gekracht!
Die Luft voll von chinesischen Granaten!
Und doch so lustig rauften wir dabei,
Als wär's daheim zu Garmisch auf der Kirchweih!
 
So ein Chinese ist ein rechter Schweinpelz:
Nie wäscht er sein Gesicht, nur seinen Zopf.
Und immer bieten sie zum Trank mir Thee
Und hab' doch weder Hals- noch Bauchweh!"

Das holpert nicht nur unsäglich im Versmaß, sondern ist in unerträglicher Weise böse, borniert und gedankenlos - und weil gerade von "Confutse" zu lesen war, gleich noch eine diesbezügliche Gedankenlosigkeit:

siemens-kongziAm 30. Juni 2000 veröffentlichte die Welt eine Anzeige der Welt- und Chinafirma Siemens mit einem Konfuzius-Zitat. Würde dieser im Jenseits den chinesischen Text seines Ausspruchs lesen können, dann verstünde er ihn nicht. Er ist nämlich im Gegenwartschinesischen wiedergegeben, und das ist von der Sprache des Konfuzius mindestens so weit entfernt, wie das Französische vom Lateinischen. Offenbar hat ein PR-Berater von Siemens auf seinem Küchenkalender ein Wörtchen, das ihm bedeutungsvoll erschien, gefunden und es durch einen Chinesen, der ihm gerade über den Weg lief, ins Chinesische rückübersetzen lassen, ohne nach der Quelle und dem ursprünglichen Wortlaut zu fragen. - Vergleichbare Unbedachtheiten haben Siemens wohl bei manchen seiner Chinaprojekte nicht nur Freude bereitet.

 
 
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