Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 6
13. August 2000
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         

Östlich von Neustrelitz

6_desk_1Von der bescheidenen - und verspäteten - Chinoiserie im pommerschen Neustrelitz war in Folge 4 dieser Notizen die Rede gewesen. Der Sommer macht Lust auf weitere Reisen, und St. Petersburg liegt nicht gar so ferne von Neustrelitz. Beim Flanieren durch dessen Straßen wird der Spaziergänger sich immer wieder an die europäische Geschichte erinnern - und den Hamburger mag ein russisch-deutsches Schild an einem eher bescheidenen Bau erfreuen: hier habe Otto von Bismarck von 1859 bis 1862 als Preußischer Gesandter residiert.

Der Chinakundige strebt allerdings vor allem zu den großen Sommersitzen des Zarenhofes unweit von Petersburg. Peterhof, Oranienbaum, Monplaisier, Zarskoje Zelo sind einige von deren Namen. Ihre Entstehung oder ihr Ausbau ist mit den Namen so berühmter Herrschergestalten wie Peter I. (1672-1725) und Katharina II. (1729-1796), einer geborenen Prinzessin von Anhalt-Zerbst, verbunden. Nur wenige Wochen im Jahr weilten sie allerdings an solchen Stätten: gewaltige Paläste und anmutige Schlösser -darunter in Oranienbaum auch ein Chinesisches Palais, das von außen allerdings ganz unchinesisch anmutet - und von den herrlichsten Parks umgeben! Geschaffen wurden diese Anlagen im 18. Jahrhundert von Baumeistern und Architekten aus ganz Europa, nicht wenige Deutsche darunter.

6_desk_2In jedem dieser Paläste entzückt wenigstens ein China-Kabinett, meistens sind das sogar zwei oder gar ein chinesisch dekorierter Saal. Vor allem kostbare Porzellane und chinesische Tapeten bewirken den Zauber dieser Räume. Ihnen gegenüber erscheinen die pommerschen Chinoiserien als besonders plump. Weniger entzücken allerdings an diesen Stätten die "aparten" russischen Matkas, die in jedem Raum hocken und deren Argusaugen darüber wachen, daß kein Westler ohne die Fotogebühr von 20 Mark knipst. Trotzdem gelang hier und da ein verstecktes Foto. - Apart war auch der Geschmack der frühen Dekorateure. Häufig hängten sie auf die zarten chinesischen Tapeten drastische Aktbilder der üppigeren herrscherlichen Mätressen oder vergleichbarer Damen. Neben einem dieser Chinakabinette war sogar ein ganzer Raum mit Dutzenden von Mätressenporträts vollgehängt!

Damals, im 18. Jahrhundert, wußte man am Zarenhof schon länger als in Deutschland, daß das China solcher Chinoiserien nichts mit dem wirklichen China zu tun hatte. Es hatte schließlich schon direkte politische und militärische Erfahrungen mit China gesammelt.

Wahrscheinlich haben solche russischen Chinoiserien ganz andere Hintergründe als diejenigen von Neustrelitz und westlich davon. Auf jeden Fall passen sie zu dem russischen Kosmopolitentum, das der Zarenhof zu dieser Zeit kräftig belebte.

 
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Eine Zahlenspielerei für das Jenseits

Viele Alltäglichkeiten der altchinesischen Kultur harren noch der Enträtselung und Interpretation. Das wurde in diesen Notizen schon an kurzen Inschriften aus der Han-Zeit angedeutet. Der Reichtum an Inschriften aus dieser Zeit ist erstaunlich, doch kaum eine ist -für sich genommen- sonderlich aufschlußreich. Das wird sie erst in der Zusammensicht. Kurz sind überdies die meisten dieser Inschriften, und immer wieder finden sich unter ihnen Seltsamkeiten.

Aus einem Han-Grab im heutigen Guangdong stammt eine kleine Tontafel (WW 1990.11, 33): 37 cm mal 17 cm, 0.4 cm dick. Zwei Drittel der Tafel werden durch ein schlichtes Rhombenmuster bedeckt, das verbleibende Drittel füllt größtenteils eine eineinhalbzeilige Folge von Zahlen, die sich in "Übersetzung" folgendermaßen ausnimmt:

     3 9 27   2 9 18   4 9 36
     9 9 81   8 9 72   7 9 63  6 9 54   5 9 45

Augenscheinlich werden hier Multiplikationen mit der Zahl Neun festgehalten. Was erklärt jedoch deren seltsame Abfolge - und vor allem: Was soll das in einem Grab? Dessen Beigaben sollen doch den Toten ins Jenseits begleiten und unter anderem auch seine Stellung im irdischen Leben dokumentieren. Die bescheidenen sonstigen Beigaben in diesem Grab verraten nichts über die Identität des oder der Toten. In irgendeiner Hinsicht jedoch muß das ein besonderer Mensch gewesen sein, wenn ihn dieses einmalige Fundstück charakterisieren soll. Amüsant ist es gewiß. Die Schriftzüge sehen nicht ganz vollkommen aus. Sollte hier im Jenseits dokumentiert werden, daß jemand das Kleine Einmaleins einigermaßen beherrschte?

 
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