Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 6
13. August 2000
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         

Von Hunnen und Sachsen

Vor genau hundert Jahren tobte in Peking der Aufstand der "Boxer", die sich selbst "Faustkämpfer für Rechtlichkeit und Harmonie" nannten. Im Juni 1900 hatten sie den deutschen Gesandten Klemens August Freiherr von Ketteler ermordet. Damit fühlte sich das Deutsche Reich aufgerufen, an die Spitze einer internationalen Streitmacht zur Niederschlagung des Aufstandes zu treten. Am 27. Juli 1900 brach das "Ostasiatische Expeditionskorps", das aus 2000 Freiwilligen bestand, in Bremerhaven auf den Transportern "Batavia", "Dresden" und "Halle" nach Fernost auf. Bei der Verabschiedung hielt Kaiser Wilhelm II. mittags, um 13 Uhr, die berüchtigte "Hunnenrede", die zu einem der bekanntesten deutschen Chinatexte wurde.

 

Eine authentische Fassung dieser Rede existiert nicht. Noch am gleichen Tag versuchten Kaiserberater, eine in den wesentlichen Passaagen abgeschwächte Fassung den Nachrichtenagenturen zu präsentieren. Diese ließ sich - zu viele Journalisten hatten die Rede gehört - jedoch nicht lange halten. Schon am nächsten Tag mußte eine korrigierte Zweitfassung herausgegegeben werden, die sich jedoch ebenfalls nicht mit den Erinnerungen der Zuhörer deckte.

Am authentischsten scheint eine rekonstruierte Version zu sein, die aus norddeutschen Zeitungen stammt. Deren Journalisten hatten die Agenturversion aus Berlin nicht abgewartet, sondern direkt aus ihren Stenogrammen zitiert. In dieser Version lautet der entscheidende Passus:

 
"Ihr sollt fechten gegen eine gutbewaffnete Macht, aber Ihr sollt auch rächen, nicht nur den Tod des Gesandten, sondern auch vieler Deutscher und Europäer. Kommt Ihr vor den Feind, so wird er geschlagen, Pardon wird nicht gegegeben, Gefangene nicht gemacht. Wer Euch in die Hände fällt, sei in Eurer Hand. Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bekannt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen. (...) Der Segen Gottes wird sich an Eure Fahnen heften und es Euch geben, daß das Christentum in jenem Lande seinen Eingang finde, damit solch traurige Fälle nicht mehr vorkommen! Dafür steht Ihr mir mit Eurem Fahneneid, und nun glückliche Reise. Adieu, Kameraden!"

Die China-Briefe dieser "Kameraden" nannte der Sozialdemokrat August Bebel in einer Reichstagsdebatte "Hunnen-Briefe" und zitierte aus einem solchen:

"Wie wir die erste Schlacht gewonnen hatten, da hättest Du sehen sollen, wie wir in die Stadt einrückten. Alles, was uns in den Weg kam, ob Mann, Frau oder Kind, alles wurde abgeschlachtet. Nun, wie da die Weiber schrien! Aber des Kaisers Befehl lautet: keinen Pardon geben! - und wir haben Treue und Gehorsam geschworen und das halten wir auch."

Diese Haltung illustriert auch eine "reizende Begebenheit", ein makabrer sächsischer Witz, den Ludwig Hillenbrandt in "Mit einer Träne im Knopfloch" überliefert:

"Eine reizende Begebenheit, die zugleich typisch sächsisch ist und nur einem Sachsen passieren konnte, trug sich im Jahre 1900 in Hamburg zu. Dort wurde das Truppenkontingent eingeschifft, das im Rahmen der europäischen militärischen Hilfe für China gegen den chinesischen Boxer-Aufstand eingesetzt werden sollte.
König August von Sachsen besichtigte das deutsche Freiwilligen-Detachement, das aus allen Bundesländern und fast sämtlichen deutschen Infanterie- und Artillerie-Regimentern zusammengestellt worden war.
Er schritt, begleitet von dem Kommandeur, die Front ab, blieb hier und da stehen und richtete ein Wort an den einen oder anderen Soldaten.
'Wie heeßt du, mein Junge?'
'Grenadier Piesecke, Majestät!'
'Wo gommst du her?'
'Aus Berlin, Majestät!'
'Warum hast du dich nach China gemeldet?'
'Weil ick mein Vaterland liebe, Majestät!'
'Scheen, sehr scheen', brummte August und ging weiter ...
'Wie heeßt du, mein Junge?'
'Füsilier Huber Joseph, Herr Kini!'
'Wo gommst du her?'
'Aus Tpfing, Herr Kini!'
'Warum hast du dich nach China gemeldet?'
'I ha mir denkt, guckst di amoal umsunst die Welt an.'
'Ooch sehr scheen', murmelte August und ging weiter.
'Wie heeßt du, mein Junge?'
'Gefreiter Bliemchen, Majesdeet!'
'Wo gommst du denn her?'
'Aus Leepzich, Majesdeet!'
'Warum hast du dich nach China gemeldet?'
'Ich bin so blutdurschtig, August.'

"Europäische militärische Hilfe?" Und statt Hamburg sollte es wohl Bremerhaven heißen. - Immerhin schafft die respektlose Dreistigkeit des Sachsen einen gewissen Ausgleich mit dem teutonischen Furor des Preußen-Kaisers, illustriert diesen aber umso drastischer. - Glücklicherweise änderten sich bald nach dem Jahre 1900 die deutschen Chinabilder ein wenig.

 
 
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