Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 6
13. August 2000
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         

265 Magisterexamen

Seit der Einführung des Magisterexamens an der Uni HH legten bis Anfang 2000 am ChinaS 265 Studierende dieses Examen ab. Eingeführt wurde es wohl Ende der 1960er Jahre, doch bis zum Jahre 1981 wurde es am ChinaS nur viermal absolviert. Damals studierten nur wenige Sinologie, die Doktorpromotion war der bevorzugte Studienabschluß und nicht abzusehen war, ob der neue Magister als Studienabschluß allgemeiner Akzeptanz begegnen würde. - Erster Magister des ChinaS war übrigens Kuan Yü-chien, der spätere Lektor des ChinaS: im Jahre 1973.

Nach der Neubesetzung der Lehrstühle für Sinologie I und II nach 1980 stiegen die Zahlen der MA-Abschlüsse allmählich an. Zunächst war das nur eine Handvoll pro Jahr, doch schon für das Jahr 1987 waren zehn dieser Abschlüsse zu verzeichnen. Das steigerte sich, wenngleich immer wieder mit kleinen Unterbrechungen, bis im Jahre 1995 ein einsamer Höhepunkt erreicht wurde: 39 MA-Examen! In den Jahren danach spielte sich deren Zahl bei 17, 18 ein.

Von Anfang an war die Zahl der Studentinnen, die dieses Examen hinter sich brachten, größer als die der Studenten. Insgesamt ist das Verhältnis: 184 Frauen gegenüber 81 Männern. Interessant wäre, diese Geschlechterverteilung mit derjenigen bei den jeweils aktuellen Studierenden oder gar den Studienanfängern zu vergleichen, doch solche Vergleichszahlen lassen sich nicht mehr leicht ermitteln. Aufgrund von ungefähren Beobachtungen und Erhebungen läßt sich sagen, daß das Geschlechterverhältnis bei den Studierenden seit 1981 wohl stets ungefähr 2:1 zugunsten der Frauen war. - Nur in zwei Jahren legten mehr Männer als Frauen das MA-Examen ab: 3:1 im Jahre 1983, 6:4 im Jahre 1987. Für die Männerwelt besonders kläglich sahen die Relationen in den Jahren 1998 und 1999 aus: jeweils 2:16.

Aufschlußreich ist auch die Verteilung der Absolventen auf die einzelnen Fächer, die am ChinaS vertreten sind, da sie Hinweise auf dessen Binnenstrukturen bieten: 77 in Sinologie I, 179 in Sinologie II. Erst im Jahre 1997 läßt sich für beide Fächer die gleiche Zahl der MA-Examen registrieren: jeweils 8. Die Neubesetzung eines Lehrstuhls zeugt eben auch in dieser Hinsicht positive Wirkungen. - Für die traditionsreiche Thailand/Vietnam-Abteilung des ChinaS sind insgesamt acht MA-Examen dokumentiert, auch die Korea-Abteilung konnte im Jahre 1999 endlich einer Magistra zum bestandenen Examen gratulieren.

In besonderer Weise signifikant ist die Entwicklung bei den Themen der MA-Arbeiten. Während zunächst jahrelang nur Themen aus dem Bereich des traditionellen China vorkamen, tauchten im Jahre 1984 erstmals Themen auf, die mit dem eher gegenwärtigen China zusammenhingen, zumindest mit dem China des 20. Jahrhunderts. Im Jahre 1989 waren diese dann zahlreicher als Themen zum älteren China: 12:9. Diese Entwicklung verstärkte sich, 1998 war die Relation sogar 16:2. Dabei ist auch eine Tendenz, Themen der unmittelbaren Gegenwart zu behandeln, eindeutig. Insgesamt galten im Berichtszeitraum bei 98 MA-Arbeiten die Themen den traditionellen Epochen, hingegen 167 dem 20. Jahrhundert oder der unmittelbaren Gegenwart.

(Eine Liste aller Magisterarbeiten steht unter http://www.uni-hamburg.de/Wiss/FB/10/ChinaS/dsino/seminar/bib/ im Netz.)

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Auch im Jahre 2000 wurden im ChinaS natürlich MA-Examen abgelegt, und weitere Studierende bereiten sich auf dieses Examen vor. Wegen langwieriger Renovierungsarbeiten am Philturm sind in diesem die Arbeitsbedingungen für alle, die über ihren Arbeiten brüten, in keiner Hinsicht förderlich. Der "Charme" des ChinaS hat sich auf diese Weise noch einmal deutlich vermehrt. Ein Foto zu dieser Notiz mag das illustrieren. Es ist schon hart, in einem solchen Ambiente forschen beziehungsweise sich auf eine mündliche Prüfung vorbereiten zu sollen.

 

(Mehr ChinaS-Baustellen-Bilder unter http://www.uni-hamburg.de/Wiss/FB/10/ChinaS/dsino/index.html.)

 
 

Zu den Geheimnissen der Zahlen im Alten China

Inzwischen wissen viele Raucherinnen und Raucher, daß eine Zigarre unter manchen Gegebenheiten eben nicht nur eine Zigarre ist. Viel weniger Leuten, auch Sinologen darunter, ist bewußt, daß im Alten China eine Zahl nicht nur eine Zähleinheit war, sondern daß sich hinter vielen Zahlen erheblich mehr verbirgt.

In die Geheimnisse solcher Zahlenmystik führte Professor Pei-jung Huang von der National Taiwan University in einem Vortrag vor der HSG am 4. Juli 2000 ein. Dabei betrachtete er vor allem solche Zahlen-"Spielereien" im Shih-chi, "Historische Aufzeichnungen", von Ssu-ma Ch'ien (um -100), dem vielgerühmten "Vater" der chinesischen Geschichtsschreibung.

Da der vorgesehene Übersetzer des chinesischsprachigen Vortrags krankheitshalber ausfiel, mußte Dr. Dorothee Schaab-Hanke vom ChinaS beinahe unvorbereitet einspringen. Sie meisterte diese schwierige Situation bravourös, am Ende unterstützt von Dr. Jinyang Zhu. - Lebhafte Diskussionen im Anschluß an den Vortrag zeigten, daß manche der zahlreichen Interessenten auch für sich solchen Zahlen-Rätseleien nachhängen.

 
 

Die erste China-Fregatte im Hamburger Hafen

Sie hieß "Apollon", hatte jedoch auch andere Namen gehabt und wurde bald nach ihrem Einlaufen in den HH-Hafen im Jahre 1731 erneut umgetauft. Ihr Eintreffen in Hamburg sollte nämlich ein diplomatisches Nachspiel haben, und politische Verwicklungen, an denen sogar Kaiser- und Königshöfe beteiligt waren, gingen dem voraus. Der frühe Ostindienhandel, wie es damals hieß und zu dem auch der Chinahandel über Kanton gehörte, warf zwar Superrenditen ab, war deshalb aber auch höchst umkämpft - und risikoreich auf die abenteuerlichste Weise. Mancher ehrbare Kaufmann fand sich schnell von Rivalen als "Pirat" beschimpft und behandelt, und überdies hatte er die richtigen Piraten östlich von Afrika zu fürchten.

Umfassende Archivstudien in Hamburg und London versetzten Professor Bernd Eberstein vom ChinaS in die Lage, das erste Kapitel der Hamburger Chinabeziehungen um neues Material zu bereichern. In einem spannenden Vortrag vor der HSG stellte er dieses Material am 12. Juli, 18 Uhr, vor und ordnete es zugleich in die historischen Zusammenhänge ein.

Wegen der diplomatischen Verwicklungen ließen die Hamburger "Pfeffersäcke" dann erst einmal für Jahrzehnte die Hände vom Chinageschäft - offenbar. Wer weiß schließlich, ob nicht forschende Neugier in alten Papieren erneut Funde zeitigt.

 
 

Chinesische Zukunftsstädte in Dessau

6_chinas_4Dem Sinostudi michael arri kam die Idee bei seinem Praktikum am "Bauhaus" in Dessau, von dem vor Jahrzehnten wegweisende Konzepte für die Architektur des 20. Jahrhunderts ausgegangen waren. Jetzt war dort eine Ausstellung über Chinas Megastädte unter dem Titel "Peking-Shanghai-Shenzhen" zu betrachten, die nicht nur eine Zeitungsredaktion unter der Schlagzeile " Chinas Städtebau im 21. Jahrhundert" besprochen hatte.

Michael arri setzte die Idee in die Tat um, und am 14. Juli brach eine Schar von 15 Sinos frühmorgens im gemieteten Kleinbus nach Dessau auf. Anstrengend verlief der Tag, aber reibungslos - und von mehreren Beteiligten war zu hören, daß die Ausstellung den Aufwand gelohnt hatte. Auch einige "Ehemalige" nahmen an dieser Exkursion teil, was manchen neuen Erfahrungsaustausch ermöglichte.

Von einer solchen "Ehemaligen" traf überdies die Nachricht ein, daß sie bald ihrerseits eine solche Exkursion organisieren möchte. Gute Taten finden eben stets ihren Widerhall, so die von michael arri. – Für diejenigen, die sich diese Reise entgehen ließen: Der opulente Ausstellungskatalog steht mittlerweile in der Seminarbibliothek.

 
 

Ein schöner Vortrag im kläglichen Ambiente

Unipräsident Lüthje hatte dem FB Orientalistik dringlich nahegelegt, anläßlich der EXPO in Hamburg ein öffentliches Vortragsprogramm zu organisieren. Die ersten Gespräche darüber fanden vor mehr als einem Jahr statt, doch offenbar hatte niemand so recht Lust und Ideen. Plötzlich mußte dann alles schnell gehen, weil der vorgesehene Termin nahte: 5. Bis 7. Juli.

Das Ergebnis war kläglich. Die HH-Medien hatten nichts wahrgenommen. Das CCH hatte zwar einen Vortragssal zur Verfügung gestellt, doch im letzten Winkel des trostlosen Gebäudes. Vor den Türen des Saales standen ein paar Stellwände - zum Thema der Veranstaltung "Asien und Afrika in Hamburg" oder wozu? Sie sahen aus wie die Anschlagbretter im Philturm, und im Saal verloren sich zwischen zwanzig und dreißig Interessenten, die meisten überdies aus der Uni.

Der Sinologiestudent Timur Tatlici hielt einen Vortrag zum Thema "Qingdao - deutsche Kolonialgeschichte in China" (mit Lichtbildern), der nicht nur historisches Interesse weckte, sondern auch aktuelle Bezüge aufwies. Sein gelungener Beitrag zu dieser Veranstaltung wäre eines zahlreicheren Publikums würdig gewesen, was auch für die übrigen Teile der Veranstaltung gilt. Trotzdem, auch in diesem Falle hat ein Student des ChinaS dieses in hervorragender Weise repräsentiert.

Eine von vielen Lehren aus dieser Veranstaltung sollte sein, daß öffentlichkeitsorientierte Veranstaltungen seitens der Uni gut vorbereitet werden und dann auch in der Uni stattfinden sollten.

 
 

Dokumente für das Jenseits

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Während der drei letzten Jahrzehnte bargen chinesische Archäologen aus Gräbern der Han-Zeit oder gar noch älteren Zeiten immer wieder Texte, die auf Holztäfelchen und Bambusstreifen, auch auf Seide geschrieben waren. Alltagsschriften unterschiedlichster Art sind das, bislang unbekannte Schriften historischer oder philosophischer Prägung, dazu damals in Umlauf befindliche Versionen auch sonst überlieferter Texte. Jeder dieser Textfunde bereicherte die Kenntnisse über Chinas frühe Zeit, warf vor allem aber Fragen auf.

Unter dem Thema "Tomb text workshop" hatte Professor Michael Friedrich vom ChinaS vom 17. bis zum 19. Juli ein gutes Dutzend illustrer Gäste versammelt. Alle hatten sich schon jahrelang für diese Textfunde interessiert, und jetzt sollten sie durch Vorträge, vor allem aber im Gespräch, ihre Forschungsergebnisse austauschen. Der Kreis der Experten für diese schwierige Materie ist nun einmal nicht groß.
Ihm wird es jedoch nicht an Diskussionsstoff mangeln. "Wen-wu", eine der führenden chinesischen Zeitschriften zu solchen Themen, veröffentlichte nämlich in der Mai-Nummer 2000 erste Berichte über einen neuen Textfund: allein ungefähr 23.000 Bambusstreifen sind das, aber auch Texte auf Seide, Papier und auf Holztäfelchen, aus der Zeit der Han.

Von solch aufregenden Funden nimmt die deutsche Öffentlichkeit nichts wahr, denn keine Zeitung berichtet darüber. Wenn allerdings die amtliche chinesische Nachrichtenagentur ausposaunt, aus eben dieser Han-Zeit (206 v.Chr. bis 220 n. Chr.) hätten chinesische Archäologen das erste Wasserklosett der Welt entdeckt, dann ist das allen Zeitungen eine Notiz wert. Chinesische Archäologen kennen sich gemeinhin in der Archäologie der übrigen Welt nicht sonderlich gut aus und neigen deshalb manchmal zu solchen Fehleinschätzungen. Und ahnungslose deutsche Journalisten stricken durch solche bedenkenlosen Wiedergaben von Agenturberichten weiter an überholten Chinamythen.

Der gerade erst begründete chinesischssprachige "Newsletter" über Forschungen zu den Bambus- und Seidentexten wies in seiner 2. Ausgabe auf dieses "workshop" hin. Gewiß wird er auch künftig über deutsche Forschungen und solche aus Hamburg zu den hiermit verbundenen wissenschaftlich ungeheuer spannenden Problemen berichten können.

 

Ein Nachtrag und eine Korrektur

6_chinas_3Der 60. Geburtstag von Helga Schäfer zieht noch Folgen nach sich: Allmählich treffen die Fotos davon ein (hier eines von Ursula Frauen). Es war der Wunsch von Frau Schäfer gewesen, einmal mit den Professoren des ChinaS auf einem Foto vereint zu sein. Prof. Terwiel war wegen Krankheit nicht bei der Feier, aber die anderen waren da - und zu einer anderen Gelegenheit hätten sie sich wohl nicht so leicht zu einem Foto aufreihen lassen. Einige der Herren stehen allerdings da wie die Kicker der ruhmlosen deutschen Nationalmannschaft bei einem Freistoß. - Zu Fußball und China dann mehr in der nächsten Folge!

In diesem Zusammenhang sei ein Erinnerungsfehler aus Folge 5, den eine sorgfältig kombinierende Besucherin dieser Website argwöhnte, verbessert: Nicht Claudia Ehler freute sich über "ein ganz frisches Baby", sondern Silvia Noack, und die Kleine heißt Carla.

 
 
 

Abschied vom ChinaS

Nicht ohne Wehmut registriere ich, daß die Tage des Seminars für Sprache und Kultur Chinas der Universität Hamburg gezählt sind. Das ChinaS wird nicht verschwinden, gewiß, doch es wird große Teile seiner institutionellen Eigenständigkeit verlieren und eine Abteilung in einem großen Asien-/Afrika-Institut werden.

Dieses neue Institut soll sich mit entsprechenden Einrichtungen von hohem internationalen Rang messen und der Zersplitterung der Asien-Fächer begegnen können. Zumindest in Deutschland wird es einzigartig sein, und auch sonst wird es nicht viele Institutionen mit vergleichbaren Kapazitäten in Lehre und Forschung geben. In vielerlei Hinsicht soll das ein Aufbruch in die Zukunft werden.

Die Idee zur Bildung eines solchen Instituts kam vor ungefähr vier Jahren, auf sinologischer Seite. Ebenfalls von sinologischer Seite wurde diese Idee mit Konzepten gefüllt und der Verwirklichung nähergebracht, unterstützt durch die Japanologen. Bei den anderen Seminaren/Instituten des bisherigen Fachbereichs Orientalistik - schon der Name klang vielen altmodisch, und er soll durch dieses Institut ersetzt werden! - war mehr oder minder kräftige Überzeugungsarbeit zu leisten. Anstehende grundlegende Veränderungen in der Uni HH und gegenwärtige Sparzwänge halfen hierbei. Bereits die Konzepte für dieses Gemeinsame Institut führten zu einer Reihe von vortrefflichen Reaktionen, vor allem bei den "höheren Instanzen". Andererseits erinnere ich mich vergnügt daran, mit welch rabiaten Mitteln den Bedenklichkeiten in anderen zuständigen oder interessierten Institutionen der Uni HH begegnet werden mußte. Nur wenige Personen kennen die Einzelheiten.

Das ChinaS wird also künftig bloß "Abteilung für Sprache und Kultur Chinas" heißen. Mit solcher "Erniedrigung" wird man leben müssen. Trotz aller möglichen Vorzüge des neuen Instituts bleibt die Wehmut - verbunden mit der Hoffnung, daß die neuen Konzepte sich weiterhin als fruchtbar erweisen mögen.

Auf dieser Homepage soll das ChinaS allerdings in der alten Form fortleben. Auch im gegenwärtigen China kennt man schließlich manche Region noch mit Namen, die zu sonst lange untergegangenen Staaten aus grauen Vorzeiten gehören.

Voraussichtlich am 26. Oktober 2000 findet aus diesem Anlass eine Veranstaltung von ChinaS und HSG statt.
Nähere Information dazu finden sich demnächst im Veranstaltungskalender der Hamburger Sinologischen Gesellschaft

 
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