Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 6
13. August 2000
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
         

Hoffnungen und gute Laune

 
 

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Wie in Folge 5 dieser Notizen angekündigt, erlebte Hamburg Anfang Juli wieder einmal China-Tage. Der Besuch der Hongkong-Repräsentantin Anson Chan (Abb. aus WamS 25.6.2000) war von der Öffentlichkeit noch weitgehend unbemerkt geblieben, doch an Ministerpräsident Zhu Rongji kam dann niemand mehr vorbei. Er besuchte sogar die Norddeutsche Affinerie und erkundigte sich nach deren Umweltschutzstandards.

Ansonsten kannten die Überschriften der Gazetten anläßlich dieses chinesischen Deutschlandbesuchs wieder einmal nur zwei Themen, die sich überall zwischen "Menschenrechte und Milliarden-Aufträge" bewegten. "Chinesen fahren auf Transrapid ab" (Welt 3.7.2000) ließ manche Herzen höher schlagen, nachdem das gleiche Blatt schon zwei Tage davor über "Vertrag über Menschenrechte geschlossen" fabuliert hatte und die FAZ (ebenfalls vom 1.7.2000) hierbei ein "Lernen von Deutschland" anpries. Trotz soviel Selbstgefälligkeit ging es bei diesem Besuch vor allem um die gute Laune von "Boss Zhu", wie das Hamburger Abendblatt am 3.7. titelte. Immerhin war dem HA am gleichen Tage auch die Mahnwache von 20 Teilnehmern der Tibet-Iniative ein Artikelchen wert.

6_ch_2Ansonsten fand dieser Besuch vor allem in den Klatschspalten statt, und Zhu tat alles, um zu der guten Laune beizutragen. Er pries das Hamburger Rathaus als das schönste der Welt und Altkanzler Schmidt als "Ausdruck der politischen Weisheit der Deutschen", was dieser gewiß nicht nur mit einem verhaltenen Lächeln quittierte. In mancher Hinsicht kann Zhu allerdings noch von Jiang Zemin lernen. Als der mit Rußlands Staatschef Wladimir Putin Artigkeiten austauschte, sang er nicht nur russische Lieder, sondern unterhielt sich mit ihm auch auf Deutsch. - Immmerhin: Zhu hob in Hamburg hervor, daß er nicht wenige seiner Deutschland- und Europakenntnisse den Artikeln verdanke, die Kuan Yü-chien, der langjährige Lektor des ChinaS, regelmäßig in einer Hongkonger Tageszeitung veröffentlicht.

6_ch_3Von dem 4. Großen Drachenboot-Festival am Allermöher Deich am 1./2. Juli 2000 wird Zhu Rongji nicht erfahren haben. Ein großer Artikel im HA vom 24/25.6.2000 (Foto) hatte es vorbereitet. Es muß zehntausende Besucher begeistert haben. Wenn Zhu davon erfahren hätte, wäre seine gute Laune vielleicht für eine Sekunde getrübt worden, denn die Drachenbootszene ist hierzulande eher taiwanorientiert. Wahrscheinlich hätte ihn das "Elbeeinkaufzentrum" eher erfreut, da es um den 1. Juli herum zwei Wochen lang mit "Die Drachen sind los!" warb. Gemeint waren allerdings nicht die Wasser-, sondern die Flugdrachen. Für diese wird es im August am Öjendorfer See wieder eine große Schau geben.

Bei all dem Chinaspektakel war die Uni HH einmal sogar in der Vorhut. Auf Einladung der Deutschen Forschungsgemeinschaft weilte am 26./27 Juni hier eine große Delegation der National Science Foundation of China mit zwölf hochrangigen Vertretern chinesischer Universitäten. Unipräsident Lüthje zeigte sich hinterher erfreut darüber, daß diese Delegation gegenüber der DFG von ihrer Rundreise vor allem den Aufenthalt in HH hervorgehoben hatte. Dazu trug vor allem bei, daß Professor M. Friedrich als Dekan des FB Orientalistik die Gäste auch mit einer Ansprache auf Chinesisch erfreut hatte.

 

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Ansonsten nicht weiter verwunderlich unter den HH-China-Neuigkeiten:

  • Die "Green Card"-Werbung um ausländische Computerexperten für Deutschland fand auch in China Resonanz: unter den fünf ersten, die in HH diese besondere Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis erhielten, waren drei Chinesen.

  • Die Falungong, deren Verfolgung durch die VR China gerade wieder Schlagzeilen machte, wirbt jetzt auch in Hamburg - mit den Schlagworten "Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit, Nachsicht". Nina Akbar und Jan Kaniewski informieren potientielle Anhänger unter den Rufnummern 040/3990 8862 und 040/5131 2967.

  • Dr. Oskar Weggel vom Institut für Asienkunde tourt gegenwärtig mit einem Vortrag zum Thema "China - Chance oder Gefahr?" Zuletzt hielt er den am 3. August im Gemeindesaal Blankenese, 15 Uhr 30. Der Titel spielt - eloquent und stereotypensicher - mit den China-Klischees von vor hundert Jahren: kolonialer Aufbruch und die wilhelminische Beschwörung der "Gelben Gefahr".

 
 

Altes China und moderne Kunst

 

Auch der müßige Flaneur begegnet in diesen Sommertagen in HH wieder China - in besonders reizvoller Weise im "Puppenmuseum", das im Sven-Simon-Park, Grotiusweg 79, liegt.

Dort hat Elke Dröscher im "Kunstraum Falkenstein" eine spannungsreiche und zugleich stimmungsvolle kleine Ausstellung zusammengetragen. Einige Tonmodelle von Bauten aus der Han-Zeit sind das, darunter ein prachtvoller, mehrgeschossiger Wohnturm. Solche Modelle wurden den Toten ins Grab gegeben, um im Jenseits ihren irdischen Wohlstand zu bezeugen. Diesen 2000jährigen Modellbauten konfrontiert Elke Dröscher plastische Arbeiten von Katsuhito Nishikawa, einem modernen japanischen Künstler. Dessen filigrane und subtile Arbeiten sollen modellhaft Konzepte künftiger moderner Architektur skizzieren.

6_ch_4Alten chinesischen Bauten nach der Wirklichkeit begegnen hier am Falkenstein moderne vor der Verwirklichung: ein Wider- und Zusammenspiel - in einem Gebäude zumal, das selbst ein Kleinod hanseatischer Baukunst ist. Diese "weiße Villa" wurde 1923 von Karl Schneider nach den Konzepten der Neuen Sachlichkeit entworfen.

Bei einem Gang durch den Park, der mit hinreißenden Anblicken, nicht nur über die Elbe, lockt, läßt sich leicht über diesen architektonischen Dreiklang nachsinnen. Die Ausstellung ist noch bis zum 26. August zu betrachten.

 
 
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