Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 5
14. Juni 2000
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
         

Was spiegeln Spiegelinschriften wider?

Von Inschriften auf Waschbecken aus der Han-Zeit (206 v.Chr. - 220 n.Chr.) war bereits die Rede (Folge 3). Diese sind stereotyp und Waschbecken als Grabfunde weder besonders häufig noch besonders attraktiv. Viel öfter bergen Archäologen die interessanten Bronzespiegel aus solchen Gräbern.

Die blanke spiegelnde Vorderseite dient der Reflektion der eigenen Person. Bei einem Durchmesser, der von ungefähr 6 cm bis -selten- über 24 cm reicht, war das allerdings nur ausschnittweise möglich. Die Rückseite, meist mit einem Knauf versehen, weist oft ein ornamentales oder figürliches Dekor auf. Dort finden sich bei manchen Spiegeltypen auch Inschriften.

Einige dieser Inschriften entsprechen direkt denen auf Waschbecken oder variieren diese geringfügig, wie die beiden ersten Beispiele zeigen:

spiegel1

spiegel2

"Mögest (du) lange Söhne und Enkel (haben)!"
 
"Mögen (dir) lange Söhne geboren werden!"

So werden diese Inschriften gemeinhin verstanden. Besonders häufig sind Funde von Spiegeln, die nach ihrer Inschrift als "Sonnenglanzspiegel" benannt werden:

spiegel3
"(Wenn wir) den Glanz der Sonne sehen/ mögen (wir) einander lange nicht vergessen."

Auch diese Inschriften variieren gelegentlich in ihrem Wortlaut, die meisten reimen. Die zum Textverständnis erforderlichen, hier in Klammern gesetzten, Ergänzungen zeigen, daß die Übersetzungen stark ausdeuten. Auch ganz andere Deutungen solcher auf den ersten Blick einfacher Texte sind möglich.

Ein reicher dekorierter Spiegeltyp bietet dannn auch Platz für eine Vermehrung der Zahl der guten Wünsche, und damit diese auch leicht merkbar sind, reimt auch eine solche Wunschliste:

spiegel4
"Herr Chang schuf diesen Spiegel.
Mögest (du) Markgraf oder König werden,
und (dein) Haus soll reich sein
und voll Freuden ohne Ende!
 
Söhne und Enkel seien vollzählig vorhanden,
und im Zentrum (?) sollen sie verweilen,
(auch) bewahre beide Eltern lange,
daß Generation um Generation gedeihe!"

Dieser Herr Chang gilt als der Handwerker, der den Spiegel fertigte. Ist er etwa derjenige, der diese Wünsche ausspricht? - Auch dieser Inschriftentext wird vielfältig verändert; verwandt ist er mit einem, der aus einer kaiserlichen Werkstatt stammte:

spiegel5
"Das Shang-fang schuf diesen Spiegel,
der wahrlich sehr kunstfertig ist.
Auf ihm sind Unsterbliche (zu sehen),
die nicht zu altern verstehen.
Bei Durst trinken sie aus Jadequellen."

Hungern diese Unsterblichen etwa nicht? In anderen Inschriften dieses Typs schon, aber bei diesem Beispiel bricht die Inschrift mitten im Vers ab. Drei zusätzliche Schriftzeichen kennzeichnen eine der dargestellten Personen als "Königinmutter des Westens", eine damals vielverehrte Gottheit. - Nicht nur höchst profane Alltagswünsche drücken solche Spiegelinschriften also aus, sondern sie weisen oft auch deutliche Jenseitsbezüge auf. Eine Mischung aus beidem zeigt das -für heute- letzte Beispiel:

spiegel6
"Kommst (du) auf den Berg Hua,
siehst du dort Götter.
Sie essen die Essenz der Jade
und trinken aus dem Klaren Quell,
die Grünen Drachen spannen sie vor
und fahren auf treibenden Wolken.
Mögest (du) Amt und Rang haben
und lange die Söhne und Enkel bewahren.
 
Die Freuden enden niemals,
Ansehen und Reichtum gedeihen."

Wer gelangt schon auf einen solchen Berg Hua? Eigentlich kann das nur die Totenseele sein, die nach altchinesischer Vorstellung nach dem Verlassen des Leibes um die Welt irrt. Wer aber blickt gerne in einen Spiegel, dessen Dekor und Inschrift an das Jenseits gemahnen? Und sollte sich ein solcher Betrachter nicht ärgern angesichts eines Spiegels, dessen Inschrift mitten im Vers abbricht, obwohl die Inschrift den Spiegel als überaus vollkommen rühmt? Auch diese Spiegel und ihre Inschriften bergen Rätsel. Welche Vorstellungen spiegeln sie wider, solche vom Leben oder solche vom Tod?

 

Seit wann spielen die Chinesen Golf?

Von solchen altchinesischen Spiegelinschriften wissen wohl nur wenige der in Hamburg lebenden Chinesen, und noch weniger kennen die Sprache jener fernen Zeiten. Viel mehr von ihnen, vor allem die Geschäftsleute, kennen jedoch das Golfspiel und widmen sich diesem mit Fleiß. Ob sie wissen, daß ein Ursprung dieses Spiels in China zu suchen ist?

golf1Beim Herumstöbern in der großen Bibliothek des ChinaS fand sich ein kleiner Text vom Ende des 13. Jahrhunderts. Er trägt, von einem Anonymus verfaßt, den Titel "Leitfaden zum Treiben des Balles" bzw. "Leitfaden zum Ballspiel" und gibt in 32 Abschnitten Auskünfte über dieses Spiel, meistens spieltechnischer Art. Zu diesen gehören jedoch auch historische Notizen, zum Beispiel, daß der unglückliche Sung-Kaiser Hui-tsung (1101-1125), ein Liebhaber der Malerei überdies, ein Anhänger dieses Spiels war.

Einen späteren Kaiser, einen aus der Ming-Dynastie (1368-1644) zeigt ein Gemälde beim "Balltreiben". Die Spielbahn erinnert zwar eher an das einstmals hierzulande in Ausflugslokalen beliebte Minigolf, doch Caddys hatte dieser Kaiser offenbar bereits, und am linken Bildrand zeigt der Aufbau auf dem Tisch, daß er über eine Auswahl von Schlägern verfügte. Der "Leitfaden" weiß über solche Schläger, daß sie oft goldbeschlagen und mit Intarsien aus Jade versehen waren. Ein weiteres Gemälde stellt sogar Hofdamen bei diesem Spiel dar, und auch diesen standen Caddys, weibliche natürlich, zur Seite.

golf2
golf3

Die Ursprünge dieses "Balltreibens" in China reichen noch weiter zurück. Möglicherweise hängen sie mit einer Form des Pferdepolos zusammen, das im 8. Jahrhundert beliebt war. Auch diesem Spiel widmeten sich schon damals die Frauen, aber das wäre Stoff für eine weitere Notiz.

 
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