Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 5
15. Juni 2000
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
         

Wer kennt schon Josef Popper?

Er lebte von 1838 bis 1921 und gab sich den Literatennamen Lynkeus. Ein Kesselingenieur und Erfinder war er, wurde im Prager Judenviertel geboren, lebte aber die größte Zeit seines Lebens in Wien. Einige Erfindungen ermöglichten ihm, sich ab 1897 "seinen reformerischen, wissenschaftlichen und schriftstellerischen Interessen zu widmen". Letzteren entsprang sein Werk "Phantasien eines Realisten", an dem er 33 Jahre lang schrieb und das er 1899 veröffentlichte - und das beinahe ein "Bestseller" wurde. Eine Sammlung von kurzen Notizen, Gleichnissen, Parabeln, Skizzen ist das Werk, jenseits aller literarischen Konventionen jener Zeit. Nicht selten ist darin auch von China die Rede. Diese Texte (zitiert nach dem Neudruck des "Gustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar", 1986) blieben den Dokumentaristen der deutschen Chinarezption bisher unbekannt. Deshalb sei hier an sie erinnert.

 

Das Licht des Philosophen Mih-tse

Von dem Gipfel eines hohen Berges strahlte plötzlich ein großes Licht. Die Bevölkerung des Tales konnte sich das nicht erklären; da sagte ein Landmann: "Ich sah vorhin Mih-tse den Berg hinaufsteigen." Alle blickten hinauf, und als sie scharf hinsahen, erhob sich gerade der Philosoph von seinem Sitz auf dem Gipfel des Berges, schritt abwärts, und gleichzeitig erlosch das Licht. Als er vor den Leuten vorbeikam, trat ein Greis aus der Menge hervor und fragte: "Ist das große Licht etwa von Eurem Antlitz ausgegangen? Welche glückliche Empfindung hat Euer Herrlichkeit erfüllt?" "Vor Jahren hat mich ein Freund getadelt", erwiderte Mih-tse, "und daran erinnerte ich mich, als ich oben saß."

Die weißen Haare des Lao-tse

Den Knaben Tschuang-tse an der Hand, ging der junge Lao-tse über die Wiesen am blauen Flusse. Der Knabe war voll Freude über die grünen Kräuter und bunten Blumen und sagte zu Lao-tse: "Wenn die Erde schon außen so schön ist, wie mag es erst im Innern sein?" Darauf stieß Lao-tse seinen Fuß in das schwarze Erdreich. "Sieh hier das Innere!" Der Knabe weinte darüber, und der junge Gelehrte sprach zu ihm: "Bis du mehr Wissen hast, wirst du darüber nicht mehr erstaunen, und wenn mehr Jahre in dich gedrungen sind, wirst du dich deswegen nicht mehr betrüben." - - Als nun Lao-tse in der Dämmerung nach Hause kam und in sein Zimmer trat, saß ein Mädchen auf seinem Studierstuhl, mit einem Antlitz, so strahlend, daß Lao-tse sprachlos bei der Tür stehenblieb und sein Auge nicht von ihr wenden konnte. Das Mädchen senkte den Blick, lächelte und sprach: "Warum schickst du mich aus dem Zimmer des Mannes nicht in den westlichen Pavillon? Mädchen gehören nicht in die Behausung des Weisen; warum befiehlst du mich nicht in den westlichen Pavillon?" Lao-tse legte seine Rechte an sein Herz und verbeugte sich. "Warum fragst du mich nicht, woher ich komme?" Lao-tse machte eine abwehrende Bewegung. Darauf lächelte sie ihm so liebreizend zu, daß ihn die höchste Seligkeit durchdrang, und er rief aus: "Der erhabene Weltgeist, das Tao, strahlt aus dir hervor; durch dein Auge fließt der mächtige Strom in die Welt hinaus; öffne dein Inneres und laß mich das große Tao erkennen!" Das Mädchen griff in ihr Gesicht, riß sich plötzlich ihre lächelnde Haut herab, hielt sie wie eine liebliche Larve neben ihren Kopf und sprach: "Sieh hier das Innere." Lao-tse schrie auf, und das Blut verkroch sich in seine Adern; sein linkes Auge sah die glänzende Haut, reizend geformt und weiß wie die Blüte des Pflaumenbaumes; sein rechtes Auge sah Adern, Sehnen und blutiges Fleisch. Das Mädchen näherte hierauf wieder ihre Haut, bis keine Trennung mehr zu merken war; lächelnd schloß sich die Maske wieder an, und das Antlitz strahlte wie früher. Da fragte Lao-tse: "Warum zerrst du deine Haut in so häßliche Falten?" Das Mädchen erwiderte ihm nicht, ihre Miene wurde immer ernster, dann erhob sie sich von ihrem Sitze; der Glanz in der Stube verschwand, und Lao-tse stand allein im tiefsten Dunkel. Das letzte seiner schwarzen Haare ward weiß wie der Schnee vom Küen-Lün.

Konfuzius und der tote Hirsch

Kung-tse, als er noch Aufseher der kaiserlichen Getreidevorräte war, kehrte während einer Inspektionsreise in einem Wirtshause ein. Er saß in der Gaststube. Ein Jäger, einen geschossenen Hirsch über dem Rücken, trat ein, warf das Tier auf den Boden hin, stieß es mit dem Fuße in einen Winkel, setzte sich an einen Tisch zu seinen Bekannten und trank mit ihnen. Während der Jäger guter Dinge war, stand Kung-tse von seinem Sitze auf, stellte sich vor das tote Tier und gab sich tiefen Betrachtungen hin. Lange stand Kung-tse vor dem toten Tiere und gab sich seinen tiefen Betrachtungen hin.

"Lao-tse" ist hierzulande auch heute im Schwange; auch Konfuzius, dem Popper-Lynkeus mehrere Betrachtungen widmete, ist bekannt. Mit "Mih-tse" ist wahrscheinlich der altchinesische Denker Mo-tzu gemeint, der zu Poppers Zeiten auch Mizius genannt wurde. Auch ein "Meister Li" findet sich in seinen "Phantasien". Ob der allerdings schon von der "Duschtherapie" wußte? Gemeint ist wahrscheinlich der taoistische Denker Lieh-tzu, auch Lizius geheißen.

meister li
 
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