Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 44
23. Dezember 2006
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
 

 Zum Ausklang IV
Drei Publikationen zur Zeit der CHINA TIME

Während in der zweiten Septemberhälfte CHINA TIME in Hamburg die Spaziergänge des Berichterstatters bestimmte, gelangten auch einige neue Publikationen auf seinen Schreibtisch. Drei von ihnen, die mit dieser Zeit in einem Zusammenhang stehen, sollen kurz vorgestellt werden. Ein Exkurs, der durch gegenwärtige jahreszeitliche Befindlichkeiten geprägt ist, wird eingeschoben.

Festschrift Hamburg-Shanghai

Hamburgs CHINA TIME 2006 sollte unter anderem auch die 20jährige Partnerschaft zwischen Hamburg und Shanghai feiern. Zu Feiern gehört ein Festprogramm und zu großen zusätzlich eine Festschrift. Solche Festschriften bilden eine so vielgestaltige wie meist unbeachtete literarische Gattung. Diejenige, die das 20jährige Bestehen der Partnerschaft feiert, heißt "HamburgShanghai. Ein gemeinsames Buch zur Partnerschaft". Alle Texte in diesem Buch erscheinen zweisprachig, meist deutsch und chinesisch, und Chinesen und Deutsche sind auch die Autoren.

Das Hamburg Liaison Office Shanghai hat diese Festschrift pünktlich zur CHINA TIME herausgegeben. Gut 280 Seiten füllen die mehr als 40 Beiträge, zu denen auch mehrere Abbildungsteile gehören. Am Anfang stehen Grußworte der Bürgermeister Ole von Beust und Han Zheng. Das folgende Vorwort der Herausgeber schließt dann wohlgemut mit dem Absatz:

"In diesem Sinne hoffen wir, mit dem Buch selbst (!) einen weiteren Beitrag zur Partnerschaft geleistet zu haben (!) und wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Lesen und beim Erkunden von HamburgShanghai."

Kann ein Buch auch "unselbst" einen Beitrag leisten? An die durch (!) bezeichnete Stelle gehört ein Komma, da der Hauptsatz mit "hoffen" durch "wünschen" fortgeführt wird. Läßt sich eine Festschrift "erkunden" – wie Pfadfinder das mit einem nächtlichen Wald oder Pioniere der Bundeswehr mit feindlichen Terrain in Afghanistan tun? – Kleinigkeiten dieser eher unschönen Art sind in diesem Buch nicht rar, doch typographisch ist es angenehm gestaltet und auch sorgfältig gedruckt und gebunden.

In feinsinniger Setzung der Prioritäten ist dann der erste Aufsatz dem Thema "China-Aktivitäten der Handelskammer Hamburg und die Handelsstadt als China-Kompetenz-Zentrum" gewidmet, die Prof. Dr. Hans-Jörg Schmidt-Trenz von der Handelskammer erwartungsgemäß kompetent, aber natürlich nur überblicksweise darstellte. "Chinesische Unternehmen in Hamburg" und "Die Hafenpartnerschaft zwischen Hamburg und Shanghai" folgen. Erst dann folgen Beiträge über die Partnerschaft allgemein und politische Institutionen wie das deutsche Generalkonsulat in Shanghai.

Festschrift 20 Jahre Städtepartnerschaft Hamburg - Shanghai

Das Spektrum der weiteren Themen hätte gewiß noch atemberaubender ausfallen können, doch es ist atemberaubend genug. Von Hamburger Beiträgen zur Stadtentwicklung in Shanghai ist die Rede, von Bildungsaustausch, Schüler- und Kulturaustausch, von gemeinsamen Bemühungen um Energiesparen usw. usw. Sogar dem einstigen Kicker Jörg Albertz ist ein Beitrag gewidmet, und Platz für chinesische Gedichte über Hamburg und chinesische Spaziergänger-Inpressionen findet sich ebenso. Manches ist, dem Anlaß entsprechend, ein wenig zu liebenswürdig geraten. Ganz so rosig wie in der Erinnerungsverklärung sah die Shanghai-Zeit von J.A. nicht aus. Aber was soll's?

Nicht jedes Wort in einer solchen Festschrift muß die Feinabstimmung auf einer Waage aushalten. Dieses Buch ist bunt und vielgestaltig, beinahe ein Handbuch zum Stand der gegenwärtigen partnerschaftlichen Verbindungen zwischen Hamburg und Shanghai. Selbst jemand, der sich in diesen Dingen auskennt, wird gerne darin blättern und lesen, denn die Autorinnen und Autoren ließen sich angelegen sein, nicht trocken und nur faktenorientiert zu schreiben, sondern lebhaft und anschaulich.

Solche Schreibweise entspricht den wechselseitigen Beziehungen. Das Büchermachen gehört nicht zu den Aufgaben des Hamburger "Liaison Office" in Shanghai. Dessen Team hat mit diesem schönen Buch trotzdem eine vortreffliche Arbeit geleistet. Dessen kleine Schwächen folgen wahrscheinlich aus dem Zeitdruck, unter welchem die Idee zu dieser Schrift entstand und unter welchem sie dann verwirklicht wurde. Shanghai und die Arbeit dort bieten selten Gelegenheit zu Atemholen und gelassenem Korrigieren. Die abgebildete Skizze stammt aus diesem Band.

Festschrift Han-Zeit

Mehr als 800 Seiten umfaßt dieser stattliche Band, den der Hamburger Sinologe Michael Friedrich herausgegeben hat, und knapp fünfzig Autorinnen und Autoren haben dazu beigetragen. Auch eine CD ist dem Band beigegeben.

"Han-Zeit" lautet der schlichte Titel. Gemeint ist damit die Zeit der Herrscherdynastie Han, die – mit einer kurzen Unterbrechung – von 206 v. Chr. bis 220 n. Chr. bestand. Sie ist eine der wichtigsten formativen Perioden in der Geschichte Chinas. Nicht ohne Grund nennen sich die Chinesen noch heute oft Han-jen, "Menschen der Han".

Beinahe alle Beiträge in diesem Band sind eben dieser Han-Zeit gewidmet. Die meisten Beiträge stammen von jüngeren deutschen Chinawissenschaftlern. Nicht alle sind Spezialisten für diese ferne Zeit, deren Geschichte und Kultur sie in ihren Aufsätzen in fein gewählten Ausschnitten darstellen. Die Vielfalt dieser Beiträge läßt sich in einer kurzen Notiz schwerlich darstellen, doch sie läßt ahnen, über wieviel Kompetenz zu Chinas Kultur und Geschichte Deutschland gegenwärtig verfügt.

Längst nicht allen von diesen Wissenschaftlern können Deutschlands Universitäten in ihrer gegenwärtig besonders beklagenswerten Umbruchsituation akademische Positionen bieten. Nicht wenige finden ihr Auskommen in England, in den USA, in Japan, gar in China. Angesichts der anstehenden BA/MA-Studiengänge werden sich künftig vorzügliche sinologische Studien in Deutschland, wie sie sich in diesem Band niedergeschlagen haben, nur mit Mühe bewahren lassen. Das erfüllt den Berichterstatter, der sich in diesem Han-Band immer wieder festliest, durchaus mit Sorge.

Ganz so fern, wie ein erster Blick nahelegt, ist diese ferne Han-Zeit auch dem gegenwärtigen China nicht. Den letzten Beitrag überschrieb Kai Vogelsang beispielsweise doppelsinnig mit "Die Zeit der Han. Zur Entdeckung von Eile und Zeitknappheit im Alten China", und in seinem letzten Satz wendet er sich gegen das oft kolportierte Klischee von der "Zeitlosigkeit" der Chinesen, denn schon in der Han-Zeit hatte er "ihre chronische Zeitnot und anhaltende Sorge um die allzu knappe Zeit" entdeckt. An solchen zeitenübergreifenden Einsichten ist dieser Band voll, und Vogelsang forscht gegenwärtig an einer japanischen Universität.

Der bedeutende Wissenschaftsverlag Harrassowitz in Wiesbaden hat diese "Han-Zeit" in einer soliden Aufmachung herausgebracht. Mit Hamburg hat er auch insofern zu tun, als dieses Han ein Bestandteil von dessen chinesischem Namen, Han-pao/Hanbao, ist.

Apropos Harrassowitz

Weihnachten ist auch die Zeit der Kalendergeschenke. Was ist da nicht alles an Kostbarem, Kuriosem und Teurem in den Papier-, Buch- und sonstigen Läden zu sehen, auch in großartigen Formaten! Viele von ihnen haben den vorweihnachtlichen Flaneur auch in diesem Jahr begeistert, und nicht selten erhielt er in vergangenen Jahren den einen oder anderen von ihnen als Geschenk. Aufgehängt hat er stets nur einen, der viel bescheidener anmutet, zuletzt: "Archäologischer Kalender 2006 … Zabern … Harrassowitz Wiesbaden", steht auf der Titelseite für die Blätter, die im Zwei-Wochen-Rhythmus umgewendet werden wollen.

Archäologischer Kalender

"Archäologischer Kalender" versteht sich von selbst, doch die Archäologie im Verständnis der Herausgeber ist nicht europazentriert begriffen, wie meistens bei solchen Publikationen, sondern hat die ganze Welt ist im Blick, auch China. Das abgebildete Blatt zeigt einen Stoff, vielleicht 2000 Jahre alt, von der Südlichen Seidenstraße, aus der heutigen Provinz Xinjiang in China stammend. Die Abbildungen, in vorzüglicher Qualität, überraschen oft, und die ausführlichen und sachverständigen Erläuterungen auf der Rückseite der Blätter vermitteln dann Genauigkeiten.

Der Verlag Zabern ist ein bedeutender Fachverlag für Archäologica. Vielleicht noch berühmter ist Harrassowitz, der sich hauptsächlich – aber nicht nur – den "orientalischen" – im besten Sinne des Wortes – Wissenschaften widmet und diese vertreten hat, seit vielen Forschergenerationen. Und dabei hat er nie bloß die betriebswirtschaftlich zu rechtfertigenden Engagements im Sinn gehabt.

Kurz vor Weihnachten schickt Harrassowitz diesen Kalender an Freunde des Hauses, die seinem Wirken verbunden waren. Bis vor kurzem betreute der Berichterstatter eine Zeitschrift, die Harrassowitz verlegte. So erhielt auch er diesen Kalender – und nur ein einziges Mal lag er nicht, wegen irgendwelcher vertrieblicher Probleme, unter dem Weihnachtsbaum und wurde dort schmerzlich vermißt. In einer Fülle von Geschenken fällt eine eigentlich kleine Lücke besonders stark auf, denn die Blätter dieses Kalenders überraschen oft mehr als sonstige Geschenküberraschungen.

Jetzt liegt der Umschlag mit dem Kalender bereits bei den Zusendungen, die wahrscheinlich für Weihnachten bestimmt sind: noch ungeöffnet. Das erhöht die Vorfreude auf die neuen Überraschungen. – Aber auch das ist ein Abschied, denn jetzt hat Kollege Bernd Eberstein die Betreuung dieser Zeitschrift, des "Oriens Extremus", übernommen – und eigentlich gebührte dieser Kalender schon jetzt ihm.

Chinas Geschichte: Scheppern und Raunen

Wenn zwei begeisterte junge Journalistinnen, Corinna Hesse und Antje Hinz, sowie ein namhafter Schauspieler, Rolf Becker, in Hamburg eine CD über Chinas Geschichte produzieren, dann wird niemand bei deren Anhören eine sinologische Seminarstunde erwarten. "China hören" heißt diese CD, und erschienen ist sie im Silberfuchs-Verlag, Heidkrügerfeld 7a, HH.

"China hören"

Zu hören ist zunächst einmal viel traditionelle chinesische Musik, die nach jeweils einigen Sätzen Text scheppert. Das klingt so, als habe Chinas Musik in den Jahrtausenden, die dieser Text beschreibt, kaum Veränderungen erfahren. Zwanzig Hörbröckchen stellen diese Geschichte dann dar – von "Mythen: Die Welt aus dem Ei oder Wie das Reich der Mitte entstand" bis "Kollektive Meisterleistungen: China zwischen Vergangenheit und Zukunft".

Gewaltig raunt es durch Chinas Geschichte! Alte und neue Legenden werden erzählt, und manche noch neuere haben sich die Autorinnen offenbar ausgedacht. Die Grunddaten sind korrekt, manches ist nicht einmal falsch, sondern bloß ein wenig "daneben", und in einem Atemzug werden öfter Vorgänge genannt, die einige Jahrhunderte auseinanderliegen. Aber das bedeutet nicht viel, denn schließlich ist auch wieder einmal von den 5000 Jahren chinesischer Geschichte die Rede. Was bedeuten schon ein paar Jahrhunderte in diesem unablässigen Strom der Geschichte. Wie immer man jedoch "Geschichte" definiert – mehr als 3500 Jahre kommen für China nicht zusammen.

Um die Legende von diesem Kontinuum bis in die Gegenwart bewahren zu können, unterschlagen die Autorinnen einfach auch wichtige historische Epochen – so Perioden des Reichsverfalls und der "barbarischen" Fremdherrschaften. Ein hübsches Märchenbuch ist das geworden, brauchbar für eine längere Autofahrt durch Hamurgs Straßen, denn zu den liebenswürdigsten Zügen dieser CD gehört für einen Hamburger, daß dem Wirken des Hamburger Architekten von Gerkan, der sich in China stark engagiert, mehr Hörzeit gewidmet wird als dem sozialistischen Diktator Mao Tse-tung.
 
 
 

 Zum Schluß

Hiermit enden die "Hamburger China-Notizen" in der bisherigen Form. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern angenehme Feiertage zur Weihnacht, vor allem aber ein glückliches und erfolgreiches Jahr 2007.

Zum Schluss

In neuer Gestalt werden die "Hamburger China-Notizen" nach dem 1. Februar 2007 wieder "im Netz" zu finden sein. Sie werden, hoffentlich, auch danach ihre regelmäßigen oder zufälligen Leser finden.

Hamburg, 17. Dezember 2006          Hans Stumpfeldt
 
 
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