Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 44
23. Dezember 2006
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Zum Ausklang II
Rückblick auf die letzten Monate

Ganz allmählich – so läßt sich wohl sagen – ist in die Abteilung für Sprache und Kultur Chinas des Asien-Afrika-Instituts die Ruhe des Semesters eingekehrt. Die Lehrveranstaltungen haben ihre jeweilige Form gefunden, die stets auch von den Teilnehmern abhängt, und bieten genug Notwendigkeiten für stilles Lernen und Arbeiten. Ganz anders war das in den Semester-"Ferien" davor gewesen, die doch eigentlich dem gelassenen Forschen gewidmet sein sollten. Wenigstens an einige dieser Unternehmungen sei hier erinnert:

Die Weinlust der Alten Chinesen

Unter diesem Thema hatte die Semesterschluß-Veranstaltung der ChinA gestanden, die am 13. Juli stattfand. Ein ansehnliches Publikum vor allem aus der Stadt war gekommen, und eine Reihe von Lehrenden und Studierenden der ChinA bot einen bunten Reigen von Zitaten und Bildern zu der Freude am Genuß von Alkoholica, der große Teile der chinesischen Tradition bis in weite Bereiche der Gegenwart kennzeichnet. Vor allem die Literaten widmeten sich dem Weingenuß – und so besangen sie diesen immer neu. Den Zuhörern scheinen diese Texte Vergnügen bereitet zu haben.

Dr. h.c. Zhu Weizheng

Zhu Weizheng Am 14. Juli 2006, seinem 70. Geburtstag, konnte Professor Zhu Weizheng von der renommierten Fudan-Universität in Shanghai in einer Feierstunde der ChinA die Ehrendoktorwürde entgegennehmen, die ihm der FB Orientalistik verliehen hatte. Nur viermal in den letzten vierzig Jahren hat dieser eine solche Ehrung vorgenommen. Prof. Zhu ist einer der weltweit bekanntesten Historiker Chinas, dessen Forschungen eine erstaunliche Spannbreite und Einsichtstiefe aufweisen und manchmal auch zu kontrovers geführten Debatten einluden. Das aber war gewiß nicht der Grund dafür, daß Prof. Zhu in seiner Heimat erst mit fünfzig Jahren eine volle Professur erhielt.

Verleihung der Ehrendoktorwürde an Professor Zhu Weizheng, Feierstunde der ChinA

Verleihung der Ehrendoktorwürde an Professor Zhu Weizheng, Feierstunde der ChinA

Vorbereitungen für ein Konfuzius-Institut

Eigentlich wollten die politischen Instanzen in Hamburg und andernorts, daß in Hamburg Mitte September 2006 ein Konfuzius-Institut eingeweiht werden sollte. Solche Institute sollen nach einem neuen Programm der Regierung in Peking weltweit für die Verbreitung der chinesischen Sprache und der Kenntnisse über die chinesische Kultur sorgen. Unendlich viele Gespräche wurden geführt, persönliche und telefonische, auf Chinesisch und Deutsch, vor allem von Prof. Michael Friedrich; Univize Prof. Dr. Holger Fischer reiste, begleitet von Dr. Ruth Cremerius, gar zu solchen Gesprächen eigens nach Peking. Plötzlich und dann immer neu hakte es dann bei diesen Vorbereitungen, obwohl im Grunde "alles klar" gewesen war. Das hat viel Arbeitszeit vergeudet, und man wird sehen. Fest steht, daß ein solches Konfuzius-Institut in Hamburg auch nach dem Zustandekommen der ChinA neue Arbeiten aufbürden wird.

Unterricht für Lektoren

Die zuständigen Instanzen der VR China lassen sich seit einigen Jahren angelegen sein, zur Verbesserung des Chinesischunterrichts weltweit Fortbildungsseminare für die Lehrkräfte zu veranstalten. Am 12./13. August fand in der ChinA ein solches Fortbildungsseminar zum Thema "Didaktik des Chinesischen als Fremdsprache" statt. Zwei kompetente Professoren aus Peking waren angereist, ebenso 21 Chinesisch-Lehrer aus Deutschland, Chinesen und Deutsche. Am Ende hatte sich für alle der organisatorische Aufwand, der bei der ChinA lag, gelohnt – und alle Teilnehmer erhielten auch ein schönes chinesisches Zertifikat.

Buddhistische Hagiographie

Ganz zu kurz kam aber auch die Wissenschaft nicht. Für die Zeit vom 20. bis 23. Juli hatten Professor Michael Friedrch und JP Jörg Plassen von den Koreanisten in Bochum zu einer wissenschaftlichen Tagung über "Biography and Historiography in Chinese and Korean Buddhism" eingeladen. Natürlich unterscheiden sich religiös geprägte historische Werke, vor allem solche biographischer Anlage, von solchen der übrigen Geschichtsschreibung, die in Ostasien nicht selten unter staatlichen Einflüssen stand. Andererseits gab es auch Einflüsse von dieser. Eine kleine Runde interessierter Forscher aus der ganzen Welt tauschte in Hamburg jüngste Forschungsergebnisse aus.

Tagung Buddhistische Hagiographie

Zwei Ausstellungen von Bildtafeln

Im Rahmen von CHINA TIME 2006 hatte die ChinA zwei Ausstellungen von jeweils 80 Bildtafeln vorbereitet, unter anderem. Sie waren zwei Themen gewidmet: Erstens, den öffentlichen Wahrnehmungen Chinas seit dem Abschluß der Städtepartnerschaft mit Shanghai, 1986, bis heute; zweitens, der Geschichte der ChinA seit 1980, mit Rückblicken auf die Zeit ab 1910, als in Hamburg der erste deutsche Lehrstuhl für Sinologie durch Otto Franke besetzt wurde. Jede Tafel gab durch mehrere Abbildungen und kurze Texte Einblicke in diese aufschlußreichen Vorgänge. Die Tafeln wurden im Foyer des AAI und im Flur der ChinA ausgehängt und fanden recht gute Beachtung.

Ein großes Fest

Den 30. September hatte die ChinA zum Anlaß genommen, um der "Fabrik" in Altona ein Fest zu feiern - verbunden mit dem 4. Absolvententreffen der ChinA. Weit mehr als 300 Gäste nahmen an ihm teil: sinologische Kollegen, Absolventen der ChinA, Mitglieder der Hamburger Sinologischen Gesellschaft, Freunde der ChinA aus der Freien und Hansestadt. Die fernsten waren aus Australien angereist, die nächsten wohnten nahebei in Altona. Nach einem "offiziellen", aber erfreulich lockeren Teil begann dann das eigentliche Fest, als dessen Ende die Mitternachtsminute bestimmt war. Nach Auskunft nicht weniger Teilnehmer war dies das schönste universitäre Fest, an dem sie je teilgenommen hatten – und für den Berichterstatter war es das erst recht.

Eine kleine Vortragsreihe

Natürlich fanden auch in den Semesterferien in der ChinA Vorträge statt, und ebenso natürlich hatte auch der Berichterstatter einige zu halten – an Orten von Berlin bis Basel, bei mehreren Gelegenheiten auch in HH. Eine ganz besondere Vortragsreihe fand in der ChinA am 15./16. November statt. Vier Wissenschaftlerinnen/ Wissenschaftler waren eigens zu ihnen eingeladen worden: ein bereits etablierter und drei, die noch eher dem ausgewiesenen Nachwuchs zuzurechnen sind. Diesen Vorträgen waren umfangreiche vorbereitende Sitzungen vorausgegangen, denn sie sollten der Regelung der Nachfolge des Berichterstatters dienen. Deshalb erschien diesem auch ratsam, sich diese Vorträge nicht anzuhören, obwohl ihn jedes der Themen sehr interessiert hätte. Das hat jedoch geschmerzt.
 
 
 

 Noch schmerzlicher: Professor Dr. Ulrich Unger (* 10.12.1930, + 16.12.2006)

An diesem Wochenende, an dem diese Notizen geschrieben werden, traf die Nachricht vom Tode Ulrich Ungers, des akademischen Lehrers und Freundes des Berichterstatters, ein.

Obwohl seine Gesundheit ihm einige Probleme bereitet hatte, ließ U.U. sich nicht nehmen, zu der ChinA-Feier am 30. September nach Hamburg zu kommen. Kaum wieder nach Münster zurückgekehrt, mußte er sich ins Krankenhaus begeben. Offenbar war er kranker, als er und seine Ärzte angenommen hatten. Bald fiel er in ein Koma, und aus diesem hat er sich – wie er gesagt hätte – an diesem Sonnabend, gegen 10 Uhr, zu den altchinesischen "Gelben Quellen" begeben.

Professor Dr. Ulrich Unger (re.)

Gar zu viel von dem, das er in Jahrzehnten rastlosen Forschens über das frühe China an Einsichten und Notizen zusammengetragen hatte, wird jetzt wohl das Licht der Öffentlichkeit nicht erblicken. Zu dem persönlichen Schmerz und dem Mitgefühl für seine Familie gesellt sich auch der wissenschaftliche darüber.
 
 
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