Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 43
3. Juni 2006
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
 

 Ein Ausflug nach Stralsund

Jüngst saß der Berichterstatter am schönen Alten Markt in der Weltkulturerbestadt Stralsund in einem Café, um seinen zweiten Morgenkaffee zu sich zu nehmen. Andere Gäste waren nicht da, und bald wurde die Servierdame, eine Fünfzigerin ungefähr, aufgeschlossen für ein Gespräch. Entzückt begrüßte sie das Eintreffen eines Trabi 600 vor dem Café und erklärte, hier werde es sogleich zu einer Auffahrt des Stralsunder Oldtimer-Klubs kommen.

Fortan blickte also auch der Berichterstatter aus dem Fenster, nicht auf seine Tasse. Auf ein paar der alten Prachtkarossen der DDR-Funktionäre hoffte er, vielleicht auf den schönen EMW, eine BMW-Kopie aus Eisenach, einen SIL oder SIS aus der Sowjetunion, oder wie die hießen, vielleicht auch einen späteren Volvo. Das ganze kleine Spektrum der Trabi- und Wartburg-Varianten hoffte er ebenfalls zu erblicken.

An zweiter Stelle lief jedoch ein schwarzer VW Export aus den 1950/60er Jahren auf. Möglicherweise hatte auch der DDR-Provenienz, denn wer spendefreudige Verwandte im Westen hatte, konnte sich einen schenken lassen, und es gab sogar DDR-Bürger, die soviel verdienten, daß sie sich in West-Berlin vor dem Mauerbau selbst einen solchen erwerben konnten – bei einem Umtauschkurs von fünf Ost-Mark gegen eine West-Mark in den zahlreichen Wechselstuben damals in West-Berlin.

Das Eintreffen des alten VW kommentierte die Servierdame nicht weiter, der nächste Trabi gefiel ihr besser, aber vor allem dann – das war beinahe ein Entzückensschrei: ein Volkspolizei-Wartburg! Jedes einzelne Ausrüstungsdetail an diesem wohlgepflegten Exemplar begutachtete sie als vorhanden und gut erhalten. "Was waren das für schöne Zeiten!" beschloß sie ihre Betrachtungen und ließ den – jetzt wieder in den Kaffee blickenden – Berichterstatter rätseln, was sie wohl zu DDR-Zeiten beruflich getan habe. Eine entsprechende Frage unterließ er lieber. Vielleicht hätte sie den Sonntagmorgen-Frieden gestört.

Volkspolizei-Wartburg

Keines von den erwarteten Vehikel-Typen erschien in der nächsten halben Stunde. Wohl aber kreuzte eine kleine Flotte von US-"Schlitten" aus den 1960ern auf, Fords vorzugsweise, auch Buicks und Cadillacs, einige in den Kabrio-Versionen. Gut gepflegt und schön anzusehen waren sie, und ihnen entstiegen gepflegte junge Männer, zwischen 30 und 35 Jahren alt, und ihre Begleiterinnen: noch gepflegter und noch schöner. Auch diese Gefährte trugen alle ein HST-Kennzeichen.

Vor der "Wende" gab es diese Autotypen in Stralsund ganz gewiß nicht, wohl auch nicht sonst in der DDR. Welchen Traum mögen sich diese jungen Kerle, zur "Wende"-Zeit noch kleine Jungs, erfüllt haben? Zu ihnen und ihren Wagen sagte die Servierdame kein Wort. – Die Befindlichkeiten unserer Landsleute im Osten geben manchmal eben doch Rätsel auf. Nein doch! Nach einem vergleichbaren Kommentar meinte ein weiser Denker des Alten China: "Besser wäre, von den Befindlichkeiten der Menschen zu sprechen."
 
 
 
Bambusblatt Bambusblatt 97
Ein Günstling der Königin?
 
  Am mächtigsten unter den altchinesischen Bronzegefäßen wirken die des Typs ting. Das abgebildete ting, das 1972 gefunden wurde, hat eine Höhe von mehr als 75 cm und ein Gewicht von ca. 77 kg. Gemeinhin wird ting mit "Dreifuß" übersetzt, doch diese Bezeichnung ist in wenigstens zweifacher Hinsicht problematisch: Es gibt fang-ting, "viereckige ting", und diese haben dann natürlich vier Füße, und Gefäße mit noch einmal anderen Gefäßkörpern weisen ebenfalls drei Füße auf.

Die Wuchtigkeit vieler ting-Gefäße mag auf ihre Bedeutung im Kult zurückzuführen sein. Zu Beginn der Chou-Dynastie (um 1050-221), aus welcher Zeit dieses Gefäß stammt, drückt sich in ihnen vielleicht auch neuer Herrscher- oder sonstiger Stolz aus. Yü-ting, "Dreifuß des Yü", lautet der wissenschaftliche Name dieses Gefäßes, denn nach altem Brauch werden Bronzegefäße nach ihrem Stifter benannt, wenn das Gefäß eine Inschrift aufweist, andernfalls nach einem sonstigen auffälligen Merkmal. Auf diesem Gefäß befindet sich die Inschrift, die aus 27 Schriftzeichen besteht, auf der inneren Gefäßwand.

Die Inschrift hebt an (acht Zeichen): "Es war im achten Monat, in der ersten Dekade, die Wang-chiang gewährte (...) – eine bald häufige Formel in solchen Inschriften. Wie oft, wird das Jahr der Schenkung nicht genannt. Aufgrund vergleichbarer Inschriften ist jedoch klar, daß es sich bei der Wang-chiang "Königliche Chiang", um die Gemahlin des Königs Wu, des ersten Chou-Königs, handelt. Seiner Sippe Chi war bei dem Sieg über die Shang-Dynastie die Sippe Chiang der engste Verbündete gewesen. Noch viele Jahrhunderte lang sollte dieses Bündnis durch regelmäßige Heiraten erneuert bzw. daran erinnert werden. Dieses Gefäß entstand also noch unter König Wu oder, wahrscheinlicher, unter dessen Sohn und Nachfolger König Ch'eng.

Die Inschrift endet (fünf Zeichen) ebenfalls formelhaft: "Möge Sohn um Sohn, Enkel um Enkel (es, das Gefäß) immerdar wertschätzen." Rechts neben dem Zeichen für "Sohn" sind zwei kleine Striche zu erkennen. Sie bedeuten, daß dieses Zeichen doppelt zu lesen ist. Neben dem Zeichen für "Enkel" läßt die Abreibung diese Striche nicht erkennen. Also wäre besser zu übersetzen: "Mögen Sohn um Sohn sowie die Enkel (...)" – eine unscheinbare Variante, aber möglicherweise nicht ohne Bedeutung.

Die Schenkung der Königin, deren Anlaß nicht klar ist, richtet sich an eine nicht näher bezeichnete Person namens Yü, und sie umfaßt an einem genannten Ort drei t'ien, "Ländereien/Äcker". Ganz unbedeutend wird diese Schenkung nicht gewesen sein, wenn sie auf einem derart mächtigen Gefäß den Ahnen (ohne diese freilich zu nennen) mitgeteilt bzw. vor der Nachwelt dokumentiert werden sollte – oder das ungenannte Verdienst des begünstigten Yü.

Die Wang-chiang, diese früh-chouzeitliche Königin, begegnet auch in weiteren Inschriften als huldvolle, großzügige Schenkerin. Das mag bedeuten, daß die Königinnen – und andere Frauen damals – sehr eigenständig agierten. Die sogenannte Dankformel, vor der Schlußwendung, spricht allerdings von Dank "für die Huld des Königs" (wang-hsiu). Handelte die Königin demnach etwa nur im Auftrag des Königs, weshalb der Dank diesem gilt, oder bedeutet wang-hsiu eben einfach "königliche Huld", die der Königin eingeschlossen?

Schon bald nach dem Sieg über die Shang war König Wu gestorben, und sein und der Wang-chiang unmündiger Sohn bestieg den Thron. Führte die Wang-chiang für ihn, anders als die literarische Überlieferung will, die Regierungsgeschäfte? Dann könnte ihr Gunsterweis auch einem Yü gegolten haben, der sich nicht durch Verdienste um die Dynastie, sondern um ihre Person hervorgetan hatte. Manche spätere Frau aus der Sippe Chiang wurde für ihren großzügigen Lebenswandel eher berüchtigt als gerühmt – oder für ihr Handeln im Interesse der eigenen Sippe statt in dem der ehelich verbundenen.
 
 
 
Bambusblatt Bambusblatt 98
Zwei Pfirsiche und drei Maulhelden
 
  Kleinwüchsig, gar zwergenhaft soll er gewesen sein: Yen Ying, Kanzler und vertrauter Berater des Herzogs Ching von Ch'i (547-490) im Altertum. Die spätere Überlieferung nannte ihn gleichwohl ehrfürchtig Yen-tzu, "Meister Yen", denn mächtig erhob er seine Stimme, wenn es um die Angelegenheiten guter Regierung ging. Zuweilen zeigte er sich auch listenreich.

Als er einmal an drei hünenhaften Recken seines Herzogs vorüberkam, erhoben die sich nicht zum schuldigen Gruß. Meister Yen sieht darin ein Zeichen – dafür, daß im Staate noch nicht die rechte Moral walte. Nicht etwa, daß er sich persönlich gekränkt gefühlt hätte! Er bewegt den Herzog, den drei Recken zwei Pfirsiche zu schenken, die diese nach Maßgabe ihrer Heldentaten unter sich aufteilen sollten.

Schweren Herzens entschließen sich die Recken, ihre Heldentaten zu vergleichen, was im Grunde ihrem Ehrgefühl widerspricht. Der erste erklärt, er habe mit bloßen Händen einen Wildeber gefangen und einer säugenden Tigerin ihr Junges geraubt, und beansprucht einen Pfirsich. Der zweite behauptet, mit der Waffe in der Hand allein drei Heere zurückgeschlagen zu haben, und will den zweiten Pfirsich.

Der dritte war noch kühner: Als eine Riesenschildkröte eines seiner Pferde geschnappt habe und damit in einem Strom entschwunden sei, habe er sie verfolgt, obwohl er nicht schwimmen könne. Meilenweit setzte er ihr auf dem Grund des Stromes nach und rettete sein Pferd. Er will einen von den bereits vergebenen Pfirsichen zurück.

Das wiederum geht den beiden ersten Recken an die Ehre, doch sie erkennen die Überlegenheit des dritten an. Also schneiden sie sich die Kehle durch. Der "Sieger" nimmt nicht etwa die beiden Pfirsiche, sondern findet das Auskosten seiner Überlegenheit, konfuzianische Moralkategorien auf sich anwendend, tadelnswert und entleibt sich ebenfalls. – Auf einen Streich hat Meister Yen sich dreier Gestalten entledigt, die nicht in sein Konzept einer Staatsführung passen.

Steintafel Yenzi-Anektdote

Aus Gräbern der Han-Zeit sind bisher einige tausend bildhafte Darstellungen auf Stein- oder Tontafeln oder als Wandgemälde bekannt. Manche illustrieren solche historischen Anekdoten. Die Gründe hierfür liegen noch im Dunkeln. Haben, bei diesem Motiv, Nachkommen der List ihres Vorfahren gedacht? Ist es ein Sinnbild dafür, daß List und Witz stets über rohe Stärke siegen? Zeigt es gar hintergründig, daß auch eigensinniges Reckentum vor einem moralorientierten Hintergrund stehe?

Die Geschichte über die zwei Pfirsiche und die drei Maulhelden überliefert das Yen-tzu ch'un-ch'iu, "Frühling und Herbst des Meisters Yen". Diese Anekdotensammlung wurde in der bis heute überlieferten Form wohl um 10 v. Chr. zusammengestellt, aufgrund von Vorläufersammlungen.
 
 
 
Bambusblatt Bambusblatt 99
Wogenwunder
 
  Damm- und Deichbauten haben dieses Schauspiel der Natur schon lange beeinträchtigt – die Flutwelle von Hang-chou. Auf dem Ch'ien-t'ang-Fluß türmten diese Wogen sich bis in eine Höhe von mehr als sieben Metern auf, vor allem zur Zeit von Frühlings- und Herbstanfang. Sonst erreichten sie, am Monatsanfang und zur Monatsmitte, immerhin noch Höhen von mehreren Metern. Sie entstanden dadurch, daß die steigende Flut des Meeres die Wasser des Flusses, die in dieses strömen wollten, zurückdrängten.

Holzschnitt, um 1610 Chou Mi (1232-1298), der lange in Hang-chou lebte, beschreibt dieses Naturwunder (Übersetzungen Thomas Hammer): "Die Flutwelle des Che-Flusses ist eine der größten Sehenswürdigkeiten der Welt. (...) Ihren Anfang nimmt sie in weiter Ferne, wo der Fluß in das Meer tritt. Dort gleicht sie einem silbernen Faden, doch wenn sie sich nähert, türmt sie sich zu Jademauern und wie zu einem Schneegebirge auf, die an den Himmel grenzen, je näher sie kommt. Ihr Rauschen gleicht dem Grollen des Donners, so bebt und zittert dann alles, peitscht empor und schießt zurück – als wolle sie den Himmel verschlingen und die Sonne überfluten."

Chou Mi, der aus dem Gebiet von Shantung stammte, trat unter den Sung in eine Amtslaufbahn ein, gab diese jedoch auf, nachdem die Mongolen das Reich erobert und die Dynastie Yüan gegründet hatten. Er zog in den Süden nach Hang-chou, das die Hauptstadt der Südlichen Sung gewesen war. Dort widmete er sich antiquarischen und lokalgeschichtlichen Studien, durch die er vor allem das Erbe der Sung-Dynastie, welcher er sich in voller Loyalität noch nach deren Ende verbunden fühlte, bewahren wollte.

Die letzten Sung-Herrscher und die meisten ihrer Würdenträger hatten es sich im angenehmen Hang-chou wohl sein lassen, ohne zu viele Gedanken darauf zu verschwenden, wie sie das ihnen entrissene angestammte Land im Norden zurückerobern könnten. So nutzten sie auch das Spektakel der Flutwellen für gewaltige Volksfeste. Chou Mi schildert in seiner Aufzeichnung "In Betrachtung der Flutwelle" auch ein solches, zu welchem ein Flotten-"Manöver" gehörte:

"Hunderte von Kriegsschiffen waren an beiden Ufern in Stellung gegangen. Auf einmal fuhren sie rasch auseinander und formierten sich zu der Fünf-Truppen-Stellung. (...) Plötzlich stieg auf allen Seiten gelber Rauch auf, so daß die Menschen sich kaum sehen konnten. Die Explosionen auf dem Wasser dröhnten und ließen die Erde erbeben, mit einem Getöse wie von einstürzenden Bergen. Als sich der Rauch verzog und die Wellen sich beruhigten, war von den Schiffen keine Spur mehr."

Wettspiele gab es bei solchen Gelegenheiten, die Vornehmen setzten Silberpreise aus, an den Flussufern blendeten die feinen Gewänder und Preziosen der Damen die Augen. Der Kaiser betrachtete auch diese Schauspiele von einer hochgelegenen Terrasse aus, nicht nur das der Flutwelle. Und Chou Mi vergißt nicht zu erwähnen, daß die Restaurants zu solchen Gelegenheiten ihre Preise verdoppelten. – Solche Aufzeichnungen wie die des Chou Mi, aber auch umfangreiche Werke von anderer Hand schildern die Lebensverhältnisse in dieser Hauptstadt vor 800 Jahren anschaulich und in vielen Details. Auch die Flutwelle von Hang-chou wurde noch von vielen anderen beschrieben – und gepriesen. Der abgebildete Holzschnitt entstand um 1610.
 
 
 
Bambusblatt Bambusblatt 100
Strom des Lebens
 
  Ein geringerer Dichter hätte diese Rote Wand tatsächlich geschildert! Nicht so Su Tung-p'o, als er im Herbst 1082 über diese Felsformation am Yangtse schrieb: Ch'ih-pi fu, "Poetische Beschreibung der Roten Wand", nannte er sein großes Gedicht, und zu dieser Gattung gehört nun einmal die Deskription – und zwar in kunstvollen und anspielungsreichen Wendungen.

Su Tung-p'o hingegen beginnt ganz schlicht und schildert, daß er – während seiner mehrjährigen Verbannung nach Huang-chou – an einem Herbstabend mit einem Freund eine Kahnpartie nach dort unternommen habe. Die Freunde zechen und singen "(...) vom Mondenschein und schönen Mädchen./ Nach einer kleinen Weile kam der Mond/ Im Osten hinter fernen Hügeln vor,/ Und schwankend grüßt sein Abbild aus dem Wasser."

Gemälde von Qiu Ying

Schnell steigt die Stimmung weiter. Der Freund, ein begnadeter Flötenspieler, greift zu seinem Instrument. Schmelzend klingen dessen Töne und reißen alle Wesen fort – in der Übersetzung von Richard Wilhelm: "Aus der Tiefe kamen die Fische/ Und Wassertiere stumm empor/ Und sprangen aus der Flut herauf, den fremden Tönen nach,/ Und manche Frau im kleinen Schifferkahn/ Begann zu schluchzen wie von unnennbarem Weh ergriffen."

Auch Su Tung-p'o, der Dichter, kann sich der Tränen nicht erwehren. Der Spieler erklärt, er habe an ein Geschehen von vor vielen hundert Jahren an dieser Roten Felswand gedacht – eine der berühmtesten Schlachten der chinesischen Geschichte, im Jahre 208: Während des Zusammenbruchs des Han-Reiches hatte der mächtige Thronprätendent Ts'ao Ts'ao eine Flotte über den Yangtse ausgesandt, um den Südosten zu erobern. Der dortige Machthaber schickte ihm den jugendlichen Chou Yü (174-218) entgegen, unerfahren und weit unterlegen. Mit einer List versetzte der aber die Flotte von Ts'ao Ts'ao in Brand und demütigte diesen beinahe. – Die Eitelkeit und Vergänglichkeit menschlichen Strebens hatten den Flötenspieler bei seiner Weise bewegt!

Nach dessen Erklärung hebt auch der Dichter zu einer Rede an, und solche Dialoge sind ein formales Merkmal vieler solcher Poetischen Beschreibungen: "Verstehst du nicht,/ Was uns das Wasser an geheimem Sinn erschließt/ Und dort der lichte Mond?/ (...) Wenn auf den Wandel hin du schaust:/ So kann der Himmel selbst und auch die Erde/ Nicht einen Augenblick im Sein verharren./ Doch wenn aufs Sein du schaust,/ So wirst du finden,/ Daß wie die Welt das Ich auch ewig ist./ Was bedarf es da der Schwermut?" - Dermaßen philosophisch beruhigt, auch trunken, erleben die Freunde im Kahn noch den Sonnenaufgang.

Auch in Prosa schrieb Su Tung-p'o öfter über diesen Ausflug zur Roten Wand, doch er schildert diese nicht ausführlich. Das gab späteren Künstlern, die dieser bald berühmten Poetischen Beschreibung bildhaften Ausdruck geben wollten, die Freiheit, sie sich nach Belieben vorzustellen. Ch'iu Ying (um 1550, der linke Bildteil nicht abgebildet) und allen anderen kam es nicht auf sie oder eine Darstellung des historischen Geschehens an. Sie faszinierte die gelassene Freiheit des Seins, die Su Tung-p'o in seinen Worten ausgedrückt hatte.
 
 
 
Bambusblatt Bambusblatt 101
Ansichten für den Kaiser
 
  Als im Jahre 1683 eine festländische Flotte unter dem Kommando von Shih Lang, einem abtrünnigen Gefolgsmann Koxingas, Taiwan einnahm, war noch keineswegs ausgemacht, daß Taiwan Teil des chinesischen Reiches werden sollte. Damals herrschte auf dem Festland der große Mandschu-Kaiser K'ang-hsi (1662-1722).

Dessen Hofbeamte rieten, Taiwan wieder aufzugeben. Es sollte gar wieder den Holländern überantwortet werden. Auch fukienesische Provinzbeamte widerrieten einer Annexion Taiwans, doch Shih Lang setzte sich durch. "Wahrhaftig, es ist ein Land voll seltener Schätze", erklärte er, doch vor allem hatte er die strategische Beeutung der Insel erkannt. Am 27. Mai 1684 bestimmt schließlich ein Erlaß des K'ang-hsi die dauerhafte Eingliederung Taiwans in sein Herrschaftsgebiet.

"Taiwan liegt außerhalb des Reiches und ist ohne große Bedeutung", erklärte der Kaiser trotzdem. Damals war Brauch, daß Lokalbeamte dem Kaiser regelmäßig besondere örtliche Produkte als "Tribut" zusandten – im Interesse der Karriereförderung natürlich. Aus Taiwan erhielt K'ang-hsi zum Beispiel Bananen, "Gelbe Birnen", wohl Ananas, bunte Papageien, welche die Lieder der Ureinwohner nachahmen konnten, Affen dazu und die berühmten taiwanischen Hunde, welche sich vor allem für die Hirschjagd eigneten.

Taiwaner bei der Zuckerrohrgewinnung (Darstellung aus dem 18. Jhdt.)

Manche "Danksagung" des Kaisers ist als Randbemerkung auf der Zueignung eines solchen Tributs erhalten. "Die Hunde von Peking sind besser", notiert er lakonisch. Die weitere Zusendung von Mangofrüchten verbittet er sich sogar: "Ich hatte noch nie eine Mango gesehen. Deswegen wollte ich solche Früchte haben. Jetzt habe ich gesehen, daß sie nutzlos sind, und keinen Bedarf an weiteren Zusendungen."

Immerhin, im Jahre 1715 beauftragt er drei französische Missionare, eine Karte Taiwans zu zeichnen. Ein Kartennarr war dieser Kaiser nämlich, doch er hielt solche Blätter streng unter Verschluß – als militärische Staatsgeheimnisse. Die Karte, die wie früher oft, den Osten oben darstellt, ist mit erklärenden Notizen versehen. Über An-p'ing heißt es: "Dieser Hafen ist sehr tief. (...) Er dient seit alten Zeiten als Eingangstor zu Taiwan. Hier kann ein Schiff vor Anker gehen."

Erst sein gleichfalls bedeutender Enkel Kaiser Ch'ien-lung (1736-1795) zeigte ein stärkeres Interesse an Taiwan. Er beauftragte 67 Beamte mit einer sorgfältigen Inspektion der Insel. Bei dieser Gelegenheit entstanden mehrere Bildfolgen, welche das Alltagsleben auf Taiwan darstellten. Das abgebildete Blatt zeigt Taiwaner bei der Zuckerrohrgewinnung. Für seinen Zucker war Taiwan schon damals berühmt, er wurde bis nach Australien verschifft.

Anders als bei den Kaisern belebten die Nachrichten von Taiwan und seinen Reichtümern die Phantasie der Menschen in den festländischen Küstenprovinzen. Trotz immer erneuerter und selten gelockerter Zuzugssperren und Immigrationsverbote machten sie sich nach Taiwan davon. Abenteurer waren das, und die Fischer verdienten sich mit solchem Menschenschmuggel ein schönes Zubrot. Eine erste ungefähre Zählung hatte im Jahre 1683 ergeben, daß auf der Insel 33.630 Männer im steuerpflichtigen Alter von 16 und mehr Jahren lebten, 3.592 Ureinwohner dazu. Beide Zahlen dürften zu niedrig sein: Steuerflucht auch damals! Einig sind sich die Quellen aber darin, daß es an Frauen fehlte: in manchem Dorf nur eine einzige. – Und den Taiwan-Eroberer Shih Lang feiern heutzutage auf dem Festland historische Fernsehfilme.
 
 
 
Bambusblatt Bambusblatt 102
Ein Architekturmuseum im Granatenhagel
 
  Schlacht in der Straße von Taiwan, 1958 Ein Foto wie das abgebildete entsteht, wenn ein Jagdflugzeug, das zur Landung ansetzt, von gegnerischen Kräften unter Beschuß genmommen wird. Das Foto entstand am 12. September 1958 auf der Gruppe der festlandnahen Kinmen-Inseln, die damals meist Quemoy genannt wurden und zur Republik China auf Taiwan gehören.

Als "Schlacht in der Straße von Taiwan" wurde damals benannt, was am 23. August 1958 begonnen hatte. Die rotchinesishe Volksbefreiungsarmee nahm Kinmen unter konzentrierten Beschuß. Bereits am ersten Tag, besagten Schätzungen, wurde die Inselgruppe von 60.000 Granaten getroffen. Hunderttausende sollten in den nächsten 43 Tagen noch folgen.

Diese "Schlacht" hatte ihre Vorgeschichte. Bereits am 3. September 1954 hatte Mao Tse-tung Kinmen und Matsu erstmals beschießen lassen. Damals rieten die Briten der Republik China, auf diese Inseln zu verzichten, doch der US-Senat hatte schon vorher Präsident Dwight D. Eisenhower Vollmacht gegeben, die Inseln zu verteidigen. In den nächsten Jahren häuften sich die Luft- und Seezwischenfälle zwischen der taiwanischen und der festländischen Seite, die mit erneutem Beschuß verbunden waren.

Diese Schlacht hatte aber auch ihre Hintergründe. Der sowjetische Ministerpräsident Nikita Chruschtschow hatte sein Berlin-Ultimatum gestellt, und da mochte Mao wohl nicht zurückstehen. Der Kalte Krieg befand sich auf seinem Höhepunkt, und Mao war gerade wieder bei einer seiner zahlreichen Kampagnen gescheitert. Auf dem Festland stand eine Hungersnot bevor.

Die 7. US-Flotte brachte schweres Gerät nach Kinmen, Amphibienfahrzeuge wurden dort stationiert, Jäger und Bomber auf die Inseln verlegt. Bald nahm sie auch die Festlandsküste unter Beschuß. Durch wechselseitige Aussendung von tausenden Ballons mit Flugblättern begann zugleich ein Propagandakrieg.

Am 24. Oktober ordnete Mao Tse-tung einen einwöchigen Waffenstillstand an. Offenbar hatte er eingesehen, daß er seine Ziele nicht erreichen würde – was immer die waren. Der Waffenstillstand wurde dann um eine Woche verlängert. Danach schoß die "Volksbefreiungsarmee" nur noch alle zwei Tage, und allmählich wurde der Beschuß beinahe ritualisiert, bis Mao am 15. Dezember Vorschläge für eine "friedliche Wiedervereinigung" mit Taiwan proklamierte. – Jeder Quadratkilometer von Kinmen war ungefähr 4.000 Male getroffen worden, 80 einheimische Zivilisten wurden getötet, mehr als 200 verwundet, sechs Journalisten wurden ebenfalls Opfer des Bombardements, 5.000 Häuser zerstört.

Kinmen war eine Schatzinsel, voll von alten chinesischen Bauten, beinahe ein Architekturmuseum. Heute ist es weitgehend restauriert und strahlt in neuem Glanz. – Die Chinesen lieben, markante Daten in abgekürzter Form in einen leicht merkbaren Begriff umzumünzen. Die "pa-erh-san-Schlacht" wird diese Episode auf Taiwan genannt, "Acht-zwei-drei/Schlacht", nach dem Datum, an welchem der Bombenterror begann. Sie und ihre Folgen haben nicht nur die Bewohner von Kinmen und Matsu, sondern auch viele auf Taiwan für lange Jahre traumatisiert.
 
 
 

 Ein nächster Stralsund-Besucher?

US-Präsident Bush wird nicht am Alten Markt der alten Hansestadt Stralsund in einem Café sitzen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihn bei ihrem jüngsten Washington-Besuch nach Stralsund eingeladen, denn diese Stadt bildet ihren Wahlkreis, dazu die Insel Rügen.

Wahrscheinlich wird er mit dem Hubschrauber nach dort einfliegen. Die mächtigen drei mittelalterlichen Hauptkirchen der Stadt – St. Marien, St. Nikolai und St. Jacobi – werden seinen Blicken nicht entgehen. Vielleicht hat er auch einen Sinn für die schöne Lage der Stadt, zwischen den "Teichen", eigentlich kleinen Seen, welche die Innenstadt umgeben und sie ehedem vor kriegerischen Belästigungen schützten. Auch ein Blick auf die lieblichen Landschaften im Süden Rügens könnte ihn erfreuen. Sie sind vom Tourismus beinahe unberührt.

Wahrscheinlich auch wird sein Hubschrauber auf dem Alten Markt landen, weil der sich leicht nach allen Seiten hermetisch absperren läßt. Angela Merkel wird ihm den Giebel des Rathauses zeigen, auf dem Weg zur Unterschrift im Goldenen Buch. Ob sie ihm auch dessen Bewandtnis erklärt? Reich, ziemlich reich waren die Stralsunder im ausgehenden Mittelalter und in der frühen Neuzeit, wofür auch das gut restaurierte Haus ihres Bürgermeisters Wulflam gegenüber dem Rathaus zeugt, aber nicht ganz reich. Ihr Rathaus sollte größer erscheinen als notwendig und finanzierbar. So ließ sich der Baumeister diesen Schein- und zugleich Ziergiebel einfallen, der heute ein unerläßliches Fotomotiv für jeden touristischen Besucher der Stadt ist.

Selbst bei einem kurzen Rundgang durch die Innenstadt läßt sich in Stralsund schnell ein Film abknipsen. Eine alte architektonische Kostbarkeit folgt auf die andere, und wer dann die Kreise seiner Spaziergänge etwas weiter zieht, entdeckt im Stadtgebiet eine beinahe unglaubliche Fülle von – ach nee, man sollte nicht Sehenswürdigkeiten sagen! Immer neue Anblicke – Häuser, Szenen, kleine Landschaften – könnten den Spaziergänger entzücken. Rundgänge um die "Teiche", die ein Besucher beinahe nie unternimmt, enthüllen ihm viele Einzelheiten des Stadtbildes.

Wahlkreisbüro Dr. Angela Merkel MdB Dafür haben Präsident Bush und Kanzlerin Merkel keine Zeit. Die wäre wohl da für einen kurzen Gang zu ihrem "Wahlkreisbüro Dr. Angela Merkel MdB", in Rathausnähe. Dessen Bescheidenheit würde den Präsidenten wahrscheinlich nicht anrühren, und auf dem Weg nach dort würde er auch bemerken können, daß an dem Weltkulturerbe von Stralsund noch viel zu tun ist, um es als solches zu bewahren. Die Kanzlerin, die zu diesem Wahlkreis Stralsund/Rügen eher durch Zufall kam, pflegt ihn auf ihre eigene Weise.

Indes, in Stralsund prägt die CDU den hansestädtischen Senat, doch auf Rügen hat eine PDS-Landrätin das Sagen. Ob der Bush-Besuch in Stralsund daran etwas ändern wird? Die Insulaner haben gegenüber der Stadt auf dem Festland vor ihr seit dem Mittelalter ihre eigenen Haltungen ausgebildet, ihre Besonderheiten überdies. Vielleicht sollte A. Merkel Bushs Visite auch auf die Insel ausweiten – nach Binz vielleicht, aber mit Prora dazu. Beide, Bush wie Merkel, beschränken durch immer neue Regelungen ihrer Regierungen die Freiheiten ihrer Bürger. Dort, an dem "Koloß von Prora", könnten sie schon einmal anschaulich wahrnehmen, daß verordnete Konformitäten und Überwachungssysteme nur nichtsnutzige und fruchtlose Hülsen hervorbringen.

Stralsund

 
 
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