Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 43
3. Juni 2006
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
 

 Die Chinesen in Hamburg

"Auch in Hamburg ist jetzt die 'chinesische' Frage brennend geworden", beginnt Lars Amenda mit einem Zitat sein Buch "Fremde – Hafen – Stadt". In Anmerkung 1 weist er nach, wo er diesen Satz fand: "Deutsche Zeitung vom 21. 1. 1925, die ihren Artikel mit "Die 'gelbe Gefahr' in St. Pauli" überschrieb. Amenda gab seinem Buch, das aus einer Doktorarbeit hervorging, den Untertitel "Chinesische Migration und ihre Wahrnehmung in Hamburg 1897 – 1972". Es erschien im Frühjahr 2006 im Verlag Dölling und Galitz, München/Hamburg.

Lars Amenda: Fremde  Hafen  Stadt Manch einer hat sich in den letzten zwanzig Jahren für die kleine alte Hamburger "Chinatown" in der Schmuckstraße interessiert, ohne jedoch viel herauszubekommen. Amenda widmet ihr größere Teile seines zweiten Kapitels unter der Überschrift "Das 'Chinesenviertel' in St. Pauli (1919-1932), und das ganze Kapitel umfaßt beinahe stolze hundert Seiten. Da zeigt sich, was ein engagierter Historiker zu leisten vermag.

Naheliegenderweise geht Amenda bei seinen Darlegungen chronologisch vor. So ist das erste Kapitel den Anfängen chinesischen Immigrantentums in Hamburg gewidmet, bis zum Ende des deutschen Kaiserreiches. Das dritte Kapitel befaßt sich mit der schmachvollen Behandlung der chinesischen Mitbürger in der Nazi-Zeit, und das letzte Kapitel dann mit der allmählich einsetzenden Rückkehr solcher Mitbürger und neuer Zuzügler nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Auf Seite 366 beschließt Lars Amenda seine Darstellungen mit den Sätzen:

"Spätestens seit den sechziger Jahren war die Bundesrepublik ein Einwanderungsland, dessen Gesellschaft sich grundlegend wandelte. Die Erfolgsgeschichte der China-Restaurants nicht nur in Hamburg wirft ein Schlaglicht auf diese sozialen und kulturellen Veränderungen. Trotz der Globalisierung des alltäglichen Konsums existierten aber nach wie vor Stereotypen gegenüber 'Fremden – die historische Wahrnehmung der chinesischen Migration in Hamburg veranschaulicht dies exemplarisch."

Sollte es im Zeichen der sogenannten Globalisierung etwa keine stereotypen Menschenbilder mehr geben? – An solchen Bemerkungen ist dieses Buch jedoch arm, und der Autor hat sich gründlich umgesehen: Berge von Akten gesichtet, Stapel von alten Zeitungen, dazu einige Zeitzeugen befragt, wenngleich nicht immer die besten. Allen erdenklichen Einzelheiten, die ihm begegneten, ist er nachgegangen – sogar dem Begriff "China-Restaurant", dem er auf Seite 326 eine längere Ausführung widmet, auch nicht eine Anmerkung über die Redewendung "zum Chinesen" vergißt.

Überhaupt, der Autor scheint gerne "zum Chinesen" zu gehen. Der Index weist aus, daß allein das bekannte Lokal namens "Tunhuang" auf sieben Seiten vorkommt, zum Teil ausführlich. Der renommierte Ostasiatische Verein der Hamburger Kaufmannschaft, der seit dem Jahre 1900 besteht, erscheint hingegen auf nur zwei Seiten. Dessen Wahrnehmungen der Chinesen-Migration nach Hamburg wären vielleicht ebenfalls aufschlußreich gewesen.

Desungeachtet, das Buch ist voll von neuen Informationen und abgewogenen Darstellungen, und wer im Sinn hat, daß es auf eine Doktorarbeit zurückgeht, und zudem bemerkt, daß jedes Kapitel mehr als 200 oder gar mehr als 300 Anmerkungen aufweist, dem sei versichert: Lars Amenda hat ein gut lesbares Buch vorgelegt, und seine Anmerkungen entsprechen nicht nur wissenschaftlichen Notwendigkeiten. Nicht wenige Anmerkungen hat er so geschrieben, wie eine Anmerkung geschrieben sein soll – nämlich als kleine Preziose in den unterschiedlichen Stilen wissenschaftlichen Schreibens.

Ein chinainteressierter Hamburger wird die Lektüre dieses Buches, sobald er damit begonnen hat, dem Schmökern in jedem Nachttisch-Krimis vorziehen. Das schmälert ja keineswegs dessen umfassendere wissenschaftliche Bedeutung, die weit über diesen Rahmen hinausgeht.
 
 
 

 Zu guter Letzt!

Beim Aufräumen alter Papiere begegnete der Berichterstatter dieser Anzeige wieder, die er ehedem, wohl im Mai/Juni 1989, im "Spiegel" entdeckte. Die verblasene "Lyrik" solcher Texte hat sich seither verändert, aber nicht grundlegend. Vielleicht nimmt sich ihrer einmal ein literaturwissenschaftlich bzw. -soziologisch interessierter Wahrnehmungshistoriker an. Er müßte bei der Materialsammlung so energisch und einfallsreich sein wie Lars Amenda. Seine Ausbeute dürfte noch größer werden – auch das Vergnügen bei der Materialsammlung – als das von Amenda: - Es ist einfach eine Freude, wenn der Leser eines Buches solches Vergnügen noch spüren kann, das aber immer zurückhaltend und redlich bleibt!

Kira

 
 
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