Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 43
3. Juni 2006
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Wenn ein Mensch gestorben ist: Prof. Dr. Dr. Jutta Rall-Niu +

Todesanzeige Jutta Rall-Niu (HA)

Auf diesen zweifachen Erwerb des Doktortitels war Jutta Rall stolz: am 29. März 1929 in Shanghai geboren, in eine angesehene Hamburger Familie mit Chinatradition. Manchmal war ihr Spitz- und zugleich Kosename deshalb auch "der Doppeldoktor". Am 10. April 2006 ist sie gestorben. Die letzten Jahre ihres Lebens waren, krankheitsbedingt, nicht leicht für sie, doch sie begegnete den physischen Anfälligkeiten wie es ihrer Natur entsprach: kämpferisch und unverzagt. Als ihr das Ende unausweichlich erschien, wollte sie auch keine künstlichen Verlängerungen. Schließlich war sie im Jahre 1954 zum Dr. med. promoviert worden und hatte seither auch Patienten betreut.

Ihr Lehrer Wolfgang Franke bildete sie zur Sinologin, mit einer Spezialisierung auf die Geschichte der chinesischen Medizin, aus. Ihn mag auch die chinesische Prägung dieser Schülerin fasziniert haben, die – in Kindheitstagen gelernt – den Shanghai-Dialekt bis ins Alter perfekt nuscheln konnte.

Zwar promovierte sie nicht als erste deutsche Frau im Fach Sinologie, doch 1962 war das so weit, und schon seit 1959 war sie die Assistentin von Wolfgang Franke gewesen. 1971 wurde sie habilitiert. Dazwischen lag manch ein kleines Drama, wenn die Akten richtige Auskünfte vermitteln. Sie war eine starke und selbstbewußte junge Frau – und im Hintergrund der damaligen sogenannten Ordinarienuniversität erwarteten die Ehefrauen der Professoren auch manche häusliche Dienstleistung von den Assistenten der Herren Gemahle, erst recht von den Assistentinnen, die es damals allerdings kaum gab.

Über solche Gegebenheiten läßt sich heute nicht leichthin urteilen, doch Jutta Rall setzte auch ihre Ernennung zur Professorin an der Universität Hamburg durch. Viele Studierende des Faches Sinologie werden sie durch ihre Einführungen in die "Landeskunde" und das "Klassisch" in Erinnerung behalten haben, auch durch das unerläßliche "Japonicum". Dann, auf den höheren Stufen des Studiums, vergewisserten sich Examenskandidaten ihrer Hilfsbereitschaft, in jedweder Hinsicht.

Ihre Kollegen werden sie als Sprecherin des Fachbereichs Orientalistik der Universität Hamburg im Gedächtnis behalten. Ungefähr 12 Jahre lang wählten die dafür zuständigen Fachbereichsräte sie in diese Position, in Zwei-Jahresabständen. Sie werden sich daran erinnern, warum sie das getan haben!

Unvorstellbar ist das Wirken von Jutta Rall, verehelichte Rall-Niu, jedoch ohne ihre ärztlichen Engagements. Eine amtliche Nebentätigkeitserlaubnis sah vor, daß sie sich der medizinischen Betreuung chinesischer Mitbürger in Hamburg widmen dürfe. Bald weitete sie dieses Betätigungsfeld auf die ärztlichen Notdienste aus – und aus diesen erzählen viele Anekdoten.

Wenigstens eine sei hier erzählt, denn zu den Gegebenheiten des Seminars für Sprache und Kultur Chinas in den 1980er Jahren gehörte, daß ein kleiner, wohlgenährtes Hündchen namens Felix sie begleitete. Bei einem nacht/notärztlichen Einsatz wurde Dr. Rall einmal in die Davidswache auf der Reeperbahn gerufen: Probleme mit einer "Privatdozentin", was auch ein chinesischer Ausdruck für diese meist jungen Frauen ist. Diese sollte in Haft genommen werden – aber wohin dann mit ihrem Hündchen Felix? Jutta Rall nahm sich spontan seiner an. Jahre später fragte die mit diesem Vorgang befaßte Polizistin sie bei einer weiteren Begegnung: "Und was ist aus Felix geworden?" "Das ist nicht nur ein Felix", antwortete J.R.-N., "der hat auch einen Familiennamen!"

"Davidshausen" war dieser Familienname – und wie erfährt man solch eine Geschichte von einer Davidswache-Polizeibeamtin? Sie zeigt jedenfalls, daß Jutta Rall-Niu in Hamburg auch eine Institution war. Sie zeigt auch manches mehr.

Ihre Tochter Katharina Niu ist ebenso eine schon jetzt bemerkenswerte Absolventin dieser ChinA. Ihr gilt das, wie in vielen Gesprächen anläßlich dieses Todes wiederholt wurde, das Mitgefühl von allen in der ChinA.
 
 
 

 Wenn sich Studierende jenseits des Studiums engagieren

Das war eine begeisternde Veranstaltung – nicht zuletzt für den, der sie angeregt hatte, den Berichterstatter. Seit einem Jahr war sie geplant gewesen, doch immer neue Hindernisse, vor allem Arbeitsbelastungen der Mitarbeiter in der ChinA, stellten sich der Verwirklichung entgegen. "Chinesischer Witz und chinesische Witze" war das Thema, und Ende April 2006 war es dann so weit. Die Jahresversammlung der Hamburger Sinologischen Gesellschaft bot jetzt einen Anlaß.

Zwölf kurze Beiträge – von "Kindermund und Kinderwitz im Alten China" bis zu "Politikerwitze in der Gegenwart" sollten erste Einblicke in die Welt chinesischen Witzes vermitteln. Wahrscheinlich sind die Chinesen das witzigste Volk der Welt und schonungslos, was die Selbstdarstellung angeht, doch in Deutschland weiß kaum jemand etwas über chinesischen Witz.

Viel Zeit für die Vorbereitung war nicht, und für manchen Programmpunkt waren das nur wenige Stunden. Trotzdem sprachen Gäste der Veranstaltung, die mit 120 Interessenten trotz knapper Werbung gut besucht war, von "hoher Professionalität" der Mitwirkenden – und der Berichterstatter staunte seinerseits darüber, was die mitwirkenden Mitarbeiter und Studis der ChinA alles mit den Themen angefangen hatten. Da waren viele Einzelheiten herrlich!

Chinesischer Witz

Am meisten galt das vielleicht dem Programmpunkt, der eine Begegnung des alten taoistischen Denkers Chuang Chou aus vorchristlichen Zeiten mit einem Totenschädel szenisch darstellte. Eine alte Parabel hatte darüber berichtet, und der Großliterat Lu Hsün hatte diese, über einige literarische Zwischenstationen, in eine Posse umgewandelt, welche die Sinologie-Studis noch einmal abverwandelten – mit einem Shakesspeare-"Bühnenbild" als Kulisse.

Mitten im Semester ist eigentlich nicht viel Zeit für solch ein "Allotria" – weder für die Studierenden noch für die Lehrenden. Nicht wenige Gäste zeigten sich jedoch begeistert, und deshalb wird eine nächste Veranstaltung über weitere Erscheinungsformen chinesischen Witzes nicht lange auf sich warten lassen.
 
 
 

 Wenn Vietnamisten über die Universität hinaus wirken

Das Fach Vietnamistik gehört zwar nicht mehr institutionell zur ChinA, doch die Verbundenheiten dieses "kleinen" Faches, nach Zahl der Studierenden, mit der ChinA sind unerläßlich – und wenn sich China gegenüber Vietnam manchmal als "großer Bruder" darstellte, der gegenüber dem "jüngeren Bruder" das Sagen hat, dann zeigte der jüngere, nämlich die Hamburger Vietnamistik, an einem der letzten Wochenende, am 20./21. Mai 2006, was sie alles kann.

Hamburger Vietnam-Tage war der Obertitel dieser Veranstaltung, die am ersten Tag im Asien-Afrika-Institut der Uni Hamburg stattfand, am zweiten aber ins Völkerkundemuseum an der nicht fernen Rothenbaumchaussee wechselte. Harald Clapham, in der Kulturbehörde für Hamburgs internationale Beziehungen zuständig, hatte einen finanziellen Zuschuß bewilligt, denn seit lange vergangenen "boat people"-Zeiten hatten damalige Vietnam-Flüchtlinge zu Hamburgs Wohlergehen beigetragen. Institutionelle Sponsoren und Geschäftsleute trugen zu diesen "Vietnam-Tagen" bei, auch ein privater Förderer und Hans Berd Giesler, hierzustadt Honorargeneralkonsul für Vietnam, doch vor allem die Studierender des Faches Vietnamistik, die aus naheliegenden Gründen größtenteils vietnamesischer Herkunft sind. Auch deren Familienangehörige kamen an diesem Wochenende ins AAI.

Hamburger Vietnam-Tage

"Vietnamesische Literatur in der Diaspora" war das Thema der Eröffnungsveranstaltung im AAI: Autorenlesungen und eine Podiumsdiskussion". Eine Podiumsrunde eröffnete auch den zweiten Tag im Völkerkundemuseum: "Vietnam – Ein Land im Aufbruch". Um "Herausforderungen und Zukunftsperspektiven" ging es bei beiden hochkarätig besetzten Podien. Die jahrzehntelange Teilung des Landes und der nicht minder lange Bürgerkrieg mit seinen schrecklichen Details haben Wunden hinterlassen, die nicht leicht heilen und auch in den Vietnam-Szenen in Hamburg schwären. Ein touristischer Gast in diesem bezaubernden Land mit seinen liebenswürdigen und fleißigen Menschen übersieht das leicht angesichts vieler Schönheiten.

An das schöne Verbindende erinnerte auch das Rahmenprogramm an beiden Tagen. Was war da alles zu genießen! Die eleganten, wunderschönen traditionellen Gewandungen der Damen waren zu betrachten, auch neue Mode aus Vietnam. Zu bestaunen waren auch die vietnamesischen Ausprägungen der Kampfkünste, gleich danach die liebenswürdigeren Tanzdarbietungen. Und neben Aufführungen traditioneller Musik war auch Vietnam-Pop von heute zu erleben. Eine bunte Vielfalt von anderem kam hinzu, natürlich auch aus der vietnamesischen Küche.

Zwei Ausstellungen waren bedeutenden vietnamesischen Dichtern gewidmet – anläßlich des 240. Geburtstages von Nguyen Du sowie anläßlich des 100. Geburtstages von Nhat Linh-Nguyen Tuong Tam. Beide zählen zu den großen Nationaldichtern des Landes. Die Ausstellungen ihrer Werke mahnen zu nationalem Ausgleich und dokumentierten zugleich, daß die Vietnam-Bibliothek des AAI inzwischen zu den größten in Europa gezählt werden darf.

Viel Anrührendes konnte der außenstehende Beobachter an diesen Vietnam-Tagen bemerken. Am liebsten waren ihm vielleicht die vier kleinen Hamburg-Vietnamesen, denen eine Literatendiskussion auf dem Podium zu langweilig war. Draußen vor der Tür tanzten sie selbstvergessen und sangen dazu – ein bayerisches Reigenlied in Hamburg! Wenigstens sangen sie das – glockenhell – in akzentfreiem Deutsch.

Hamburger Vietnam-Tage

 
 
 

 Wenn wieder einmal von einer Doktorarbeit geredet werden soll

Schon länger ist in diesen Notizen nicht von einer Doktor-Promotion in der ChinA die Rede gewesen. Nicht, daß es solche nicht gegeben hätte! Auch die damit verbundenen Doktorarbeiten wären, selbstverständlich, bemerkenswert gewesen. Allein die Umstände standen der Berichterstattung darüber im Wege.

Jetzt, am 8. Mai 2006, war es wieder so weit. Nach ihrer Disputation wurde Heike Krämer aufgrund ihrer Dissertation zum Thema "Outdoor Advertising and the Market Economy in The People's Republic of China 1996-1999" zum Dr. phil. ernannt, mit sehr gutem Erfolg.

Heike Kraemer (* 1969) war in München und Shanghai ihren sinologischen Studien nachgegangen und hatte diese 1996 mit dem Magisterexamen abgeschlossen. Berufliche Tätigkeiten, darunter solche in China, und persönliche Gegebenheiten bewirkten, daß sie sich erst jetzt der nächsten akademischen Prüfung stellen konnte.

Die Aufenthalte in China hatte sie trefflich genutzt. Bei ihnen fotografierte sie nämlich unermüdlich, was ihr an öffentlich angebrachten Werbeplakaten vor die Linse kam. In der Hauptsache waren das drei Standorte: Shanghai, Peking und die Provinz Shandong. Viele hundert Aufnahmen entstanden so, und hauptsächlich diese einzigartige Dokumentation wurde das Untersuchungsmaterial ihrer Doktorarbeit. Viel war für da zu bedenken – zwischen Zeugnissen sozialistischer Vergangenheit und gegenwärtiger zügelloser Markwirtschaft, zwischen älteren chinesischen Formen der Propaganda und neueren, die durch westliche Einflüsse angeregt wurden, aber auch die Suche nach modernen, genuin chinesischen Darstellungsformen.

Von der wissenschaftlichen Bedeutung der Analysen abgesehen – wenige Besucher aus dem Ausland sind, wie Heike Kraemer, mit einem so wachen Auge und zugleich systematisch sich umsehend, durch das gegenwärtige China geschritten. Allein schon eine solche Dokumentation wird in einigen Jahrzehnten manchen Historiker interessieren, natürlich auch manchen chinesischen.

Heike Krämer: 'Outdoor Advertising and the Market Economy in The People's Republic of China 1996-1999'

 
 
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