Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 43
3. Juni 2006
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Frühlingsspaziergänge: in eigener Sache

Die letzte Folge dieser Notizen liegt bereits lange zurück. Der Grund dafür liegt nicht etwa darin, daß es nichts Berichtenswertes gäbe. Daran fehlt es nicht, auch nicht an Dingen, die mit einiger Skepsis wahrzunehmen waren. Auch nicht Verdrossenheit über den lange ausbleibenden Frühling und die grauen Alltagsanblicke in Hamburg waren dafür verantwortlich, daß die Lust zum Schreiben dieser Notizen fehlte. Es war ganz einfach: zu wenig Zeit.

Hinzukam die Überlegung, daß aufgrund sich demnächst ändernder Lebensumstände diese Notizen entweder aufgegeben werden oder – wenn nicht – eine ganz neue neue Form annehmen müssen. Diese Überlegungen brauchten ihre Zeit, doch allmählich zeichnet sich dieses neue Konzept ab. Es bedarf zu seiner Verwirklichung allerdings noch einiger praktischer Vorbereitungen.

Nachdem der Berichterstatter hierüber einige Klarheit gewonnen hatte, nahm er seine Spaziergänge durch einige Hamburger Chinaszenen wieder auf. Ein erster Weg führte ihn die China-Abteilung des Museums für Kunst und Gewerbe. Er wollte einen Aufsatz, der schon einige Zeit überfällig war, mit der Betrachtung eines Objekts in dieser Abteilung beginnen und es zu diesem Zwecke noch einmal genau betrachten. Genauer gesagt: Dieser erste Weg sollte ihn in diese MKG-Abteilung führen. Diese war nämlich wegen eines Umbaus wieder einmal geschlossen, bis auf einen kleinen Ableger.

Da waren die acht Euro Eintrittsgeld schlecht angelegt – aber durch welche Welten schlendert ein Müßiggänger, wenn er über die verwinkelten Flure dieses Hauses auch andere Ausstellungsräume durchwandert. Ganze Tage ließen sich darin zubringen und Jahrtausende durchmessen, von altgriechischer Kunst bis zu den ersten, schrillen Versuchen junger Modedesignerinnen von heute!

Acht Euro Eintritt! Das ist eine stattliche Summe, doch als der Berichterstatter anschließend über den Rathausmarkt schritt, sah er ein Angebot: Currywurst mit Pommes für 3,70 Euro. Früher erfreute ihn öfter solch ein Kanzler-Schröder-Muntermacher, doch jetzt zu diesem Preis? Das Museums-Restaurant bietet feiner Schmackhaftes zu weit geringeren Preisen an.
 
 
 

 Historische China-Fotos eines Hamburger Kaufmanns

Der Albert-Schäfer-Saal der Handelskammer war am Frühabend des 9. Mai wieder einmal wohl gefüllt. Die Versammlung galt der Eröffnung einer bemerkenswerten Foto-Ausstellung. Zwei junge Werbeleute hatten in Fotoalben einer Hamburger "Old Chinahand" geblättert – und sogleich deren Potentiale erkannt.

Diese "Old Chinahand" ist der heute 93jährige Carl Bünger, der von 1938 bis 1953 in China Handelsgeschäften nachging. Er war dort für die bekannten Hamburger Chinaunternehmen Siemssen & Co und Fuhrmeister & Co. tätig, doch nicht nur das. Von Anfang an entwickelte er ein ausgeprägtes Interesse für das Alltagsleben in China, lernte auch Chinesisch. Beides war damals nicht selbstverständlich.

Von Anfang an nahm Carl Bünger auch einen Fotoapparat mit auf seine geschäftlichen Reisen, die in diesen wirren Zeit oft Abenteuer-Charakter hatten. Für die Landschaften des nördlichen China, wo er sich meistens aufhielt, hatte er einen Sinn, auch für ihre Kargheiten. Mehr interessierten ihn jedoch die Lebensverhältnisse der Menschen, auch der einfachen. Nicht selten verkehrte er mit namhaften Persönlichkeiten der Zeitgeschichte – und schließlich sollte er sogar in die Dienste der neuen kommunistischen Regierung treten.

Baotou, Nei Menggu. Foto: Carl Bünger

120 historische Fotos zeigt die großartige Ausstellung in der Handelskammer. Deren Präses Dreyer und Generalkonsul Ma sprachen Begrüßungsworte anläßlich ihrer Eröffnung. Prof. Bernd Eberstein von der China-Abteilung der Universität ordnete die Bilder als zeitgeschichtliche Dokumente in ihren historischen Rahmen ein und berichtete zusätzlich über einige Facetten ihrer Entstehung.

Die Ausstellung ist noch bis zum 23. Juni zu sehen. Jedem Chinainteressierten sei sie empfohlen. Einen kleinen Katalog (Abb.) kann er für zwölf Euro erwerben und gleichzeitig einen kleinen Spaziergang durch diese Handelskammer als Hochburg Hamburger Chinainteressen unternehmen.
 
 
 

 Hingucker für die Welt?

Ein Besuch des Rathausmarktes dürfte für die meisten Hamburg-Touristen unerläßlich sein. Wenn ein solcher – sagen wir: aus Freiburg im Breisgau oder gar aus Shanghai in China – dann an der stattlichen Rathausfassade dieses bläuliche Gebilde erblickt, wird er dann die gewünschten Assoziationen bekommen?

'Blue goal' am Hamburger Rathaus

"Blue Goal" heißt ein solches "Lichtkunstwerk", und es soll, möglichst auf einem Dach, auf die Fußballweltmeisterschaft einstimmen. Einige tausend Euro kostet ein Exemplar, und ursprünglich waren 300 davon geplant. Gegenwärtig sind das erst gut hundert – kein Wunder angesichts des Preises von einigen tausend Euro. Manche Posse spielte sich im Zusammenhang mit ihnen schon ab. Als die Feuerwehrleute von Schwarzenbek, nahe Hamburg, eine kostengünstigere Eigenversion bastelten, wurde ihnen diese prompt untersagt. Dafür aber können andere sich eine kleinere Version für ihr Wohnzimmer bestellen, für knapp 150 Euro. Und nicht "Nippes aus Asien" soll das sein, sondern gute deutsche Kunst-Wertarbeit.

Die Hamburger Medien berichteten meistens positiv über das Projekt, zuletzt die "Welt am Sonntag" vom 14. Mai unter der Überschrift "Lichtspiele und blaue Tore als Hingucker für die Welt". Der Begriff "die Welt" dürfte hierbei ein wenig weitgefaßt sein, und schon nicht jeder Bürger Hamburgs kann diesem blauen Neonröhren viel abgewinnen. Ihr Blau soll an das Blau des Meeres erinnern, doch im Grunde erinnern diese Gebilde weder an Fußballtore noch an das Meer, sondern an Dekorationen auf der Reeperbahn. Aber auch die ist ja dem Meer und der Welt verbunden, und das Pauli-Stadion am Millerntor ist schließlich eine Art Kicker-Mekka, für Prolis und Intellektuelle.

Nach der Weltmeisterschaft sollen fünf bis zehn Blue Goals in die Partnerstadt Shanghai verfrachtet werden. Vor der Wolkenkratzerkulisse von Pudong sollen sie dort glimmen, in der Lichterfülle kaum wahrnehmbar. Einer der Initiatoren des Projekts meint: "Das ist dann ein Symbol für Hamburgs Tor zur Welt." Glückliches Hamburg!

Auch sonst fehlt es nicht an glückhaften Einfällen zur Fußball-Weltmeisterschaft: Ein Urinal-Hersteller placierte ein kleines Tor in ein solches Becken und forderte damit die Benutzer zu zielgerichtetem Handeln auf, und irgendwann in diesen Tagen erlebte Hamburg anscheinend auch schon die Tischfußball-Weltmeisterschaft, wohl am 25./26.Mai 2006.
 
 
 

 Ausflug nach Winsen

"Das eine Tor Hamburgs", meinen Spötter, "ist das Tor zur Welt. Das andere führt nach Winsen an der Luhe." Trotz des oft auffälligen Fahrverhaltens der Autofahrer mit dem Kennzeichen WL, wenn sie sich über Hamburgs Straßen bewegen – das hat dieses anmutige Städtchen südlich von Hamburg nicht verdient.

Gerade jetzt sollten Hamburger einen Ausflug nach dort unternehmen. Winsen ist in diesem Sommer der Standort einer Landesgartenschau. Veranstaltungen dieser Art sind nicht jedermanns Sache, doch die in Winsen entzückt in vieler Hinsicht. Umsichtig in die vorhandenen Landschaften hinter dem dortigen Schloß eingebettet, zeigt sie – neben den Werken gärtnerischer Kunstfertigkeiten – viele Zitate heimischer Natur, immer klug und manchmal witzig plaziert. Da lohnt sich schon, bei einem gemächlichen Gang den Eingebungen der Urheber nachzusinnen.

Sogar Chinesischem begegnet der Flaneur an manchen Stellen. Am auffälligsten dabei ist die "Chinesische Heilkräuter-Apotheke", eine hübsche Idee! Zwar sind einige dieser Kräuter bereits eingegangen oder gestohlen, aber vielleicht werden sie nachgepflanzt. Manchen dieser Gewächse sind sogar ihre chinesischen Bezeichnungen (in Umschrift) beigegeben. Nicht für alle reichte in Winsen die entsprechende Sachkunde, aber was macht's?

Chinesische Heilkräuterapotheke (Winsen a. d. Luhe)

Ein chinesischer Pavillon war in diesem Zusammenhang unvermeidlich. Drei Techniker und vier Handwerker aus China haben ihn – die Bauzeiten sind in solchen Fällen beträchtlich – errichtet. Wem solch bunter China-Schnickschnack nicht behagt, der kann sich ja an die Stätte der Meditation oder in den kleinen beschaulichen Bambusgarten zurückziehen.

Hinweise auf China sollten also in Winsens Gartenlandchaften nicht fehlen, aber da ist auch noch die Luhe. Einst galt sie als das sowohl klarste als auch kühlste Flüßchen weit und breit. Das läßt sich an dem Teil, der durch die Gartenbauszenen fließt, nicht nachvollziehen, doch sie bot Gelegenheit für ein nächstes Zitat: Ein paar Kähne aus dem Spreewald befördern als "Wassertaxi" gemächlich, durch Staken bewegt, die Besucher vom Schloß zu Eckermanns Garten. Dieser Goethe-Schreiber ist nämlich Winsens bedeutendster Sohn, und wenigstens einen dieser Kähne bewegte ein echter Spreewaldianer. Weitere "Zitate", vor allem norddeutscher Landschaften, sind verhaltener.

Ja, und dann ist da auch noch dieser "Aussichtsbahnsteig" hoch über den anderen Teilen der Ausstellung! Gestaltet ist er mit einigen der Wahrzeichen, die großen DB-Bahnhöfen eignen. Vor ungefähr zwanzig Jahren stand der Berichterstatter auf dem richtigen Bahnsteig von Winsen. Ein IC brauste in vollem Tempo vorbei – und dabei dachte er, welche Demütigung es für eine kleine Stadt bedeuten müsse, so geringgeschätzt zu sein. Auch derlei "zitiert" also diese anmutige und witzige und immer andere Ausstellung!

Was die DB angeht – eine Rückfahrkarte von Hamburg läßt sich nur lösen, wenn der Kunde sich auf den Zug für die Rückfahrt festlegt. Da dank des Regionalbahnverkehrs solche Rückfahrten jede viertel, halbe Stunde möglich sind, ist eine solche Festlegung zumindest nicht kundenfreundlich. Die Automaten, an denen sich in Winsen eine Rückfahrkarte lösen läßt, erfordern mehrminütiges Hin und Her, um die notwendige Preisstufe herauszufinden. Dann liegen die Sichtfelder der Automaten direkt in der Nachmittagssonne, so daß sich die "wegweisenden" Schriftbilder nicht erkennen lassen. Hätte der nächste Zug nicht mehr als zehn Minuten Verspätung gehabt – der Berichterstatter würde ihn verpaßt haben. Er wurde allerdings weder auf der Hin- noch auf der Rückfahrt kontrolliert.

Noch ein Hinweis auf die Kosten: 12 Euro kostet der Eintritt in die Gartenbausaustellung. Das ist stattlich, aber am späten Nachmittag ist das nur nur die Hälfte. Wer dann in Winsen, nicht in der Ausstellung, noch ein Eis – größere Kugeln als in HH, und sehr wohlschmeckend! - genießt und sich für den häuslichen Kühlschrank Obst und Gemüse, Käse und Wurst, auch das eine oder andere Brot mitnimmt, der kehrt sogar mit einem finanziellen Gewinn nach Hamburg zurück. Wer sollte nicht Hamburg preisen, doch – nach einem solchen Nachmittag – wer nicht auch Winsen an der Luhe!
 
 
 

 Die etwas andere Fußball-WM

Der FC St. Pauli ist traditionell die Fußballmannschaft der Arbeiter. Auch linksbewegte Intellektuelle fanden sich stets in seinem Stadion am Millerntor ein. Beide Gruppen halten ihm auch jetzt in der Drittklassigkeit die Treue: Platz fünf in der Regionalliga Nord. Die lassen sich davon auch durch all den Rummel um die FIFA (Federation of International Football Association)-WM nicht abbringen, der die Sportseiten der Zeitungen bis zum Überdruß füllt.

Über ein Konkurrenz-Ereignis ist hingegen kaum zu lesen. Ende Mai 2006 spielt nämlich am Millerntor die FIFI (Federation of International Football Independents) ihren Wild Cup 2006 aus. Vier "Nationalmannschaften" sind das, die – weil nicht UN-Mitglieder – nicht an der offiziellen Weltmeisterschaft teilnehmen dürfen: Grönland, Gibraltar, Sansibar und Tibet. Wie ersichtlich, das sind vier Nationen, die unter der Kuratel einer anderen Macht stehen. Selbstbehauptungswille, ein wenig keck und witzig gestimmt, steckt hinter diesen FIFI-Spielen. Die Mannschaft einer Republik St. Pauli und ein Wild Card Team bereichern den Spielplan zusätzlich.

Am 30. Mai wird um 20.15 Uhr das Spiel der (Exil-) Tibeter gegen die republikanischen Paulianer angepfiffen. Karten lassen sich unter www.fcstpauli.de online oder 0 180 560 0 151 per Telefon bestellen. Wer dabei den Tibetern mit ihrer Fahne zuwinken und dadurch ihren Kampfesmut beflügeln möchte, der könnte entsprechende Fahnen und Wimpel über TID-Hamburg@arcor.de bestellen.

Dadurch, daß diese Veranstaltung im Stadion am Millerntor stattfinden kann, zeigt "Pauli", daß es ein Herz für solche underdogs hat. Als bloße Spaßveranstaltung sollte das jedoch nicht mißverstanden werden. Vielleicht besuchen auch viele von "Paulis" intellektuellen Freunden diese Fußballweltmeisterschaft der Ausgegrenzten.
 
 
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