Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 42
1. März 2006
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
 

 In Leipzig schmeckt "der Heeße" selten gut

Manchmal sitzt der Berichterstatter nicht nächtlich an seinem Schreibtisch, sondern genießt den Abend an einem anderen Ort – unlängst in Leipzig. Schließlich ist die Universität Leipzig eine der wichtigsten Geburtsstätten der deutschen Sinologie. Die DDR-Zeit hatte die Sinologie als Studienfach in Leipzig allerdings nur überlebt, weil sie sich in die Obhut der Afrikanisten begab.

Leipzig, Schuhmachergässchen Eine ähnlich kuriose Symbiose entdeckt ein Flaneur, wenn er durch die Innenstadt schlendert und an den Anfang des Schuhmachergäßchens kommt. Zwei mächtige Elefantenschädel säumen den Eingang in das Eckhaus, und wenn er den Blick darüber hinaus hebt, dann erblickt er eine Art Giebeltürmchen, das wie ein kleines chinesisches Teehaus anmutet. Ein Fassadengemälde mit einer Schönen, in japanischem Stil dargestellt, deutet allerdings an, das das eher ein japanisches Giebel-Teezimmer sein sollte.

Das Café Riquet, im Stil der Wiener Café-Häuser eingerichtet, befindet sich in diesem Haus, das ehedem ein Kontorhaus war. Die Kaufmannsfamilie Riquet residierte in ihm und zeigte durch Elefantenschädel und Teehaus an der Fassade jedem Leipziger, daß seine Interessen weltweit waren – seit 1745. Auch Chinaimporte gehörten zu seinem Geschäftsgebiet, also lange vor den Hamburger Handelshäusern.

Dermaßen belehrt und entzückt wollte der Berichterstatter in diesem Café sein Frühstück einnehmen: Der Kaffee kam sofort, war also nicht frisch gebrüht, doch die erste Tasse war schnell leergeschlürft, und als der Inhalt der zweiten Tasse erkaltete, kam dann nach dem anregenden auch der nährende Teil des Frühstücks - eingeschweißte Köstlichkeiten aus dem Supermarkt, und das Besteck war in eine Papierserviette gehüllt. Naja, seufzt der Gast, doch die Herren Riquet hätten es nicht bei einem Seufzer belassen.

Zwar rühmen sich die liebenswürdigen Sachsen gerne ihres Kaffees und ihrer Kaffeehaus-Kultur: "'N Scheelchen Heeßen"! Und Johann-Sebastian-Bach, der Kantor der Leipziger Thomas-Kirche, schrieb gar eine scherzhafte Kaffee-Kantate. Doch diesmal mundete dem Kaffee-Liebhaber in Leipzig nirgendwo dieses köstliche und ehedem vielgepriesene Getränk so recht: überall Automaten-Zeug!

Entschädigt hat ihn für derlei Unbill ein Besuch im "Zum Arabischen Coffe Baum" mit seinem vergnüglichen Kaffee-Museum. Vieles sonst läßt sich in Leipzig entdecken, auch anderes Ostasiatisches und Chinesisches.
 
 
 
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Frauenlob vom Hundesohn
 
  Zu manchen Zeiten seines öffentlichen Wirkens war Ssu-ma Hsiang-ju (ca. 179-117), der größte Dichter der Früheren Han, für einen Skandal gut. Aus dem Gebiet des heutigen Ssechuan stammend, begab er sich in seiner Jugend an den Hof des Liu Wu (reg. 168-143), des Titularkönigs von Liang, im östlichen Teil des Han-Reiches gelegen. Dieser machte sich Hoffnungen auf den Kaiserthron und versammelte an seinem Hofe, wie andere auch, eine Schar junger Literaten um sich. Solche Literaturbeflissenheit sollte seine Ambitionen fördern, und ein wenig Lobpreisung für ihn sollte wohl auch abfallen.

Ganz neid- und intrigenlos geht es in einem Literatenzirkel an einem Königshof selten zu. Tsou Yang ( ca. 206-ca. 129), einiges älter als Ssu-ma Hsiang-ju, erblickte in dessen Talent möglicherweise einen Grund für die Gefährdung der eigenen Rolle. Jedenfalls schwärzt er den jüngeren Dichterkollegen beim Herrscher an: Ssu-ma Hsiang-ju sei in den Hinteren Palästen gesehen worden – wo in aller Abgeschiedenheit die königlichen Gemahlinnen, Konkubinen und Hofdamen lebten. Ein fremder Mann dort? Das konnte diesen den Kopf kosten.

Ssu-ma Hsiang-ju schildert diesen Vorgang in seinem Mei-jen fu, "Poetische Beschreibung einer Schönen". Der König habe ihn zur Rede gestellt: "Lieben Sie die Frauenschönheit?" Damit gibt sich Ssu-ma in diesem gewiß erfundenen Dialog das richtige Stichwort, denn schon Konfuzius hatte von der Liebe zur Frauenschönheit gesprochen – und darüber, daß die Liebe zur Tugend selten gleich groß sei. Ssu-ma verneint, und der König fragt weiter, wie er sich denn in dieser Hinsicht mit Konfuzius und Mo Ti, einem weiteren Denker des Altertums, vergleiche. Über beide kann Ssu-ma nur lästern, in kunstvollen Wendungen: Beide seien vor Frauen stets nur fortgelaufen, er hingegen – und hiermit, nach dieser Einleitung, beginnt das eigentliche Gedicht:

Frauenlob In seiner Jugend habe eine schmucke Nachbarstochter mit ihm geliebäugelt, doch er habe ihr drei Jahre lang widerstanden – der hohen moralischen Standards des Königs eingedenk. Als der ihn aber auf eine Reise schickte, erzählt das Gedicht weiter, sei er in ein vornehmes Anwesen gelangt. Dessen schöne Bewohnerin sang ihn alsbald an: "Einsam lebe ich in diesem Haus (…)." Der Fortgang des Liedes läßt sich denken.

Der Tag wird Abend, geheimnisvolle Dunkelheit legt sich über die Szene, ein Weihrauchbrenner verströmt betörende Düfte, kein Mensch ist mehr zu hören. Und jetzt: "Ihren strahlenden Leib enthüllte sie ganz,/die zarten Glieder und die üppigen Rundungen./Nach einiger Zeit war sie mir nahe./Biegsam und geschmeidig, wie Balsam auch, war sie." Mehr Verse ist ihm die Beschreibung dieser gelungenen Verführung nicht wert. Doch sie ist die erste solche Beschreibung – und die einer schönen Frau – in der chinesischen Literatur. Nicht wenig frech klingt sie angesichts der Beschuldigungen gegen den Dichter, denn er war bei diesem Akt doch im Dienst des Königs unterwegs.

Beinahe schnöde faßt Ssu-ma Hsiang-ju zusammen: "Darauf war ich gefestigt in meinem Innern,/und das Herz in meiner Brust schlug wieder stet." Eine passende Anspielung auf das "Buch der Lieder" folgt. Wie die Rechtfertigung eines – auch illegitimen – Liebesaktes klingt das, als sei ein solcher hin und wieder für ein geordnetes Lebensverhalten unerläßlich.

Manche Leser dieser Verse haben gemeint, nicht Ssu-ma Hsiang-ju habe sie verfaßt, sondern Tsou Yang, der "Petzer". Auch so lassen sie sich verstehen, als verhüllte Bezichtigung des Ssu-ma, dessen ursprünglicher persönlicher Name Ch'üan-tzu war, "Hundesohn". Der war aber nicht als Schimpfwort gemeint, sondern weist darauf hin, daß die Sippe der Ssu-ma sich auf einen Hund oder Wolf als totemistischen Ahnherrn zurückführte. Desungeachtet, als ein Nichtsnutz und Tunichtgut zeigte sich dieser Ssu-ma Hsiang-ju oft, dieser sprach- und phantasiebegabte Dichter.
 
 
 
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Stupa am Himmel
 
  Das Lo-yang ch'ieh-lan chi, "Aufzeichnungen über die buddhistischen Klöster von Lo-yang", das Yang Hsüan-chih wohl zwischen 547 und 550 verfaßte, beschreibt die Pracht der buddhistischen Bauten von Lo-yang, ehedem Hauptstadt der Nördlichen Wei (386-534). Als Yang sein Werk schrieb, war diese Pracht längst verfallen, denn eine ambitionierte Würdenträgerfamilie, die Kao, hatten die Verlegung der Hauptstadt von dort, im heutigen Honan, in die Nähe ihres eigenen Machtgebiets erzwungen – ins östliche Yeh, heutiges Hopei. Seither firmierte das Herrscherhaus als Östliche Wei. Alsbald bestieg ein Kao als Kaiser der Nördlichen Ch'i (550-577) selbst den Thron.

Für das Jahr 534 verzeichnet das Lo-yang ch'ieh-lan chi einen merkwürdigen Vorgang: "Im fünften Monat traf ein Reisender aus dem Osten in der Hauptstadt ein und berichtete, über dem Meer sei ein Stupa zu sehen gewesen, das am Himmel strahlte und glänzte und wie neu erschien. Alle Menschen erblickten es. Plötzlich stiegen jedoch Nebel auf und hüllten es ein."

Einen sehr ähnlichen Bericht bietet das dem Kao Huan (496-547), dem machtbewußten Wegbereiter der Nördlichen Ch'i, gewidmete Kapitel im Pei-Ch'i shu, der Dynastiegeschichte für dieses Haus. Dieser Bericht präzisiert, am Himmel im Osten sei das neungeschossige Stupa des Klosters Yung-ning aus Lo-yang zu sehen gewesen. Auch dieser Bericht ist auf das Jahr 534 datiert – eben das Jahr, in welchem Kao die Hauptstadt von Lo-yang in das ihm vertraute Yeh verlegte.

Stupas waren, meist kleine, buddhistische Sakralbauten, die der Aufbewahrung von Reliquien aller möglichen Art dienten. Der indische Herrscher Asoka, der bedeutende politische Förderer des Buddhismus, soll der Legende nach an einem einzigen Tag 84000 Stupas errichtet haben. Seit dem 3./4. Jahrhundert wird seiner auch in chinesischen Quellen öfter gedacht. Meistens nennen ihn diese schlicht lun-wang, "König des Rades", nach seinem buddhistischen Ehrentitel chakravartin, denn er soll das Rad der Lehre des Buddha in Bewegung gehalten haben.

Stupa am Himmel Im Jahre 1996 wurde in Ch'ing-chou, heutiges Shantung, eine Grube entdeckt, die mehrere hundert meist beschädigte buddhistische Bildwerke enthielt. Es sah so aus, als seien diese, als Gegenstände der Verehrung, förmlich bestattet worden. Unter diesen zeigten einige auch ein Stupa am Himmel, wie bei der Abbildung: Neben dem stehenden Buddha zeigt dieses Relief zwei Schüler oder auch Bodhisattvas, oben tragen apsaras, die buddhistischen "Engel", ein solches Stupa in den Himmel. Es ist in der Sonderform des Kuppelstupa dargestellt, die insbesondere für die Nördliche Ch'i bezeugt ist.

Der Fundort dieser Kunstschätze, Ch'ing-chou, hatte ehedem den Namen Ch'i, und der Hauptstadtverleger Kao Huan erhielt posthum den Titel eines Titularkönigs von Ch'i. Die Berichte über Stupas am Himmel – von Lo-yang nach Osten ziehend – werden wohl mit der durch ihn erzwungenen Verlegung der Hauptstadt zusammenhängen. Vielleicht sollten solche Legenden diese vorbereiten oder nachträglich jenseitig legitimieren. Letzteres taten jedenfalls die Bildwerke mit dieser Szene. Möglicherweise wollten diese Legenden sogar noch mehr: Der Nebel, der das fliegende Hauptstadt-Stupa einhüllt, verweist schon auf das neue Herrscherhaus, das die noch regierenden Wei bald ablösen wird.

Religiöse Stiftungen – und bei den buddhistischen Bildwerken handelt es sich meistens um solche – dienen oft politisch-legitimatorischen Zwecken. Noch im Jahre 955 gelobte ein südostchinesischer Regionalmachthaber, er wolle 84000 Stupa stiften, gleich Asoka. Ein gutes Dutzend von diesen bargen Archäologen im Jahre 1957: kleine Reliquiare in Stupaform, aus Bronze und Eisen, in die Fundamente einer Pagode eingelassen.
 
 
 
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Literarische Reise
 
  Am 3. Juli des Jahres 1170 brach Lu Yu, ein geringer Beamter des Sung-Kaiserhauses, in seiner Heimatstadt Shan-yin (heute: Shaoxing, Zhejiang) auf. Seine Reise, vor allem über den Stromlauf des Yangtse, sollte ihn nach 157 Tagen nach K'uei-chou im heutigen Sichuan führen, wo ein neuer Amtsposten auf ihn wartete, ebenfalls kein bedeutender.

Ein bedeutender Würdenträger war Lu Yu nie, obwohl er einer der angesehensten Familien seiner Zeit entstammte, doch als Literat blieb er bis heute berühmt. Kaum einer seiner Zeitgenossen war als solcher berühmter als er. So machte Lu Yu sich bald nach seiner langen Fahrt daran, sein Reisetagebuch zu veröffentlichen. Offenbar hatte er während der 157 Tage regelmäßig Notizen niedergeschrieben, die er jetzt ergänzte.

Ju Shu chi, "Aufzeichnungen über eine Reise nach Shu", ein alter Name für einen Teil des heutigen Sichuan, überschrieb er sein Werk, das in einigen Editionen vier Kapitel umfaßt, während andere Editionen den Inhalt auf sechs Kapitel verteilen. Die Sung-Literaten hatten, einiger Vorläufer eingedenk, eine Vorliebe für solche Reiseaufzeichnungen ausgebildet und ihnen eine charakteristische Gestalt gegeben. Nicht selten verbanden sie mit ihren Aufzeichnungen auch eine verborgene Botschaft, auf die sie durch Anspielungen auf ältere literarische Texte und ähnliche literarische Techniken verwiesen.

Lu Yu Die Reiseaufzeichnungen des Lu Yu unterscheiden sich von denen seiner Vorgänger. Natürlich verzeichnet er die Stationen seiner Reise und deren Umstände, bis hin zu Aufzeichnungen über das Wetter:

"Ein heftiger Sturmregen vereitelte unsere Weiterfahrt. Wir schickten ein Beiboot über den Fluß, um Nahrungsmittel zu besorgen. Die Hälfte eines großen Fisches bekamen sie (die Diener), auch ein schwarzes Huhn, doch wir brachten es nicht über uns, dieses zu töten. Also behielten wir es auf dem Schiff. Bald kam ein alter Mann aus dem Dorf, brachte uns ein Bündel Sprossen von einer Wasserpflanze und bot uns dieses an. Eine Bezahlung wollte er nicht annehmen (...) Am Abend klarte es auf. Wir öffneten ein Fenster des Schiffes und betrachteten den Mond."

Das war im Oktober 1170 – die chinesischen Literaten und der Mond! Manchmal begegnet der Reisende ortsansässigen Würdenträgern, doch auch mit der Bevölkerung läßt er sich ein und notiert lokale Eigenheiten der Sprache und des Brauchtums, und manchmal wundert er sich darüber, wie menschenleer manche Landstriche waren. Andererseits:

"Die Bambusse und Bäume prangten, und die Ansiedlungen lagen in Sichtweise zueinander. In einem unterrichtete ein Dorfschulmeister gerade die Kinder. Als diese unser Schiff vorüberfahren sahen, klemmten sie ihre Bücher unter den Arm und kamen heraus, um uns zu beobachten. Einige hörten dabei nicht auf, ihre Lektionen herzusagen."

Solcher Lerneifer mag Lu Yu erfreut haben, doch am liebsten betrachtete er Örtlichkeiten und Landschaften, die er bereits aus der Literatur kannte – und dann zitiert er die Gedichte von Li Po und Tu Fu und anderen großen Dichtern der Vergangenheit und vergleicht deren Verse mit den eigenen Anschauungen. Gelegentlich stellt er sogar dar, wieso er deren Verse erst jetzt richtig verstanden habe.

Manchmal muß er sich mit seiner Vorstellung behelfen. Von dem vielbedichteten Turm des Gelben Kranichs, von dem aus ein taoistischer Adept in den Himmel aufstieg, ist nichts mehr zu sehen. Von einem Einheimischen erfragt er dessen Standort, und der zeigt ihm sogar noch eine Gedichtinschrift, die ehedem zu diesem "literarischen Ort" gehörte. Zufrieden erkennt Lu Yu – an diesem Gedicht des Li Po, das die Weite der Yangtse-Wasser beschreibt: "Wer nicht lange auf diesem Fluß reiste, kann das nicht verstehen."

Ein faszinierendes Stück Literatur ist dieser Reisebericht des Lu Yu. Der heute wieder zu betrachtende Turm zum Gelben Kranich ist hingegen ein trostloses Machwerk.
 
 
 
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Ein Freund der Berge
 
  Ein solcher war dieser Hsü Hung-tsu (1586-1641), der unter seinem Literatennamen Hsü Hsia-k'o, "Gast der Morgenwolken", bekannter ist, gewiß. Fast allen von den Söhnen, die ihm zwei Ehefrauen und zwei Konkubinen gebaren, gab er Namen, in denen das Schriftzeichen shan, "Gebirge", als Grundelement vorkam. Auch ein Freunde der Morgenwolken mag er gewesen sein, denn meistens brach er an seinen Reisetagen in aller Herrgottsfrühe auf.

Wohlhabend war Hsü Hung-tsu, Mitglied einer Würdenträgerfamilie aus Chiang-hsin (Kiangsu) seit der Sung-Zeit, anscheinend ebenfalls. Um eine Amtslaufbahn scherte er sich jedenfalls nie, sondern verbrachte die meiste Zeit seines Lebens auf Reisen. Im Jahr seiner ersten Heirat, 1607, unternahm er die erste große, zum berühmten T'ai-hu, und nur selten hielten ihn familiäre Angelegenheiten, so die pietätvolle Fürsorge für die Mutter, von weiteren Reisen ab. Beinahe rastlos war er unterwegs. Schon seine zweite Reise, 1609, führte ihn weit in den Norden, zum Heiligen Berg T'ai-shan.

Ebenso rastlos schrieb er über diese Reisen Tagebücher. Ihr ursprünglicher Umfang wird auf 404.000 Schriftzeichen, von denen aber nur ein ungefähres Sechstel erhalten blieb, geschätzt. Bei manchen Reisen schrieb er an jedem Tag 600 Schriftzeichen nieder, und das Festgehaltene sieht so aus, als habe er sich auch unterwegs Notizen gemacht. So schrieb er über den Huang-shan, noch heute ein überaus beliebter Ausflugsort unfern von Nanking, am 19. März 1616:

"Vom Po-yüeh aus verließen wir das Gebirge, zehn Meilen, dann folgten wir dem Fuß des Berges westwärts und gelangten zu der Brücke über den Südbach. Wir überquerten den großen Bach, hielten uns an einen Seitenbach und zogen nordwärts an den Bergen entlang, zehn Meilen. Beide Berge sind hoch und so dicht beieinander, daß sie einem Tor gleichen. Der Bach erscheint dazwischen wie ein Band."

Ein Freund der Berge

Große Literatur ist das nicht, sondern oft nur eine Wegbeschreibung. Zu bedenken ist freilich, wie unbekannt diese Landschaften damals meistens waren und wie beschwerlich die Wegverhältnisse. Oft genug müssen Hsü Hsia-k'o und seine Begleiter sich örtlichen "Führern" anvertrauen, und nicht selten finden sie solche Helfer nicht. Manchmal notiert Hsü Beschwerlichkeiten, doch er tut das klaglos. Lieber verzeichnet er die gelegentlichen Erquickungen, so einen Tag später am Huang-shan:

"Wir gelangten zum Kloster Hsiang-fu. Da die heißen Quellen auf der anderen Seite des Baches lagen, lösten wir alle unsere Kleider und eilten zu dem Heißwasserteich. (...) Drei Fuß ist dieser tief. Damals war die Frostkälte noch nicht gewichen, doch warme Dämpfe stiegen auf, und Wasserstrudel blubberten vom Boden des Teiches empor. Der Duft war klar und rein."

Bei solchen Gelegenheiten wird dann auch die Sprache dieser Tagebücher lyrisch, und in immer neuen Wendungen preist Hsü Hsia-k'o die Schönheiten der Bergwelten. Auch dem Mond, dem Lieblingsgegenstand chinesischer Literaten, gelten Lobpreisungen. Immer wieder erzählt Hsü über kleine Begegnungen mit Menschen, auch mit einfachen Leuten. Allem, was mit "großer Politik" zusammenhängen könnte, verschloß sich dieser Reisende hingegen.

Reisen war damals gefährlich, und wenigstens einmal wird auch Hsü ausgeraubt, doch schon Zeitgenossen bewunderten ihn für seine Unternehmungen. Als ein neues Lebensideal galt solches unstetes Genießen von Natur und Landschaft. Ganz nebenbei und ganz unabsichtlich – die erhaltenen Tagebücher wurden erst 1776 gedruckt – wurde Hsü Hsia-k'o durch seine Texte zu dem ersten großen Geographen Chinas. Für solche Interessen war diese Zeit jetzt offen. Zu seinen Zeitgenossen, im weiteren Sinne, zählten etwa der große Pharmakologe Li Shih-chen (1518-1593) und der Christ Hsü Kuang-ch'i (1562-1633), welcher der Verbreitung westlicher Naturwissenschaften in China das Wort redete und ein zusammenfassendes Standardwerk über den Ackerbau verfasste.
 
 
 
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Geheimnisvoller Brunnen
 
  Orts- und Flurnamen sind für den, der sie zu lesen versteht, wahre Fundgruben für kulturgeschichtliche Erkenntnisse. Im Unterschied zu europäischen Namen dieser Art sind die chinesischen größtenteils leicht verständlich, da die europäischen Namen sich in den Jahrhunderten oft bis zur Unkenntlichkeit verändert haben, die chinesischen Schriftzeichen hingegen seit ungefähr 2000 Jahren unverändert blieben. Die Bedeutung der Orts- und Flurnamen läßt sich also ganz leicht erkennen. Desungeachtet hat sich noch kaum ein Sinologe mit solchen Namen systematisch befasst. Natürlich müßte er dabei auch bedenken, daß der Wort/Zeichen-Sinn nicht auch schon der gemeinte sein muß.

Solchen alten Ortsnamen zufolge muß es in China dereinst von Drachen, diesen Wundertieren der frühen Menchen, gewimmelt haben. Drachenflüsse und Drachengipfel gibt es allerorten, und an allen möglichen anderen Örtlichkeiten sollen sich ebenfalls Drachen aufgehalten haben, als ständige Bleibe oder vorübergehend. Meistens erzählt dann eine örtliche Überlieferung eine entsprechende Legende oder Sage.

Auch Drachenbrunnen sind in China in Hülle und Fülle zu finden. Der berühmteste von allen liegt ein Stück südwestlich des schönen und sagenumwobenen Westsees von Hangzhou, ausgerechnet auch noch am Phönixberg, der nach einem zweiten Wunderwesen benannt ist. Ein mystischer Ort muß das dereinst gewesen sein. Die Legende, die zu diesem Drachenbrunnen erzählt wird, handelt aber gar nicht von einem Drachen, sondern von einer armen alten Frau.

Nichts war ihr an Besitz geblieben außer achtzehn Teesträuchern, die ihr Mann neben beider armselige Hütte gepflanzt hatte. Von dem Verkauf der Teeblätter, nicht von bester Qualität, lebte sie, und da sie ein gutes Herz hatte, kochte sie Tag für Tag einen großen Topf Tee, um Vorübergehende unentgeltlich daraus zu laben. Einmal, das Neujahrsfest nahte, und es schneite heftig, stand ein alter Mann in ihrer Tür und wunderte sich, daß sie nur Tee koche statt köstliche Speisen für das Fest vorzubereiten.

Longjing-Tee Sie verfüge doch über einen Schatz, meinte der Alte und wies auf einen gewaltigen Steinmörser, in welchen sie die abgekochten Teeblätter geschüttet hatte. Er werde wiederkommen und ihn ihr abkaufen. Die alte Frau fühlt sich bemüßigt, den Mörser mühsam zu säubern, und vergräbt den Abfall von den Teeblättern unter ihren achtzehn Teebüschen. Der Alte schilt sie deswegen, denn die Kraft des Schatzes habe nicht in dem Mörser, sondern eben in diesem Abfall gelegen. Schließlich war der das Überbleibsel ihrer bescheidenen Wohltätigkeiten. Die Legende fährt fort:

"Die Zeit verging, der Frühling kam, und die achtzehn alten Teesträucher hinter dem Haus trieben unzählige zarte grüne Sprossen, dicht an dicht wie nie zuvor. Und das Aroma des Tees, den die alte Frau daraus bereitete, war ungleich würziger und feiner als bei jedem anderen Tee." – Bald wollten die Bauern in der Umgebung Schößlinge von ihr.

Lung-ching, "Drachenbrunnen", heißt das Dorf nach dem Brunnen, aus welchem die alte Frau ihr Wasser schöpfte – und dies ist der Ursprung einer der berühmtesten Teearten in China, eben des Drachenbrunnentees, der auch wegen seiner erfrischenden Wirkung an heißen Sommertagen gerühmt wird.

Und was ist mit den Drachen im Brunnen? Das Wasser dieses Brunnens weist eine Eigenart auf: Wird ein Stein hineingeworfen, streben die dann entstehenden Wellen nicht, wie üblich, auseinander, sondern scheinen zusammenlaufende Ringe zu bilden. Wahrscheinlich hat der Volksmund diese optische Täuschung auf einen Drachen im Untergrund des Brunnens zurückgeführt. Die unterirdische Quelle, die den Brunnen speist, ist übrigens wenigstens seit dem dritten Jahrhundert bekannt.
 
 
 
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Gelbe Blusen
 
  Am frühen Abend des 24. August 1896 muß es im Circus Renz in Hamburg von gelben "Blousen" (so die damalige Schreibung) gewimmelt haben. Jedenfalls sagt das zwei Tage später ein Bericht des "General-Anzeiger für Hamburg-Altona". Der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg hatte zu der festlichen Darbietung eines "militärischen Ausstattungsstücks" geladen, und manche mußten, um dabei sein zu können, horrende Schwarzmarktpreise zahlen.

Anlaß dieser Festveranstaltung war der Besuch des chinesischen "Vizekönigs" Li Hung-chang (1823-1901) in Hamburg. Er war aus Berlin angereist und im Bahnhof Dammtor zur Mittagsstunde des Vortages eingetroffen. Ein dichtes Besuchsprogramm schloß sich an: Hafenrundfahrt, Blohm & Voss, Senatsfrühstück, Feuerwerk, Begegnungen mit Kaufleuten und Politikern. Im Grunde geriet der Besuch aus China jedoch zu einem Volksfest.

Li Hung-chang war einer der herausragendsten chinesischen Politiker des 19. Jahrhunderts. Nachdem er schon 1847 das Reichsexamen bestanden hatte, machte er eine steile Karriere – zunächst bei der Bekämpfung der aufständischen T'ai-p'ing, bald als Generalgouverneur zweier Provinzen, was eben zu dem Titel "Vizekönig" führte. Seinen herausragenden Ruf verschaffte Li sich aber dadurch, dass er ein entschiedener Verfechter wirtschaftlicher, politischer und militärischer Reformen in China war. Das schuf ihm Feinde, da er selbst bzw. seine Familie, auch unternehmerisch tätig war, machte ihn aber auch zum Milliardär.

Zum Zeitpunkt seines Hamburg-Aufenthalts hatte das Ansehen Li Hung-changs in China allerdings einen Tiefpunkt erreicht. Nach dem chin.-jap. Krieg von 1894/95 hatte er den am 17. 04. 1895 abgeschlossenen Frieden von Shimonoseki ausgehandelt, der China unter anderem zum Verzicht auf Taiwan und zur Aufgabe der Oberhoheit über das Königreich Korea nötigte. Zwar hatte er sich gegen diese Auseinandersetzung mit den von vielen Chinesen verachteten japanischen Emporkömmlingen gesträubt, doch die Gegenpartei unter den Würdenträgern war erfolgreicher gewesen. Li wurde trotzdem für die Schmach des verlorenen Krieges verantwortlich gemacht. Kurz nach Beginn der Friedensverhandlungen wurde gar ein Attentat auf ihn verübt, und seine hohen Würden hatte er schon vorher verloren.

Da bot die Krönung von Zar Nikolaus II. in Moskau dem chinesischen Kaiserhof Gelegenheit, Li Hung-chang "aus dem Verkehr" zu ziehen. Am 28. März 1896 bricht er aus Shanghai auf, bereist nach Rußland und Berlin sowie Hamburg noch weitere Staaten Westeuropas und schifft sich dann nach Nordamerika ein. Erst am 3. Oktober betritt er in Tientsin wieder chinesischen Boden.

Li Hongzhang in Hamburg: Festprogramm

Am 25. Juni fährt Li Hung-chang zu dem Fürsten Bismarck nach Friedrichsruh, dem ehemaligen Reichskanzler, den sein Kaiser ebenfalls vorzeitig in den Ruhestand geschickt hatte. Die beiden alten Staatsmänner begegnen einander mit ausgezeichneter Höflichkeit und Wertschätzung. Offenbar hatten sie ausführlich voneinander gehört. Manchmal mosern beide auch über ihr Geschick: Gegen unvernünftige und uneinsichtige Herrscher lasse sich nichts ausrichten – schon gar keine Reform durchführen. "Ich kümmere mich um nichts mehr, um mich nicht zu ärgern", sagte Bismarck und fügte hinzu: "Ich habe keine andere Beschäftigung, als mich am Walde zu erfreuen." So ganz stimmte das nicht, aber den Sachsenwald hatte ihm ein Kaiser geschenkt, der ihm wohlgesonnener war.

Die Hamburger überschlugen sich über den Besuch von Li. Er hatte einen deutschen Berater in seinem Gefolge, doch mehrere Hamburger Kaufleute konnten auf Chinesisch mit ihm plaudern, und als ihn ein Schnupfen ereilte und schwächte, da ließ sich nach einigem Hin und Her sogar eine einem chinesischen Würdenträger angemessene Sänfte auftreiben. Er schied gerührt, in den Worten des "General-Anzeigers": "Wenn er nach China zurückkehre, werde er von Hamburg erzählen und den Empfang rühmen, den die Bürger der großen Handelsstadt ihm bereitet hätten. Aus seinem Gedächtnis werde dieser Besuch nie schwinden, und stets werde er sich freuen, wenn er höre, dass Hamburg fortschreite in Wohlfahrt und Glück."

Nicht alle sahen diesen Besuch so positiv. Die "Times" in London schrieb, nach einigen boshaften Bemerkungen über Li, dieser "werde hier den üblichen Empfang, wie jeder gewöhnliche Wanderer, finden, der ihm zeigen werde, daß England ihn nicht überschätze." Eine Hamburger Zeitung verfaßte ein satirisches Interview mit ihm.

Am 22. November 2005 stellte das kleine Museum der Bismarck-Stiftung in Aumühle bei Hamburg, in Anwesenheit von Generalkonsul Ma Jinsheng, eine Vitrine mit Schaustücken zu diesem Besuch in Hamburg und bei Bismarck der Öffentlichkeit vor – eine weitere kleine "China-Ecke" in Hamburg, die einen Ausflug lohnt.
 
 
 

 Straßenbauten ärgern immer wieder

Wenn Hamburgs Straßenbauer Geld in die Finger kriegen, dann kommt ihnen vor allem eines in den Sinn: Zuasphaltieren und Zuplatten. Ein vortreffliches Beispiel hierfür sind die Erneuerung eines Teiles des Mittelwegs und die Öffnung eines 200 Meter langen Teiles der Hallerstraße für den allgemeinen Autoverkehr. Nach gut einem halben Jahr wurden die Arbeiten im Dezember 2005 abgeschlossen. Manche Umgestaltung mag dem Verkehrsfluß dienen, auch den einen oder anderen Anwohner vor Verkehrsgeräuschen bewahren, doch einen wenig begangenen Bürgersteig vollständig mit Platten abzudecken – das wäre wohl nicht notwendig gewesen, war also Geldverschwendung.

Ein paar stattliche Bäume fielen diesen Umgestaltungen zum Opfer, darunter drei Riesen. Ihren beklagenswerten Stümpfen war nicht abzusehen, daß sie krank waren, aber ihre Metzger sind inzwischen klug geworden: Binnen Tagesfrist waren diese Stümpfe ausgegraben!

Einige groteske Unbedachtheiten dachten sich die Neugestalter an den nahe beieinander liegenden Bushaltestellen der Linie 109 am Mittelweg und der Linie 115 an der Hallerstraße aus. Noch im Herbst 2005 sah dieser kleine Bereich beinahe angenehm aus, jetzt erscheint er als trostlos-öde. Natürlich fielen auch hier einige Bäume, ohne daß eine Neuanpflanzung vorgesehen wäre; natürlich wurden auch hier die Grünfläche um etliche Quadratmeter verkleinert und die verbleibenden durch unsinnige Betoneinfassungen "verziert", durch allerlei unnötige Metallbügel und -stangen zusätzlich. Sie erfreuen niemanden unter den Fußgängern und haben auch keine deutlich erkennbare Funktion.

Besonderen Einfallsreichtum verwandten die Stadtgestalter offenbar auf die Umgestaltung der Endstation der Buslinie 115, "Alsterchaussee":
  • Bei ihr zeigt eines von mehreren neu aufgestellten Schildern an einer hochragenden Stange eine Endstation der Linie 109 ("Nur zum Aussteigen") dort an, wo diese nie hinfährt.
  • Eine der neuartigen offenen Telefonsäulen steht wenige Meter neben dem vielbefahrenen Mittelweg, die kleine Schutzwand ist allerdings an der straßenabgewandten Seite angebracht. Der Berichterstatter hat dort nie jemanden telefonieren sehen, und ein Test ergab, daß er nicht einmal das Freizeichen hörte, so laut war der Verkehr.
  • Eine stattliche Folge von Metallbügeln soll offenbar dem Anketten von Fahrrädern dienen. Wer aber parkt, angesichts der örtlichen Gegebenheiten, ausgerechnet hier sein Fahrrad? Diese "schmucken" Gebilde stehen also nackt und funktionslos herum.
  • Die Endstation der Linie 115 wurde so gelegt, daß zehn Meter vor ihr dem Bus regelmäßig eine Lichtschranke einen Halt auferlegt und dem Benutzer nach dem endgültigen Halt, aber auch bei dem neuerlichen Einsteigen, gut zwanzig Meter überflüssigen Weges abverlangt. Für manchen kann das eine beschwerliche Strecke sein.
Unbedachtes, Überflüssiges, Geldverschwendung – da läßt sich nur verwundert rätseln. Hoffentlich mildert bald der Frühling mit seinem sprossenden Grün die Ödnis dieser Neugestaltung, die auf dem Foto noch durch den Februarnebel gemildert wird.

Endstation der Buslinie 115, "Alsterchaussee"

 
 
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