Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 42
1. März 2006
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
 

 E.G. erforschte die Frühgeschichte der Chinesen in Deutschland

Mit Darstellungen zur Geschichte der deutschen Chinarezeption ließen sich mehrere Regalmeter füllen. Solche Arbeiten beziehen sich meistens auf allgemeine Chinawahrnehmungen beziehungsweise solche in der Hochliteratur. Neues Material wird dabei selten zusammengetragen, und an vielen Ecken zeigen sich Lücken.

Erich Gütinger: Die Geschichte der Chinesen in Deutschland Eine solche Lücke hat jetzt Erich Gütinger in seiner Doktorarbeit geschlossen – nämlich die der Frühgeschichte der Chinesen in Deutschland, eine legendenumrankte Geschichte. Das Archivmaterial hierzu ist dürftig, obwohl wahrscheinlich noch nicht alles ausgeschöpft wurde; sonstige Quellen fließen noch spärlicher. So haben sich einige Chinesen-"Hochburgen" in Deutschland ihre eigenen Legendentraditionen geschaffen. Gütinger spricht zum Beispiel von einer "Berliner Legende" und einer "Hamburger Legende".

Nach einigen Präliminarien wird seine "Spurenlese" bald spannend: In dem langen Kapitel "Zwei Pioniere in Preußen" geht er den Schicksalen der ersten Chinesen Berlin nach, die dort seit Beginn der 1820er Jahre lebten und beachtenswerte Wirkungen hatten. Ein weiteres großes Kapitel geht den Voraussetzungen für Ausreise aus China und Einreise bzw. Einwanderung in Deutschland nach. Das soziale Spektrum der untersuchten Gruppen reicht von den Diplomaten über Kaufleute und Studenten bis zu den Seeleuten und kleinen Gewerbetreibenden. In den soliden Untersuchungen fallen nicht wenige amüsante Einzelheiten an – so diejenige, daß die ersten Chinarestaurants erst hundert Jahre nach dem Eintreffen der beiden "Pioniere" in Preußen eröffnet wurden, an nicht ganz sicher feststehendem Ort freilich.

Mit dem Ende des 1. Weltkriegs setzt Gütinger eine vernünftige Zäsur für seine forschende Neugier, und am Ende verzeichnet er – unter anderem – einigermaßen stolz:

"Zu den Neuigkeiten, mit denen diese Arbeit aufwarten kann, zählt neben dem Nachweis vieler Einwanderer die Zuordnung vieler Immigranten zu einer speziellen sozialen Schicht, wie z.B. Kaufleute, Lektoren oder Studenten. Deren Koexistenz in 'parallelen Welten' wird in verschiedenen Abschnitten dokumentiert. Aus der Zusammenschau wird verständlich, wie in der Geschichtsschreibung bestimmte 'Wahrnehmungslücken' entstehen."

Das hört sich trockener an, als dieses Buch, das seine Herkunft aus einer Doktorarbeit nicht verleugnen kann, sich liest – nämlich tatsächlich immer wieder spannend. Es steckt voll von anschaulichen Einzelheiten, und Gütinger kennt selbst die eigenen "Wahrnehmungslücken". Vielleicht forscht er auf diesem Gebiet noch weiter, denn bei den Reaktionen der Deutschen auf diese "Gäste" aus der Ferne wäre noch viel zu bedenken. Auch das Geschick der in Deutschland ansässigen Chinesen während des Dritten Reiches böte wohl eine nicht weniger spannende Geschichte – zumal sich als Quellen hierfür auch Familientraditionen und noch einige Zeitzeugen heranziehen ließen.
 
 
 

 Befremdliches ergötzt Deutsche immer wieder an China

Zufällig begegnete dem Berichterstatter ein Notenblatt, dessen Einzelheiten er bisher noch nicht nachgehen mochte. Immerhin mitteilen möchte er den dazugehörigen Text schon einmal. Er, auch die Melodie, stammt von einem Sigisbert Kraft. Veröffentlicht hat beide der Fidula-Verlag in Boppard, in einem unbekannten Jahr in einem Werk mit dem Titel "Der Eisbrecher":
"Ein Mann fuhr ins Chinesenland mit dreizehn Koffern in der Hand, und vor der Reise ward ihm bang nach Tschinglibunglitangliwang.

Damit er käme schnellstens fort, stieg er an einer Dschunke Bord, der Name stand am Bug entlang, hieß Tschinglibunglitangliwang.

Der Kapitän Chinese war, trug in ´nem Zopf sein schwarzes Haar, sein Name, der war ziemlich lang: Yeng Tschinglibunglitangliwang.

Das Schiff sticht in die See hinaus, der Mann seufzt: O, wär ich zu Haus! Geht an der Reling müd entlang der Tschinglubunglitangliwang.

Am dritten Tag ist Land in Sicht, doch ist es China leider nicht, und unsern Mann treibt doch ein Drang nach Tschinglibunglitangliwang.

Am neunten Tage, morgens früh, da schreit der Schiffsmaat (fragt nicht wie!): "Hier Endstation!" Sein Rufen klang: "Hier Tschinglibunglitangliwang."

Der gute Mann stieg an das Land, wonach er eine Rikscha fand, die ihn mit seinen Koffern schwang nach Tschinglibunglitangliwang.

Und diese wunderschöne Stadt nur einen einzigen Gasthof hat, der hieß – so steht's am Schild ganz lang: "Zum Tschinglibunglitangliwang."

Und weil den Mann der Hunger plagt, den Kellner nach der Kart er fragt. Der spricht: "Hier gibt's nur einen Gang, nur Tschinglibunglitangliwang.

Auf solche Weise ward's ihm schlecht, doch dies geschah dem Manne recht, warum aß in des Hungers Drang er Tschinglibunglitangliwang.

Dann legte er sich in das Bett und fand dies sehr apart und nett, denn ringsherum war ein Behang aus Tschinglibunglitangliwang.

Doch als die Uhr schlug Mitternacht, da hat die Treppe leis gekracht; ein Räuber schlich den Gang entlang im Tschinglibunglitangliwang.

Dringt in des Mannes Zimmer ein, erdolcht ihn kühn am linken Bein, wobei in As-Dur leis er sang: "O Tschinglibunglitangliwang."

Der Mann liegt nun in seinem Blut, und so was endet selten gut, der Räuber bald am Galgen hang in Tschinglibunglitangliwang.

Und die Moral von der Geschicht: Fahr mit dem Schiff nach China nicht, und folge niemals innrem Drang nach Tschinglibunglitangliwang.
Die Melodie zu dieser Blödelei teile ich lieber nicht mit, denn das gesungene Tschinglibunglitangliwang könnte manchen bis in seine Träume begleiten und zum Alptraum werden. Eine ähnliche Reimerei gehört zu diesem Scherenschnitt aus dem 19. Jahrhundert.

Chinesen-Scherenschnitt

 
 
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