Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 42
1. März 2006
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Charmanter Wiener warb für Hamburgs Wirtschaft

Das war eine Stunde der runden Zahlen – obwohl sie nicht ganz so rund, nämlich kurz nach 12.30 Uhr, begann, im English-German Club an der Außenalster: Bernd Riegerl, Project Manager der Hamburgischen Behörde für Wirtschaftsförderung (HWF), trat in den Ruhestand. Dr. Dietmar Düdden, Chef der HWF, hatte einen kleinen Kreis von Menschen in Hamburg, die Bernd Riegerl in den letzten Jahren seines beruflichen und gesellschaftlichen Wirkens begleitet hatten, zu einem Empfang geladen.

Bernd Riegerl Bernd Riegerl war in der HWF zuständig für Südchina, Hongkong und Taiwan gewesen, aber auch für weitere Teile des "Greater Asia". Dr. Düdden wies in seiner kurzen, aber angenehm gehaltenen Ansprache darauf hin, daß Bernd Riegerl an diesem 1. Februar nicht nur seinen 65. Geburtstag feiere und damit den Eintritt in den Ruhestand: Vor genau vierzig Jahren habe Riegerl – ein gebürtiger Wiener, der später an der Sophia-Universität in Tokio studierte – zum ersten Mal seinen Fuß auf den Boden Asiens gesetzt, und vor zwanzig Jahren habe er seine erfolgreiche Arbeit an der HWF begonnen. Selbstverständlich überging er nicht, daß dessen Wiener Charme und seine liebenswürdige Überzeugungskraft zu diesen Erfolgen beitrugen, doch er erzählte auch, daß bei solchen "Geschäftsreisen" nach Fernost noch spät in der Nacht aus dem Hotelzimmer von Riegerl Schwaden von Zigarrenrauch auf die Flure drangen: Charme allein, ohne hartnäckige Arbeit, mag einmal einen Erfolg bringen, doch selten eine Wiederholung.

Stefan Matz, ebenfalls von der HWF, wußte diesen Erfolg durch eine abermals runde Zahl zu beziffern: 500 (!) Firmen aus Fernost und Südasien habe Riegerl während seiner zwanzig Jahre an der HWF in Hamburg angesiedelt. Matz wird sein Nachfolger an der HWF, auch Aresa Brand, denn anläßlich des Ausscheidens von Riegerl ist es notwendig, die Geschäftsverteilung in der HWF neu zu ordnen. Seine Schuhe sind groß, doch auch Matz und Brand sind als vortreffliche Repräsentanten Hamburger China/Fernost-Kompetenz bekannt.

Ob beide auch Golf spielen? Für geschäftliche Gespräche in Fernost ist dieser Sport manchmal eine förderliche Gelegenheit. Bernd Riegerl will jedenfalls an der Verbesserung seines Handycaps arbeiten, und nach Lage der Dinge wird er das öfter auf fernöstlichen Golfplätzen versuchen – vielleicht auch solchen in Dubai und in den USA, denn seine Familie, in Groß Borstel ansässig, ist längst in weitere Weltregionen ausgeschwärmt.
 
 
 

 Deutsche Zeitungen berichten wenig über Chinas Wirtschaft

Dieses Wochenende am 18./19. Februar 2006 ist das erste in der vorlesungsfreien Zeit, vulgo: Semesterferien, an der Universität Hamburg. Kein Gutachten ist dringlich, Vorbereitungen für Lehrveranstaltungen sind nicht notwendig, die Besprechungen mit Studenten in der nächsten Woche sind vorbereitet, eine kleine Rede ist am nächsten Donnerstag zu halten: viel Zeit bis dahin, Zeit also, die Wochenend-Ausgaben einiger Zeitungen geruhsam auf dem Schreibtisch auszubreiten, vor allem die Teile bzw. "Bücher" für Wirtschaft und Finanzen.

In der FAZ umfaßt dieser Teil 18 Seiten, in der "Süddeutschen Zeitung" immerhin 12, in der "Welt" noch acht. Was ist da alles zu studieren – über allgemeine deutsche und spezifische Unternehmer-Befindlichkeiten, auch viel Nützliches für das Wertpapier-Portefeuille! China kommt auf diesen vielen Seiten nur am Rande vor. Der SZ ist das Thema "Deutsche Bergbautechnik für China" über eine Zusammenarbeit zwischen der Ruhrkohle AG und der sogenannten Huainan-Gruppe einen Zweispalter wert, der "Welt" eine Notiz. Wahrscheinlich interessiert die RAG beide Blätter mehr als das Unternehmen aus der chinesische Provinz Anhui. Die FAZ interessiert hingegen in einem Dreispalter "Chinesen wollen Motorenwerk in Brasilien kaufen". Die "Chinesen" – das ist in diesem Falle die Lifan Industry Co. Ltd. aus dem südwestchinesischen Chongqing, und die FAZ interessiert sich für dieses Geschäft vor allem, weil BMW und Daimler-Chrysler die Eigentümer dieses brasilianischen Werks sind.

Wenn die führenden deutschen Tageszeitungen über chinesische Wirtschaft berichten, dann tun sie das immer wieder nur im Hinblick auf deutsche Unternehmen. Die Weltmacht der chinesischen Wirtschaft, die sich allmählich abzeichnet, verlangt jedoch nach einer umfassenderen Berichterstattung – vor allem über einzelne chinesische Unternehmen und deren Eigenheiten. Wahrscheinlich fehlt den etablierten Wirtschaftsjournalisten dieser Renommierblätter einfach die Chinakompetenz, um eine kontinuierliche und tiefergreifende Berichterstattung zu gewährleisten. Das hatte Folgen und wird künftig noch folgenreicher werden.

Da lobe ich mir das "Hamburger Abendblatt", das sich über die Jahre hinweg einer für eine Regionalzeitung überaus kompetenten Chinaberichterstattung widmete. An diesem Wochenende gilt der Hauptbeitrag ihres Wirtschaftsteils allerdings einem unerfreulichen Thema: "Fälschungen – Jedes Jahr Milliardenschäden – Auch Hamburger betroffen: Deutsche Produkte 'made in China'". Dem gleichen Thema galt, nicht zu übersehen, an diesem Wochenende auch eine Karikatur in der FAZ: Ein Drache verwandelt einen "Transrapid" in einen "Tlanslapid".

Noch kritischer würde Chinas Wirtschaft betrachtet werden, wenn mehr Genauigkeiten über ihre Geschäftsgepflogenheiten und deren Ergebnisse berichtet würden. Andere Zeitungsressorts sind den der Wirtschaft gewidmeten möglicherweise voraus: Die Darbietung eines chinesischen Eislaufpaares bei der Olympiade in Turin weckte in den Sport-Journalisten einhelliges Entsetzen über menschenverachtende Drillhaltungen – und sie widmeten diesen lange Bildfolgen. Da paßt gut ins Bild, daß der auf der Insel Rügen erstmals in Deutschland entdeckte Vogelgrippe-Erreger in der nordwestchinesischen Provinz Qinghai beheimatet ist. Zahlreiche stolze und blütenweiße Schwäne sollen ihm dort zum Opfer gefallen sein. Das mag so sein, doch in jedem Winter verenden in den Boddengewässern von Rügen in winterlichem Eis zahlreiche Schwäne: einstweilen kein Grund zu Panik, auch nicht bei den wirtschaftlichen China-Gegebenheiten, wohl aber Grund zu Aufmerksamkeit – und Anlaß für viel journalistische Recherche!
 
 
 

 Hamburger China-Institutionen bereiten CHINA TIME 2006 vor

China Time, Hamburg 2006 Das Senatsprojekt CHINA TIME gewinnt allmählich Konturen – undeutliche zwar, doch immerhin. Bis zum 21. September, für welches Datum der offizielle Auftakt geplant ist, bleibt noch Zeit.

Ein "Forum" soll eine Säule im Veranstaltungsprogramm werden, "in dessen Rahmen die zahlreichen chinabezogenen Hamburger Institutionen, Firmen, Vereine, Verbände Veranstaltungen durchführen werden. Hier engagieren sich Fachleute verschiedenster Ressorts, die mit ihren Veranstaltungen das breite Spektrum gewachsener China-Kompetenz repräsentieren." So will eine amtliche Verlautbarung.

Das wollen auch zahlreiche interessierte "chinabezogene" Institutionen usw. Erste Programmkonzepte liegen bereits vor. Was wird es da alles geben! Foto- und Kunstausstellungen, Filme und Varieté, musikalische Darbietungen in kleinen und größeren Rahmen, Mode auch, Vorträge und Podiumsdiskussionen reichlich, Schulbesichtungen gar, wenn dort Chinesischunterricht erteilt wird, der Botanische Garten wird ein großes Programm um seine Bambus-Sammlung ranken, TCM und Wirtschaft dürfen nicht fehlen, ein sino-europäisches Golfturnier ist angesagt, und auch die Military-Reiter kommen auf ihre Kosten.

Vielfältig und begeisternd ist das alles, und die Hamburg Marketing GMbH wird es in ihre "kommunikative Plattform" einbauen, die Hamburg Tourismus GmbH es "umfassend vernetzen und vermarkten". Da regt sich die Vorfreude, und das chinabewegte Herz des Berichterstatters beginnt zu hüpfen.

Dann, in jener letzten Septemberdekade, wird er freilich auf sein Herz aufpassen müssen: Wie soll ihm wohl gelingen, auch nur einen kleinen Teil dieser Veranstaltungen zu besuchen? Eine Veranstaltung wird die andere jagen, eine Eröffnung die nächste, und nicht selten werden sie wohl zur gleichen Stunde stattfinden. Da mögen die altchinesischen Tao-Künste hilfreich werden. Vermittels ihrer läßt sich ein Körper so aufspalten, daß er an mehreren Orten gleichzeitig erscheinen kann. Auch das läßt sich wohl noch bis zum September lernen.

Sonst werden manche Veranstalter möglicherweise etwas selbstgenügsam dreinblicken, wenn wegen der großen Veranstaltungsdichte nur das eigene und vertraute Publikum aus der jeweiligen Hamburg China-"Szene" erscheint. Das wäre betrüblich, angesichts von großem Engagement – und vielleicht lassen sich Wege finden, dem auch auf andere Weise zu begegnen als mit dem taoistischen Tao, das ja ebenfalls "Weg" bedeutet.
 
 
 

 Blicke in die Provinz lohnen sich

Immer häufiger ist für chinainteressierte Hamburger aufschlußreich, sich ein wenig außerhalb der Grenzen der "europäischen China-Metropole" Hamburg umzusehen – und sie müssen ihre Blicke dann gar nicht so weit schweifen lassen, nicht nach Frankfurt und Düsseldorf zum Beispiel. In den nächsten Wochen würde das nahegelegene Brunsbüttel ein interessantes Ziel sein.

Nicht nur der gewaltige Schiffsverkehr auf dem Nord-Ostsee-Kanal ließe sich dann in aller Ruhe studieren. Am 23. Februar 2006 eröffnete die dortige Stadtgalerie im ansehnlichen "Elbeforum" eine Ausstellung chinesischer Gegenwartskunst: "Verwegte Blicke. Chinesische Künstler sehen ins 21. Jahrhundert."

Aus den Beständen des Kunstmuseums Shenzhen, dieser Hightech-Metropole im südöstlichen China – "Chinas jüngste Stadt", immerhin schon sechs Millionen Bewohner – war eine kleine und sorgsam zusammengestellte Sammlung solcher Kunst nach Brunsbüttel gekommen, eine stattliche Delegation von sachverständigen chinesischen Begleitern der Kunstwerke ebenso.

Verwegte Blicke Dr. W. Plüghan, Leiter des "Elbeforum", eröffnete die Ausstellung, Landesminister Dietrich Austermann sprach, ebenso Generalkonsul Ma Jinsheng, und auch die Abgesandten aus Shenzhen kamen zu Wort, die Kuratorin der Ausstellung, Silke Eikermann-Moseberg, wußte viele Einzelheiten über die in der Ausstellung vertretenen Künstler, und die Lübecker Cellistin Gudrun Schröder spielte zur Umrahmung der Reden. Eine weitere kam gar noch hinzu.

Das in erfreulich großer Zahl erschienene Publikum, wohl 250 Interessierte, lauschte aufgeschlossen den Eröffnungsansprachen – und dann waren die Blicke auf die Bilder freigegeben. Einige Betrachter zeigten sich aufgewühlt durch ihre Motive und Darstellungsweisen, die so gar nicht zu ihren bisherigen Vorstellungen von chinesischer Kunst paßten. Nicht wenige Gäste waren über größere Entfernungen aus anderen Teilen Schleswig-Holsteins zu diesem Ereignis nach Brunsbüttel gefahren, auch aus Hamburg einige.

Manches Aufschlussreiche läßt sich bei solchen Gelegenheiten und in den Gesprächen nebenbei vernehmen – zum Beispiel, daß Hamburg für den Kulturaustausch mit der Partnerstadt Shanghai alljährlich nur einige tausend Euro zur Verfügung hält. Das kann ein Hamburger, der die Kulturbehörde nicht von innen kennt, beinahe nicht glauben – und wenn er es glauben wollte, dann müßte er unausgesetzt den Kopf schütteln über so viel Ignoranz. Brunsbüttel hat da viel tiefer in die eigenen Taschen gegriffen, und wahrscheinlich hat Minister Austermann etwas dazugegeben. Sein Ressort umfaßt neben der Wissenschaft schließlich auch Wirtschaft und Verkehr. Er – aber auch die Verantwortlichen des boomenden Shenzhen – beherzigen anscheinend, daß der Warenaustausch nicht das Maß aller Dinge ist.
 
 
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