Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 41
13. November 2005
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
 

 Wundersames Südkorea I

Aus Anlaß der Frankfurter Buchmesse, mit Südkorea als "Gastland", berichteten die deutschen Medien im Herbst dieses Jahres öfter als gewohnt über Südkorea – nicht nur über dessen Literatur und die Querelen mit Nordkorea, sondern auch über die Lebensverhältnisse dort. Nicht selten schwang dabei ein leicht hämischer Unterton mit, wenn konstatiert wurde, daß auch in diesem "Tigerstaat" inzwischen Staat und Gesellschaft in einer Krise steckten. Desungeachtet, in nicht weniger Hinsicht bleibt Südkorea weiterhin mustergültig. – Manchmal blickte der Hamburger Beobachter dann neidvoll nach Frankfurt: vier Korea-Ausstellungen in den dortigen Museen, Fotokunst und anderes in Galerien, eine atemberaubende Tanztruppe und vieles mehr, nicht zuletzt: "Koreaner zieht es nach Frankfurt: 260 Unternehmen haben sich bereits in der Region angesiedelt."

in Südkorea

Ein Besucher dieses Landes wird an vielen Einzelheiten wahrnehmen, wie Lebenskraft und Lebensfreude zugleich sich zeigen können.

Nicht schlecht staunte der Berichterstatter, als er am 3. Oktober – auch in Südkorea Nationalfeiertag – in einen der so schönen wie zahlreichen Nationalparks spazierte. Staunenswert war nicht etwa die Vielzahl der Besucher, die ihre Karossen abgestellt hatten und wanderten oder flanierten. Die privaten Wohnverhältnisse in Südkorea wirken bescheiden, und so streben die Landesbewohner bei allen erdenklichen Gelegenheiten in die Natur.

Staunenswert war: Kleine Kinder, Jungen und Mädchen, sechs- bis zwölfjährig vielleicht, säumten die Wegränder, ihre Mütter meistens nahebei. Alle hatten ein Zeichenblatt vor sich. Angestrengt studierten sie die Landschaft – und gaben sie so wieder, wie sie diese erblickten. Manche hatten genau hingesehen, andere eher die eigenen inneren Vorstellungen betrachtet. Hunderte Kinder malten vor und in der Natur!

Kinder-Malwettbewerb in Südkorea

Das allein schon – solche Auseinandersetzung mit der Natur – erschien dem müßigen Spaziergänger als beachtenswert, und die Kleinen störte seine Neugier nicht. Dann aber entdeckte er den Anlaß dieser kindlichen Mallust: Das war ein Wettbewerb! Dieser Umstand erklärte auch, warum die Zeichenblätter einheitlich aussahen. Die künstlerischen Techniken durften die Kinder anscheinend selbst bestimmen.

Südkoreanische Eltern geben bis zu 30 Prozent ihres Einkommens für ihre Kinder aus – und zwar nicht für Designer-Klamotten, sondern für Bildung und Ausbildung. Das schmälert die Mittel für den Wohnkomfort und andere elterliche Behaglichkeiten, setzt auch die geliebten Kleinen gewaltig unter Druck, und diese kennen ihre PCs bekanntlich besser als alle Kinder weltweit. Solche Belastungen – noch dazu Wettbewerbe! – mögen hiesigen Pädagogen und Schulpolitikern als unerträglich erscheinen, doch künstlerische Wettbewerbe in Anschauung der Natur gleichen wiederum Belastungen aus.

Nie hat der berichterstattende Müßiggänger mehr konzentriert gespitzte Zungen aus Kindermäulchen hervorlugen sehen! Die Mütter mischten sich erkennbar selten in die Gestaltungen ihrer Kleinen ein, sondern plauderten miteinander. Trotz aller Anspannung waren das entspannte Bilder. Wo die zugehörigen Väter und Ehemänner sich aufhielten, das fand der Berichterstatter nicht heraus.
 
 
 
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Chinareisender – in Sachen Kohle
 
  Die hundertste Wiederkehr seines Todestages hat wenig öffentliche Beachtung gefunden: Ferdinand Freiherr von Richthofen (* 5. Mai 1833, + 6. Oktober 1905). Er war unter den europäischen Chinaforschern und -kennern des 19. Jahrhunderts eine herausragende Gestalt.

Die erste Reise Asienreise, 1860 bis 1862, führte ihn zunächst vor allem nach Ceylon, Japan, Taiwan und Java, eine Durchquerung Zentralsiens konnte er nicht verwirklichen. Nach Zwischenaufenthalten in Amerika kehrte er im Jahre 1868 nach China zurück – und jetzt "bereiste" er dieses systematisch. Als ausgebildeter Geologe interessierte er sich vor allem für die geomorphologische Gegebenheiten, bald auch für die Geographie und die Lebensweise der Menschen. Dreizehn der damaligen achtzehn Provinzen nahm er in Augenschein, doch als er 1871 in Ssechuan ausgeplündert worden war, verließ er China via Shanghai.

Zunächst, 1875, wurde er dann Professor für Geologie in Bonn, später als erhofft, 1883, für Geographie in Leipzig, und mit dem 1886 erfolgten Ruf nach Berlin hatte er sein Lebensziel erreicht. In stattlichen Bänden berichtete er über seine Reiseerkenntnisse und seine neuen akademischen und methodischen Einsichten. Vor allem die fünf Bände (mit Atlas) "China. Ergebnisse eigener Reisen", die zum Teil posthum erschienen (1877-1912), dokumentieren seine Chinaerkenntnisse.

Nicht überraschend: von Richthofen erkundete China nicht unvoreingenommen. Der europäische Kolonialismus hatte sich dieses Land erschlossen, war aber nur in wenige Küstenregionen vorgedrungen. Auch in Preußen, in welchem er studiert hatte, regte sich kolonialistisches Aufbruchstreben, und Richthofen bereitete diesem mit preußischer Gründlichkeit den Boden. In seine ebenfalls posthum, 1907, erschienenen "Tagebücher aus China" schreibt er im Oktober 1868:

Ferdinand von Richthofen

"Die Öffnung der ersten Kohlenminen ist, nach meiner Meinung, der erste Schritt zur materiellen und geistigen Umwälzung dieses Reiches von vierhundert Millionen Seelen. Damit ist den Fremden das Land geöffnet; sie werden die Bearbeitung der Minen schnell ausdehnen, europäische Industrie einführen, Eisenbahnen und Telegraphen bauen und China dem Weltverkehr und der Zivilisation öffnen. Ein Schritt muß auf den anderen mit Notwendigkeit folgen."

Vor allem den Kohlevorkommen galt Richthofens Augenmerk, für die Würdigung der chinesischen Kulturschätze fehlten ihm die Vorkenntnisse, vielleicht auch der unvoreingenommene Blick. Über Hang-chou und den berühmten Westsee dort verzeichnet er am 6. Dezember 1868 schnöde:

"Für die jetzigen Reisenden ist es nicht möglich, in das emphatische Lob Marco Polo's einzustimmen. Der See ist so hübsch, wie ein See zwischen beinahe kahlen Hügeln im Niveau des Meeres sein kann. Aber das ist eben nicht viel. Und es fehlt jetzt die Staffage, die den venetianischen Reisenden so sehr entzückte."

Diese Stadt hatte unter dem Aufstand der T'ai-p'ing zu leiden gehabt. – Immerhin bemüht sich dieser Reisende, die Landessprache zu lernen:

"Ich quäle mich jetzt damit, Chinesisch zu lernen, nicht nur Sprechen, sondern auch Lesen und Schreiben. Es ist nicht schwer, aber entsetzlich mühsam, und man hat das entmutigende Bewußtsein, seine Zeit auf etwas zu verwenden, das zwar hier unumgänglich notwendig ist, wenn man mit Erfolg reisen will, sonst aber nicht den geringsten Nutzen hat."

Das Bewußtsein solcher Unumgänglichkeit unterschied Richthofen von den meisten in China weilenden Europäern, doch das bringt ihn den Menschen nicht näher, von denen er meint "Auch hinsichtlich der Obstkultur haben die Chinesen noch das A-B-C zu lernen." Und dann – über die Menschen:

"Wenn man diese Genügsamkeit, Zufriedenheit, Nüchternheit, Arbeitsamkeit und so viele andere Eigenschaften, die nur den besseren Teil der europäischen Landbevölkerungen zieren, sieht, so kann man sich kaum erklären, wie doch daneben das ganze Volk voll Lüge steckt."

Nicht selten stehen Anerkennung und Herabwürdigung auf ähnliche Weise nebeneinander. – Die Bedeutung dieses Freiherrn von Richthofen für deutsche Chinabilder ist nicht leicht zu unterschätzen, und – trotz allem! – seine Schriften geben immer noch aufschlußreiche Einblicke in chinesische Lebensalltage vor mehr als 125 Jahren. Die Abbildung zeigt ihn in einem chinesischen Karren. Meistens bewegte er sich in einem Tragestuhl, der zwischen zwei Maulesel gehängt war, durch das Land, nicht selten auch zu Fuß.
 
 
 
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In die Höhe!
 
  Am 9. Tag des 9. Monats nach dem Mondkalender feierte die chinesische Kultur das letzte ihrer großen jahreszeitlichen Feste. Es hatte den Namen Ch'ung-chiu, "Doppelte Neun", oder Ch'ung-yang, "Doppeltes Yang". Die Zahl Neun war, wie alle ungeraden Zahlen, eine der Urkraft Yang zugeordnete Zahl und zugleich deren vollkommenste. So wurde sie regelhaft der Sonne verbunden, und die Menschen erfreuten sich bei diesem Fest der bunten Herbstfarben in der Natur. Zum Brauchtum gehörte, daß sie dabei auf eine Anhöhe, einen Berg gar, stiegen.

Dieser Brauch soll auf einer Legende aus der Han-Zeit fußen. Einem rechtschaffenen Gelehrten hatte ein Wahrsager bedeutet, an diesem Tag der Doppelten Neun drohe ihm und seiner Familie schreckliche Gefahr. Er solle hoch in den Bergen Zuflucht suchen, dort, "wo nichts zwischen dir und dem Himmel ist." Der Gelehrte nimmt sich das zu Herzen, und als er am Abend zurückkehrt, findet er seinen Hausstaat verwüstet und sein ganzes Vieh hingemetzelt. – Die Legende verschweigt, welche Unbill dem Gelehrten drohte, und wer die Verwüstung seines Anwesens bewirkte.

Tatsächlich wird das Fest bereits in Quellen aus dieser frühen Zeit erwähnt, und möglicherweise reicht es gar in ferne Urzeiten zurück. Ein Forscher ersann gar die Hypothese, solches Steigen in die Berge habe einen ganz anderen Beweggrund: Nach beendeter Ernte seien häufig barbarische Feinde angerückt, um sich des Korns schnell und billig zu bemächtigen. Diese sollten frühzeitig ausgespäht werden.

Wie dem auch sei, jedenfalls soll bereits der anonyme hanzeitliche Bergflüchtling Chrysanthemen-Wein mit sich geführt haben. Diese Herbstblüte, deren Gestalt an die strahlende Sonne erinnerte, war die Blüte des 9. Monats, und ihre Blütenblätter sollten, in den Wein gestreut, dessen Geschmack verfeinern – und zugleich das Leben verlängern. "Wein des langen Lebens" hieß solcher Wein auch, und "Blüte des Doppelten Yang" lautete einer der zahlreichen Beinamen der Chrysantheme, eine der Lieblingsblüten der chinesischen Literaten. Eher diese, weniger die Bauern, feierten dieses Fest.

deng gao Deshalb mußte das auch nicht unbedingt ein richtiger Berg sein, auf dem es gefeiert wurde: nur mühsam zu erklimmen! Ein Pavillon, etwas erhöht gelegen, genügte dem geforderten "Aufstieg auf eine Anhöhe" (teng-kao) – dies ein weiterer Name des Festes – durchaus. Unerläßlich dabei war lediglich, neben dem Chrysanthemenwein, ein reichgefüllter Picknickkorb, in dem auch der teng-kao-Kuchen nicht fehlte, der unter anderem Hellsichtigkeit versprach.

Unbeschwert ging es bei solchen "Chrysanthemen-Gesellschaften" zu. Die einen ließen Drachen steigen, deren vortrefflichste in den Lüften gleich Äolsharfen klangen. Andere ergötzten sich bei Kämpfen der Grillen, die sie zu diesem Vergnügen schon Tage zuvor eingefangen und sorgsam gehütet hatten. Viele dichteten auch, denn ihr Patron Konfuzius soll einst gesagt haben: "Wenn ein Edler auf eine Anhöhe steigt, muß er dichten." So verstanden sie jedenfalls dieses Wort, und die Gedichte über dieses Fest sind Legion. Ob sie bei ihren Lustbarkeiten auch im Sinn hatten, daß für Yen Hui, den bescheidenen und karg lebenden Lieblingsschüler des Konfuzius, zwei Tage später dessen Gedenken im Konfuziustempel zu zelebrieren war?

Mit Sicherheit haben sie bei ihren Ausflügen noch an etwas ganz anderes gedacht: teng-kao hat auch die Bedeutung "im Amt aufsteigen/befördert werden". Sollten diese sonst so gravitätischen Literatenbeamten des Alten China bei Drachen-Tollereien und Chrysanthemen-Wein nicht auch an ihre Karriere gedacht haben? Was aber dachte sich der Besitzer der abgebildeten Brokatbordüre? Sie wurde 1995 aus einem Grabfeld in der Provinz Xinjiang geborgen und stammt aus dem 3. Jahrhundert. Auch in sie sind mehrfach die Schriftzeichen für teng-kao eingewebt.
 
 
 
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Tee-Legenden
 
  Am 13./14. November 2004 schrieb Margarete Kummer im "Hamburger Abendblatt" einen längeren Beitrag über die Teelust der Ostfriesen. Darin wußte sie: "Der Tee – eine unendliche Geschichte: Schon vor 4700 Jahren kannten die Chinesen den Teestrauch."

Vor 4700 Jahren, also 2700 v. Chr.? Irgendein Frühmensch, der damals auf dem Boden des heutigen China lebte, mag den Teestrauch (Thea/Camellia sinensis) damals gekannt haben. Aber ob er damit bzw. mit dessen Blättern etwas anzufangen wußte? Das ist sehr unwahrscheinlich.

Eine Schrift eines angesehenen Handelshauses für Tee in Hamburg weiß 2005 noch genauer: "2737 v. Chr. – Nach einer chinesischen Legende entdeckt Kaiser Shen-nung, der 'Göttliche Landmann', zufällig den Tee. Ein Blatt eines wildgewachsenen Teestrauchs soll in seine Trinkschale gefallen sein, die mit heißem Wasser gefüllt ist. Der Kaiser probiert dieses angenehm duftende Getränk, es schmeckt und es erfrischt ihn – er ist begeistert. Teil der Legende sind auch die medizinischen Eigenschaften des Tees. Nach einer anderen Version soll der Kaiser giftige Kräuter zu sich genommen haben, doch der Tee rettet sein Leben. Darauf befiehlt er seinem Volk den Anbau von Tee."

Erfreulicherweise werden diese Überlieferungen hier ausdrücklich als Legenden gekennzeichnet. Überhaupt sollte zum allgemeinen Wissensgut gehören, daß alle Jahresangaben zur chinesischen Geschichte, die vor das Jahr 841 v. Chr. zurückgehen, entweder fiktiv-erfunden oder wissenschaftlich-kalkuliert sind, also zweifelhaft. Die Zahl 2737 v. Chr. ist eine von den vielen fiktiv-erfundenen.

Historisch sicher ist der Teegebrauch seit dem ersten nachchristlichen Jahrhundert. Damals schrieb der bedeutende Literat Wang Pao, um das Jahr 50, einen satirischen "Kontrakt mit einem Sklaven". Unter dessen Bestimmungen steht, daß dieser "Tee einkaufen" und "Tee kochen und in die Gefäße füllen" müsse.

Teeanbau in China

Wang Pao stammte aus dem Gebiet des heutigen Ssechuan. Dieses, oder Yünnan, soll auch das Ursprungsgebiet des Teestrauches sein. So mag der Tee dort eher als im sonstigen China genutzt worden sein, doch die Forscher sind sich einig, daß er zunächst als Arznei diente, nicht als anregender Trunk zur Steigerung des Wohlbefindens.

Eine weitere Legende berichtet, buddhistische Mönche hätten im 1. Jahrhundert den Tee aus Indien nach China gebracht. Das müßte eine zweite Art dieses Kameliengewächses gewesen sein: Thea camelia assamica, die erst viele Jahrhunderte später von den Briten für Europa entdeckt wurde. Den Mönchen diente Tee nachweislich als belebendes Mittel bei ihren langwährenden Meditationsübungen. – Vielleicht trat der Teegenuß also auf zwei Wegen seinen Siegeszug nach China und um die Welt an.

Den Eindruck, der Tee sei ein Genußmittel, vermittelt erst die Beschreibung eines Gelages, das bei dem Herrscher Sun Hao im Südosten stattfand, ungefähr 270. Um gegen den trinkmächtigen Herrscher bestehen zu können, ließ sich ein gewisser Wei Yao heimlich Tee statt Reiswein einschenken. Auch als Tu Yu im 4. Jahrhundert seine nur fragmentarisch erhaltene "Poetische Beschreibung des Tees" verfaßte, schätzte er diesen wohl als anregendes Getränk, nicht als Arznei.

Die alte chinesische Literatur nennt den Teestrauch mit mehreren Namen: t'u, she, ch'uan, chia und ming. Das Wort und das Schriftzeichen für ch'a, die später gebräuchliche Bezeichnung, sind künstliche Ableitungen aus dem t'u. Der lateinische Name geht auf den Forschungsreisenden Engelbert Kaempfer (1651-1716) zurück. Das deutsche "Tee" leitet sich, wie die entsprechenden Wörter in anderen europäischen Sprachen, aus der Aussprache von ch'a im Amoy-Dialekt, einem Küstendialekt, her: t'e. Die Russen, welche den Tee auf dem Landweg kennenlernten, bewahrten die hochchinesische Aussprache in ihrem "chai" besser.
 
 
 
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Nicht so alt wie Konfuzius
 
  Überaus selten und dann meistens formelhaft spricht ein chinesischer Geschichtsschreiber in einem historischen Werk von der eigenen Person und sagt sogar "ich". Ch'en Shou (233-297) tut das gegen Ende des Kapitels 42 seines San-kuo chih, "Denkwürdigkeiten über die Drei Reiche", in einer Biographie des Ch'iao Chou (199-270)

Ch'iao Chou, der aus einer gelehrten, aber nicht sehr vermögenden Familie aus dem Gebiet des heutigen Ssechuan stammte, hatte in den Diensten eines dieser Drei Reiche gestanden, des Reiches Shu, das Liu Pei, ein Abkömmling des Kaiserhauses der Früheren Han, im Jahre 221 begründet hatte und das gut vier Jahrzehnte fortbestehen sollte. Hohe und einflußreiche politische Positionen hatte Ch'iao Chou nie inne, doch anscheinend war er als Politikberater gefragt. Als dieses Shu untergegangen war, versagt er sich den neuen Herrschern.

Ch'en Shou erzählt, er habe Ch'iao Chou im Jahre 269 besucht. Der habe ihm erklärt, Konfuzius sei mit 72 Jahren gestorben, die gelehrten Literaten Liu Hsiang (77-6) und Yang Hsiung (53 v. Chr.-18.n. Chr.), die sich in der Nachfolge des Konfuzius sahen, seien mit 71 gestorben. Aus Verehrung für den alten Weisen werde auch er sich nicht anmaßen wollen, dessen Lebensalter zu erreichen, doch mit den beiden anderen wolle er es schon aufnehmen. Im nächsten Jahr stirbt er dann, wunschgemäß, und Ch'en Shou meint, Ch'iao Chou habe wohl über "Künste" geboten, magische Fähigkeiten. – Wenn Ch'iao Chou sich diesen vergangenen Zelebritäten vergleicht, anderen nicht unähnlich, dann enthüllt er nebenbei, welches Selbstbewußtsein diese frühen Literaten oft erfüllte.

Ein solches zeigen auch die wenigen literarischen Werke von Ch'iao Chou, die überliefert blieben. Eine Throneingabe aus dem Jahre 238 gehört dazu, in welcher er gegen die verschwenderische Lebensführung seines Herrschers wettert. Zehn Jahre danach bedeutet er diesem – in einem Essay Ch'ou-kuo lun, "Über die verfeindeten Staaten – drastisch, daß sein Teilreich Shu es nicht mit dem mächtigeren Rivalen Wei aufnehmen könne, sondern sein Heil in der Konsolidierung des eigenen ungefestigten Staatswesens suchen müsse. Ganz witzig liest sich diese Mahnung, die als fiktiver Dialog zwischen einem "Minister" und einem "Meister" angelegt ist, voll Anspielungen auf einen älteren Text. In einer weiteren Throneingabe drängt er im Jahre 263 sogar den Shu-Herrscher, sich Wei zu unterwerfen – fraglos eine unpopuläre Meinung, aber nach den Grundsätzen konfuzianischer Staatslehre begründet.

Qiao Zhou

Neben solchen politischen Tagesschriften widmete Ch'iao Chou sich umfangreichen gelehrten Werken – so einem Kommentar zu den "Gesprächen" des Konfuzius und dem kritischen Wu-ching jan-fou lun in fünf Kapiteln, "Erörterung dessen, was in den Fünf Klassikern richtig ist und was nicht". Auch das klingt selbstbewußt. Von diesen Werken blieben nur wenige Zitate erhalten, auch von einem weiteren Hauptwerk, dem Fa-hsün, "Mustergültige Belehrungen", mit welchem er Anlage und Anspruch eines Werkes des von ihm verehrten Yang Hsiung aufnahm – von dessen Fa-yen, "Verbindliche Worte".

"Kindesehrfurcht ist die Wurzel aller Handlungsweisen", sagt Ch'iao Chou hier. "Noch nie hat man gesehen, daß jemandem gelang, die Zweige zu bewahren, nachdem er die Wurzeln durchtrennt hatte." Ein weiteres kerniges Wörtchen aus diesen "Mustergültigen Belehrungen": "Wer habgierig ist, dem fällt schwer, gütig zu sein." Er mischt sich aber auch hier in aktuelle Debatten sein: In er Frage, wer bei einer Zwillingsgeburt als älter oder jünger zu gelten habe, erklärt er kurz und bündig, das seien Überlegungen von Bauern, eines Edlen nicht würdig. Dabei spielte dieses Problem in konfuzianischen Anciennitäts-Riten eine starke Rolle.

Einmal fragte ihn, schreibt er weiter, ein "Jemand", woran ein Edler, der in einer engen Gasse lebe, sich denn erfreue. Möglicherweise spielte diese Frage spitz auf die nicht sonderlich ansehnlichen Lebensumstände von Ch'iao Chou an. Der ist nicht um eine Antwort verlegen: "Er freut sich, seine Eltern bekommen zu haben, und freut sich, seine Freunde bekommen zu haben, und freut sich über den Rechten Weg der weisen Männer." Der weise Mann par excellence ist der von Ch'iao verehrte Konfuzius, und der hätte sich gewiß seines Nachdenkers erfreut.
 
 
 
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Innere Kräfte
 
  Als die Dame, die viele nur Madame Chiang Kai-shek nannten, am 23. Oktober 2003 im Alter von 106 Jahren starb, nahm kaum jemand davon Notiz. Dabei war sie eine der mächtigsten Frauen der Welt gewesen, eine schöne dazu. Ihr eigentlicher Name war Sung Mei-ling.

Am 14. März 1897 wurde Sung Mei-ling in Shanghai geboren. Ihr Vater Sung Yao-ju (1866-1918), ein Hakka von der Insel Hainan und in den USA zum Christen geworden, hatte in Shanghai ein Vermögen gemacht. Ni Kuei-chen, die Mutter, stammte aus einer angesehenen Familie in Shanghai, sie wurde modern erzogen und ausgebildet. Auch sie hing dem Christentum an. Nachdem die kleine Mei-ling durch einen Privatlehrer eine traditionelle chinesische Ausbildung erhalten hatte und dann eine Missionsschule besuchte, schickten die Eltern sie 1907 in die USA. Sie absolvierte mehrere Colleges und zeigte sich als umgängliche Kommilitonin. Sie habe über einen unabhängigen Geist verfügt, erinnert sich später ein Mitstudent, und über innere Kräfte.

Die Brüder von Sung Mei-ling wurden bedeutende Bankiers. Noch berühmter wurden allerdings die drei Schwestern: Sung Mei-ling, die jüngste, sowie Sung Ai-ling , die einen Finanzmagnaten ehelichte, und Sung Ch'ing-ling, seit 1915 die Frau von Sun Yat-sen, dem "Vater" der Republik China. "Die eine liebte das Geld", hieß es später über die drei, "die andere die Macht und die dritte China." Die mit der Macht war Mei-ling, die von sich sagte: "Das einzig Asiatische an mir ist mein Gesicht."

Um Macht, aber auch um "innere Kräfte", ging es, als sie im Jahre 1922 Chiang Kai-shek kennenlernte. Anscheinend ließ sie ihn fünf Jahre lang um sich werben, bevor sie diese Verbindung bekanntmachte. Da hatte sie aber schon den starken Widerstand ihrer Mutter, Madame Ni, gegen diese Beziehung überwunden, erst recht den schwesterlichen von Sung Ch'ing-ling, die dem aufstrebenden Militär aus politischen Gründen mißtraute.

Auch bei Chiang Kai-shek war einiges zu überwinden. Er ließ sich von seiner ersten Frau, Mao Fu-mei, scheiden, schickte eine Konkubine namens Yao I-ch'eng davon, aber dann gab es auch noch eine verschwiegene Gefährtin namens Ch'en Chieh-ju. Sie wurde mit 100.000 Dollar ausgestattet und zum Studium in die USA geschickt, während der künftige Generalissimus, der General aller Generäle, sich verpflichten mußte, die Bibel zu lesen und sich einer Grundausbildung im Christentum zu unterziehen.

Dann aber war für Sung Mei-ling alles klar, zumal Chiang sich gerade anschickte, die beherrschende Gestalt auf der politischen und militärischen Bühne Chinas zu werden. In den harten Jahren des 2. Weltkrieges rühmte man jedenfalls ihre "First Lady Diplomacy" – zum Wohle Chinas, ihrer Familie und der eigenen Person. Sie begleitete Chiang sogar zur Konferenz von Kairo und wurde triumphal gefeiert.

Tuschezeichnung von Song Meiling

Zwischen Politik und Privatheit überstand die Ehe mit Chiang manche dramatische Situation. Als 1944 die aus den USA zurückgekehrte Ch'en Chieh-ju in die Quisling-Regierung von Wang Ching-wei, der mit den Japanern kollaborierte, eingebunden werden sollte, wandte die Ch'en sich an Chiang. Der brachte sie in dem Haus eines nahen Freundes unter und besuchte sie häufig – und Sung Mei-ling rauschte in ein Ferienhaus ihrer eigenen Familie nach Brasilien ab, meldete sich krank und machte Geschäfte. Erst als sich der Sieg im Weltkrieg abzeichnete, kehrte sie als First Lady nach China zurück. Nach Chiangs Scheitern auf dem Festland wirkte sie, gewohnt tatkräftig, an der Modernisierung Taiwans mit, während ihre Tuschbilder in traditionellem Stil (siehe Abbildung) manchem Staatsgast als Geschenk zuteil wurden. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie wieder in die USA.

In einer letzten öffentlichen Erklärung bedauerte sie im Jahre 2000, daß ein gewisser Chang Hsiao-yen, eines von Chiangs illegitimen Kindern, in das Sippenregister der Chiang aufgenommen worden sei. Trotzdem: "Sie haben sich wohl geliebt", sagte ein Freund der Familie über ihre Ehe mit Chiang, und dafür spricht vieles. Als dieser Chang/Chiang Hsiao-wen im Jahre 2001 nach New York kam, sandte er ihr Blumen. Trotz ihres Wutausbruches seinetwegen respektierte er sie, diese außerordentliche Frau.
 
 
 
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Wundersames Südkorea II
 
  Der Grabpark eines frühen koreanischen Königshauses in der Nähe des heutigen Kwangju mag manchen europäischen Betrachtern nicht als sonderlich spektakulär erscheinen: grünbewachsene Hügel, bis zu zwanzig Meter hoch, sonst nichts. Nur eines dieser Gräber wurde systematisch-archäologisch erschlossen. Dessen Beigaben – Schätze allesamt – lassen sich in ausgezeichneten Nachbildungen bei einem Gang in das jetzt museal ausgestattete Grabinnere besichtigen, die Originale befinden sich im Nationalmuseum.

Die Öffnung weiterer Königs-, Königinnen- und königlicher Konkubinengräber aus dieser Zeit ist verboten. Vor zwanzig Jahren hörte der Berichterstatter, mit solcher Störung der Totenruhe werde ein Fluch verbunden, der auch bei der Öffnung des einen Grabes gewirkt habe. – Wie dem auch sei, nicht "spektakulär" wirkt ein Gang durch diese Szenerie, doch anmutige und liebenswürdige Bilder vermittelt er, manche gar beziehungsreich. Das so stolze wie liebenswürdige wie lebensfrohe Volk der Koreaner mag sich schon in jenen Frühzeiten so einiges mehr bei der Anlage dieser Gräber gedacht haben, mehr jedenfalls als die Bestimmungen der Geomantik verlangten.

Königsgräber in Südkorea

Den westlichen Reisenden durch Südkorea, wenn einigermaßen an dessen Kultur interessiert, werden immer wieder Hinweisschilder verwundern: Dies sei der Nationalschatz Nummer Soundso, das Naturdenkmal Nummer Soundso usw., einige Erklärungen dazu folgen. Solche Abwägungen und Systematisierungen folgen fraglos aus bestimmten ostasiatischen Traditionen, und ansatzweise gibt es sie auch hierzulande – nie jedoch vergleichbar öffentlich.

Deren Vorteile sind unübersehbar. – Wer möchte nicht in Hamburg einem koreanischen oder chinesischen Gast ein Verzeichnis der Hamburger Sehenswürdigkeiten, mit Kurzbeschreibungen, übergeben – geordnet etwa nach deren nationalem oder hansestädtischem Rang, geordnet auch nach der verfügbaren Besichtigungszeit: zwei Stunden, ein Tag, zwei Tage! Die Tourismuswerbung der Freien und Hansestadt will sich verstärkt um ostasiatischen Gäste bemühen. Das wäre eine (!) Anregung für sie.

Gerne erinnert sich der Berichterstatter an jenen höflichen japanischen Besucher, der an einem Sonntag Vormittag bewundernd vor der Kirche St. Johannis in Harvestehude stand: Diese schöne Bauwerk sei gewiß viele Jahrhunderte alt. Etwas enttäuscht hörte er sich an, wodurch sich hübsche neugotische Kirchen von den Glanzbauten der Gotik unterschieden. – Die Wahrnehmungen einer fremden und fernen Kultur . . . wer kennte nicht deren Gefährdungen und Trugschlüsse.

Die koreanischen "Denkmäler-Listen" und deren Darstellungen vor den Monumenten haben jedoch eine wesentliche andere Funktion als die Information von Touristen, zu der die englischsprachigen Erklärungen vor den Monumenten beitragen. Durch sie können sich die Landesbewohner – in sorgfältig abgestufter Weise – der eigenen historischen und kulturellen Traditionen vergewissern, die Naturdenkmäler eingeschlossen. Vergleichbare deutsche Hinweistafeln wirken demgegenüber konzept- und ziellos.

Über solche, auch vergleichbare, koreanische Modelle läßt sich trefflich debattieren. Wahrscheinlich haben sie dazu beigetragen, daß auf Koreas Straßen beinahe nur Autos aus koreanischer Produktion fahren, und zwar nur solche aus dem Bereich der Mittel- und Oberklassewagen. Einige der Luxusmarken sind im Westen noch fast unbekannt, doch das dürfte sich ändern, und für die Kleinwagen haben die großen koreanischen Autobauer längst andere Absatzmärkte gefunden.

Ist nicht der koreanische Konzern Hyundai der Hauptsponsor der Fußballweltmeisterschaft 2006, die in Deutschland, auch in Hamburg, ausgetragen werden soll? Kaum jemand macht sich Gedanken darüber, was die Namen der neuen ostasiatischen Weltkonzerne bedeuten. – Hyundai heißt, übersetzt, "Moderne , wörtlich: "Gegenwärtige Zeit", und das für "Zeit/Zeiten" gewählte Wort hat zusätzlich die alte Bedeutung "Herrscherdynastie". Der Programmatik nicht nur koreanischer, sondern auch chinesischer Firmennamen mag man lange nachsinnen.
 
 
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