Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 41
13. November 2005
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
 

 Drei Hamburger China/Korea-Literaten

I "Ein chinesischer Spion"

Im Jahre 1835 schloß Jacob Gallois ein Manuskript mit dem Titel "L'espion chinois à Hambourg", deutsch: "Ein chinesischer Spion in Hamburg", ab. Gallois (* 22. 04. 1793, + 09. 09. 1872) war, versprengt nach den napoleonischen Feldzügen, in Hamburg hängengeblieben und hatte hier als Französisch-Lehrer sein Auskommen gefunden. Im Gewand dieses chinesischen Spions lästert er, älteren literarischen Mustern folgend, über Hamburger Verhältnisse, ganz behutsam. Sein Werk wurde trotzdem zu seinen Lebzeiten nicht gedruckt. – Über den Hamburger Senat schreibt er, beispiels- und auszugsweise:

"Schlecht und recht, und ohne daß man viel davon merkt, wird Hamburg von einem Senat regiert. Er besteht aus 28 Mandarinen, sodaß auf jeden der 28. Teil einer an sich schon winzigen Machtbefugnis kommt. Es handelt sich um ein Mosaik von Souveränen, und man könnte versucht sein, die Senatoren als eine Mustersammlung von 'Monarchen' anzusehen. Die Körperschaft besteht aus 14 Juristen und 14 Kaufleuten. Ein literarisch gebildeter Mandarin befindet sich nicht unter ihnen. Es handelt sich um ein Sortiment von anonymen Celebritäten, gleichsam Staatsmännern, und ich werde mich hüten, ihr Porträt im Probedruck zu umreißen, aus Furcht, man könnte an mir einen Hang zur Karikatur entdecken. Ihre Tracht gibt ihnen einen vollendet chinesischen Anstrich. Der Zufall ließ mich einige von ihnen sehen, und ich muß gestehen, sie erschienen mir wie durch einen Zauber in Bewegung gesetzte Porzellanfiguren. (…)
Der Senat legt sich selbst das Prädikat 'ehrwürdig' zu, was nicht als übermäßig bescheiden anzusehen ist. Als sehr weise bezeichnet man diejenigen unter ihnen, die Jus studiert haben, die übrigen als wohlweise. Die Titel kosten nichts, und ebensowenig bedeuten sie auch.
In Hamburg braucht man für alles eine gewisse Lehrzeit: der Schneider z.B., um einen Anzug regelrecht zu verpfuschen, und der Zahnarzt, um einen gesunden Zahn mit Erfolg zu ziehen; lediglich der Herr Senator hat so etwas nicht nötig. Sobald solch ein Mann die Tracht anlegt, kommt zu dem Amt auch schon der Verstand, was leicht zu dem Glauben verführt, solch eine Robe ersetze den Mann. Die Senatoren bezahlt man dafür, daß sie Gesetze aushecken; ihre Besoldung verpflichtet sie aber nicht dazu, sich geistig in Unkosten zu stürzen."

Als nächstes sind die Syndici dran – bis heute eine Bezeichnung für die Staatsräte in den Behörden genannten Ministerien des Bundeslandes Hamburg, wenig später die Kaufleute und anderes und jedes. – Eine Satire ist eine äußerst zeitgebundene literarische Form, doch eine herausragende Satire nimmt auch Grundsätzlichkeiten aufs Korn und bleibt also lange gültig. Die Hamburg-Satire des sich in ein Chinesengewand hüllenden Franzosen in Hamburg ruft auch nach 170 Jahren noch einiges "Aha"-Schmunzeln hervor, selbst wenn dieses manchmal nur auf stereotype Vorurteile zurückgeht. Indes, "Ein literarisch gebildeter Mandarin befindet sich nicht unter ihnen" – das dürfte auch heute gelten, während chinesische Staatsbesucher in Hamburg nicht selten ihre ausgezeichneten Kenntnisse der eigenen, aber auch der deutschen Literatur zeigen.

Vielleicht findet irgend jemand bei CHINA TIME 2006 Gelegenheit, eine Lesung aus den so ergötzlichen wie erquicklichen Texten des Jacob Langois zu veranstalten, durch zeitgenössische Bilder verdeutlicht. – Was schrieb dieser Gallois, ganz Franzose, wohl über die Hamburgerinnen? Immerhin, er heiratete eine von ihnen.

Jacob Gallois: Der chinesische Spion in Hamburg



II Ein China-Enthusiast

Dieses "Ein chinesischer Spion in Hamburg" hatte ein heute unbekannter Hamburger Dichter im Jahre 1950 aus der Vergessenheit befreit: Carl Albert Lange (* 02.05.1892, + 06.12.1952). Seit 1921 veröffentlichte er Gedichte, konnte aber von seinen Werken kaum seinen Lebensunterhalt bestreiten und wurde Finanzbeamter: Finanzamt Hamburg-Sclump. Nicht wenige seiner Texte befassen sich mit China, das er als ein fernes Wunderreich begriff:
Chinesisch

Früh, wenn's taut,
wo die Binsen sich wiegen,
haben wohl Köcherfliegen
diese Schrift aus Gräsern gebaut.

Muschelsplitter,
Bambusfasern,
Flechten, Gneis und Nadelgitter
schwarz auf zart vergilbten Masern.

Hergeweht
auf dies Papier –
sieh, wie hier
wirbelwindgedreht
jäh der Tierkreis steht –
schweigend – Gottes Sternenschritte,
weises Reich der Mitte.
Lange veröffentlichte in Klein- und Kleinstverlagen, und nicht wenige seiner Verse blieben ungedruckt. Das galt auch für ein liebenswürdiges Werk mit dem Titel "Chinesische Wundertüte", das auch Kinderreime enthielt:
Diese Tüte kam aus China,
und als rechte Wundertüte
war voll Spielzeug sie aus China,
wahrlich eine Wundertüte.
Ein liebenswürdig-verspieltes Entzücken an einem ersonnenen China schimmert durch solche Verse, nur selten läßt er sich Chinas Gegenwart nahekommen:
Krieg im Osten

Wieder ist die Welt voll wilder
blutig hingemalter Bilder,
diesmal morden sich die Gelben,
doch die Greuel sind dieselben.

Diesmal kosten wir hienieden,
also will's bei Licht uns scheinen,
unseren wohlverdienten Frieden,
diesmal Chinas Witwen weinen.

Doch des Erdballs wunde Stelle
wandert wie des Meeres Welle,
eh' wir uns noch recht besinnen,
will der Krieg auch uns umspinnen.
Von seinen Freunden schon lange hoch geschätzt, erfuhr Carl Albert Lange am Ende seines Lebens auch öffentliche Anerkennung: Die Freie Akademie der Künste in Hamburg wählte ihn 1950 zu einem ihrer Mitglieder.


III Ein abenteuernder Kaufmann

Der frühe deutsche Ostasienhandel hat viele abenteuerliche Gestalten hervorgebracht, ebenso viele Abenteuer bewirkt. Einer dieser Abenteurer war Ernst Oppert (* 05.12.1832, + 12.02.1874). Aus einer angesehenen Bankiersfamilie stammend, gründete er 1851, zunächst in Hongkong, ein eigenes Handelshaus. Vielleicht war er kein guter Geschäftsmann, denn 1867 mußte er Bankerott anmelden.

Vielleicht hängt mit Opperts schlechten China-Geschäften zusammen, daß er sich für das damals verschlossene Korea interessierte. Zwei Reiseversuche im Jahre 1867 scheiterten, doch Oppert ließ sich nicht entmutigen. Von anderen deutschen China-Kaufleuten unterstützt, brach er am 28. April 1868 mit zwei Schiffen, einem größeren namens "China" und der kleineren "Greta", erneut nach Korea auf. Über diese Expedition veröffentlichte Oppert 1879 in London ein Werk mit dem Titel "A forbidden land", dem er ein Jahr darauf eine eigene deutsche Übersetzung bei Brockhaus in Leipzig nachfolgen ließ. Hierin schreibt er, beispielsweise, über die Hauptstadt Seoul:

"Der Coreer nennt die Hauptstadt schlichtweg Saoùl oder Seoùl, d.h. Hof oder Sitz des Königs, und dies ist der alleinige richtige Name. Als königliche Residenz ist sie der Sitz der Zentralregierung, und mit einer Einwohnerzahl von ungefähr 100 000 bis 150 000 ist Saoùl heute wohl die bedeutendste Stadt des Landes. Außer den Hof- und den Regierungsbeamten wohnen viele der adeligen Familien, wenigstens während eines Teils des Jahres, daselbst und machen eine beträchtliche Zahl der Bevölkerung aus. Die Stadt unterscheidet sich von anderen coreischen Städten weder durch besondere Regelmäßigkeit der Straßen noch durch schöne und große Gebäude. Sind die ersteren auch breiter als die meist engen Gassen der chinesischen Städte, so sind sie dagegen ungepflastert, und die öffentlichen Gebäude, wie die Paläste des Königs, in welchen derselbe mit seinem Hofstaat residiert, lassen keinen Vergleich mit den Wohnungen der wohlhabenderen Klasse der größeren Städte Chinas zu. Ohne öffentliche Gebäude irgendwelcher Bedeutung, ohne Tempel mit auch nur annähernd ähnlichen Schmuck und Zieraten ausgestattet wie die kleineren chinesischen Provinzialstädte sie aufweisen, die meisten Häuser einstöckig und viele nur aus Lehm gebaut, macht Saoùl keineswegs den Eindruck, wie ihn die Haupotstadt eines Landes wie Corea hervorbringen sollte. Fehlt es der Stadt mit seiner (!) großen Einwohnerzahl auch nicht an Handel und Geschäftigkeit, so vermißt man doch alles, was an eine fortschreitende oder irgendwie hervorragende Industrie erinnern könnte, und man findet nichts, was den berühmten Erzeugnissen Chinas und Japans in Eisen, Holz, Porzellan oder Lackwaren auch nur im entferntesten gleichkäme. Wer hier Läden wie die Kantons, Ningpos oder einer japanischen Stadt zu finden hofft, würde sich arg enttäuscht sehen."

Einiges hat Oppert anscheinend übersehen, doch im Anhang dieses Werkes druckte er schon ein "Coreisches Vocabular" und ein "Coreisches Alphabet" ab.

Eine Menge Verwicklungen trug auch diese Reise Oppert ein, und in Hamburg mußte er deswegen sogar zwei Monate im Gefängnis einsitzen. Den Rest seines Lebens lebte er in Hamburg als unbedeutender Geschäftsmann, doch im Jahre 1898 brachte er noch zwei Bücher heraus: "Ostasiatische Wanderungen", "Erinnerungen eines Japanesen". Beide sind heute genauso selten wie sein Korea-Buch, auch sie vermitteln interessante landeskundliche Einblicke – für eine Zeit, da es an solchen Augenzeugenberichten mangelt.
 
 
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