Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 41
13. November 2005
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Sorgen zu Semesteranfang

Zu Beginn dieses Wintersemesters wurde ein Problem virulent, das sich bereits seit einiger Zeit andeutete: Zu viele junge Menschen wollen ein Studium der Sinologie aufnehmen oder in irgendeiner anderen Form an der China-Abteilung des Asien-Afrika-Instituts der Universität Hamburg wenigstens Chinesisch lernen. Das gleiche Problem zeichnet sich auch an anderen vergleichbaren akademischen Bildungsstätten ab.

Im Grunde ist wünschenswert, daß möglichst viele junge Menschen sich für China und das Chinesische interessieren. Die Zahl der Interessenten dafür ist – im Vergleich mit anderen Fächern und angesichts der Bedeutung Chinas in der gegenwärtigen und künftigen Welt – immer noch übersehbar.

Das Problem ist nur: Es fehlt in jeder Hinsicht an Lehrkapazitäten. Aufgrund von komplizierten Kapazitätsberechnungen läßt die Uni Hamburg in jedem Wintersemester, wenn die grundlegenden Sprachkurse beginnen, eine stets neu definierte Zahl von Hauptfachstudierenden für die Sinologie zu. Mit diesen ist dann auch die Zahl der Sprachlaborplätze, zum Beispiel, ausgeschöpft. Dieser Numerus clausus hat sich in zwanzig Jahren bewährt. Er gewährleistete eine vorzügliche Ausbildung in der chinesischen Gegenwartssprache. Die Studienanfänger verfügen in der Regel über keinerlei Vorkenntnisse, diese Sprache ist nicht ganz einfach, und in zwei Jahren müssen arbeits- und kommunikationsfähige Fertigkeiten vermittelt und erworben werden.

Jetzt veränderte sich diese Situation dramatisch. Abgewiesene Bewerber – auch solche mit überaus durchschnittlichen Abiturnoten – kündigten in größerer Zahl an, sie wollten einen Studienplatz in der Sinologie einklagen. Andere versuchen, die Sinologie zum Nebenfach zu machen, denn dabei greifen die Zulassungsbestimmungen nicht; und für die Wahl von Sinologie als zweitem Hauptfach gilt das ebenso. Dann kommen auch noch die Studierenden anderer Fächer, die nebenbei nur Chinesisch lernen wollen, aber auch die sogenannten Älteren Erwachsenen als Aspiranten und einige jüngere Erwachsene, die sich einem Zweitstudium widmen.

Was tun also? Natürlich läßt sich auch ein Sprachkurs im Chinesischen für hundert Personen gestalten. Indes, wie ein kluger Mann sagte: "Man kann sich auch einen rostigen Nagel ins Knie schlagen." In beiden Fällen wären die Wirkungen verheerend. Die Sprachlehrer an der ChinA haben Standards für die akademische Sprachausbildung entwickelt, die allein deren Qualität gewährleisten – und damit ist schon bisher eine beinahe unerträgliche Belastung dieser Lehrenden verbunden. Durch erheblichen Einsatz neuer Mittel ließen sich wohl neue Lehrkräfte einwerben, auch zusätzliche Sprachlaborplätze und ähnliches finanzieren – doch woher das Geld, noch dazu kurzfristig?

Was tun also, abermals? Die Zulassungen nach dem Numerus clausus folgen gesetzlichen Regelungen. Wer diesen nicht genügt oder aus den Kapazitätsberechnungen fällt, der kann einfach – solange diese Regelungen und Berechnungen gelten sollen – nicht an der Uni die chinesische Sprache lernen.

Das muß so schlimm nicht sein. Ferien-Intensivkurse im Gegenwartschinesischen bieten mehrere Institutionen in Deutschland, aber auch in China, an, auch die ChinA. Wenn die Motivation entsprechend stark ist, dann ließen sich diese nutzen. Da den Universitäten künftig verstärkt darauf ankommen soll, die Leistungsbereitschaft und Studienmotivation der Studierenden zu betrachten, wäre das ein Schritt in diese Richtung – und rechtliche Festlegungen müßten nicht aufgrund von undeutlichen Individualinteressen gelockert werden. Es sind sogar Wege denkbar, durch die solche extern erbrachten Studienleistungen für ein Sinologiestudium anerkannt werden könnten. – Das Grundrecht auf Bildung ist aber keines auf akademischen Unterricht im Chinesischen.

Ansonsten: Ein ähnliches starkes Interesse war zuletzt Ende der 1980er Jahre zu beobachten, nach einem Jahrzehnt voll China-Euphorien. Das Juni-Massaker 1989 bewirkte dann, daß die Zahl der Interessenten für das Erlernen des Chinesischen im Jahre 1990 um (!) 80 bis 90 Prozent sank. Sehr langsam stieg diese Zahl dann wieder an, bis zu diesem neuerlichen Boom. Wer weiß, welche äußerlichen Einflüsse demnächst wirken? – Dank des Numerus clausus spürte die ChinA in Hamburg nichts von diesem Einbruch nach 1990, aber sie hatte auch davor den Boom nicht nutzen wollen. Vordem hatten in Chinesisch-Kursen andernorts manchmal 150 Teilnehmer gesessen. Wer sich die Absolventenlisten solcher Seminare ansieht, der mag sich fragen, wo alle diese Studienanfänger abgeblieben sind.

Die ersten Erfahrungen mit diesen neuen Studienanfängern – und in zwischen haben sich einige bereits auf dem Rechtswege einen Studienplatz erstritten – stimmen skeptisch: Die meisten wissen nicht, wie ein Test erwies, was ein Substantiv und was ein Subjekt ist, von anderem Grundlegendem zu schweigen. Und schon nach drei Wochen schwächeln die ersten von solchen "Nachrückern" entschieden. Höchste Zeit, daß die Fächer einigen Einfluß auf die Auswahl ihrer Studierenden bekommen!
 
 
 

 Korea im Foyer des AAI

Korea, nach Lage der Dinge: Südkorea; war in diesem Herbst das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Deshalb widmeten die Medien der koreanischen Literatur eine erfreuliche Aufmerksamkeit. Wie in den Jahren davor brachten die großen Tages- und Wochenendzeitungen große Literaturbeilagen heraus, in denen sich die Literatur Koreas nicht übergehen ließ. Als "Büchergroßmarkt" wurde das fernöstliche Land bezeichnet, der "Baju Book City" galt ein großer Beitrag, von "literarischen Entdeckungen in Südkoreas Literatur war die Rede, die Jahrhundert-Chronik von Hwang Sok-yong wurde überall gewürdigt, ein Gedicht sogar in koreanischer Schrift von Ko Un, mit deutscher Übersetzung, brachte die FR am 19. Oktober auf ihrer ersten Seite, und ein bißchen mahnend klang dann die Überschrift in der FAZ vom 18. Oktober: "Südkoreaner lieben Goethe, lesen Hesse und besuchen Kaufhäuser, die 'Lotte' heißen" – nach Werthers Lotte nämlich.

Auch die Bibliothek des Asien-Afrika-Instituts ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen. Im lichten Foyer des Asien-Afrika-Instituts schmückte sie eine Vitrine mit einer Präsentation koreanischer Literatur aus ihren Beständen. Zwangsläufig nahmen jetzt nicht nur die Koreanisten diese Literatur wahr, sondern auch Sinologen, Japanologen und die Studierenden anderer Fächer, bis hin zu den Afrikanisten. Vielleicht werden solche Wahrnehmungen sogar in dem einen oder anderen Falle zu Anregungen – auch für die eigenen fachlichen Interessen.

Solche fächer- und regionenübergreifenden Interessen zu wecken und zu fördern, war eines der Ziele, die vor bald fünf Jahren zur Gründung des AAI führten. Vor allem der Bibliothek des AAI gelingt immer wieder, diese Ziele anschaulich zu machen. Auch sonst, man muß das immer wieder denken und schließlich auch einmal sagen: Diese Bibliothek ist einfach herrlich.
 
 
 

 Bildtafeln im Flur der ChinA

Auch die Flure im AAI sind großzügig angelegt, und die einzelnen Abteilungen nutzen sie, um sie durch Bilder zu schmücken. Oder sie lassen die Wände kahl – wahrscheinlich, um nicht durch solche Dekoration den Eindruck ihrer Großzügigkeit zu schmälern.

Auf dem Flur der ChinA hingen bisher einzelne verstreute Bilder auf, die aus unterschiedlichen Beweggründen ihren Weg an die Wände fanden. Sie hingen schon jahrelang, fanden auch immer wieder aufmerksame Betrachter, doch manchmal wirkten sie auch verloren und zufällig.

Seit Beginn des neuen Semesters sind dort statt dessen 25 Bildtafeln "Zur Geschichte der chinesischen Schrift" zu betrachten. Im A3-Format bieten sie Einblicke in deren frühe Phasen – durch zwei, drei Abbildungen auf jeder Tafel und einen kurzen erläuternden Text. Auch diese Ausstellung fand schon einige Aufmerksamkeit.

Nur einige Wochen sollen diese Bildtafeln aushängen. Zur Geschichte der chinesischen Schrift ist noch viel mehr zu zeigen, und an weiteren Themen zur chinesischen Kultur und Geschichte fehlt es nicht. Noch vor Weihnachten wird eine weitere Ausstellung folgen, im Januar dann die nächste.

Vielleicht bewegen diese Bildfolgen auch einige Außenstehende, einmal über diesen Flur zu schlendern. Ein weiteres Ziel bei der Gründung des AAI war, dieses den Bürgern Hamburgs weit zu öffnen. Das geschieht bereits auf vielen Wegen. Diese Bildtafeln sind ein weiterer, und wahrscheinlich verschwinden sie nach der Ausstellung auch nicht einfach, sondern dienen später einmal als Lehrmaterialien.
 
 
 

 Handreichungen für die Beamtenauswahl

Die chinesische Tradition hat wie kaum eine andere Überlegungen angestellt, nach welchen Kriterien die kaiserlichen Beamten ausgewählt werden sollten. Sie hat dafür schließlich ein Prüfungswesen geschaffen, das die europäischen Aufklärer im 18. Jahrhundert beeindruckte und – in Frankreich zum Beispiel – institutionelle Nachahmungen fand.

Matthias Richter: Guan Ren "Guan Ren" ist der Titel eines Buches, das Dr. Matthias Richter, Mitarbeiter der ChinA, jetzt vorlegte. Mit "nach welchen Kriterien man Menschen ein Amt gibt" wäre dieser chinesische Titel – etwas frei – zu übersetzen. Solche Überlegungen reichen in China weit zurück, und Richter erschließt, wie vielgestaltig diese Literatur schon in vorchristlicher Zeit war, in den für China mustergültigen Zeiten des Altertums. Naheliegenderweise umfaßte diese Literatur stets auch Gedanken zur Charakterkunde, die über die Physiognomie – eine ebenfalls schon früh geschätzte Disziplin – hinausgingen.

Eine historisch-philologische Untersuchung ist Richters Buch, das auf seine Doktorarbeit aus dem Jahre 2000 zurückgeht, und so ist es zunächst ein Beitrag zu seinem Fach, der Sinologie. Manchen Politikern und höheren Beamten sei es jedoch ebenfalls empfohlen, und zitierenswert sind zahlreiche der von ihm übersetzten Passus:

"Einer, der seine Miene beherrscht, wenn man ihn mit etwas erfreut oder erzürnt,/ dessen Gesinnung nicht verwirrt wird, wenn man ihm durch Dienstpflichten Unannehmlichkeiten bereitet,/ dessen Sinn unverrückt bleibt, auch wenn man ihn mit Profitaussichten zu verführen sucht,/ und der nicht kleinmütig wird, wenn man ihn durch Präsentation von Macht einzuschüchtern versucht,/ das ist einer, der ausgeglichen und standhaft ist."

Beherzigenswerte Lebensregeln finden sich zuhauf in diesem "Guan Ren": "Ist einer angesehen, beobachte, wen er fördert./ Ist einer reich, beobachte, wem er gibt./ Ist einer in Not, beobachte, was er nicht hinnimmt./ Ist einer geringgeschätzt, beobachte, was er nicht tut./ Ist einer arm, beobachte, was er nicht annimmt." – Die Reime bei solchen Maximen zeigen, daß sie dereinst auswendig gelernt werden sollten.

Gegenwärtig erschließt Mathias Richter Grundsätze für die Erschließung altchinesischer Manuskripte. Einen Einblick in diese neuen Arbeiten gibt er jetzt auch einem chinesischen Publikum – unter www.bsn.org.cn/show-news. Anscheinend hat er ein Interesse an Grundsätzlichkeiten – ob bei der Beamtenauswahl oder der Bearbeitung von Manuskripten.
 
 
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