Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 40
29. August 2005
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Sommerzeiten als nicht nur Reisezeiten

Prof. Michael Friedrich

Keineswegs kehrte am Ende der Vorlesungszeit in der ChinA selige Ruhe ein. An den meisten Dienstschreibtischen war noch so einiges aufzuarbeiten. Bald aber waren die meisten in die Ferne aufgebrochen:
  • Prof. Dr. Michael Friedrich weilte in Shanghai, um diverse partnerschaftliche Vereinbarungen zu unterschreiben und vorbereitende Gespräche für weitere zu führen.
  • Prof. Dr. Bernd Eberstein begab sich auf seine Ferieninsel, um an seinem nächsten Buch zu arbeiten – bei förderlichem Regenwetter.
  • Juniorprofessorin Dr. Yvonne Schulz Zinda hielt sich ebenfalls in Shanghai auf. Sie wollte dort vor allem ein Forschungsprojekt vorantreiben.
  • Dr. Ruth Cremerius zog es nach Peking. Sie nimmt an einem seitens der chinesischen Regierung geförderten Lehrgang für Chinesischlehrer im Ausland teil und berichtete schon vor der Rückkehr Interessantes.
Ni Shaofeng, der an der "summer school" für ostasiatische Studenten der Germanistik mitwirkt, und der Berichterstatter, der herumtrödelt, blieben einstweilen hier.

Auch viele Studenten sind noch hier, denn nicht wenige auch von ihnen haben noch das eine oder andere aufzuarbeiten bzw. Geld zu verdienen. Dank ihrer herrscht in der ChinA noch munteres Treiben – auch aus einem ganz prosaischen Grund: Ende August schließt die AAI-Bibliothek wegen einer notwendigen Umordnung für vier Wochen. Da müssen viele vorarbeiten, aber die Laune ist gut.

Gut ist die Laune vor allem bei denen, die jetzt die Zwischenprüfung hinter sich gebracht haben. Über diesen Jahrgang war in diesen Notizen schon mehrmals berichtet worden. Er hat auch das vierte Semester ohne auffällige Einbrüche absolviert: ein sehr erfreulicher Jahrgang. Weil auch dessen weitere Studienwege verfolgt werden sollen, dies aber nicht mehr summarisch geschehen kann, sondern nur anhand von – dann anonymisierten Einzelwegen – seien wenigstens diese Namen hier dokumentiert (Geburtsjahr in Klammern):

Dong Kun An (1971), Maria Bondes (1983), Julia Brüchmann (1982), Margarethe Cholewinski (1983), Johannes Cyrus (1981), Bianca Diers (1983), Kristina Fleischer (1984), Si-Ying Fung (1985), Katrin Grünke (1982), Joost Hillringhaus (1983), Imke Homma (1983), Nadeshda Jakovleva (1974), Inga Kloester (1982), Danny Liew (1983), Ellen Luu (1982), Inga-Agneta Matusall (1985), Insa Meyer (1983), Philipp Meyer (1983), Viet-Duc Nguyen (1980), Lene Oltmer (1984), Alexander Reissner (1984), Wibke Ridder (1981), Sarah Roll (1984), Nora Schlenzig (1981), Daniel Schmidt (1983), Jana Sommer (1980), Lisa Tinschert (1983), N. Tyron Truong (1982), Nancy Wu (1982), Siyi Zhu (1985).

Sinologie-Jahrgang 2003, AAI, Uni HH

Bei den allfälligen Gesprächen über die Abschlußklausuren zeichneten sich oft schon die nächsten Wege für das Hauptstudium ab, in all ihren Unterschiedlichkeiten. Erholung hätten wohl alle verdient, denn die letzten Wochen des Semesters waren für die meisten sehr anstrengend, doch reines Faulenzen liegt wohl keiner bzw. keinem von ihnen. Diese Klausuren vermittelten auch Eindrücke über diese Generation von Studenten und ihr Studierverhalten, die zu grundlegenden Veränderungen bei der Gestaltung künftiger Lehrveranstaltungen für das Grundstudium führen werden.

Manch Amüsantes und Anekdotisches kam bei diesen Gesprächen ebenfalls zutage. Da waren zum Beispiel diese beiden munteren Buschen vietnamesischer Herkunft. Sonst manchmal durchaus flottmäulig, kamen sie gemeinsam zu der Besprechung ihrer Klausuren im Klassischen Chinesisch und hockten sich kleinlaut hinter den professoralen Schreibtisch. Einige mahnende Worte waren angebracht, auch einige Fragen, was die beiden nur noch nervöser machte. Sie wollten vor allem ja schnell wissen, ob sie bestanden hatten oder nicht, doch da sie höfliche Menschen sind, fragten sie nicht. Sie hatten bestanden, wenngleich knapp – und fielen sich sogleich in die Arme. Wieder auf dem Flur, johlten sie erst recht vor Freude. Das freut dann auch den Lehrer des Klassischen, denn sie werden ihren Weg machen, auch mit nur ausreichenden Klassisch-Kenntnissen.
 
 
 

 Konfuzius als Volksrepublik-Repräsentant

Noch in diesem Jahr wird am Ostasiatischen Seminar der Freien Universität in Berlin ein chinesisches Kulturinstitut eingerichtet werden, das "Konfuzius-Institut" heißen soll. Das chinesische Kulturministerium ist, so besagt eine jüngste Vereinbarung, ein weiterer Träger.

Im vergangenen Jahr war das erste dieser Konfuzius-Institute in Südkoreas Hauptstadt Seoul eröffnet worden, ungefähr zwanzig weitere entsprechende Vereinbarungen traf die chinesische Regierung seitdem mit anderen ausländischen Institutionen. Diese Institute solle chinesische Kultur im Ausland darstellen – genauer gesagt: chinesische Kulturpolitik, noch genauer: Kulturpolitik der Kommunistischen Partei.

Die deutschen Goethe-Institute sind das Gegenstück zu solchen chinesischen Unternehmungen – aber mit welchen Unterschieden. Als vor ungefähr einem Jahrzehnt ein deutsches Goethe-Institut in Peking eingerichtet werden sollte, tat sich die deutsche Seite schwer, dessen Anbindung an eine Pekinger Universität zu akzeptieren. Sie sah ihre Goethe-Institute als "freie" Institutionen an, zwar außenamtlich finanziert, aber doch frei in ihrem Handeln, durchaus auch kritisch gegenüber dem Finanzier. Das mochte die chinesische Seite nicht akzeptieren, und Beschränkung und Kontrolle durch einen chinesischen Mitträger schienen ihr unerläßlich. Umgekehrt, wie das bei Kooperationen so ist, war jetzt auch ein deutscher Träger unerläßlich. Daß dieser Freie Universität heißt, mag eine Ironie der Geschichte sein, aber vielleicht verbinden sich damit auch Zukunftshoffnungen.

Goethe – Freigeist, Liederjan und Klassiker der Dichtung – ist ein ausgezeichneter Namensgeber für solche deutschen Kulturinstitute im Ausland. Die Vielfalt seiner Interessen und Neigungen erlaubt, auch 200 Jahre nach ihm, eine vergleichbare und stets sich erneuernde Vielgestalt der Projekte an den Goetheinstituten. Bei Konfuzius, der vor 2500 Jahren lebte, ist das nicht genauso. Auch er als Namensgeber dürfte gleichwohl für ein Programm stehen.

Vier Jahrzehnte lang war der Name des Konfuzius in der VR China verfemt. Die Schimpfwörter, mit denen er bedacht wurde, würden Seiten füllen. Nach der wirtschaftlichen "Öffnung", ungefähr Mitte der 1980er Jahre, änderten sich die Einschätzungen seiner Persönlichkeit allmählich. Plötzlich waren Moral und die sogenannten "asiatischen Werte" gefragt, und da war dieser Morallehrer aus dem Altertum gerade recht. Inzwischen sind die "asiatischen Werte" und die damit verbunden Konzepte und Forschungsprojekte vergessen, doch im gegenwärtigen China ist es mit der Moral "ein seltsam Ding".

Unter seinem Namen und unter den vorgesehenen institutionellen Einbindungen läßt sich die chinesische Kultur mit ihren überwältigenden Reichtümern wohl nur schwer umfassend darstellen. Vielleicht jedoch hatten die chinesischen Namensgeber ganz anderes im Sinn: Das "konfuzianische" China – wenn man von einem solchen sprechen darf, vielleicht in den letzten Jahrhunderten der Kaiserreiche auf dem Boden des heutigen China – ließ der Wirtschaft in vielen Bereichen freie Handlungsräume, wenn davon die politisch-ideologischen Vorgaben unberührt blieben. Eine kleine Führungsschicht von sorgfältig ausgewählten Würdenträgern wachte über die Einhaltung hiermit verbundener Prämissen. – Das ist dem KP-Kadersystem nicht ganz unähnlich.

Die konfuzianischen "Kader" profitierten von diesem System, auch in allen Formen der Korruption, doch manchmal stellten sie sich auch als "Dissidenten" innerhalb des Systems dar – und noch häufiger waren die echten "Dissidenten", welchen erst die Forschungen der letzten Jahrzehnte genauere Konturen gaben.

Wie angedeutet: Ein wenig befremdlich ist schon, wenn sich das gegenwärtige China in seiner Außendarstellung über einen Morallehrer aus dem Altertum definiert. Hoffentlich gelingt dem Ostasiatischen Seminar der Freien Universität in Berlin, seinen Einfluß auf das neue "Konfuzius-Institut" in der Weise zu gestalten, daß nicht nur KP-akzeptierte chinesische Gegenwartskultur in Berlin sichtbar wird. – Ob so oder ob anders, manchmal wird der Berichterstatter gerne für einen Abend nach Berlin fahren.
 
 
 

 Hans-Wilhelm Vahlefeld als Spender

Am 14. August 2005 überschrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung den Aufmacher ihres Reise-Teils mit "Kartographie der Sehnsucht". Sie beginnt diesen Beitrag: "Zwischen 1662 und 1665 veröffentlichte der Amsterdamer Verleger Joan Blaeu einen Atlas, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Der 'Atlas Major' umfaßte elf Bände, die die gesamte damals bekannte Welt in einer ungeahnten Präzision zeigten. Neben den sehr genauen Karten fanden sich Darstellungen von Tieren und Pflanzen, und Blaeus Atlas galt bald als Standardwerk für Kapitäne, Forscher und andere Weltreisende."

Ein wissenschaftliches und unternehmerisches Großprojekt war das damals, doch Blaue hatte als Abnehmer nicht nur an Kapitäne und Forscher gedacht, sondern auch an Weltreisende ganz eigener Art, denn er versicherte, bei Betrachtung einer Landkarte "überschreiten wir unbetretbare Berge, überqueren ohne Risiko Meere und Flüsse, ziehen ohne Wegzehrung um die ganze Welt, mit nicht zu zählenden Aussichten und berührenden Momenten." – Auch Schreibtischreisende hatte Blaeu im Sinn.

Jetzt verfügt auch die ChinA über diesen Schatz – nicht den ganzen, aber den China-Teil dieses berühmten Kartenwerks. Nach einem Exemplar der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel waren schon vor Jahren Faksimile-Nachbildungen dieser großen, prachtvollen Folio-Blätter angefertigt worden. Auf jedem dieser Blätter ließe sich, auch mit den Blicken und Kenntnissen von heute, stundenlang am Schreibtisch reisen. (Die Abbildung zeigt eine ältere Chinakarte, von 1656.)

Historische China-Karte

Eine bescheidene Institutsbibliothek wie die des AAI hätte sich dieses aufwendige Druckwerk nicht leisten können oder, angesichts von Notwendigkeiten, nicht leisten mögen. Dr. Hans-Wilhelm Vahlefeld hat es der ChinA geschenkt. Er war der erste – und vielbeachtete – Ostasienkorrespondent der ARD gewesen, doch auch nach seinem Eintritt in den Ruhestand recherchierte und schrieb er fleißig. Nicht selten war er Gast von HSG-Veranstaltungen oder trug zu diesen bei – ein liebenswürdiger Förderer allemal, und jetzt dieses Geschenk!

Kennzeichnend für ihn ist, wie er dieses Geschenk überbrachte: Er legte die Mappe mit diesen Faksimile-Drucken und ein nützliches Einführungsheft dazu einfach auf den Tresen der AAI-Bibliothek, nannte seinen Namen und ließ grüßen. Die jungen Hilfskräfte dort kannten seinen Namen nicht mehr, und sie sind wahrscheinlich ohnehin keine ARD-Seher, aber sie sind zuverlässig. So landete das großzügige Geschenk problemlos auf dem richtigen Schreibtisch, um nach längerer gehöriger Betrachtung später in die "Schatzkammer" der ChinA zu wandern.
 
 
 

 Katharina als Hundefreundin

Immer wieder rühme ich die China-Berichterstattung des "Hamburger Abendblatt"! Lange vor der Vorgabe des Senats, China zu einem Schwerpunkt der Hamburger der Hamburger Zukunftsorientierungen zu machen, entwickelte es seine Aufmerksamkeiten nicht nur für China, sondern auch für die in Hamburg lebenden Chinesen.

Selbst wenn es um eher China fernliegende Themen geht – am 23. Juni 2005 um die "Hundeverordnung – das sagen die Besitzer" – findet sie meistens eine Chinesin oder einen Chinesen, der etwas zum Thema zu sagen oder sich ansehnlich abbilden läßt.

Katharina Niu Nicht selten erinnere ich mich dann. Katharina Niu – wie sollte ich diese Absolventin der ChinA vergessen haben! Von ihrem "Cavalier King Charles Spaniel" wußte ich freilich vor diesem HA-Artikel nichts, doch ich sah sie erstmals, als sie noch ein kleines Mädchen war – im Kallmorgenweg, wo sie aufwuchs und an dem ich heute vorbeikam, am 21. August 2005.

In die Ebertallee, von der dieser Weg abzweigt, führte mich vor einigen Jahren eine liebenswürdige Einladung zu einem Abendessen. Diese Erinnerung mahnte mich zugleich aber auch an eine Arbeit, die ich in der nächsten Woche erledigen sollte.

Auf Schritt und Tritt begegnen mir in Hamburg Sinologisches und Chinesisches oder Erinnerungen an damit verbundene Menschen, und ich wollte mir bei diesem Herumströpen am 21. August 2005 doch nur die Steenkampsiedlung ansehen, über die das "Abendblatt" zwei Tage davor geschrieben hatte.
 
 
 

 Pekingoper als Kinderprogramm

Annette Listmann, eine ChinA-Absolventin, hat sich jetzt, auf freier Basis, auch ins Kulturmanagement begeben. Für eine Künstler- und Konzertagentur verwirklicht sie Chinaprojekte.

Am 3. September, 14.30 Uhr, läßt sich eines von diesen besichtigen – ein ungewöhnliches und in Hamburg noch nie erlebtes: Eine kleine Truppe der Bei Fang Kun Qu Opera kommt aus Peking in die Musikhalle/Laeizhalle. Das wäre noch ganz normal, denn traditionelles chinesisches Musiktheater war, häppchenweise und in diversen Ausprägungen, in Hamburg schon oft zu genießen. Diesmal aber soll es Pekingoper für Kinder geben, für 6,50 Euro Eintritt. Das wird fraglos eine überaus lustige Angelegenheit! Viele Kinder sollten schon kommen, doch der Berichterstatter meint fast, Erwachsene könnten sich noch mehr amüsieren.
 
 
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