Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 4 China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
dct1

Taoistische Bifurkationen, "SPIEGEL"-Lindereien und herzhafte Unternehmerworte

Für den 4. Mai hatte das Literaturhaus wieder "Das Philosophische Cafe (sic)" angekündigt: der "philosophierende Soziologe" Dirk Baecker werde zum Thema "Wirksamkeit, Wirkung und Wirklichkeit" räsonnieren. Offenbar fällt ihm dazu auch Chinesisches ein, denn die Ankündigung zitiert ihn folgendermaßen:

"Der Taoist lächelt nicht über die Welt. Er spürt 'Risse'auf, wir würden im Kontext moderner Selbstorganisationsforschung von 'Bifurkationen' sprechen, an denen sich mit minimalem Einsatz die eine oder andere Entwicklung mit ganz unterschiedlichen Folgen befördern läßt."

Hoffentlich erzielt Baeckers Wirksamkeit die eine oder andere Wirkung in den ganz unterschiedlichen Wirklichkeiten. - Bei ihm wirket es schon ganz so, wie das Tao taoet.

 

Auch dem "SPIEGEL" gelingen in jeder Ausgabe solch goldene China-Worte. Am 17. April 2000 schrieb er in einer Glosse über die veränderungslustige Schnulzenautorin Hera Lind:

"Der Hera-Lindismus präsentiert sich jetzt als geniale Synthese aus Hera und Lind, Yin und Yang, me, myself and I. Der kategorische Linderativ überglitzert den kategorischen Imperativ. Zlatko-Deutschland atmet auf."

Erkennbar steht der "SPIEGEL" Zlatko näher als Kant. - Nach soviel Poesie sollen -in Erinnerung an die Notiz über die China-Restaurants in Hamburg am Anfang dieser Folge der "Hamburger China-Notizen"- zwei kräftige Unternehmerworte über chinesisches Essen folgen:

"Ich werde nie wieder der chinesischen Sitte folgen und vor einer geschäftlichen Verhandlung einem 8-Gänge-Menü beiwohnen. Und das womöglich am Vormittag. Eine Ausrede wird mir schon einfallen."

"Beiwohnen"? So zitiert jedenfalls die "ZEIT" vom 25. März 2000 den Hamburger Importeur Wolf Suse. Von Ernst Holtmann, dem Inhaber des Octopus-Versands in Hamburg, weiß die "ZEIT" vom 6. April:

"Nach einer Woche Werkbesichtigung in China mit Kantinenessen ist man sehr empfänglich für die europäische Küche. Dann nach Hongkong! Am besten ins Shangri-La-Hotel. Selbst Spätzle oder Krabbenbrot gibt's dort."

Hat er die Hamburger "Karbonnade" nicht vermißt? Nie wird ein Chinese lernen, warum hierorts ein gewöhnliches Kotelett so fein genannt wird!

dct2
 
dct3

Grundbegriffe der Philosophie

Nach all diesem China-Flachsinn erfreut ein Büchlein, das vor wenigen Tagen auf den Schreibtisch gelangte: "Grundbegriffe der altchinesischen Philosophie" von Ulrich Unger.

Es will kein Lexikon sein und ist im Grunde auch kein Wörterbuch, sondern ein Lesebuch. Auf kanpp 150 Seiten enthält es Erläuterungen zu mehr als 250 Begriffen in der Gedankenwelt von Chinas Klassischer Zeit, vom 5. bis zum 3. Jahrhundert v. Chr. also. Der Begriff ai, "Liebe", eröffnet die Folge, "Zeit" steht am Ende. Meistens geht der Verfasser von chinesischen Begriffen aus, bewußt nicht vom "Begriffsapparat der abendländischen Philososophie". Ein Lesebuch ist das trotz der alphabetischen Ordnung, für ein nichtsinologisches Publikum vor allem gedacht und von einem Philologen geschrieben. Grundlagenwisssen erhält der gedachte Leser in Fülle, jedoch in kleinen Brocken, und die zahlreichen eingestreuten Übersetzungen von Kernsentenzen laden immer wieder zu müßig weiterblätterndem Verweilen ein.

Die Übersetzung des Zitats auf dem Einbanddeckel -"Den Dingen ihren Ort geben und so die Erkenntnis zum Ziel bringen."- deutet schon manche betonte Eigenständigkeit im Innern des Bandes an. Dieses dictum gehört zu den bei späteren chinesischen Denkern viel diskutierten, und das Verständnis dieser vier Schriftzeichen unterscheidet sich bei diesen beträchtlich. - Unger hat seine "Grundbegriffe" vor allem und direkt aus den Texten der "altchinesischen Philosophie" erarbeitet.

 
Hauptseite Suche & Archiv Impressum