Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 39
8. Juli 2005
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
 

 Grandiose Investition

Mülleimer Wohl allen Hamburger Gazetten oder Blättchen waren sie einen oder mehrere Artikel wert – ein paar neue Papierkörbe, von der Stadtreinigung in der Umgebung des Bahnhofs Dammtor aufgehängt. Ihre feuerrote Farbe soll die Aufmerksamkeit der potentiellen Umweltsünder wecken, und "freche" und "kesse" Sprüche auf ihnen sollen zusätzlich zu straßensauberhaltenden Entsorgungen ermuntern. So weit, so gut – auch wenn es mindestens zehn Jahre dauern wird, bis alle 8.600 städtischen "Hänge- und Standpapierkörbe", so der Fachjargon, ausgewechselt sind.

Einige der Aufmunterungssprüche klingen dumm, andere geschmacklos – und was das Signalrot angeht: Wer vom Bahnhof Dammtor in Richtung Pöseldorf schreitet, begegnet bald herdenweise den bunten Plastikkühen der Milchstraßenherde. In Richtung Innenstadt kann er ebenso bald nicht bunten Plastiknachbildungen populärer Hamburger Traditionsgestalten ausweichen. Fun und gute Laune soll dergleichen wohl vermitteln, und ein paar Wochen … ja, das ließe sich aushalten, aber sie verunzieren das Straßenbild schon jahrelang: knallige Plastik! Demnächst schwimmen auf der Alster wahrscheinlich Plastikschwäne und werben mit flotten Sprüchen auf dem Gefieder für irgendwas.

Bei der Vorstellung dieses neuen städtischen Papierkorbordnungssystems freute sich Stadtentwicklungs- und Umweltsenator Dr. Michael Freytag: "Unsere neuen feuerroten Eimer sind ständig auf einem Bein unterwegs und pflegen wirklich saubere Umgangsformen." – "Auf einem Bein unterwegs", und unsere Politiker haben offensichtlich viel Zeit, wenn sie dieser Lappalie einen Termin widmen. So innovativ, wie er anscheinend meint, ist dieses Spruchgut auf Papierkörben auch nicht. Die gleichen Sprüche sind auch in Berlin zu lesen. Vielleicht hätte Senator Freytag seine Zeit dafür nutzen sollen, ein paar besondere Hamburger Sprüche zu formulieren. Über eine skurrile Sprachegewalt scheint er zu verfügen, also vielleicht: "Roter Bauch auf einem Bein:/ Hin zu HH's Saubersein."

Die ersten Sprüche am Bahnhof Dammtor wurden bereits angekratzt. Erwartungsgemäß werden auch die nächsten bald zerkratzt werden: nicht gut für den Anblick. Besser wäre gewesen, die Stadtreinigung hätte ein paar Euro mehr ausgegeben und bei allen diesen Abfallbehältern die Version mit dem Zigarettenkippeneinwurf angeschafft, wie anscheinend Berlin. Ohne dies wird Hamburg die Metropole der Kippen bleiben, denn in keiner größeren Stadt liegen so viele an den Straßenrändern wie hier. Berlin wirkt, wenigstens in dieser Hinsicht, viel sauberer – registrierte unlängst der Berichterstatter, ein bekennender Raucher.
 
 
 
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Der gröhlende Kaiser
 
  Wenige Monate vor seinem Tode kehrte Liu Pang in seine Heimatstaat P'ei zurück, im Jahre 195 v. Chr. Elf Jahre davor hatte er sich in den Wirren nach dem Ende der reichseinigenden Dynastie Ch'in (221-206), der er als eine Art Wachtmeister gedient hatte, zum Kaiser ausgerufen. In den folgenden Jahren hatte er genug damit zu tun, Rivalen im Kampf um die Kaisermacht auszuschalten, und gerade hatte er den letzten von ihnen besiegt.

Jetzt versammelte er alte Freunde sowie die "Väter und Alten" von P'ei, aber auch die Jungen zu einem gewaltigen Trinkgelage. Zusätzlich hatte er 120 Knaben aufgeboten, und diese lehrte er, schon trunken und den Takt schlagend, das "Lied vom großen Wind":
Ein großer Wind erhob sich,
und Wolken stoben auf.
Meine Macht reicht bis an das Weltmeer,
doch jetzt bin ich zu Haus.
Wo sind Kerle voller Wildheit,
daß sie dieses Reich bewahren!
Gewiß in P'ei, und mit dem großen Wind meinte Liu Pang natürlich sich. – Diese derben Verse überliefern das Shih-chi, "Historische Aufzeichnungen", des Ssu-ma Ch'ien (um 100 v. Chr.) und das Han-shu, "Buch der Han", von Pan Ku (32-92) in beinahe übereinstimmendem Wortlaut.

Nachdem Liu Pang, posthum: Kaiser Kao-tsu von Han, seiner Heimatstadt bedeutende Privilegien verliehen hatte, währte das Fest in P'ei, jetzt auch unter Einschluß der "Mütter", noch länger als zehn Tage. Als der Kaiser sich verabschieden will, läßt er sich durch inständige Bitten noch zu einer Verlängerung seines Aufenthalts um drei Tage erweichen.

'Han-Darstellung' Sonst ist Liu Pang als Verächter der Literatur bekannt, doch noch ein weiteres Lied schreibt die Überlieferung ihm zu. In diesem vergleicht er sich mit einem wilden Schwan: "Wie hoch der wilde Schwan fliegt!/ In einem Zug schafft er tausend Meilen." Am Ende meint er, kein Pfeil könne diesen erreichen.

Das Gelage in P'ei muß bizarre Bilder abgegeben haben: der großmächtige betrunkene Kaiser als Dirigent eines vielstimmigen Knabenchores! Die Festlichkeiten unter seiner Han-Dynastie nahmen auch sonst oft orgiastische Züge an. – Die Abbildung gibt die Umzeichnung einer steinernen Bildtafel aus dieser Zeit wieder.

Solche "Han-Darstellungen", wie sie kurz genannt werden, finden sich häufig in Gräbern. Ursprünglich oft farbig gefaßt, stehen sie meistens anscheinend in Zusammenhang mit der Jenseitsreise der Totenseele. Nicht wenige weisen aber auch, mehr oder minder deutlich, Bezüge zum Leben des Toten auf. Die meisten Einzelmotive lassen sich deuten oder zumindest bezeichnen, doch die Bild-"Programme" lassen sich nicht hinreichend verstehen.

Das gilt auch für diese Darstellung. Anscheinend wurden in ihr, wie oft, mehrere Szenen in eine Darstellung zusammengefügt. Manches an ihr erinnert an den gröhlenden Kaiser Liu Pang und seinen Knabenchor. Unwahrscheinlich ist trotzdem, daß diese Begebenheit dargestellt ist. Vielleicht handelt es sich eher um Schulszenen.
 
 
 
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Notanker vor Hainan
 
  Friedvoll, beinahe heiter mutet diese südliche Szenerie an. Sie zeigt Schiffe, von denen die kleineren leicht als chinesische zu erkennen sind, in der Ya-lung-Bucht vor der Insel Hainan im Südchinesischen Meer. Die beiden größeren Schiffe sind Kauffahrer der Svenska Ostindiska Compagnierna, die seit 1731 bestand. Das größere von beiden, "Gustav Adolph" getauft, verfügte über eine Ladekapazität von mehr als 1.200 Tonnen und eine Besatzung von 150 Mann. Zu ihrem Schutz war sie mit achtzehn Kanonen bestückt. Vom 8. Dezember 1784 bis zum 21. April 1785 lagen beide Schiffe dort vor Anker.

Kauffahrer der Svenska Ostindiska Compagnierna, 1785 vor Hainan Heute läßt sich nicht mehr sagen, warum die "Gustav Adolph" erst Ende April aus ihrem Heimathafen Gothenburg aufgebrochen war. Jedenfalls war dieser Zeitpunkt beinahe sträflich spät. Aufgrund der Gegebenheiten der Monsunwinde mußte ein Segler damals zwischen Juni und September das Südchinesische Meer erreicht haben, am besten schon Macao. Dann gelangte er noch rechtzeitig nach Kanton, das für die europäischen Kaufleute im November und Dezember geöffnet war, gegebenenfalls auch noch im Januar. Dann war dort die Handelssaison vorüber.

Kapitän Johan Adolph Burtz hatte von Anfang an mit widrigen Winden zu kämpfen. Am 1. Dezember rief er, wie ein überlieferter Brief dokumentiert, "alle seine Offiziere zu einer Besprechung zusammen und teilte dann den Supercargos mit, daß er in Anbetracht der Sicherheit des Schiffes und der geringen Vorräte an Frischwasser nicht länger auf See bleiben wolle." Supercargo hießen die für die Schiffsfracht zuständigen Bevollmächtigten der Kaufleute, die solch eine Fernreise finanziert hatten.

Schon der französische Jesuitenmissionar Jean-Baptiste Du Halde (1674-17439) hatte die Insel Hainan gerühmt – für ihren Reichtum an Baumwolle, Zuckerrohr, Rattan, vor allem aber für hua-li, ein Hartholz, das chinesische Möbeltischler hoch schätzten. Ihr Haupthafen Haikou galt allerdings als zu flach für die europäischen Segler. Da einige von diesen schon seit den 1730er Jahren vor Hainan Zuflucht gefunden hatten, wählte Kapitän Burtz die Ya-lung-Bucht wahrscheinlich aufgrund von Kenntnissen vom Hörensagen, um dort vor Anker zu gehen.

Unbekannt ist, wie sich seine vielköpfige Besatzung dort die Zeit vertrieb. Eines ihrer Mitglieder scheint Skizzen vom Aufenthalt dort angefertigt zu haben. Als das Schiff im Frühjahr 1785 in Kanton eintraf, hat er diese Skizzen wohl einem der dort ansässigen Auftragsmaler ausgehändigt. Der malte dann das wiedergegebene Bild nach den Vorstellungen des Auftraggebers, der gewiß zu der Besatzung der "Gustav Adolph" gehörte.

Seit der Zeit um 1700 hatte sich diese Kanton-Kunstszene ausgebildet. Neben Schiffsporträts und Darstellungen der Niederlassungen der ausländischen Kaufleute waren Ansichten des Perlflusses, vor allem Darstellungen aller Tätigkeiten, die mit der Teegewinnung zusammenhingen, beliebte Motive. Die Seefahrer nutzten sie gemeinhin als Mitbringsel. Bei ihren Darstellungsformen bedienten sich diese chinesischen Künstler eines eigenartigen Gemisches von traditionellen eigenen und angelernten westlichen Sichtweisen.

Hierzu hatte ein anderer chinesischer Kapitän beigetragen: Carl Gustav Ekeberg. Dieser hatte während seiner Kantonfahrt 1769 bis 1771 ebenfalls Skizzen angefertigt und sie 1773 unter dem Titel "Ostindiska resa" veröffentlicht. Ein Exemplar dieser Folge muß schon im nächsten Jahrzehnt den Kantoner Künstlern zu Gesicht gekommen sein. – Die "Gustav Adolph" kehrte von ihrer Abenteurerfahrt nach Fernost übrigens am 29. Juni 1786 in ihren Heimathafen Gothenburg zurück. Sie war 26 Monate unterwegs gewesen.
 
 
 
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Zur Barbarenflöte
 
  "Rückkehr der Wen-chi" lautet der Titel dieses Bildes, das Ch'en Chu-chung (12./13. Jh.) malte. Es zeigt mehrere Personengruppen in einer öden, steppenähnlichen Landschaft. Welche Bewandtnis es mit diesen Menschen auf sich hat, erzählt das Hou-Han shu, "Buch der Späteren Han", des Fan Ye in seinem 84. Kapitel, das außergewöhnlichen Frauen gewidmet ist.

'Rückkehr der Wenji' von Chen Zhuzhong (12./13. Jh.)

Wen-chi war der Großjährigkeitsname der Ts'ai Yen (um 162 - nach 239), einer Tochter des bedeutenden Literaten Ts'ai Yung (133-192). Nachdem ihr Mann, Tung Ssu, sie wegen Kinderlosigkeit verstoßen hatte, kehrte sie in das Elternhaus zurück. In den Jahren 194/195, in den Wirren am Ende der Han-Dynastie, wurde sie von marodierenden "barbarischen" Hsiung-nu verschleppt und einem ihrer Häuptlinge zur Frau gegeben. Sie gebar ihm zwei Kinder.

Ts'ao Ts'ao (155-220), einem der Bewerber um die Übernahme des Han-Thrones und Freund des Ts'ai Yung, gelingt nach zwölf Jahren, sie gegen Gold und Juwelen auszulösen. Eine Bedingung für ihre Rückkehr aus der Steppe nach China war, daß sie ihre beiden Kinder zurücklassen müsse.

In "Achtzehn Liedern zur Barbarenflöte" klagt sie über ihren Konflikt zwischen der Liebe zu den Kindern und der Heimatsehnsucht, auch über ihr Los in der Steppe. Selten sind in der chinesischen Literatur Verse voll solch vehementer und manchmal drastischer Ausbrüche:
"Der barbarische Bock zwang mich,
seine Frau zu werden,
und er ließ mich fahren mit sich
bis an den Rand des Himmels.
Wolken, Berge, abertausend,
und der Heimweg ist so lang.
Ein scharfer Wind auf tausend Meilen
fegt den Sand und Staub empor,
und die Menschen, wild und grausam,
gleichen Schlangen oder Vipern."
Leicht läßt sich vorstellen, wie diese verfeinerte chinesische Literaten- und Würdenträgertochter das rauhe Steppenleben empfand. Sie wendet sich, in manchmal ausufernden Versen, gegen alle himmlischen Gewalten:
"O, daß der Himmel Augen hätte!
Warum sieht er nicht, wie ich einsam verströme?
O, daß die Götter Geist besäßen!
Warum lassen sie mich hier verweilen –
Südlich des Himmels und nördlich des Meeres?
Ich hab dem Himmel nichts getan!
Warum paarte er mich mit diesem fremden Manne?"
Nur selten fängt Ts'ai Yen in wenigen Worten die fremde Magie der Steppe ein: "Die Sonne sinkt, der Wind wird traurig./ (…)/ Sanft und leise wird die Steppe."

Schon früh wurde bezweifelt, daß T'ai Yen diese Verse verfaßte, und auch die neuere Sinologie spricht sie ihr ab, obwohl ihr Talent für die Dichtung unbestritten ist. Schließlich enthält das 84. Kapitel des Hou-Han shu zwei lange und wortgewaltige Gedichte über das Elend am Ende der Han aus ihrem Pinsel. Die Gründe, ihr die "Achtzehn Lieder zur Barbarenflöte" abzusprechen, überzeugen nicht recht, doch eigentlich ist deren Autorschaft ein Problem zweiten Ranges. Sie zählen einfach zu den ergreifendsten Texten der chinesischen Literatur.

Ts'ao Ts'ao führte Ts'ai Yen wieder mit ihrem einstigen Gatten Tung Ssu zusammen. Bei einem Gesetzesverstoß von diesem verwendet sie sich unter demütigenden Umständen bei Ts'ao für ihn und rettet ihm das Leben. Als Ts'ao dann die Bibliothek ihres Vaters Ts'ai Yung – beziehungsweise das Zehntel, das die Wirren der Zeit davon übrigließen – durch zehn Schreiber abschreiben lassen will, verwehrt sie diesen den Zutritt in ihr Haus – aus Gründen der Sittsamkeit. Eigenhändig nimmt sie das Abschreiben vor, und der Geschichtsschreiber merkt respektvoll an, sie habe das fehlerlos getan.
 
 
 
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Vor An Lu-shan versteckt?
 
  Über die berühmt-berüchtigte kaiserliche Konkubine Yang Kuei-fei im 8. Jahrhundert wird berichtet, sie habe sich an Traubenwein in juwelenverzierten goldenen Tassen gelabt – möglicherweise einer wie der abgebildeten: 5.9 cm hoch, 230 g schwer. Ehedem war dieses meisterliche Produkt eines Goldschmieds noch schwerer. In den blütenförmigen Medaillons, die durch Golddrahtstege und Granulierungen gebildet wurden, befanden sich Perlen und Edelsteine.

Im Jahre 1970 entdeckten chinesische Archäologen in dem Dorfe Hejiacun nahe Xi'an zwei große Keramiktöpfe, ihn denen sich 1023 Gegenstände, meist aus dem Alltag, befanden – doch aus was für einem Alltag! Ungefähr 270 waren aus Gold oder Silber geformt: weitere Tassen, Teller, andere Geschirre, Schmuck und Zierat.

Tangzeitliche Goldtasse Die Fundstätte lag in der T'ang-Zeit, aus welcher dieser verborgene Hort stammt, unweit der Kaiserstadt – in dem Quartier Hsing-hua, "Aufsteigende Blüten", der Hauptstadt Ch'ang-an. Dort lag auch das Stadthaus des kaiserlichen Prinzen Li Shou-li. Keineswegs sicher ist freilich, daß dieser Schatz ihm gehörte. Wahrscheinlich hingegen ist, daß er im Jahre 756 verborgen wurde, als der aufständische General – und angebliche Liebhaber der Yang Kuei-fei – die Hauptstadt eroberte und sich für kurze Zeit zum Kaiser ausrief.

Diese Tasse zeigt deutlich westliche Züge. Möglicherweise stammt sie, deren Herstellung in die Zeit um 620 bis 680 datiert wird, aus dem Gebiet des heutigen Iran, wo von 224 bis 651 das Geschlecht der Sassaniden geherrscht hatte, mit zahlreichen Verbindungen nach China. Vielleicht wurde die Tasse aber auch durch einen Goldschmied nur einem persischen Vorbild nachgestaltet, in Zentralasien oder gar in China. Weitere Gold- und Silberobjekte in diesem Hort lassen solche Erwägungen zu, doch einige sind fraglos Originale aus dem Westen: eine sassanidische Glasschale, ein paar sassanidische Goldmünzen, auch eine byzantinische.

Die letzten Sassaniden hatten sich mehrmals offiziell an den T'ang-Hof gewandt. Sie suchten Beistand gegen die vordringenden Araber. So floh denn auch der letzte Sassanide, Peroz, 675 nach Ch'ang-an, wo er im Jahre 708 starb. Auch über solche Kontakte hinaus unterhielt das T'ang-Reich rege Beziehungen zu dem kleinasiatischen Raum, vor allem mit dem Iran, und die Perser galten den Chinesen als so wohlhabend, daß noch ein Dichter des 9. Jahrhunderts meinte, die Formulierung "ein armer Perser" sei ein Widerspruch in sich.

Henkeltassen hatte es in China bereits zu Steinzeiten gegeben, doch dann wurde dieses praktisch handbare Gefäß anscheinend ungebräuchlich. Erst auf dem Umweg über den Vorderen Orient wurden solche Formen in der T'ang-Zeit wieder üblich. Auch die raffinierte Goldschmiedetechnik der Granulation, durch welche winzige Goldperlen auf dem Körper eines goldenen Gefäßes befestigt werden konnten, erlebte ein merkwürdiges Schicksal. Wahrscheinlich wurde auch sie im Vorderen Orient erfunden, gelangte dann nach China, auch ins mittelalterliche Europa – und wurde bald überall vergessen, und blieb das bis vor kurzem.

Unvergessen aber blieb die Kaiserkonkubine Yang Kuei-fei. Aufständische richteten sie hin, ihr kaiserlicher Liebhaber mußte dem brutalen Vorgang zusehen – und der hauptstädtische Poet Po Chü-i (772-846) verfaßte eine lange Ballade über diese Liebes- und Schreckensgeschichte. Sie wurde sofort so populär und abgeschrieben, daß, wie die Überlieferung will, in der Hauptstadt Ch'ang-an das Papier knapp wurde. Diese Tasse und dieses Gedicht – sie bezeugten allein schon, welcher Glanz der Kultur damals Ch'ang-an erfüllte. Heute liegt dort das armselige Dörfchen Hejiacun.
 
 
 
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Ein Blick in eine Gelehrtenbibliothek
 
  Kaum mehr ist über Yang Liang bekannt, als das er im 12. Monat des Jahres yüan-ho 13, das dem Jahre 818 entspricht, einen Kommentar zu der Textsammlung Hsün-tzu, "Meister Hsün", aus dem Altertum abschloß. In dieses Jahr datiert er sein Vorwort dazu und nennt auf der Titelseite auch seinen Amtstitel, einen geringen. Ein kurzer Prosatext von ihm ist noch an anderer Stelle überliefert. Sonst hinterließ Yang Liang keine Spuren in der Geschichte: ein Mann ohne Bedeutung.

Ohne Selbstbewußtsein war er augenscheinlich nicht. In seinem Vorwort erklärt er, daß die Textsammlung Meng-tzu, "Meister Meng", über die Zeiten hinweg vor allem deswegen geschätzt worden sei, weil Chao Ch'i
(+ 210) einen Kommentar dazu verfaßt und sie damit leicht verständlich gemacht habe. Einen Kommentar zum Hsün-tzu habe es nie gegeben, außerdem sei der Text schlecht und fehlerhaft überliefert. Auch an der bisherigen Kapitelfolge findet er einiges auszusetzen. Deshalb "haben die Schriften des Herrn Hsün in tausend Jahren noch nicht geglänzt." Er meinte Hsün K'uang (340-245), einen der scharfsinnigsten Denker des Altertums.

Xunzi, Kap. 1

Im Vorwort erläutert Yang Liang auch seine Vorgehensweise bei der Abfassung des Kommentars – und diese Erläuterungen lassen sich bei dessen Lektüre stets wiedererkennen. Der erklärt Sachverhalte, macht Bemerkungen zu den Bedeutungen und Lautungen von seltenen Schriftzeichen, schreibt interpretierende Notizen nieder und faßt immer wieder auch eine Argumentation des Textes zusammen oder die Zielsetzung der einzelnen Kapitel, 32 insgesamt. Bei deren – vorsichtiger – Neuordnung orientiert er sich ein wenig am Lun-yü, den "Gesprächen" des Konfuzius, in dessen Nachfolge er auch Hsün K'uang sieht.

Vorsichtig und behutsam geht Yang Liang mit dem überlieferten Text um. Nicht selten entdeckt er fehlerhafte Schreibungen, doch er korrigiert diese nicht etwa stillschweigend, wie das auch heute noch Editoren tun, sondern gibt im Kommentar die nach seinem Dafürhalten korrekte Lesung und begründet diese oft. Zu dieser Begründung verhilft ihm eine ganz erstaunliche Lesefreude, die der Kommentar ebenfalls dokumentiert.

Viele hundert Male zitiert er die ältere Literatur oder verweist auf sie. Da seine Zitierweise, dem Brauch der Zeit folgend, nicht einheitlich ist, läßt sich die Zahl der zitierten Werke nicht ohne genaue Untersuchung feststellen. Viele dutzend sind es jedenfalls, und Yang hat mit Bedacht ausgewählt.

Alle bis heute aus klassischer und spätklassischer Zeit überlieferten Texte und Textsammlungen sind darunter, die frühen Wörterbücher, wichtige frühe Kommentare zu anderen alten Texten. Manchmal zitiert er auch einen Text, der später aus der Überlieferung ausschied, so den Mohisten Sui Ch'ao-tzu, "Meister Sui Ch'ao". Seine Bibliothek muß viele hundert solcher "Bücher" umfaßt haben – auf Seidenrollen niedergeschrieben oder Holz- und Bambustäfelnchen, vielleicht auch schon Papier. Deren Handhabung bei der Lektüre dürfte mühselig gewesen sein.

Bemerkenswert bei der Auswahl der zitierten Werke ist vor allem, daß Yang Liang nur solche heranzog, die sprachlich und sachlich zum Konvolut Hsün-tzu paßten, daß er also über ein Gespür dafür verfügte, wie stark sich das Chinesische in den Jahrhunderten nach dem Altertum verändert hatte. Nur selten zieht er einmal einen späteren Text heran, und dann wird er einen Grund gehabt haben.

Yang Liangs Wunsch, den Hsün-tzu der Vergessenheit zu entreißen, sollte sich erst viel später erfüllen. Trotzdem, sein Kommentar ist einer der besten "Urkommentare", der je zu einem klassischen Text verfaßt wurde. Die kühle Rationalität der Hsün-Schriften und die genaue Philologie der Yang-Erklärungen – erst ein Jahrtausend nach ihm begannen chinesische Gelehrte derlei in größerer Zahl zu schätzen.
 
 
 
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Kaiserliche Sommerfrische
 
  "Wenn ich mich der Orchideen erfreue, wird die Liebe zur Aufrichtigkeit in mir wach. Beim Anblick der Pinie und des Bambus denke ich der Tugend. Stehe ich am Ufer des kleinen Baches, so beuge ich mich vor rechtlichem Sinn." – Ein wenig scheinheilig gab sich Kaiser K'ang-hsi, der von 1662 bis 1722 auf dem Thron war, als er diese Sätze in einer längeren Aufzeichnung im Jahre 1711 niederschrieb.

Diese Bemerkungen galten nämlich der Vollendung seines Sommerpalastes nahe Jehol, beim heutigen Chengde, dem er den bescheiden klingenden Namen Pi-shu shan-chuang, "Bergdorf, um der Hitze zu entgehen", gegeben hatte. Dieses Bergdorf hatte wahrhaft stattliche Ausmaße: sieben qkm Fläche, eine fünf Meter hohe Mauer umgab es, zehn Kilometer lang, und 36 herausragenden Stätten und Baulichkeiten hatte der Kaiser höchstpersönlich poetische Namen verliehen: "Lotosduft des gewundenen Wassers", "Halle der reinen Kühle" usw.

Jehol hatte seinen Namen von dem Flüßchen Jo-ho, "Warmes Wasser", erhalten, und auch sonst muß der Herrscher sich anscheinend gegen manche Vorwürfe verwahren, denn schon seit dem Jahre 1677 hatte er die Sommermonate gerne in dem kühlen Bergland hier zugebracht und 1703 mit dem Bau der Anlage begonnen: teuer und fern von Peking. So schreibt er jetzt, 1711: "Denn nahe ist es bei der Residenz Peking, und schon in zwei Tagen erreicht man den Ort. Wenn ich aber hier, in der einsamen Wildnis, mein Herz sammele, wie kann ich da die Regierungsgeschäfte vernachlässigen?"

Sommerpalast Jehol

Er jagt viel in dieser damals noch waldreichen Gegend, angelt, d.h. er sah zu, wie sein Leibdiener die Angel ins Wasser hielt, dichtet häufig – und sein stattlicher Hofstaat, die Konkubinen und Hofdamen dazu, gewährte ihm wohl noch andere Zerstreuungen. Bei alledem spielte allerdings auch politisches Kalkül eine Rolle: K'ang-hsi wollte sich hier im Norden den wilden Mandschu-Kriegern auch als wilder Fürst der Steppe darstellen, und erst recht dem Steppenvolk der Mongolen, dessen Stämme er sich nur mühsam botmäßig gemacht hatte. Immer wieder empfing er deren Fürsten und beeindruckte sie durch sein Jagdgeschick und prächtige Hofhaltung.

Sein Enkel und übernächster Nachfolger auf dem Thron, Ch'ien-lung (1736-1795), sieht das ganz klar: "Mein kaiserlicher Großvater erbaute den Sommerpalast, um dadurch zur Befriedung der Grenzvölker beizutragen." Auch er mach Jehol zu seiner Sommerresidenz und eifert dem Großvater auch darin nach, daß er 36 weitere Stätten und Gebäude dort errichtet und benennt. Beinahe gerührt erinnert er sich:

"Im Jahre hsin-mao (1711) vollendete mein kaiserlicher Großvater die 36 Sehenswürdigkeiten im Sommerpalast zu Jehol, und es fügte sich, daß ich im gleichen Jahr geboren wurde. Ursache und Wirkung dieses Zusammentreffens sind unbegreiflich. (…) Als ich damals (1741) im Sommerpalast eintraf, wanderte ich sinnend umher und überdachte alles in Liebe. Da aber mein kaiserlicher Großvater schon alles Wissenswerte über ihn niedergeschrieben hat – weshalb sollte ich da zum Pinsel greifen?"

Natürlich kann dieser kaiserliche Vielschreiber Ch'ien-lung nicht an sich halten. Unzählige Gedichte widmet er dem "Pavillon der kühlen Wohlgerüche" oder der "Halle des eifrigen Denkens". Sogar die nüchterne Lokalchronik Jo-ho chih, "Denkwürdigkeiten über Jehol", gerät bei der Aufzählung der insgesamt mehr als hundert "Sehenswürdigkeiten" immer wieder ins Schwärmen, so über einen Pavillon: "Hundertjährige Bäume umgeben diesen Ort, und weithin senkt sich ihr Schatten: ein langes Blühen, eine ewige Pracht."

Nach Ch'ien-lung verfiel diese Sommerpracht. Bald wurde dort gewildert, abgeholzt und geplündert. Den Nachfolgern war das alte Ethos der Steppenfürsten abhanden gekommen, aber wahrscheinlich hatte diese Abwendung auch noch andere Gründe.
 
 
 

 Höflichkeit und Energieverbrauch

Jener liebenswürdige ältere chinesische Herr, der vor einigen Wochen erstmals nach Hamburg und Europa kam, zeigte sich über manches erstaunt – zunächst einmal über die Menschenleere Hamburgs. Dann erfreuten ihn jedoch die gute Luft und das klare Trinkwasser, und auch dem Grün in den Straßen und den innerstädtischen Parkanlagen galt sein wohlgefälliges Augenmerk.

Besonders entzückte ihn, den älteren Herrn aus China, schon am zweiten Tag die Höflichkeit, welche die Hamburger Autofahrer ihm bezeugten. Immer wenn er sich anschickte, eine Straße zu überqueren, hielten diese respektvoll ihre Wagen an, sogar die ganz großen "Schlitten". Da war er aus China, das ihm doch als Hort traditioneller Höflichkeit lieb war, anderes gewohnt. – Er hatte bei seinen Nachsinnereien lediglich übersehen, daß seine Tochter ihn stets an einen Zebrastreifen geführt hatte.

Das brachte den Berichterstatter, der täglich in einer mäßig befahrenen Straße einen solchen Zebrastreifen überquert, seinerseits zum Nachdenken. (Dieser liegt in der Nähe des abgebildeten Häuschens am Rand von Pöseldorf, das seinen Charme nach einer Restaurierung vor einigen Jahren leider einbüßte.) Wenn er dort beim Nahen eines Autos dessen Fahrer rechtzeitig bedeutete, daß er ihm den Vortritt lassen wolle, dann könne das vorteilhafte Wirkungen zeitigen. Nicht der Wunsch, sich einer Autofahrerin, gegebenenfalls auch einem Autofahrer, gegenüber als liebenswürdig-höflich erweisen zu wollen, leitete ihn bei seinen Überlegungen. Schließlich neigt er ansonsten zu mürrischer Ungefälligkeit.

Rühmkorf Antiquitäten, Hamburg-Pöseldorf

Die Sorge um das eigene und das Gemeinwohl bestimmte ihn: Da sein Leib einige Fülle aufweist, würde das abrupte Innehalten an diesem Zebrastreifen, das kurze Verharren und dann die Wiederaufnahme der Fortbewegung den Verbrauch seiner Körperenergie erhöhen, also möglicherweise ein Gramm Fett beanspruchen – was bei häufigstmöglicher Wiederholung . . . ! Wenn andererseits die autofahrenden Personen an den Zebrastreifen durch ihn genötigt werden, ihre tonnenschweren Vehikel zu bremsen und dann erneut anfahren zu lassen, ist der unnütze Verbrauch von – sozusagen – öffentlicher Energie erheblicher größer, von einer leicht erhöhten Umweltverschmutzung bei jedem Anfahren zu schweigen.

Gedacht, getan! Fortan näherte er sich diesem Zebrastreifen stets als umsichtiger und augenfälliger Gutmensch, der allen sich nähernden Autoinsassen durch eine Handbewegung bedeutete, daß sie zügig weiterfahren sollten, er hingegen verharren wolle. Nicht jeder Zebrastreifen eignet sich für ein solches Gebahren, doch sonst sei es zur Nachahmung empfohlen. Allein schon die überaus unterschiedlichen Reaktionen der Autoinsassen gewähren flüchtige und tiefe Einblicke in menschliche Wesensarten.
 
 
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