Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 39
8. Juli 2005
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
  Fortsetzung aus « HCN 38:

 Deutsche Dichter reisen nach China

(…) Wenn Rühmkorf geahnt hätte, was sich in China tatsächlich ereignete hinter den ihm gezeigten Kulissen! Bald ist er wieder ganz bei sich. Er beschließt diese Auszüge aus seinen Reisetagebüchern mit einer Notiz über die Rückkehr von einer "Friedensfahrt". Der ganze Bus gröhlt: "Und so haben wir dann in den nächsten Tagen/ unsere Hoffnung ganz begraben./ Aber bei Karl Marx und Lenin steht,/ wo wir Arbeiter eine Zukunft haben." Wir Arbeiter!

In den eigenen Gedichten hätte Rühmkorf sich solche Reime nie verziehen, und gleich anschließend:
"Etwas später im Herbst lasen wir dann im 'Steinernen Herzen' des sonst so unerweichlichen Schmidt: 'Wehe die wankenden Reihen des Geistes! Brecht stirbt; Benn ist tot; macht ein Kreuz hinter Riegel.'"
Brecht und Benn hatte Rühmkorf ebenfalls bewundert und Werner Riegel als den "stinkbesoffnen Dichter Riegel" gepriesen, längst vergessen, der China immerhin einige unvergeßlich Verse gewidmet hatte: "Wir sind in Dorn und Schleh/ Wo sich der Himmel staut./ Der Schnaps des Li-Tai-pe/ Rinnt hinter die Haut." – Unter dem Titel "Hymnus auf den neuen Menschen" schreibt er ferner: "MG 42, ein Spruch des Konfutse,/ vages Bild vom Lager im grünen Strauch,/ ein Foto am Bett, das ich gleichgültig duze,/ ein beliebiges Bild und ein Dörfchen im Rauch." Riegel weiß vielleicht, daß im 2. Weltkrieg mancher Soldat die Schriften des Konfuzius im Marschgepäck trug, vielleicht auch die chinesische Antikriegslyrik, in den wilden Übersetzungen von Klabund, aus dem 1. Weltkrieg, unter den hübschen Insel-Bändchen erschienen.

Mao Zedong

Auch Arno Schmidt ließe sich über China zitieren. An diesem Stichwort verflechten sich beinahe alle deutschen Literaten, um schon einmal auf einen zweiten Namen von diesem "Dichtergipfel" 2005 in Lübeck zu verweisen:
Hans Magnus Enzensberger. In einem Hörspiel "Der Tote Mann und der Philosoph" nimmt er einen Dialogtext des großen Lu Hsün (1881-1936) auf, der wiederum eine um 1600 entstandenen Erzählung verballhornte, die ihrerseits auf einer Parabel des taoistischen Denkers Chuang-tzu (auch: Zhuangzi), der mit dem Schmetterlingstraum, beruhte:
"Zhuangzi, du elender Wurm! Was fällt dir ein! Dein Bart ist schon ganz eisengrau, und du bist immer noch voll kindlicher Einfälle! Du sollst dich schämen. Nach dem Tode gibt es keine Jahreszeiten, keine Herren und Diener, weder Zeit noch Raum. Nach dem Tode ist alles eins. Die Toten sind frei, freier als der Kaiser von China. Nicht einmal das hast du kapiert? Und so etwas will ein Philosoph sein!"
Günter Eich hatte Enzensberger vorgemacht, wie man sich die ältere und die jüngere chinesische Literatur aneignet. "Den Kunstgriff der Vertauschbarkeit (der Existenz)", sagt ein Kritiker, "hat sich der Sinologe Eich beim Studium der asiatischen (= chinesischen) Welt angeeignet. Zahlreiche chinesische Gedichte übersetzte Eich, verdankt ihnen manches bei den eigenen lakonischen Versen, und auch als er in seinem berühmten Hörspiel "Träume" eine "radikale Zerstörung der traditionellen Ästhetik" wagt, dient ihm ein Motiv des großen Lu Hsün, mit dem er auch die Neigung für traditionelle chinesische Grauensgeschichten teilt. Er ist der einzige deutsche Nachkriegsliterat, der China und der chinesischen Literatur mit Umsicht begegnete.

China, Schnaps und proletarische Grölgesänge der Jungintellektuellen von "Konkret" und Umgebung . . . allmählich wurde Deutschlands Jugend, zu Teilen, ungebärdig im "Pinscher"-Konservatismus der Adenauer/Erhard-Ära. China war eines ihrer Reizwörter für die Alten.

In China war die nächste Etappe der neuen Menschwerdung angebrochen, die maoistische "Kulturrevolution", die – weil es abermals an Kenntnissen fehlt – auch hier Begeisterung weckt, vor allem durch die Idee einer permanenten Revolution, also einer beständigen Verbesserung menschlicher Gesellschaft. Als die "Kulturrevolution" schon beinahe abgeblasen ist, werden wieder deutsche Freunde, auch Literaten und dann Studenten, allein oder in Gruppen, nach China eingeladen. Den meisten fehlt der genaue Blick eines Rühmkorf, die neue Prosa gibt sich gröber und gläubiger: "China. Im Vertrauen auf die eigene Kraft. Reisebericht einer Genossin" (Jenny Schon). Der Reisebericht dieser Genossin hebt an:
"Ohne Spalten in Sensationsblättern zu füllen, arbeitet ein Volk – bescheiden, systematisch und planvoll, als bewußte Tat von freien und befreiten Menschen – an dem größten Produkt der Menschheit, an der Abschaffung der Ausbeutung und der Herrschaft des Menschen über den Menschen."
Schuldbewußt beklagt die reisende Genossin schnell, daß sie im Auto mit Chauffeur durch die Gegend kutschiert werde – und über den ihr sonst noch gebotenen Komfort. Das habe sie in Berlin auch nicht, "und meine Beine vergessen ihre natürliche Funktion" – was doch nicht der Wunsch der neuen Menschheitsgenossen sein könne.

Kulturrevolutionäre Oper

Ihren größten Barden erlebte die "Kulturrevolution" in Joachim Schickel vom NDR, in der Nähe. Alljährlich schafft er wenigstens zwei glorifizierende Bücher, neben sonstigem. Alles erscheint ihm in Peking gepflegt und unversehrt, trotz aller Verwüstungen im Gefolge der Roten Garden:
" – es sei denn, daß nun mehr kein Gipfel und keine Wand, kein Park und kein See weiterhin Refugien bieten, sich dem Vorsitzenden Mao für Stunden, für Minuten zu entziehen. Jederzeit und allerorten finden seine (im Original kursiv) Worte, goldene wie rote, jedermann."
Seine Worte, goldene wie rote! Ihn entzückt das Rot wie Schuricke und Carroll dereinst bei italienischem Wein und Lippen, die Glut seiner Mao-Liebe lodert beinahe schon katholisch-jesuitisch, wie im 17. Jahrhundert. Ansonsten klaut Schickel bei seinen Übersetzungen der Mao-Gedichte hemmungslos aus den älteren Übersetzungen des Pekinger Verlags für fremdsprachige Literatur, der alle Welt unablässig mit seinen Propagandaheftchen versorgte. Sie sollten wahrhaftig Gemeinbesitz aller Neuen Menschen werden. Schickel definiert diese "Große Proletarische Kulturrevolution" in einer, wie gewohnt, verquasten, raunenden Sprache:
"Um das aktuelle, und bisher und fortan begleitende Stichwort zu interpretieren: Die Massen ändern den Auftrag: herrschen sollen alle, denen die Produktionsmittel zukommen, damit sie Kultur haben können – die Massen selber."
Nachdem offenbar geworden war, was die "Kulturrevolution" in Wirklichkeit gewesen war und was sie bezweckt hatte, wendet Schickel sich resigniert Konfuzius und Lao-tzu zu und dem uralten "Buch der Lieder", mit ebenfalls verqueren Übersetzungen. Das "Rote Heft Nr. 7" von 1974 bietet dann die "Kritik des westdeutschen Maoismus".

Nach Konfuzius und den chinesischen "Philosophenkaisern" dereinst, nach Lao-tzu und dem versoffenen "Li-Tai-pe" hatte Deutschlands Chinabegeisterung eine neue Lichtgestalt gefunden. Auch sonst brach Deutschlands intellektuelle Jugend seit Mitte der 1960er Jahre auf, nach der im übrigen Westen. Nicht nur das spröde Charisma eines Konrad Adenauer war verschlissen, Willy Brandt gab sich noch zu bubihaft, um viele Menschen bewegen zu können, auch die großen Autorennamen aus der Nachkriegszeit verloren an Glanz.

Klaus Kinski reiste durch die deutschen Universitätsstädte und brüllte Verse von Villon und Rimbaud, bis ihm der Schaum vor den Lippen stand – unter einem Punktscheinwerfer, schwarzgewandet. Jedes Auditorium maximun war überfüllt, wie später bei den "Vollversammlungen" der 1968er, doch Kinski zog da schon mit vulgären Bibelrezitationen durch die Lande, und die Verheißungen der "Kulturrevolution" des Mao Tse-tung und seiner schauspielernden Einpeitscherin Jiang Qing fielen auf fruchtbaren Boden.

Peter Handke reüssierte mit einer "Publikumsbeschimpfung" der Bildungsbürger im Theater. Später findet er den "Chinesen des Schmerzes" als Metapher. – Trotz aller Verirrungen und Bizarrheiten – damals blühten das intellektuelle Leben und der Streit der Ansichten in der Republik, wie schon seit länger als fünfzehn Jahren nicht, in unseren Beliebigkeiten.

Mit dem Tode Mao Tse-tungs am 9. September 1976 war in China endgültig der Boden für eine Abkehr von seinen Eigenwilligkeiten der Politik vorbereitetet. Schon vorher hatte sich in Deutschland ein Wandel der Chinainteressen angedeutet, dessen Einzelheiten sich auch heute noch nur schwer entschlüsseln lassen. Je mehr Einzelheiten über die "Kulturrevolution" bekannt wurden, desto nachhaltiger verebbte die Chinabegeisterung der hiesigen Linken.

Stattdessen entdeckte die politische Rechte ihren Sinn für China und machte sich auf die Reise – in der Hoffnung, dem tattrigen Mao noch die Hand schütteln zu können, Franz-Josef Strauß von der CSU war der prominensteste. Die Chinareisen von Politikern und Wirtschaftsdelegationen nahmen, in Aufbruchstimmung beiderseits, zu, als Chinas Wirtschaft "geöffnet" wurde. "Riesenmarkt" lautete die neue Chinachiffre, schon aus dem 19. Jahrhundert bekannt.

Allmählich reisten die Literaten den Politikern und Wirtschaftsbossen nach und schrieben ihre Texte darüber. Adolf Muschg war unter den deutschreibenden Autoren einer der ersten: "Baiyun oder die Freundschaftsgesellschaft". Ihm folgten Günter Grass: "Kopfgeburten", Michael Krüger: "Warum Peking?", Hermann Kinder: "Kina Kina". Geringere Namen hielten sich an den Trend: Helena Kern und Anna Rheinberg etwa, mit "Die chinesische Münze" beziehungsweise "Shanghai – Erster Klasse".

Etwas abfällig ließen sich alle solche Texte, die in rascher Folge zwischen dem Ende der 1970er und Mitte der 1980er entstanden, als "Lektoren-Literatur" kennzeichnen. Die Autoren waren zu staatlich geförderten Lesungen nach China gereist oder lebten dort für einige Zeit als DAAD-Lektoren, als Sprachlehrer fürs Deutsche. Lektoren-Texte sind das noch in anderen Hinsichten.

Mehrere von diesen Autoren spielen explizit oder weniger deutlich auf Goethes "Italienische Reise" an, an welche ich schon eingangs erinnert hatte. Hiermit verraten sie wohl, daß auch ihnen China als ein Sehnsuchtsland gegolten hatte – vor der Reise jedenfalls.

Während Goethe in Italien seine Selbstfindung gelang, eine Fülle kultureller Beobachtungen und Entdeckungen dazu, erlebten die neuen Reisenden vor allem das Umherirren: Bei Muschg verirrt sich der Erzähler gleich zu Beginn auf der Suche nach Batterien für seinen Rasierer in der Provinzstadt Shenyang. Grass läßt seinen Erzählen, nebst Ehefrau Ute, "im Fahrraddschungel" von Shanghai als Fußgänger die Orientierung verlieren, und bei Krüger findet ein reisender Professor zu einem Konfuzius-Kongreß diesen eben nicht, während bei Kinder dessen Professor durch das schöne Yangzhou irrt, das er schon von Marco Polo kennt:
"Andermatt hielt den Finger auf den Satz des Sprachführers, wo das Hotel sei, und sagte das Wort dazu, das er kannte. Der Mann sagte erst Hohoho, dann Hahaha und streckte den Arm die Straße herauf. Ho schien Staunen zu sein, Ha die Versicherung der Freundlichkeit. Es war hier wie in Shanghai, wie in Zhenjiang, grüne Hosen, blaue Shorts, die gleichen Märkte, die gleichen Läden, die gleichen Mondkuchen, Platanen, heiß und stinkend (…)."
Bemerkenswert schlechtes Deutsch ist das, die Chinesen erscheinen als minderbemittelt – und der Professor sucht nur noch eine Gelegenheit, um sich zu entleeren. Über China ist in diesen Texten nichts zu erfahren, auch keine Reflexion darüber. Kein Wunder, denn keiner der Autoren bzw. ihrer Gestalten kam je in China an. Bei Muschg heißt es denn auch: "China will der doch gar nicht sehen, er will nur in China gewesen sein." Dann ähnlich: "Von den Chinesen weiß ich jeden Tag weniger." – "Die" Chinesen? Und Michael Krüger räsoniert:

"(…) weil ich genaugenommen außer einem Blick aus dem Fenster nichts von Peking gesehen hatte, was einer ausschmückenden Beschreibung wert gewesen wäre."

Die Autoren wenden nur die Motivik des Reisens hin und her, dessen Ziel und Inhalt letztlich nur die Heimkehr ist. – Für das Chinabild der deutschen Literatur und – wegen deren multiplikatorischer Wirkung – der deutschen Öffentlichkeit wird durch jeden dieser Texte China vom fernen Sehnsuchtsland zum noch ferneren Rätsel- und Schmähland. Keiner der Autoren ist dafür zu schelten, wie geschehen, denn sie sind nicht Reiseberichterstatter oder Rasende Reporter, sondern Literaten, welche die Fremde eben über ihre literarischen Voraussetzungen erfahren. Der Sinologe hingegen darf das beklagen, und ihn freut auch nicht – füge ich amüsiert hinzu -, über einen Kollegen zu lesen:
"Nein würde sagen, daß Professor Müller die für einen Sinologen erstaunliche Frechheit besessen haben mußte, einer ihm eben noch unbekannten amerikanischen Archäologin sofort aufs Zimmer zu folgen."
Mit der Amerikanerin widerfährt dem Sinologen dann noch allerlei:
"Alle Versuche, das Tao als das Unendliche, das das Flüchtige ist, das Flüchtige, das das Vergängliche ist, und das Vergängliche, das die Rückkehr ist, wie Lao Tse es uns beigebracht hat, der Amerikanerin zu vermitteln, schlugen fehl."
Vielleicht hätte er es besser mit einer Chinesin versucht. – Schon Elias Canetti hatte einen Sinologieprofessor zum Gegenstand seiner Verwunderung gemacht, und wenn manche Lektoren-Literaten über Sinologen-Übersetzungen aus dem Chinesischen lästern, dann haben sie ihrerseits ihre Gründe. Von all den Chinareisenden und Chinalehrenden hatte einzig Uwe Herms ein Stück Genauigkeit überliefert, als er sich – in Eiderstedt, im Alten Hebammenhaus – hinsetzte, um über das chinesische Küchenbeil zu schreiben.

Der erfolgreiche Richter und Schreiber Herbert Rosendorfer nahm sich für seine China-Blödeleien ("Briefe in die chinesische Vergangenheit" ein jahrhundertealtes Muster zum Vorbild, das durch "Ein chinesischer Spion in Hamburg", um 1850, eine letzte Ausprägung erfahren hatte. Längst war die Gattung solcher China-Briefe obsolet geworden, doch nach der "Wende" nahm Rosendorfer dieses Muster erneut auf:

"Ich erfuhr, daß jener Ka-ma vor etwa hundertfünfzig Jahren eine religiöse Sekte gegründet hatte, deren Lehre besagte, daß es wenige Reiche und viele Arme gibt. Na ja, dazu braucht es nicht viel Nachdenkens. Der Ka-ma schloß aber weiter, daß dieser Zustand nur andauert, weil die Armen zu blöd sind, und daß sie, wenn sich die Armen zusammentun und die Reichen erschlagen, selber reich werden. Das scheint mir (…) der erste Irrtum jenes Ka-ma gewesen zu sein, denn selbst nach oberflächlicher Berechnung ergibt sich, daß wenn aller Reichtum aller Reichen verteilt wird, auf jeden Armen ein ganz unbedeutender Anteil entfällt."

Auch einen "Unter-Gott" namens Le-ning kennt Rosendorfer, alles mäßig amüsant. Und Kurt Kusenberg hatte sich ebenfalls einen "Brief aus China" ersonnen.

Einem Grund dafür, daß die deutschen Reiseliteraten sich nicht auf China einlassen können, werde ich später noch einen Satz widmen und benutze als Übergang zu einem nächsten Abschnitt ein paar Verse aus dem "Starckdeutsch" von Matthis Koeppel:
"Meimallz nücht sullst du nücht roisn
zu denn Schineanuoisn.
Dausinde vann Millijornen
Üm ze öngn Lante worrnen."
Übersetzt heißt das: "Mehrmals sollst du nicht/ zu den Chinesen reisen./ Tausende Millionen/ wohnen in dem zu engen Land." Dem ganzen Volk gilt dann das Lied "Därr Chineanueus":
"Chineus, därr Chineanueus,
därr sücht verdammicht gluckslüch äus.
Ont soin Gesaicht onnt Mützendn
Dis gleucht demm Pfvohursützendn.
Jeidur sahr – opp ullt – op jonken -
Außß, wü Maor Tseje Tonken.
Jützt, ont onne vüll Bedönckn,
sünd se Huarr Kuorr Pfönkchn!"
Das Mao-Lob hat auch die Nachrkriegslyriker erreicht, Hua Kuo-feng hieß sein Nachfolger. Das Gedicht verhöhnt natürlich die vermeintliche Uniformität und Anpassungswilligkeit "der" Chinesen. Andere lyrische Texte bewegen sich zwischen Zartsinn und Blödelei, einige Proben:
"Ihm träumte einst, er wär ein Schmetterling,
Der flatternd durch den blauen Äther ging,
Berauscht von Duft und Morgenluft und Sonne.
Das Leben war die reinste Falterwonne."
O ja, Mascha Kaléko! Den Falter hatten wir bereits bei der Prosa kennengelernt, hier ist er einer altchinesischen Parabel nachbanalisiert.
"Ich mag die Arbeit im Garten,
der in Blüte und voll Unkraut steht,
Gedanken kommen beim Graben
Und gehen in Rasen und Rosenbeet."
Henning Ziebritzki hat offenbar Lao-tzu und T'ao Yüan-ming gelesen. Glücklicherweise verrät er uns seine Gedanken nicht: ins Rosenbeet gegangene.
"Ich wohne
in der Nähe von Lo-yang,
ein Gefangener der Berge,
meine Hütte ist klein,
nicht größer als die Spitze
einer Ahle
(…)
Wo immer der Baum auch steht,
der Wind wird ihn erreichen."
Hanns Cibulka versucht, die Diktion chinesischer Gedichte nachzuahmen, gleich Brecht und Eich vor ihm: lakonisch und sentenzenhaft – und das "Fliegende Pferd" von Walter Bauer, das einem archäologischen Wunderfund aus den 1970er Jahren gewidmet ist:
"Weit vom Steppenrand, von dort, wo
Flache Erden in den Himmel fließen,
Tausendjahrwind glättet
Nach der einen oder anderen Richtung."
Von einigen Mao-Hymnen will ich schweigen, doch den Lästerer Robert Gernhardt nicht vergessen (…)


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