Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 39
8. Juli 2005
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Zu ChinA-Gegenwarten

Die Proteste von Studenten und Schülern in Hamburg gegen nach ihrer Ansicht verfehlte und sie belastende "Reformen" im Hochschul- und Schulbereich sind inzwischen abgeflacht, denn der Unterricht, Lehre und Forschung verlangen ebenfalls ihre Rechte. Viel an Politikeraufmerksamkeit wurde ihnen nicht gewährt, doch manches überraschende Politikerwort kam dabei zustande. Nachdem Mitte Juni 10.000 junge Leute auf dem Rathausmarkt demonstriert hatten, meinte der CDU-Bildungsexperte Robert Heinemann selbstgefällig: "Es sind nur etwas mehr als 10000 gekommen. Die Hamburger haben erkannt, daß wir die notwendigen Reformen eingeleitet haben." Das ist schon hämisch.

Studierendendemonstration, Uni Hamburg, Juni 2005

"So ruiniert man eine Universität", überschrieb die FAZ am 1. Juli 2005 einen langen Beitrag. Dieser betraf Gegebenheiten in Berlin, doch an nicht wenigen anderen Orten gehörten Artikel mit solchen Überschriften an die Öffentlichkeit. Was sich an "Reformen" hinter den Fassaden der Universitäten hier und da ereignet, bzw. an Heckmeck, Hin und Her und Dilettantismus in Zusammenhang mit "Reformen", das spottet schon jeder Beschreibung. Wenn schon die Journalisten – und es gibt zu wenige Hochschuljournalisten – nicht imstande sind, hinter den Fassaden der Universitäten zu recherchieren, dann sollte wohl der eine oder andere Eingeweihte sich ein Herz fassen und ein paar Schleier lüften.

Das gegenwärtige Hin und Her an der Universität Hamburg, das sich in vielen Einzelheiten zeigt, die leidigen Auseinandersetzungen mit einer in eigenen Vorstellungen festgefahrenen Hochschulbehörde, unzulänglich eingeführte und vermittelte Neuerungen, die demnächst zu einigen chaotischen Vorgängen führen werden, belasten die Angehörigen der Universität. Was gemeinhin als "corporate identity" beschworen wird, das weicht einer diese auflösenden Resignation. Die Universität als Gesamtinstitution zerbröselt, die neugegründeten Fakultäten und alle möglichen sonstigen institutionellen Einrichtungen, die jetzt nach irgendwelchen Vorstellungen geschaffen werden, haben kaum eine Möglichkeit, eine Identität auszubilden. Die einen ziehen sich mental aus dieser Universität zurück, andere finden für ihr Engagement Anknüpfungspunkte auf anderen institutionellen Ebenen.

Erfreuliches ist in dieser Hinsicht aus der ChinA zu berichten, allein aus dem jetzt vergehenden Sommersemester. (Diese Folge der HCN wurde am Wochenende des 2./3. Juli geschrieben.):

PD Dr. Dorothee Schaab-Hanke hielt ein Seminar zum Thema "Die ‚Lieder' und deren Bedeutung in der frühen chinesischen Literatur".

PD Dr. Angela Schottenhammer (eigentlich München) hielt ein Seminar zum Thema: "Schiffsbau und Schiffsbaupolitik in der späten Kaiserzeit".

Dr. Matthias Richter leitete einen Lektürekurs zum Thema: "Lektüre altchinesischer Manuskripttexte".

Hochspezialisierte Themen der Forschung sind das. Vor allem die Behandlung solcher Themen vermittelt interessierten Studierenden höherer Semester exemplarisch die Fertigkeiten, sich eigenständigen Forschungen widmen zu können. Alle drei leben in ökonomisch ungesicherten, zumindest nicht festangestellten Lebensverhältnissen, und in dem Bulmahn-Ministerium, selig! demnächst, galt diese Wissenschaftlergeneration vor einigen Jahren als "zu entsorgen", in der unseligen Bedeutung dieses Wortes. – Solche Wissenschaftler, begabt und überaus leistungsfähig in ihren 30, 40er Lebensjahren, sind für eine qualitätvolle universitäre Lehre unerläßlich!

Ferner:

Prof. Dr. Monika Schädler, noch Direktorin des Instituts für Asienkunde, demnächst wieder Fachhochschule Bremen, hielt ein Seminar zum Thema "Wirtschaft Chinas I: Aktuelle Probleme der Binnenwirtschaft".

Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer, Direktor der renommierten Herzog-August-Bibliothek, Wolfenbüttel, hielt eine Vorlesung zum Thema "Geschichte des chinesischen Buddhismus".

Beide haben gewiß genug anderes zu tun, als auch noch an der ChinA zu lehren. Institutionelle und persönliche Verbindungen ermöglichten solche Bereitwilligkeit. Beinahe versteht sich – doch ist für einen Außenstehenden wohl unverständlich – , daß alle fünf Genannten das unentgeltlich tun. (Die ChinA hatte festgelegt, daß die freien von ihren kargen Mitteln vor allem zur Verbesserung des Sprachunterrichts genutzt werden sollen.) – Soviel Altruismus läßt sich nur durch eine große Begeisterung für das Fach Sinologie erklären.

Ferner noch:

Auch die lediglich mit zeitlich befristeten Anstellungsverträgen ausgestatteten Mitarbeiter engagieren sich weit über ihre damit verbundenen Aufgaben hinaus:

Dr. Martin Hanke bereitet, als "Redakteur" am häuslichen Schreibtisch, in diesen Tagen den nächsten Jahrgang der Zeitschrift "Oriens Extremus", deren federführende Herausgeberschaft bei der ChinA liegt, zum Druck vor. Kein Außenstehender kann ahnen, mit welchen Mühewaltungen der unterschiedlichsten Art ein solcher Zeitschriftenband verbunden ist.

Juniorprofessorin Dr. Yvonne Schulz Zinda organisierte im vergangenen Semester mehrere Serien von Vorführungen asiatischer, besonders chinesischer Filme. Diese zogen nicht nur Interessenten aus der ChinA und dem AAI an, sondern erreichten auch ein außeruniversitäres Publikum.

Manches andere Engagement wäre noch zu nennen, und manches andere kennt der Berichterstatter wohl gar nicht oder wird es erst später und durch Zufall erfahren. Selbstverständlich sind diese Engagements nicht. Noch trägt der Berichterstatter als Leiter der ChinA eine Verantwortung für diese – und zu dieser gehört, daß er allen Genannten so aufrichtig wie herzlich dankt.
 
 
 

 Zu ChinA-Vergangenheiten

Allmählich kommen so einige Papiere und Bilder zusammen! Sie gelten einem Projekt, das in Bildern und Dokumenten, zusammen mit kurzen biographischen Notizen, die Geschichte von ChinS und ChinA während der letzten Jahrzehnte dokumentieren soll. Keine historische Darstellung soll das werden, sondern vor allem eine anschauliche. Am wichtigsten dabei ist, daß – soweit möglich – deren Absolventinnen und Absolventen den gehörigen, also den überwiegenden Platz dabei eingeräumt erhalten. Schließlich geht deren Zahl in die Hunderte, und dabei könnten sich interessante Einblicke ergeben – nicht nur für die Information darüber, was inzwischen aus den "alten" Kommilitonen geworden ist. In diesem Zusammenhang tauchen immer wieder einmal interessante Papiere auf oder sie werden sogar aus diesem Anlaß geschrieben. Zwei von diesen Papieren sollen schon heute auszugsweise dokumentiert werden:


Ein Märchen von Tilemann Grimm

Nicht wenige deutsche Sinologen haben, offen oder unter Pseudonym, auch literarische Werke in deutscher Sprache veröffentlicht. Vielleicht hatte auch dieser "A-Lei", der in "Pförtnerblätter", der "Zeitschrift der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt Schulpforta" im Jahre 1943 ein "Chinesisches Märchen" veröffentlichte, solche Ambitionen. - Niemand heute sollte bei dem Untertitel dieser Zeitschrift zusammenzucken! Schulpforta, das war eine der traditionsreichsten gymnasialen Lehranstalten Deutschlands, deren Geschichte bis in die Zeit der Renaissance zurückreicht. Die Nazis hatten sie sich nur angemaßt, doch daß sie diese nicht "auf Linie" gebracht hatten, das deutet auch dieses "Märchen" an.

"A-Lei" – das ist der junge Tilemann Grimm (1922 bis 2002), dereinst ein herausragender Absolvent des Seminars für Sprache und Kultur Chinas, von dem HCN 27 bereits kurz berichtete. Diese Auskunft und diesen Text verdanke ich Frau Birgid Braun, deren Vater in Schulpforta ein Studienkollege von Tilemann Grimm war. – Dieser läßt als "A-Lei" sein "Märchen" mit dem Titel "Das Bild im Speisesaal" beginnen:

"Der Speisesaal des chinesischen Klosters Schu-fo-ta war umgebaut worden. Wo früher vier häßliche breite Pfeiler den Raum in unübersichtlicher Weise geteilt hatten, da konnte der Blick jetzt frei den ganzen Raum erfassen und sich der sauberen Einteilung der Längswand freuen, die früher einförmig grün getüncht gewesen war. Wo vordem zwei lange Zeilen schmuckloser Tannenholztische mit Bänken die Mönche zu freudlosem Mahle gezwungen, da lockten jetzt deckenverzierte Einzeltische mit gefälligen Stühlen zu genießendem Verweilen. Nur eine Querwand, den Eingangstüren von Küche und Kreuzgang gegenüber gelegen, verlangte mit ihrer ungegliederten großen weißen Fläche nach einem Schmuck. Daher sich der Abt entschloß, ein Gemälde in Auftrag zu geben. Seine Wahl fiel auf Ha-ke-bro, der sich mit Bildern der Jugend einen Namen gemacht und sogar Aufmerksamkeit und Beifall des ersten Ministers gefunden hatte. Da ihm der Auftrag zusagte, sagte er auch zu und begann alsbald im Kloster für sein Bild, Studien zu machen und die Klosterschüler , die ihm besonders geeignet schienen, in sein Skizzenbuch zu zeichnen, wobei er, ein wahrer Freund der Jugend, die auch in China lieber feiert als Grammatik treibt, jedesmal d i e Zeiten für seine Arbeit vorsah, in denen der Stundenplan schwierige und unbeliebte Stoffe zu behandeln versprach. Er gewann schnell die Herzen der Mönche und Schüler, wozu ihn seine echt westchinesische Fröhlichkeit ausnehmen geschickt gemacht hatte."

In chinesischem Gewand schreibt T.G. erkennbar über einen Vorgang in Schulpforta. Er schildert die Schwierigkeiten aller möglichen Art, denen die Entstehung dieses Bildes im Speisesaal von Schulpforta begegnet, und bald ist auch von einer Stadt namens Mün-tscheng die Rede. Das "Märchen" endet:

"Nun traf es sich, daß zu dieser Zeit in Schu-fo-ta zwei Schweine gemästet wurden und demnächst geschlachtet werden sollten. Um dem Speck die zarte Rötung und letzte Vollkommenheit zu sichern, hatte man sich Futterkalk bestellt, und dieser war zu eben derselben Zeit auf dem nächsten Bahnhof eingetroffen wie das Baryumkarbonat (benötigt für die Ausführung des Wandgemäldes, stu.). Beide Säcke wurden auf den Wagen gehoben und – wahrscheinlich weil irgendwer das Wort Karbonat mit Karbonade zusammengebracht hatte – in der Klosterküche abgestellt. Und mag nun dieser Irrtum weitergewirkt haben, mag bloße Gedankenlosigkeit im Spiele gewesen sein, kurz, der Hüter der Schweine entnahm dem einen Sack eine tüchtige Hand des verhängnisvollen Karbonats und mischte es unter den Fraß der Säue. 'Ba-rü' heißt auf chinesisch 'schwer', und schwer drücke es auf Magen und Darm des unschuldigen Borstenviehs. Das Unglück schritt schnell: Die Schweine wurden unruhig, schnauften ängstlich, fraßen nicht weiter, und es endete damit, daß eins notgeschlachtet werden mußte, während das andere durch tierärztliche Kunst am Leben gehalten werden konnte.
Mit diesem Opfer aber schienen die Götter versöhnt. Die Wand ward fertig. Der Künstler arbeitete bei täglich hellerer und wärmerer Frühlingssonne, so daß das schöne Zeugnis seines Genies zum Sommer fertig wurde (…)."

Pförtner Blätter, 7. Jg. (1943) Als unschuldige kleine Schülerlästerei, "Pennälerprosa", erscheint dieser Text auf den ersten Blick. Nicht vergessen sei jedoch, daß China damals Gegner von Nazi-Deutschland, als Verbündeter Japans, im Weltkrieg war. Die Nazis hatten China nie sonderlich geschätzt – und jetzt, mitten im Krieg, ein solches "chinesisches Märchen", zur Schilderung von Schulpforta-Angelegenheiten! Der jugendliche Autor schrieb diesen Text, aufgrund seiner frühen Prägungen, vielleicht unbedacht. Die Herausgeber der "Pförtner Blätter" werden jedoch gewußt haben, was sie taten.

Manche Formulierung verrät, daß T.G. schon in jungen Jahren und unter widrigen Umständen sich eine liebenswürdige Lebensfreude nicht nehmen ließ. – Ist dieses Wandgemälde in Schulpforta noch oder wieder zu betrachten oder ist es auf andere Weise dokumentiert? Wahrscheinlich ist der junge T.G. auf ihm dargestellt. Vielleicht weiß dessen Sohn, Professor Dr. Rüdiger Grimm, ja schon viel mehr darüber.


China-Erinnerunen von Werner Bartels

Werner Bartels, der im Sprachendienst des Auswärtigen Amtes in Berlin wirkt, wurde im Jahre 1980 am ChinS zum Dr. phil. Promoviert. Seine Doktorarbeit verfaßte er unter der Anleitung von Prof. Dr. Liu Mau-Tsai. Bartels, der aus Bremen stammt, erinnert sich an die Frühzeit seiner Begegnungen mit China:

"Und dann kam der Hafen – genauer gesagt, ich kam zu ihm. Im Alter von zwölf, dreizehn Jahren begann ich, mehrmals wöchentlich die stadtbremischen Häfen aufzusuchen und dort liegende Schiffe zu 'entern'. Die Beute, auf die ich es abgesehen hatte, bestand aus Zeitungen, Zeitschriften und anderen Druckwerken in exotischen Sprachen. Der Besuch eines Frachters mit chinesischer Mannschaft (hauptsächlich britische und niederländische Schiffe, die die Ostasienroute befuhren; ab und zu ein 'Taiwanese', ab Mitte der 60er Jahre schließlich zunächst vereinzelte, später immer mehr Schiffe, die die rote Flagge mit den fünf Sternen am Heck trugen) war für mich ein Erlebnis der absoluten Sonderklasse – Weihnachten und Geburtstag zusammengenommen waren ein Dreck dagegen!! – Damals prägte ich mir bereits die ersten chinesischen Schriftzeichen ein."

So sahen damals, in den 1960er Jahren, nicht wenige erste Begegnungen mit China aus, die dann zu einem Studium der Sinologie führten. Im Wintersemester 1969/70 begann Bartels seines an der ChinS, und schon Anfang Januar 1974 konnte er "als einer der ersten zehn bundesdeutschen Austauschstudenten in die VRF China reisen. Nach eingehendem Sprachunterricht wechselt er für ein Studium der Literatur an die Peking-Universität. Hierzu schreibt er:

"Zum Thema Literatur muß gesagt werden, daß noch in besagtem Jahr (1974) die Verwüstungen durch die Kulturrevolution durch und durch spürbar waren. Der einzige Vertreter der Gründergeneration der modernen chinesischen Literatur, dessen Gesammelte Werke im Buchhandel zu erhalten waren, war Lu Xun. Manchmal konnte man den Eindruck gewinnen, er und nur er sei identisch mit der chinesischen Literatur der zwanziger und dreißiger Jahre. Was die damals noch lebenden Literaturveteranen angeht, so waren lediglich von Guo Moruo zwei Werke im Handel zu finden: ein Buch über die Tang-Dichter Li Bai und Du Fu sowie eine archäologische Abhandlung. Im Laufe des Jahres konnten wir außerdem Neuausgaben der klassischen Romane Hongloumeng, 'Traum der Roten Kammer', Xiyouji, 'Reise in den Westen', Shuihuzhuan, 'Die Räuber vom Liang-shan-Moor', und Sanguo Yanyi, 'Geschichte der Drei Reiche', erwerben – allerdings nur über unsere 'Einheit'; ich erinnere mich nicht, diese Werke im Buchladen gesehen zu haben."

Bald bessert sich diese Situation etwas dadurch, daß die Universität für ihre Studenten eigene Unterrichtmaterialien zusammenstellte, die den Vermerk "Interne Publikation" trugen. Vielbegehrt und ein wenig geheimnisumwittert waren solche Texte damals, und bei seinem Studium begegnete Werner Bartels auch noch anderen Problemen:

"Unsere Lehrerin in diesem Fach (Klassische Literatur) war ein Mütterchen-Typ und stammte aus Wuhan; zu meinem großen Leidwesen sprach diese ansonsten so liebenswürdige Frau den Dialekt ihrer Heimatstadt wahrscheinlich in 'ungereinigter Fassung', was für mich das Verständnis der ohnehin schon ausreichend komplizierten Materie zusätzlich erschwerte. Nur ein Beispiel: In irgendeiner Erläuterung (natürlich mußten auch Gedichte aus der chinesischen Antike stets im Licht der damals maßgeblichen ideologischen Linie interpretiert werden!) benutzte sie wiederholt einen Begriff, der in Pinyin-Umschrift mit douniju wiedergegeben werden müßte und mit dem ich absolut nichts anfangen konnte. Ich zerbrach mir den Kopf (…), schließlich fragte ich die Lehrerin. Ergebnis: es handelte sich um das Wort nulizhu, 'Sklavenhalter!'"

Werner Bartels: Xie Bingxin. Leben und Werk (Chinathemen 5) Bartels war sprachinteressiert und -begabt genug, um auch solche Fährnisse zu bewältigen, und damals hörte er in Peking erstmals den Namen der bekannten Schriftstellerin Xie Bingxin, der er schließlich seine Doktorarbeit widmet. Viel später noch, am 23. Dezember 1984, gelingt ihm ein Besuch bei ihr.

"Bing Xin (dies die Literaturversion ihres Namens, stu.) war damals bereits stark gehbehindert (sie konnte sich nur mit Hilfe anderer Personen innerhalb ihrer Wohnung bewegen; auszugehen war ihr nicht mehr möglich.) Ihre Augen jedoch verrieten bereits, was sich im Gespräch bestätigen sollte: die Schriftstellerin verfügte nach wie vor über einen äußerst wachen und regen Geist. Sie freute sich zu hören, daß die Vorfahren meiner Frau aus derselben Provinz stammen wie sie selbst: Fujian. Das Gespräch, bei dem auch Bing Xins Tochter Wu Qing anwesend war, drehte sich vor allem um persönliche Dinge. An eine lustige Kleinigkeit erinnere ich mich besonders gern: Während wir plauderten, streifte Bing Xins Katze durch die Wohnung und kletterte auf den Tisch, wobei ihre Schwanzspitze in meine Teetasse geriet. Meine Frau und ich hatten dies bemerkt; Bing Xin und ihre Tochter offensichtlich nicht. Die Schriftstellerin forderte mich nun ständig auf: 'Qing he cha!' ('Bitte trinken Sie Tee!') Zunächst gelang es mir noch, die Bitte lächelnd zu ignorieren; nachdem die Aufforderung mehrmals wiederholt worden war, blieb mir nichts anderes übrig, als das Getränk mit Todesverachtung hinunterzuwürgen, während meine neben mir sitzende Frau sich nur mit Mühe das Lachen verkneifen konnte."

Damals war Bartels an der deutschen Botschaft in Peking tätig. Bald sollte sich jedoch sein berufliches Leben in so seltsamer wie symptomatischer Weise – und hierfür hatte die Anfangsgründe, wie so oft, eine Pekinger Bekanntschaft gelegt – ändern. In dem Ausländerwohnheim hatte er mit einem albanischen Kommilitonen Sprachaustausch betrieben, und im Frühjahr 1986 brauchte das Auswärtige Amt plötzlich Kenner des Albanischen. Nach beinahe einem Vierteljahrhundert begibt Bartels sich wieder zum 'Sprachunterricht' in den Hafen von Bremen:

"Während ich in all den vorhergehenden Jahren meiner 1962 beginnenden 'Hafenkarriere' nur ein einziges albanisches Schiff in Bremen gesehen und besucht hatte (…) kamen 1986/87 des öfteren Frachter, die die rote Flagge mit dem schwarzen Doppelkopfadler am Heck trugen, in meine Heimatstadt und belieferten mich mit Material."

Gegenwärtig ist das Albanische für ihn die "Hauptfrau", das Chinesische die "erste Konkubine", ein paar "Liebschaften" kommen hinzu, doch er hofft auch auf eine "völlig unbekannte Schönheit". Wenn ich richtig zwischen seinen Zeilen lese, dann liebäugelt er schon mit einer solchen. Diesmal aber muß er für die Vertiefung der Kontakte wohl nicht in den Hafen von Bremen gehen.
 
 
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