Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 38
18. Mai 2005
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
 

 Armbanduhren und Manschettenknöpfe

Uhren-Sonderbeilage FAZ Jetzt häufen sich wieder die Zeitungsbeilagen, Prospekte und Zusendungen anderer Art, die Uhren zum Kauf anpreisen: Armbanduhren, die meisten für ein Männerhandgelenk bestimmt, meistens ab 5.000 Euro. Gar eine "Uhr des Jahres 2005" soll gewählt werden! Nicht wenigen Leuten in Deutschland scheint es sehr gut zu gehen.

Dieses Wort "Leute" wähle ich jetzt ganz bedacht, denn ich mag es nicht. Gerne erinnere ich mich an eine – literarische – Szene nicht erinnerter Herkunft, in welcher ein pommerscher Großbaron den Morgenritt über seine Ländereien unternahm. "Guten Morgen, Herr Graf!" jauchzten die Feldarbeiter fröhlich und untertänigst, während der Herr gnädigst antwortete: "Moijn, Leute."

Uhren habe ich stets verabscheut und nie eine erworben, die mehr als zwanzig Mark, in der einstigen Münze, kostete: Woolworth und vergleichbare Anbieter! Sie beschränken die Freiheit der Entscheidung über die eigenen Zeitverfügungen. Eben deshalb wurden sie in den Bürgerstädten des 16. Jahrhunderts allgemein sichtbar an den Stadtkirchen angebracht und in den Arbeitersiedlungen des 19./20. Jahrhunderts an deren Zentralbauten. Hing je an dem Turm einer ritterlichen Burg eine Uhr?

Öffentlich sichtbare Uhren sind heute noch zahlreicher, eine private ist meistens überflüssig, außer bei der einen oder anderen Gelegenheit. Als ich bei einer solchen, einem Senats-Frühstück im Hamburger Rathaus, eine Woolworth-Uhr aus der Jackentasche zog, staunte der Tischnachbar: "Sie haben ja eine Porsche-Uhr!" So etwas freut. – Armbanduhren sollte man stets in der Jackentasche tragen, denn am Arm wirken sie vulgär – ungefähr wie ein Blutdruckmesser. Als solcher dienen sie jenen "Leuten" als ihren Trägern auch oft – und wie sehen diese Pracht- und Euro-Ansehnlichkeiten denn an den Handgelenken aus! Ich rede jetzt, wohlgemerkt, nur von den Männer-Uhren, denn die meisten der oben genannten Mitteilungen betreffen eben nur diese.

Die einzigen Uhren, die ein unabhängiger Mann hierzulande bei sich führen sollte, sind historische Taschenuhren – in Gold und mit Springdeckel. In seltenen und überaus bedachten Augenblicken kann er diese Uhr dann hervorziehen und in einem noch besser geeigneten Augenblick den Deckel aufklappen lassen. Die hektischen Blicke der Armbanduhrenträger auf ihre Teuerkeit verstärken gemeinhin nur die eigene Nervosität, neben der der Beisitzenden.

Manchen gilt eine solche Armbanduhr als Ausdruck männlichen Schmuckbedürfnisses, wie früher Krawattennadeln und Siegelringe, und neuerdings behängt sich der Mode-Guru Lagerfeld ganzkörperlich mit ein paar Pfund Silber. Das ist nicht weniger vulgär.

Ich studiere gerade einen chinesischen "Live Style"-Klassiker aus dem 17. Jahrhundert, von chinesischer und sinologischer Forschung bisher ganz unbeachtet. Nach dessen Grundsätzen, auf hiesige Gegebenheiten übertragen, sollte ein Mann hierzulande sich einzig durch ein Paar Manschettenknöpfe schmücken: kostbar oder verspielt, nie deutlich unter dem Jackenärmel hervorgezogen, sondern nur manchmal als Ahnung aufblitzend, wenn kostbar, oder als liebenswürdige Anspielung auf eine persönliche Besonderheit angedeutet! – Tja, morgen sollte ich mir wieder ein Paar solcher Stücke leisten!
 
 
 
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Legendärer Zöllner
 
  Laozi So, wie abgebildet, stellte ein volkstümlicher chinesischer Holzschnitt aus dem 19. Jahrhundert den Aufbruch des Lao-tzu, "Alter Meister", in den Westen vor. Der Geschichtsschreiber Ssu-ma Ch'ien beschrieb ihn, um 100 v. Chr., wie folgt:

"Lange verweilte er in Chou und sah den Niedergang der Chou. Alsdann zog er fort. Als er an einem Paß anlangte, sagte Yin Hsi, der Paßwart: "Sie begeben sich in die Verborgenheit. Sie sollten mir Ihre Schriften kundtun."

Ssu-ma Ch'ien fährt fort, Lao-tzu habe dann zwei Teile einer Schrift "kundgetan", also wohl niedergeschrieben, die in mehr als 5.000 Wörtern über den Weg und die Tugend handelte, und sei dann fortgezogen – "und niemand weiß, wo er endete." Ungefähr um das Jahr 500 v. Chr. soll das geschehen sein.

Unzählige Male ist diese Legende niedergeschrieben worden, oft ein wenig variiert. In der Version des Ssu-ma Ch'ien ist zum Beispiel noch nicht davon die Rede, Lao-tzu sei in den Westen gezogen – wie das spätere Versionen wußten. Eine der schönsten Versionen stammt von Bertolt Brecht (1898-1956): "Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration":
"Als er siebzig war und war gebrechlich/ Drängte es den Lehrer doch nach Ruh/ Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich/ Und die Bosheit nahm nach Kräften wieder einmal zu. Und er gürtete den Schuh./ ( … ) Doch am vierten Tag im Felsgesteine/ Hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt: 'Kostbarkeiten zu verzollen?' – 'Keine.'/ Und der Knabe, der den Ochsen führte sprach: 'Er hat gelehrt.'/ Und so war auch das erklärt."
In den dreizehn Strophen seiner Ballade hält Brecht sich eng an die Legende, gibt ihr aber einen neuen Gehalt – schon, wenn er vom "Weg in die Emigration" spricht. Recht getan hat Brecht auch, wenn er den Paß als eine Art Zollstation auffaßte, aber keineswegs war dieser Yin Hsi ein bloßer "Zöllner". Andere Versionen der Legende kennzeichnen ihn ausdrücklich als "Würdenträger" (tai-fu), ein ziemlich hoher Rang in der Hierarchie jener Zeit.

Keineswegs sicher ist auch, ob dieser Yin Hsi hieß. Dieser angebliche Familienname Yin könnte nämlich auch Teil des Amtstitels gewesen, und von dem Zöllner wäre nur der persönliche Name Hsi genannt.

Auch auf diesen Zöllner soll eine Schrift zurückgehen. Deren wechselnde Titel Kuan yin/ling tzu spiegeln diese Unsicherheit in der Bezeichnung der Person wieder, doch er ist jeweils als "Der Meister Paßwart" zu verstehen. Auch diese Schrift ist von taoistischem Geist erfüllt. Einige Auszüge:

"Wenn man über das Tao spricht, ist das so, als spreche man über einen Traum." – "Wer wenig weiß, wird nicht von anderen Menschen bemüht; wer wenig kann, dessen bedienen sich andere Menschen nicht." – "Meine Gedanken ändern sich täglich. Nicht ich bin es, der das bewirkt. Es ist das Schicksal." – "Im Traum, im Spiegel, im Wasser – in allen sind Himmel und Erde bewahrt." – "Mein Tao ist wie das Meer. ( … ) Mein Tao ist so, als ob ich in der Dunkelheit verweilte. ( … ) Mein Tao ist wie ein Schwert."

Wurde dieser legendäre Zöllner durch die Schriften des Lao-tzu angeregt? Oder war er schon vor der Begegnung mit diesem ein Taoist und hat dem Alten deswegen seine Weisheiten abgenötigt? Nach anderen soll er sich gar mit diesem in den Westen davongemacht haben.
 
 
 
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Geheimnisvolles Schwert
 
  Schwert des Yüeh-Königs Che-chih Yü-i Geheimnisvoll ist nicht nur die Herkunft dieses Schwertes. Die Zeitschrift Wen-wu (1996.4) berichtete, daß Provinzialmuseum Zhejiang habe es "aus dem Ausland" erworben. Die Bedeutung dieses Kaufs wird allein schon daran deutlich, daß sich führende chinesische Archäologen zu einer Tagung trafen, um das Stück nach allen Regeln der Kunst zu begutachten. Das Schwert ist 52,4 cm lang.

Eine goldintarsierte Inschrift nennt den ersten Eigentümer – den Yüeh-König Che-chih Yü-i. Der Staat Yüeh lag im Südosten des chouzeitlichen China, im Gebiet des heutigen Zhejiang. Er war barbarisch geprägt, zwar von altem Herkommen, hatte aber lange keine nennenswerten Verbindungen mit der "chinesischen" Staatenwelt von damals. Kurz nach 500 v. Chr. beginnt der Aufstieg von Yüeh, dessen König Kou-chien sich anscheinend zum Ziel gesetzt hatte, ein eigenständiges Großreich zu errichten.

Über Che-chih Yü-i, für den dieses Schwert geschmiedet worden war, ist kaum etwas bekannt. Er regierte Yüeh von 464 bis 459, war der Nachfolger des großen Kou-chien, vielleicht sein Sohn. Das Che-chih in dieser Schwertinschrift gilt als eine Art Geschlechtsname, der in literarischen Quellen mit ähnlichen Schriftzeichen geschrieben wird. Auch der persönliche Name, Yü-i, ließ sich in literarischen Quellen nachweisen – als Yü-i ebenfalls, aber mit anderen Schriftzeichen geschrieben, und als Hsing-i. Und der ganze vierzeichige Name wurde literarisch auch in zwei Zeichen wiedergegeben, als Shih Yü und Lu Ying.

Seltsam, aber alle diese Namensschreibungen lassen sich auseinander erklären – als Verschreibungen und Verhörungen. Der Herrscher eines damals bedeutenden Staates, der eindeutig eine nichtchinesische Sprache hatte, war den chinesischen Geschichtsschreibern anscheinend so wenig geläufig, daß sie nicht über eine einheitliche Schreibung verfügten. Dieser Herrscher andererseits – beziehungsweise seine Schwertfeger – bedienten sich chinesischer Schriftzeichen zur Schreibung ihrer Namen. Nicht mehr rekonstruieren läßt sich, wie dieser Yüeh-König und seine Vorgänger und Nachfolger ihre Namen aussprachen.

Ihre Schwerter waren aber schon im Altertum berühmt, auch die des Nachbarstaates und Rivalen Wu. Man wage nicht, sie zu benutzen, heißt es in der taoistischen Schriftensammlung Chuang-tzu, "Meister Chuang", denn: "Sie sind das Höchste an Kostbarkeit." Die Qualität der Bronze, beziehungsweise der Ausgangsmetalle Kupfer und Zinn, trug zu diesem Ruf bei, vor allem aber die Kunstfertigkeit der Schwertfeger. Manchen Schwertern wurden sogar Namen gegeben.

Eines mit Namen Shun-chün, "Schlicht-Ausgewogen", im Besitz von König Kou-chien wird einmal von einem Schwertkenner geprüft. Das Yüeh chüeh shu aus dem 1. Jahrhundert berichtet hierüber (Übers. A. Schüssler): "Der schüttelte es in einer Hand und ließ seine Musterung spielen: sie war wie eine eben aufbrechende Hibiskusblüte. Er betrachtete die Klinge: sie glitzerte wie eine Linie aufgereihter Sterne. Er betrachtete seinen Glanz: er war überfließend wie die Überfülle von Wasser in einem Teich. Er betrachtete seine Schneide: sie war so gefährlich, als wenn sie Steine zersplittern würde. Er betrachtete sein Material: es war so blendend wie schmelzendes Eis."

Mehr als tausend Pferde und zwei Dörfer, dazu zwei Siedlungen mit je tausend Haushalten sei das Schwert wert? fragt König Kou-chien den Kenner. Der weicht aus: Eine solche Kostbarkeit sei unschätzbar. – Nicht wenige Schwerter aus Yüeh bargen Archäologen in den letzten Jahrzehnten. Allein dreizehn tragen Inschriften, die auf König Kou-chien als Eigentümer verweisen. Gekämpft wurde öfter, wie überliefert, um ein Schwert aus Yüeh, und manchmal mag König Kou-chien auch eines verschenkt haben. Das Schwert des Che-chih Yü-i entdeckten wahrscheinlich Grabräuber, Schmuggler schafften es ins Ausland, und von dort kaufte das Provinzialmuseum Zhejiang es zurück.
 
 
 
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Unübertreffliches Yüeh
 
  Yue jue shu Der letzte Satz des neunten Kapitels des Yüeh chüeh shu (YCS) faßt dessen Inhalt kurz und knapp zusammen: "Tzu-kung zog ein einziges Mal aus – und er bewahrte Lu, versetzte Ch'i in Aufruhr, zerschmetterte Wu, stärkte Chin und machte Yüeh zum Hegemonen."

Der Konfuzius-Schüler Tzu-kung, dessen rhetorische Künste viele Überlieferungen zeigen, war in den Jahren 481/480 von Lu aus in die vier anderen Staaten gereist und hatte deren Herrscher zu Unternehmungen überredet, die letztlich die genannten Folgen zeitigten. Wahrscheinlich hat diese Reise, die Kapitel Neun des YCS beschreibt und die in zwei weiteren Hauptversionen überliefert ist, nie stattgefunden, doch in Yüeh, einem chouzeitlichen Staat im Südosten, war man stolz auf diese Überlieferungen.

Eine alte Überlieferung will sogar, daß Tzu-kung der Verfasser oder Kompilator des YCS sei. Auch diese Überlieferung ist unhaltbar, wie auch andere als Autoren angenommene Personen kaum als solche in Betracht kommen. Wahrscheinlich entstand diese Textsammlung im 1. nachchristlichen Jahrhundert. Das letzte Datum, das sich in ihr identifizieren läßt, entspricht dem Jahre 54.

Unklar ist auch die Bedeutung des Titels – vor allem des chüeh. Dieses hat die Bedeutung "unterbinden, vernichten", weshalb man den Titel gemeinhin als "Schriften darüber, wie Yüeh (den Staat Wu) vernichtete", versteht. Chüeh bedeutet aber auch "unübertrefflich". Wer immer diese Textsammlung zusammenstellte – er hat es wohl so verstanden, also: "Schriften zu den Unübertrefflichkeiten von Yüeh".

Um die Geschehnisse, die zur Vernichtung von Wu im Jahre 472 v. Chr. führten, kreisen in irgendeiner Weise die 19 Schriften im YCS: Historische Erzählungen sind das und Lehrdialoge zwischen Herrschern und ihren Beratern, doch auch zwei Kapitel mit Notizen zur Topographie von Wu und Yüeh, die kurz auf alte Bauten, kulturelle Relikte und Opferstätten aus jener fernen Zeit verweisen. Als das YCS zusammengestellt wurde, erinnerten an diese wohl nur noch Ruinen. Dieser Notizen und seiner Gesamtanlage wegen gilt das YCS als Vorläufer der historiographischen Gattung der Regionalgeschichtsschreibung.

Um den großen König Kou-chien und dessen Widersacher Fu-ch'ai, Herrscher des Nachbarstaates Wu, ranken sich die Aufzeichnungen des YCS, und sie wissen so Bemerkenswertes wie Ergötzliches zu erzählen. So zählt ein Würdenträger dem Kou-chien neun Methoden auf, mit welchen er Wu schwächen und sein Land erfolgreich machen könne:

Die Götter zu ehren gehört dazu, aber auch die Stärkung des Militärs, Getreidekäufe in Wu sollen dessen Vorräte mindern, kunstfertige Handwerker, nach dort entsandt, sollen durch Prunkbauten die Wirtschaft von Wu schwächen, Minister sollten bestochen und dem König ein paar Schönheiten zugesandt werden – damit er über ihnen die Staatsgeschäfte vernachlässige. – Das alles geschieht, und der König von Wu erhält unter anderem die bis heute berühmte Schönheit Hsi-shih.

Von Mord und Totschlag berichtet das YCS oft, von höfischem Lodderleben, von List und Tücke der Minister, und manchmal auch von Frauenlist: Eine Schöne bringt es fertig, einem altersschwachen Herrscher noch einen Sohn und Nachfolger zu gebären.

Die im YCS beschriebene Zeit war die Hochzeit des alten Staates Yüeh, der danach wieder in die Bedeutungslosigkeit versank. Kou-chien, den Tzu-kung angeblich zum Hegemonen "machte", also zum herausragenden, weithin ordnungsstiftenden Herrscher in der altchinesischen Staatenwelt, wollte sich wahrscheinlich ganz Ostchina botmäßig machen oder unterwerfen.

Hierzu befähigten ihn, unter anderem, die vortrefflichen Waffen aus den Waffenschmieden von Yüeh, von denen die Schwerter die berühmtesten waren. Auch ihnen widmet das YCS ein ganzes Kapitel – gewiß als einer "Unübertrefflichkeit" von Yüeh.
 
 
 
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Kenner des Schönen
 
  Auf eine hohe Amtsstellung scheint es Wen Chen-heng (1585-1645) nicht angekommen zu sein. Den Niedergang seines Kaiserhauses Ming lernte er in geringen Amtsstellungen und durch die Cliquenauseinandersetzungen damals kennen. Lieber verweilte er in seinem Heimatort Su-chou, gedachte der Tradition seiner Familie, die sich bis auf die Han-Zeit zurückführte, und verfaßte Aufzeichnungen über berühmte Menschen aus Su-chou. Ein vorzüglicher Maler war er, widmete sich auch der Kalligraphie, kommentierte den taoistischen Klassiker Lao-tzu und spielte das Lieblingsinstrument solcher Literaten, die Griffbrettzither Ch'in.

Über diese Ch'in schrieb er: "Selbst wer sie nicht spielen kann, sollte doch eine an der Wand hängen haben." Er wußte auch, wie deren Wirbel beschaffen sein sollten – aus Nashorn oder Elfenbein, keineswegs aus Gold oder Jade, und sommers solle man sie nur am Morgen oder Abend spielen, denn zu anderen Tageszeiten klinge sie dann trüb.

In einem schmalen Werk mit dem Titel Chang-wu chih steht diese Bemerkung, und dessen Titel ließe sich wohl als "Denkwürdigkeiten über überflüssige Dinge" verstehen. Zwölf Kapitel umfaßt das Werkchen, zwischen 5 und 56 Abschnitte enthalten die Kapitel, deren Themen von "Haus" über "Blumen", "Gerätschaften", "Kleidung und Schmuck" bis "Weihrauch und Tee" reichen. Die meisten Abschnitte, 281 insgesamt, bestehen aus nur wenigen Schriftzeichen. Den Anfang jedes Kapitels bildet eine kurze Einführung in dessen Thema.

Nicht sofort, aber bald stellt Wen auch klar, wie er das "überflüssig" im Titel seines Werks gemeint hat – durchaus in dem Sinn, den das Wort auch im Deutschen aufweist: "unnötig", aber nicht an Not erinnernd, sondern an Überfluß. "Wer Bücher sammelt, schätze die Drucke aus der Sung-Zeit!" dekretiert er, fährt fort, die Geschichtsschreiber und Philosophen seien Sammlungen literarischer Werke vorzuziehen, die auf Seidenpapier den auf Bambuspapier gedruckten; andere gehörten gar nicht in eine Sammlung. – Ein Liebhaber des Feinen und Exquisiten scheint Wen Chen-heng gewesen zu sein.

Oft folgt er der vertrauten Neigung chinesischer Literaten, die Dinge in eine Rangordnung zu bringen, doch dann fügt er auch schon einmal, so bei den Ziersteinen, ganz prosaisch hinzu: "Diese beiden Kategorien (nämlich die beiden besten) sind sehr teuer, und sie sind ziemlich schwer zu kaufen; die großen sind schon gar nicht leicht zu bekommen."

Päonien-Vase Oft beschäftigt Wen sich mit Alltäglichkeiten: "Brunnenwasser schmeckt schal, zum Kochen ist es nicht zu gebrauchen." Allenfalls, um den Garten zu wässern und Gebrauchsgegenstände zu schrubben, und dafür müsse der Brunnen auch noch im Schatten hoher Bambusse oder Bäume liegen.

Seinem Garten widmet Wen Chen-heng beständige Aufmerksamkeit und bespricht knapp fünfzig Blumen und Bäume, die sich für ihn eignen. An ihrer Spitze stehen, nicht überraschend, die Päonien: "Die Baumpäonie wird der König unter den Blüten genannt, die Strauchpäonie der Kanzler unter den Blüten." Wenn sie blühten, solle man zu Festen laden, bei welchen Zelte vor der Sonne schützten und Laternen die Abende erhellten.

Auch die Vasenblumen schätzt er: "Wenn die Halle mit hohen Vasen voller großer Zweige versehen ist, dann erfreut das den Sinn der Menschen." Er weiß dann aber auch sechs Dinge, vor denen man sich dabei hüten solle, und entwirft ansonsten auch einen "Kalender" dafür, welche Bilder sich in den Jahreszeiten eigneten, zur Betrachtung aufgehängt zu werden, um auf den Geist dieser Zeit einzustimmen.

Ein Connaisseur war Wen Chen-heng, ein feinsinniger Literat und Künstler, und das schmale Chang-wu chih war ein Vorläufer der alten chinesischen "livestyle"-Literatur, die sich bald entfaltete. Ein aufrechter Mann war Wen ebenfalls. Als die fremdländischen "barbarischen" Mandschu China erobert und seine Herrscherdynastie fortgefegt hatten, hungerte er sich zu Tode.
 
 
 
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"Kotzebue's Klagelieder"
 
  An den deutschen Theaterdichter August von Kotzebue (1761-1819) dachte der junge Hamburger Franz Wilzer gewiß nicht, als er diesen Ausdruck in einem Brief verwendete, den er am 6. Juli 1856 aus Kanton an seine Eltern richtete. Am 11. Juli 1855 war er nach China aufgebrochen, mit dem erklärten Ziel, dort ein Vermögen zu machen. Als Vorbild nennt er "einen Herrn, der vor zehn Jahren nach China ging und jetzt hier von den Renten eines sich dort erworbenen Vermögens lebt." Wilzer war gerade 26 Jahre alt, und "Renten" bedeutete damals soviel wie Kapitalzinserträge.

Die Fahrt nach Kanton währte sechs Monate. Dort arbeitete er in einer englischen Kaufmannsfirma, ebenfalls sechs Monate, bis er, um mehr zu verdienen, nach Shanghai zog. Beim dortigen Seezollamt wurde er "ein Kaiserlich Chinesischer Beamter", wechselte nach einigen Jahren in das Seezollamt Swatow (Shantou) und leitete schließlich dasjenige in Tientsin. – Mehr als fünfzig seiner Briefe aus dieser Zeit veröffentlichte die Zeitschrift "Ostasiatische Rundschau", beginnend im Dezember 1930, unter der Überschrift "Briefe eines jungen China-Deutschen". Sie sind eine interessante Quelle für damalige deutsche China-Wahrnehmungen, zugleich eine vergnügliche Lektüre.

Die allgemeinen politischen und beruflichen Gegebenheiten seiner Umwelt schildert Wilzer verhältnismäßig selten. Immerhin, unter dem 22. Juli 1856 weiß er über die Aufstandsbewegung der T'ai-p'ing: "Die Revolution in China mag vielleicht einem höheren politischen Zweck dienen und über tüchtige Köpfe als Anführer verfügen, doch in Anbetracht des überaus zahlreichen Proletariats im himmlischen Reiche ist es unausbleiblich, daß hier eine solche Bewegung, selbst mit den heiligsten Zielen, in zweckloses Plündern, Rauben und Morden ausartet, mehr als es in Europa der Fall sein würde."

Vergleiche dieser Art liegen bei einem solchen Schreiber nahe, ob gerechtfertigt oder nicht. In dem vorangegangenen Brief vom 6. Juli 1856 beschreibt er ausführlich ein Mittagsmahl bei einem chinesischen "Mandarin". Schon der Weg zu diesem erinnert ihn an Hamburg, unvorteilhaft: "Anfänglich konnte man noch in Tragsesseln vorankommen, doch später ließen sich manche Straßen nur durch Kähne erreichen. Diese Überschwemmungen der Straßen erinnerten mich lebhaft an Hamburg, wo dergleichen im Herbst und Frühjahr auch häufig vorkommt."

Von dem Garten des "Mandarins" zeigt sich der junge Briefschreiber beeindruckt, doch mit Abstrichen: "Der Blumenflor war überaus reichhaltig und zählte ohne Zweifel sehr seltene und wertvolle, in vielen Töpfen gezogene Gewächse." Als "raffinirte Spielerei" erscheint ihm dieser Garten, nicht als eine "für die Bequemlichkeit eingerichtete Sommerwohnung." Rasen und ein paar Buchsbaumrabatten hätten ihm wohl mehr zugesagt.

Das anschließende – ganz offenbar opulente – Mahl erfreut Wilzer und die meisten seiner Genossen nicht. Er hofft nur, daß der "Mandarin", der dem Champagner fleißig zuspricht, von ihrem Herumstochern nichts bemerkt – "während der sechs stündigen Tafelzeit machten acht Musikanten nach chinesischer Anschauung die lieblichste Musik, für europäische Ohren indessen den gräßlichsten Lärm. Hin und wieder erbaten wir uns Pausen von den Musicis und stimmten dann europäische Lieder an, welche jedoch weniger den Beifall des Chinesen ernteten als das kräftige Hurrah nach dem Toaste." – Eine bizarre Szene!

Zwei der Tischgenossen hatten "mit meisterhafter Resignation von jedem Gerichte gegessen und endeten daher mit den so gen.(annten) Kotzebue's Klageliedern. Wir Übrigen kamen trotz der Unzahl von Gerichten hungrig nach Hause und ließen uns in der Mitte der Nacht ein vernünftiges europäisches Essen bereiten."

Carlowitz & Co.

Endgültig nach Hause, nach Hamburg, kam Franz Wilzer nach acht Chinajahren, im Juli 1863. Er kaufte sich in eine Exportfirma ein, die er bald unter eigenem Namen führte. Nach China kehrte er nie zurück. In acht Jahren hatte er, als chinesischer Beamter, wie erhofft sein Vermögen gemacht.
 
 
 
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Zwischenfall in Hsi-an
 
  Am Nachmittag des 22. Dezember 1936 war Chiang Kai-shek, damals der dominierende Politiker und Militär der Republik China , zu Tränen gerührt. "Es war wie ein Traum", erinnert er sich später. "Allen Gefahren zum trotz hatte sie sich in den Rachen des Tigers begeben." Seine Ehefrau war unerwartet in sein Zimmer getreten.

Seit zehn Tagen befand Chiang sich in einer wenig komfortablen Lage. Er war nach Hsi-an geflogen, um seinen Generälen Chang Hsüeh-liang und Yang Hu-ch'eng, den Kommandeuren der Armeen im Nordosten und -westen die Leviten zu lesen. Beide propagierten kräftige militärische Aktionen gegen die im Nordosten vordringenden Japaner, Chiang wollte erst einmal die Kommunisten vernichten.

Er hatte sein "Provisorisches Hauptquartier" bei den heißen Quellen von Lin-t'ung, 20 km von Hsi-an entfernt, aufgeschlagen. Dort hatten sich schon die Kaiser der Han und T'ang mit ihrem Hofstaat erholt, und nach dort hatte er für den Abend des 11. Dezember diese beiden Militärs und einige weitere Kommandeure zu einem Mahl eingeladen. Yang Hu-ch'eng hatte unter einem Verwand abgesagt. Er hatte anderes im Sinn.

Das bemerkte Chiang am nächsten Morgen, um 5.30 Uhr, als er Schüsse hörte. Seine Leibwächter klärten ihn schnell auf, daß die Truppen von Chang und Yang putschten. Chiang, den dieser Chang Hsüeh-liang auch während der nächsten Tage noch "Generalissimus" nennen wird, will fliehen, verletzt sich dabei und wird von den beiden Aufrührern in Gewahrsam genommen. Sie legen ihm acht Forderungen vor, in deren Zentrum die "Rettung der Nation" steht, aber auch die Beendigung des Bürgerkrieges gegen die Kommunisten und die Freilassung aller politischen Gefangenen.

Chiang Kai-shek (Jiang Jieshi), Xi'an-"Zwischenfall" 1938

Sofort berichtet die Weltpresse über diesen erstaunlichen Vorgang, erst recht beginnen in China hektische Aktivitäten aller möglichen interessierten Seiten. Die Zentralregierung in Nanking will die Aufrührer militärisch zur Räson bringen, Chiang Kai-shek bleibt hartnäckig bei seinen Konzeptionen, hier und da ereignen sich Demonstrationen für und gegen ihn. Schon am 12. November erfuhren auch die Kommunisten in Shensi, bei Pao-an, von diesen Vorgängen. Chang Hsüeh-liang lädt sie ein, an den Beratungen teilzunehmen. Weil Pao-an nicht über einen Flugplatz verfügt, machen sich Chou En-lai und zwei Begleiter zu Pferde nach Hsi-an auf – in einem heftigen Schneesturm.

Chou hatte klare Instruktionen, von Mao Tse-tung, aber seit dem 14. Dezember auch von J. W. Stalin aus dem Kreml in Moskau. Nach dessen Auffassung war China noch nicht vorbereitet, sozialistisch zu werden, und allein Chiang Kai-shek sei in der Lage, die Nation China gegen Japan zu einen. Innerhalb von zehn Tagen habe Chiang frei zu sein. – Chou En-lai, gerade 38 Jahre alt, sollte sich schon damals als ein meisterhafter Diplomat erweisen.

Die Berichte über die Abläufe der folgenden Tage gehen auseinander. Im Nachhinein wollten viele ihr Gesicht wahren, weshalb ihre Erinnerungen und Erzählungen wenig glaubwürdig klingen. Am Ende stand jedenfalls eine stillschweigende, allerdings nicht schriftlich niedergelegte Vereinbarung: Alle nationalen Kräfte sollten gegen die Japaner vereinigt werden. Das zweite Bündnis zwischen den Nationalisten und den Kommunisten war nicht besiegelt, aber beschlossen. Am ersten Weihnachtstag kommt der Christ Chiang Kai-shek frei und wird landesweit gefeiert.

Der Sieger in diesen Tagen war Chou En-lai. Er hatte die Kommunisten aus ihrer Abgeschiedenheit in Shensi in das Zentrum nationalen Handelns geführt. Eine "wichtige Person", erinnert sich später die so schöne wie resolute Madame Chiang, die ihren Gemahl in der Haft nicht ohne ihren Beistand lassen wollte, habe gesagt: "Wir haben uns an der Festsetzung des Generalissimus nicht beteiligt. Unsere Hochschätzung für ihn hat sich nicht geändert." Sie nennt den Namen nicht, doch niemand bezweifelt, daß Chou En-lai das sagte. So weit kann in China die Diskretion, auch unter politischen Gegnern gehen – vergiftet allerdings durch die List.
 
 
 

 Chinesischer Großvater

Wieder waren Papiere zu ordnen und auf- bzw. wegzuräumen. Dabei kam mir auch eine Doppelseite wieder unter die Augen, auf der eine Hamburger Sinologiestudentin, S.W., über ihren chinesischen Großvater erzählt:

Sikkai Tang "Wie, auch immer, mein Großvater Sikkai Tang kam Anfang der 1930er Jahre nach Europa und arbeitete zunächst in einer Automobilfabrik in Frankreich. Nach einigen Job- und Ortswechseln gelangte er schließlich 1937 nach Hamburg. Er wohnte in St. Pauli und hatte fast nur Kontakt zu Landsleuten, die entweder Seeleute oder Wäschereibesitzer waren. Seine Vermieterin brachte ihm deutsch bei und ließ ihn auch, als die Nazis an der Macht waren, bei sich wohnen.

Irgendwann entschloß er sich, ein Lokal zu eröffnen, was er auch tat. Dort gab es hauptsächlich deutsches Essen. Dieses Lokal schloß er bald wieder und eröffnete ein neues, ein Tanzlokal auf der Reeperbahn, wo er meine Großmutter kennen und lieben lernte. Zur Zeit des Krieges wurde sein Lokal 'konfisziert', und er kam für kurze Zeit mit einem Landsmann ins KZ.

Nach dem 2. Weltkrieg entschlossen sich meine Großeltern zu heiraten, was nicht sehr leicht war, denn mein Urgroßvater und die chinesische Regierung mußten ihr Einverständnis geben. Von den deutschen Beamten wurde mein Großvater als ein Mädchenhändler angesehen, was natürlich nicht stimmte. 1953 erst konnten die beiden heiraten, und meine Mutter wurde geboren.

Da mein Großvater sein Lokal nicht wiederbekam, eröffnete er abermals ein neues, wieder auf dem Kiez. Es hieß 'Pazifik'. Dann folgten eines in Kiel und eines am Rathausmarkt ('Nanjing') sowie eine Import-Export-Firma: 'Kewai'.

1976 bin ich dann endlich geboren worden. Von da an hat mein Großvater die meiste Zeit damit verbracht, Nudeln zu kochen, Piratenfilme anzusehen, mich aus dem 'Reiskeller' zu zerren oder mich von Fischbassins fernzuhalten.

Meine Kindheit habe ich fast nur mit chinesischen Verwandten, die in aller Welt lebten, verbracht. Sie bekamen Spitznamen wie 'Babyface', 'Lilli (Lilienfuß)', 'der ohne Daumen' usw. Sie alle haben wie mein Großvater einige chinesische Eigenheiten beibehalten, die mir aber erst als solche aufgefallen sind, als ich selbst in China war: nächtelang Mah jong spielen, rauchen, Abneigung gegen Milchprodukte, die große Freude an Feuerwerken, Reissuppe essen (schlürfen), im Sommer die Hosenbeine und die Hemdsärmel hochkrempeln, Geldscheine beschreiben usw., usw. – Tja, das war das Leben meines Großvaters in Kurzfassung."

Viel anders werden die Lebensläufe der meisten Chinesen, die dereinst nach Hamburg kamen, nicht ausgesehen haben. Viel ausführlicher möchte man sich, als Historiker, solche Beschreibungen wünschen, und über viel mehr Chinesinnen und Chinesen sollten solche vorliegen. Das könnte zu spannenden Einblicken in ein Milieu führen, das heute vergessen ist. Überhaupt und dann viel genauer – junge Chinesen und Chinesinnen, die heute in Hamburg leben, sollten die Geschicke ihrer Familien dokumentieren, auch im eigenen Interesse.
 
 
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