Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 38
18. Mai 2005
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
 

 Ausflug nach Bremerhaven

Bei Dao (Zhao Zhenkai) [Bild wurde entfernt] Am 1. Mai 2005 erhielt der bekannte chinesische Exil-Literat Bei Dao (eigentlich: Zhao Zhenkai, *1949) in Bremerhaven den mit 7.500 Euro dotierten "Jeanette Schocken Preis". Dieser Preis hat noch einen weiteren Namen: "Bremerhavener Bürgerpreis für Literatur". Er wird nämlich alle zwei Jahre aus Spenden von Bürgern dieser Stadt aufgebracht. Noch einige weitere bemerkenswerte Charakteristica gehören zu diesem Preis, der 1991 erstmals vergeben wurde: Am 6. Mai 1933 wurden auf dem Bremerhavener Markt unter öffentlichem Beifall Bücher verbrannt. Hieran soll dieser Preis erinnern, aber auch der Jeanette Schocken gedenken. Diese gehörte zu einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Bremerhaven. Sie floh aber nicht vor den Nazis, weil sie ihre schwerkranke Tochter weder mitnehmen noch sie verlassen konnte, Mutter und Tochter wurden 1941 nach Minsk deportiert und ermordet.

Jeanette Schocken Preis Der Preis, sagt das Statut, "soll ein Zeichen setzen gegen Unrecht und Gewalt, gegen Haß und Intoleranz. Mit dem Bekenntnis zur verbotenen und verbrannten, zur unterdrückten und ausgegrenzten Literatur verbindet der Preis die Ermutigung an alle schreibenden Künstler, deren Literatur für dieses Bekenntnis steht, und die deshalb selbst der Förderung, Hilfe oder Anerkennung bedarf." – Fraglos war die Verleihung des Schocken-Preises an den in den USA lebenden Bei Dao, der zuletzt mit aufklärerischen Essays hervortrat, wohlbegründet.

Im Zusammenhang mit dieser Preisverleihung organisierten die zuständigen Institutionen ein Rahmenprogramm. In diesem hielt der Berichterstatter am 3. Mai eine kleine Rede zum Thema "Deutsche Dichter reisen nach China". Er neigt gemeinhin nicht dazu, solch beiläufige Redereien einer größeren Öffentlichkeit zu unterbreiten. Weil diese – etwas lästerhafte – Rede in Bremerhaven zu manchem in diesen Notizen paßt, weicht er diesmal von seinen Gepflogenheiten ab und gibt hier schon einmal den ersten Teil dieses Vortrags wieder. Wohlgemerkt, ein Vortrag ist das, kein Aufsatz! Die fünfzig Bildfolien, welchen den Vortrag begleiteten, lassen sich hier leider nicht leicht wiedergeben.


Deutsche Dichter reisen nach China
Manchmal vor dem Schlafengehen
reise ich ins Reich der Mitte.
in das Städtchen Tsing-Tsin-Tai, –
auf dem Atlas nicht zu sehen,
doch auf einem Scherenschnitte,
mit dem Sichelmond dabei.
Mit diesem Gedicht, das noch einige weitere Strophen aufweist und das Hellmuth von Cube im Jahre 1950 schrieb, beschloß ich vor gut fünfzehn Jahren – kurz vor dem Massaker vom 4. Juni – einen Vortrag über das Chinabild in der älteren deutschen Literatur. Hier knüpfe ich jetzt an.

Damals, 1950, begann Deutschland sich aus der materiellen Not der Nachkriegszeit zu lösen. Es gewann wieder einen Blick für ferne Länder, in friedlicher Haltung freilich, lernte die Pizza kennen, lauschte seinem Troubadour Rudi Schurike: "Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt." Oder dem Ruhrgebietsbarden René Caroll: "Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein." Deutschland lernte den roten Chianti zu schätzen und soff ihn vorzugsweise aus strohumwickelten Zwei-Liter-Flaschen, die nach dem Suff als Kerzenhalter für den nächsten dienten. Die Stromversorgung war noch nicht stabil, und von einem Kraftwerk in China wird fünf Jahre später Peter Rühmkorf schwärmen. Italien war ein fernes Traumland, China noch ferner und noch traumhafter, und schon beim alten Goethe, dessen Jubiläum 1949 zelebriert wurde, wie jetzt dasjenige Schillers – bei Goethe folgte auf die Italienleidenschaft bald die Chinaträumerei, und auch Schiller dichtete sich "Zwei Sprüche des Konfuzius".

"Chinesische Seide", hieß ein China-Titel von 1950, "eine Erzählung", und ähnlich klingen andere aus gleicher Zeit: "Hsiang Fei. Eine Erzählung von Liebe und Treue", "Der Bambushain. Intime Lebenskunst im Fernen Osten", "Chinesische Tapeten. Für Liebende" oder "Vom Sommerpalast zum Himmelstempel. Ein Peking-Roman – von Ada Freifrau von Böselager. Sie klingen alle gleich, diese Schmachtfetzen, erschienen in Emsdetten, Baden-Baden oder Tübingen:

"Windblütes Atem strich über ihn, süß und warm wie die Abendwinde im Mai, und nun, da er die Augen schloß, schon ganz von ihrer Nähe erfüllt, spürte er ihren Kuß auf den Lippen, heiß und erregend und flüchtig zugleich wie ein Flügelschlag, ein glühender, taumelnder Falter, der niemandem gehörte."

Die Falter sind wichtig für die deutsche China-Literatur! – Die jungen Republik zeigte sich prüde und war über allem Wiederaufbau noch nicht recht zur Erotik gekommen. Angesichts von Kriegstoten und Gefangenschaftstrennungen blieben Sehnsüchte und Verlangen offen. Da kam ein solches Sehnsuchtsland China gerade recht, das schon immer als Hort der Sublimierungen gegolten hatte – ganz in der Tradition der älteren deutschen Chinaliteratur. Daneben erschienen auch wieder die Weisheitsbüchlein, fein auf die Zeitbedürfnisse abgestimmt:

"Ehrliches Pflichtbewußtsein bleibt Pflichtbewußtsein, auch wenn die äußeren Umstände für den Handelnden unerträglich erscheinen."

Von einem chinesischen "Meister ZS" stammt das angeblich, der nicht weiter identifiziert wird – und kein Chinese hätte diese Überlegung angestellt! Solche Sprüche fanden schnell ihren Weg auf die Abreißkalender für die Küche: damals eine beliebte literarische Gattung. Manch einer dieser Sprüche plagt noch heute den Sinologen – so, wenn Helmut Schmidt aus Teneriffa anrief, als er dort gerade an seinen Memoiren schrieb und ein solches Sprüchlein unauslöschlich im Herzen bewahrt hatte.

Derlei ließe sich, als schale Neige der älteren deutschen Chinarezeption, leicht vergessen, wäre da nicht noch etwas anderes: Das China solcher Texte gab es nie, doch jetzt war es noch weniger als nie da. Am 1. Oktober 1949 war die Volksrepublik China ausgerufen und sogleich Partei geworden – im Kalten Krieg zwischen Kapitalismus und Kommunismus, in welchem das neue junge Deutschland sich besonders linientreu aufführte. China war überdies, auch aus eigenem Bestreben, wieder einmal ein geschlossenes Land, das die Fremden austrieb.

An "Zwei Jahre unter den Kommunisten Rot-Chinas" erinnert sich einer dieser Vertriebenen, schaudernd, im Herz-Jesu-Verlag 1952, denn Patres sind vorzugsweise die Autoren solcher Texte. Sie schreiben nicht verständnislos, denn sie sind Chinakenner, wie die Autoren der Schmachtliteratur eben, und beide Gruppen überwinden ihre China-Traumata lediglich auf unterschiedliche Weise. Sie schildern jedoch ein geträumtes, zumindest ein vergangenes China oder dieses als Schreckensland, denn niemand hierzulande blickt noch hinter den Bambusvorhang, wie er bald heißt – im Unterschied zu dem Eisernen, der von den "Soffjets" trennte, in der unübertrefflichen Diktion des Bundeskanzlers Adenauer. Auch dieser Unterschied in der Terminologie – Eiserner Vorhang/ Bambusvorhang – ist aufschlußreich.

Die junge Bundesrepublik ist ebenfalls ein geschlossenes Land. Zwar lernt sie jetzt die Literatur kennen, die zwölf Nazijahre lang verfemt gewesen war, gewiß. Rowohlts Rotations Romane wirken wegbereitend für die begierig aufgenommenen Texte, doch an Chinaliteratur erscheint in ihnen bloß das Gesülze einer Pearl S. Buck und von Daniel Varé, dem "lachenden Diplomaten". Der um Rowohlt verdiente Kurt Kusenberg erfreut sein Publikum unter anderem durch China-Parabeln, "Fünfhundert Drachentaler": Eine Witwe wird von Räubern heimgesucht, die 500 "Drachentaler", eine nur deutsche Sinowährung, von ihr verlangen, sonst sei sie des Todes. Soviel Geld hat sie natürlich nicht. Jetzt wörtlich:

"Die Frau sah nicht ein, warum sie einen Mangel, der sie ohnehin arg bedrückte, auch noch mit dem Tod büßen sollte. Doch sie war wohlerzogen, sie lächelte: "Was habt ihr davon, daß ihr mich umbringt?" "Nicht viel", entgegnete der andere Räuber, der Kleinere. "Aber wir werden dabei unseren Ärger los. Zudem wird man den Preis auf unsere Köpfe erhöhen, und das erhöht unseren Stolz."

Ja, so sind "die Chinesen", aber welche und wann? Im Hinblick auf China ist alle Gegenwart unversehens ausgeblendet. Die junge Bundesrepublik will sich nicht verstören lassen und verschließt sich gegen alles, dem das Etikett "sozialistisch/kommunistisch" angeheftet werden könnte.

Bert Brecht wurde kaum wahrgenommen, weil er seine Residenz in Ost-Berlin aufgeschlagen hatte, und jede Aufführung eines Stücks von ihm bewirkte einen Skandal. Aus dem US-Exil und nach den "antiamerikanischen Umtrieben" des Senators MacCarthy hatte er, mehr oder minder fertig, bedeutende Chinatexte mitgebracht, die sämtlich erst nach 1949 gedruckt oder aufgeführt wurden: "Der kaukasische Kreidekreis", dessen Motiv er über den wilden Antikriegs-Klabund aus dem Ersten Weltkrieg kannte, das Parabelstück "Der gute Mensch von Sezuan", das in den Epilog mündet:

"Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluß!/ Es muß ein Guter da sein, muß, muß, muß!"

Wenigstens in China, dem diesmal gegenwärtigen, hatte Brecht einen solchen "Guten" als "daseiend" erkannt, und solche Daseins-Mystik wird gleich noch einmal begegnen, aus Meßkirch im Schwarzwald. Eigens für den Leser im Westen des geteilten Deutschland fügt Brecht die Bemerkung an, "daß die Provinz Sezuan der Parabel" nicht mehr zu den Orten gehöre, "an denen Menschen von Menschen ausgebeutet werden."

Das mochte er glauben, und die Millionen Toten der ersten Jahre der VR China, viele einfach ermordet, hätten ihn ohnehin nicht geschert, wenn es um die gute Sache oder den neuen guten Menschen ging. Das sah er bereits in seinem "Me Ti" so, für den er Titel und Anregung dem Übersetzungswerk des Hamburger Sinologen Alfred Forke entnahm: "Me Ti – des Sozialethikers und seiner Schüler philosophische Werke". – Jener Me Ti, eigentlich: Mo Ti, hatte im chinesischen Altertum eine stramm ausgerichtete Bewegung mit ehernen Gesetzen und dem Führerprinzip geschaffen, die auf den ersten Blick eine Art Gleichheit aller Menschen, bei bescheidenster Lebensführung, zu fordern schien und sich bei ihrer Propaganda des Mediums sermonaler Predigten bediente.

Natürlich faszinierte das den Sozialisten und Sermonalliteraten Brecht, während die deutsche Öffentlichkeit schaudernd auf 400 Millionen "blaue Ameisen" blickte, die dieses Land China, wie es schien, von Grund auf umkrempelten. Sein Arbeitszimmer dekorierte Brecht freilich durch einen großen Steinabklatsch des eher aristokratisch gesonnenen Konfuzius. Eine seiner Geliebten, Margarete Steffin, zahlte ihm manche Niedertracht heim, durch die Erzählung "Konfutse versteht nichts von Frauen":

"'Meister, welche Gründe hast du für deine Abneigung gegen die Frauen?'" läßt Steffin einen Schüler fragen, dann fährt sie fort: "Aufmerksam sah Konfutse ihn an und antwortete: 'Keine.' Damit schien er das Thema abschließen zu wollen. Doch bevor er sich noch erheben konnte, wagte Yen sich mit einer neuen Frage hervor: 'Warum sprichst du denn niemals über sie?' Konfutse antwortete mit leichtem Erstaunen: 'Vermutlich doch, da ich nichts über sie weiß.' – Steffin schließt ihr kurzes Erzählstück zusammenfassend: "Es ist eine Tatsache, daß zu solchen Dingen wie Geistern, Religion, Astrologie und Kriegskunst, über die Konfutse, einer der größten Lehrer aller Zeiten, seinen Schülern beinahe nichts oder nur Allgemeines sagte, lustigerweise auch die Frauen gehören."

Brecht blickt auf das Alte China, in welchem er findet, was ihm frommt, und das ganze neue China erscheint ihm als eine einzige zukunftsweisende Parabel. Zu großen Teilen steht er in der Tradition der Chinarezeption deutscher Literaten nach dem Ersten Weltkrieg, von Klabund angefangen, über Döblin und den bedeutenden Fritz Mühlenweg, der jetzt bald noch ein Kinder- und Abenteuerbuch über China schreiben wird: "Großer Tiger und Christian". – China war nur eine Chiffre für die Distanz, für die gewollte Entfremdung von der eigenen elenden Wirklichkeit. Eine Auseinandersetzung mit China fand nicht statt.

Das gilt auch für die "chinesischen" Texte des frühen Max Frisch: "Bin oder die Reise nach Peking", 1945, worin China das Ziel einer Traumreise ist: "Zu lange hatten wir den Traum verstoßen. So sind wir niemals ganz." Fürwahr, oder in der Farce "Die chinesische Mauer" ein Jahr danach mit einem Totentanz von Gewaltherrschern wie dem chinesischen Reichseiniger von 221 v. Chr., Shih huang-ti, mit Caesar, Napoleon, Brutus, mit Romeo und Julia und anderen dazu.

"Seit ich auf diesem Thron bin" – läßt er darin den chinesischen Kaiser sagen – "habe ich für eine einzige Sache gekämpft: für den Frieden, aber nicht für den barbarischen Frieden, sondern für den wahren Frieden, für den endgültigen Frieden, das aber heißt: für die große Ordnung, die wir nennen die Wahre Ordnung und die Glückliche Ordnung und die Endgültige Ordnung."

So heuchlerisch hören sich alle Verheißungen totalitären Denkens an. Für China ließen das manche Literaten, gleich Brecht, nicht ohne weiteres gelten. Entstand dort nicht tatsächlich eine neue Welt?

China-Farcen hatte es schon hundert Jahre vor Frisch gegeben, in Hamburgs Theatern zumal, und Frisch meinte noch, als Zeit der Handlung nennen zu können: "Heute abend, also in einem Zeitalter, wo der Bau von chinesischen Mauern, versteht sich, eine Farce ist."

Er irrte sich. Wie war das noch mit dem Bambusvorhang, der bald niedergehen sollte? Der Westen hatte seinerseits eine Chinesische Mauer errichtet – gegen die sozialistische Weltbedrohung durch die Rote und die Gelbe Gefahr. Das war keine gute Zeit für deutsche Auseinandersetzungen mit China und für deutsche Chinakenntnisse. Dessen Literatur der letzten Jahrzehnte blieb hier ganz unbekannt, die Literaten fanden im Alten China ihre Sinnbildspiegelungen, und ein sich allmählich wieder formierendes Bildungsbürgertum entzückte sich an geschmäcklerisch aufbereiteten alten chinesischen Erzählungen, vor allem solchen mit leicht erotischer Couleur.

Die Seefahrer, Hamburger Kapitäne, brachten nur gelegentlich noch unmittelbare Chinaeindrücke nach Hause. Deren Texte hören sich folgendermaßen an:

"Ein Chinese tut nur wortwörtlich das, wozu er eingeteilt ist. Nichts anderes. Mitdenken bei der Arbeit, Handanlegen, wo es nottut, einspringen, wo Not am Mann ist, das ist völlig unmöglich in China. ( … ) Ich mußte mich belehren lassen, daß ein Mann, der einen Kranken abholt, ein Mann ist, der einen Kranken abholt, und kein Briefträger. Wo kämen wir denn da hin! ( … ) Wenn das Mao wüßte!

Ähnlich hatten auch schon hundert oder zweihundert Jahre davor die Kaufleute berichtet. – All das, was bisher an Chinatexten anzudeuten war, gehört noch zu den Ausläufern der älteren deutschen Chinarezeption, von Ziegler bis Wieland, von Goethe bis Schiller, von den Jesuiten bis zum Grafen Keyserlingk: "Als Gottes Atem leiser ging … ". Und weil letzterer an Deutschlands Denker gemahnt, neben den Dichtern: Auch Martin Heidegger, unter anderen, dieser Mystiker aus Meßkirch, entdeckt den alten Philosophen Lao-tzu und eignet ihn sich flugs an, als sei der Alte Chinese ein Vor-Heidegger gewesen:

"Das erbringende Eignen, das die Sage als die Zeige in ihrem Zeigen regt, heiße das Ereignen. Es er-gibt das Frei der Lichtung, in die Anwesendes anwähren, aus der Abwesendes entgehen und sein Währen behalten kann."

Hierbei sind sowohl "Ereignen" als auch "Sage" Interpretationen des altchinesischen Tao, das Heidegger als "Weg, die er-eignnend-brauchende Be-wegung" kennzeichnet. – Er hatte sich in wochenlangen Gesprächen am Todtnauberg von einem alten Chinesen, der aus Italien zugereist war, im Denken des Lao-tzu unterweisen lassen. Damals lebten in Deutschland nur noch sehr wenige Chinesen – und als dieser alte Chinese noch älter geworden war, lauschte auch ich ihm, in unvergeßlichen Vorlesungen.

China, das war eine Art – auch diese Einrichtung kam damals auf – Supermarkt, aus welchem jeder zusammenklauben konnte, was ihm gefiel – ohne jede Ernsthaftigkeit, doch mit Inbrunst. Schreibtischreisende nach China waren das allemal. Noch der greise Ernst Jünger wird später über Lao-tzu und China und esoterische Steinkugeln rätseln. Die Zahl der Übersetzung genannten deutschen Adaptionen des ehrwürdigen Textes Lao-tzu hatte da die Hundert schon überschritten.

Dann aber trat eine neue Generation von Literaten ans Licht, jung und links zumeist. Bald auch konnten sich die ersten von ihnen auf wirkliche Reisen nach China begeben. Sozialistische Großveranstaltungen, etwa die Weltjugendfestspiele, boten Gelegenheiten für "brüderlich"-sozialistische Einladungen. Der Hamburger Peter Rühmkorf war einer der ersten. Er reiste im Herbst 1955 mit einer gesamtdeutschen (!) Jugenddelegation in das gelobte Land, wobei "gesamtdeutsch" vor allem bedeutete, daß FDJ und SED die Federführung hatten. – Vor seiner Reise hatten Stefan Hermlin und Günther Weisenborn Bücher über Chinareisen vorgelegt. Beide verdienten eine genauere Betrachtung.

Später veröffentlichte Reisenotizen zeigen Rühmkorf als wachen und nicht undistanzierten Beobachter. Linksbewegt, kommt er trotzdem nicht umhin, einen amerikanischen Fotoreporter zu belehren, daß er, Rühmkorf, viel Sympathien für Ameisen empfinde, auch blaue, doch verblüfft hört er an, was man ihm an "facts and figures" darbietet, denen freilich nur "sehr vorbehaltlich" beizukommen sei. Er findet seine chinesischen Glücksmomente:

"Abends dann mit den losgelassenen Ameisen auf dem T'ien-an-men-Platz herumgetanzt, in voller Begeisterung und frischer Unschuld."

Am Nationalfeiertag, dem 1. Oktober 1955, war das. Auf solche Weise begegnet Rühmkorf den neuen Menschen, eins mit ihnen in Foxtrott und Geist und immer neu staunend:

"Und man staunt dann auch wirklich von Herzen ( … ) zum Beispiel über die winzige blauberockte Direktorin, die hier mit Anmut und Bescheidenheit über die Millionen von Kilowatt und Hunderte von Angestellten – nämlich im Elektrizitätswerk von Tschungking – gebietet, als stünde sie schlicht am Kochtopf. Nur steht sie eben nicht mehr am Kochtopf und gebietet auch überhaupt nicht, sondern sagt freundlich so und so und so, und dann geht in Tschungking das Licht an."

Abgesehen von solchen intellektuellen Proletarismen und wie gesagt – Rühmkorf bewahrt sich einen nüchternen Blick, auch auf sich selbst, blieb aber dennoch hoffnungsbewegt durch den "neuen" chinesischen Menschen:

"Das war einfach ein Mensch vom Konkurrenzkamp unverbogen, noch unzerteilt zwischen die ständige Geilheit nach Ware ( … ) eher schon wieder heil, beisammen, fast harmonisch, im einzelnen vielleicht etwas zurückgenommen, aber hinreißbar für große würdige gemeinsame Aufgaben und individuell, das heißt unteilbar, in der Gesellschaft."

Wenn Rühmkorf geahnt hätte … .

(Fortsetzung » HCN 39)
 
 
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