Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 38
18. Mai 2005
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Kurzer Abschied

Am 10. März 2005 faßte der Akademische Senat der Uni HH folgenden Beschluß: "Der Akademische Senat genehmigt die vom Asien-Afrika-Institut beantragte Änderung der Bezeichnung der bisherigen 'Abteilung für Indonesische und Südseesprachen' in 'Abteilung für Sprachen und Kulturen Südostasiens.'" Das hört sich beiläufig an, doch stutzen macht vielleicht ein Zusatz in der entsprechenden "Bekanntmachung" der Uni-Verwaltung: "Mit der Änderung der Bezeichnung ist eine Änderung der Binnenstruktur des Asien-Afrika-Instituts verbunden."

Kryptisch klingt auch das, nicht aber für den Eingeweihten. Für die Abteilung für Sprache und Kultur Chinas ist diese Änderung schwerwiegend. Die Studiengänge für Thaiistik und Vietnamistik scheiden aus der Abteilung aus und bilden jetzt mit der bisherigen "Abteilung für Indonesische usw. Sprachen" eine eigene Abteilung. Seit knapp fünfzig Jahren gehörte diese 1958 ins Leben gerufene Abteilung zum ChinS, zunächst noch unter der Bezeichnung "Abteilung für Thailand, Burma und Indochina". Allmählich wurde die Abteilung kräftig ausgebaut, zum Beispiel auch durch den Studiengang Vietnamistik. Die sinologischen Fachvertreter hatten sich stets nachdrücklich für "ihre" Südostasiaten eingesetzt, immer wieder auch unter Hintanstellung eigener Interessen.

Jetzt machten Erwägungen zur Binnenstruktur des AAI diese Umorientierung notwendig: Die einzelnen Abteilungen des AAI sollten eine vergleichbare Größe erhalten. Das paßte auch zu den fachlichen Orientierungen der gegenwärtigen Fachvertreter für Thaiistik und Vietnamistik, die sich weniger auf den Nachbarn China in Ostasien als das sonstige Südostasien richten. Auch sonst ließe sich diese Umstrukturierung fachlich begründen.

Kronprinzessin Maha Cakri Sirindon

Trotzdem bleibt ein gewisses Bedauern. Bei jemandem, der 25 Jahre lang in verantwortlicher Position auch für diese Fächer zuständig war, ist das nicht weiter verwunderlich. Das gilt vor allem deshalb, weil sie manchmal "Sorgenkinder" waren. So hat diese Trennung jedoch auch aus sinologischer Sicht ihre positiven Aspekte. – Die Abbildung zeigt die thailändische Kronprinzessin Maha Cakri Sirindon bei einem Besuch in der Abteilung, ebenso den Thaiisten Prof. Dr. Dr. Wenk und den damaligen Uni-Präsidenten Dr. Peter Fischer-Appelt.
 
 
 

 Heftiger Protest

Mittwoch, 27. April 2005: In aller Herrgottsfrühe hatten Studierende begonnen, das Hauptgebäude der Uni HH, zugleich Sitz ihres Präsidenten Lüthje, zu sperren. Zeitweise beteiligten sich an dieser Aktion ungefähr 300 Studierende. Die Ordnungskräfte marschierten auf, doch beide Seiten verhielten sich besonnen. Nur fünf Studierende echauffierten sich derart, daß sie festgenommen wurden, augenscheinlich nicht ohne Brutalitäten bei den Zugriffen. Ganz so martialisch-konfrontativ, wie dieses Foto aus dem "Hamburger Abendblatt" vom 28. April zu zeigen scheint, ging es erfreulicherweise nicht zu.

Es ging um die von der Hamburger Hochschulpolitik vorbereitete Einführung von Studiengebühren. Allerdings war Uni-Präsident Lüthje nicht das geeignete Ziel der Proteste. Der Hochschulsenator hatte ihn – in aller Politiker-Scheinheiligkeit – in eine heillose Zwickmühle manövriert: Wir Politiker haben die Voraussetzungen für die Erhebung von Studiengebühren, mit denen Ihr Hochschulen Eure finanzielle Situation verbessern könnt, geschaffen. Ihr Hochschulen braucht sie nur noch festzusetzen, in aller Autonomie. – Gleichzeitig wird allerdings feinsinnig angedeutet, wenn eine Hochschule solche Gebühren nicht erhebe, dann gehe es ihr offenbar gut, und dann … !

Skandalös ist die Verantwortungslosigkeit solcher Politik, denn niemand hat akzeptable Modelle dafür geschaffen, wie die Studierenden solche Gebühren finanzieren sollen. Die geplanten 500 Euro im Semester sind in den meisten studentischen Portemonnaies nämlich nicht so ohne weiteres anzutreffen. Alle möglichen Darlehensmodelle wurden von Berufenen wie Unberufenen skizziert, doch keines ließ sich bisher umsetzen. Dafür zu sorgen, wäre eine Aufgabe der Politik gewesen. Einem Hochschulpräsidenten läßt sich das schlechterdings nicht abverlangen.

Dort wo bisher schon Studiengebühren erhoben wurden – an den für den Hochschulsenator so vorbildlichen US-Universitäten beispielsweise, auch an privaten Hochschulen in Deutschland, sogar an den neuen "Bezahl"-Studiengängen der Unis – gehen diese aber mit großzügigen Stipendienprogrammen einher. Wie sieht es damit aus? Woher kommen die Mittel dafür? Sollen etwa die Gebühren der einen Studis die Stipendien der anderen finanzieren?

Unerträglich ist auch die Planungsunsicherheit der Studierenden: Kann ich mir noch ein – angeblich politisch gewünschtes – Auslandssemester leisten oder lasse ich das dafür angesparte Geld lieber auf dem Konto, für die Gebühren? Wie hoch würden möglicherweise an einer ausländischen Uni die Gebühren sein? – Aufgrund der Gebührenfreiheit an deutschen Unis sorgten zwischenstaatliche Vereinbarungen in dieser Hinsicht bisher für vorteilhafte Regelungen. Die würden künftig hinfällig werden – und ein Studienjahr in China, zum Beispiel, das würde ins Geld gehen!

Studierendenproteste, Mai 2005, Hamburg. HA v. 28.4.05

Wer auch nur einen ungefähren Einblick darin nimmt, wie gegenwärtige Studierende ihr Studium finanzieren, der wird eine Folge von Studiengebühren klar vor Augen sehen: noch mehr jobben! Damit aber wird das Teilzeit-Studium gerade an Standorten wie Hamburg noch einmal an Ausmaß gewinnen, die Studienzeiten werden sich verlängern usw. usw. Alle möglichen "hehren" Ziele, welchen die gegenwärtigen Umstrukturierungen der Universitäten und der Studiengänge angeblich dienen sollen, werden durch Studiengebühren voraussichtlich beeinträchtigt.

Allerdings ist mangelnde Umsicht in dieser Angelegenheit nicht die einzige Verantwortungslosigkeit der Bildungs- und Hochschulpolitiker, die bei den gegenwärtigen Umstrukturierungen waltet. Und die größte ist, daß sich kaum ein anderer Politiker für Bildungs- und Hochschulpolitik interessiert: keine Karrierechancen!

Vor allem das Uni-Präsidium und die Uni-Verwaltung blockierten einige hundert Studierende während "Aktionen" am 10. Mai und den nachfolgenden Tagen. Manchmal griffen die zahlreichen aufgezogenen Polizisten zu, maßvoll nachdrücklich. Meistens standen sie untätig herum, doch die Folgen der "Aktionen" für den städtischen Verkehr waren unübersehbar. Am Freitag vor Pfingsten waren die "Aktionen" dann verebbt. Dafür kam Kritik aus den Reihen der Polizei auf: zu viel eingesetzte Kräfte!

Sowohl die Zielrichtung dieser "Aktionen" als auch deren Auswirkungen hätten genauer bedacht werden können. Wo wurde eigentlich dargestellt, aus welchen Gründen Studierende gegen Studiengebühren sind? Mit finanziellen Beeinträchtigungen müssen viel größere Bevölkerungsgruppen leben, die überdies Studierende noch immer als privilegiert ansehen.
 
 
 

 Neuer Jahresbericht

Am 29. April 2005 fand die Jahresversammlung der Hamburger Sinologischen Gesellschaft (HSG) statt, im Restaurant "Jin Men", Wartenau 4. Sie dauerte nur zwanzig Minuten, denn nur alle drei Jahre sind satzungsgemäß wichtige Wahlen vorzunehmen, und das wird erst im Jahre 2006 notwendig sein.

Zur Jahresversammlung erschien auch der "Jahresbericht" der HSG. Auf dreißig Seiten im A4-Format orientiert er über die Veranstaltungen der HSG im Berichtsjahr, mit zahlreichen Illustrationen, ebenso über die wichtigsten Vorgänge in der ChinA. Wichtige Quellen zu deren jüngerer Geschichte sind diese Jahresberichte schon jetzt.

Nach der Jahresversammlung referierte der Vorsitzende überblickhaft über chinesische Klassiker zur Kunst des Kochens und des Wohlgeschmacks – und dann konnten die gut vierzig Anwesenden zum Wichtigen kommen, nämlich zu den Eßstäbchen greifen. Das Restaurant hatte für fünfzehn Euro ein vorzügliches Mahl vorbereitet, und die Esser waren schließlich sachkundig. Von allen Seiten waren nur lobende Worte über die Opulenz der Gerichte und ihren Wohlgeschmack zu hören. Eine Teilnehmerin schickte hinterher sogar eine Mail: "überaus überschwenglich hervorragend".

Gullydeckel (Foto: © Ellen Tetens)

Ein Foto von diesem Festmahl existiert anscheinend nicht. Eine andere Teilnehmerin steckte dem Vorsitzenden beim Abschied allerdings einen Briefumschlag zu. Beklommen öffnete er ihn: Würde er eine Austritterklärung enthalten, eine wüste Beschimpfung wegen einer Veranstaltung, eine Beschwerde über seine Art der Vereinsführung, Schlimmeres gar? Nur ein paar Fotos befanden sich in dem Umschlag – und da in diesen Notizen gelegentlich zum Scherz von Gullydeckeln die Rede war, sei eines dieser Fotos an dieser Stelle wiedergegeben. Überaus vergnügt war der Vorsitzende, denn auch bei einer Vereinsführung muß man schließlich so manches "unter dem Deckel" halten. Ob E.T. daran dachte?
 
 
 

 Aus der ChinA-Geschichte: Chinesischer Kolonialismus

Im 1912 erschienenen "Jahrbuch der Hamburgischen Wissenschaftlichen Anstalten" für das Jahr 1911 konnte der Sinologe Otto Franke, der seit 1910 am Kolonialinstitut lehrte, für sein Fach Erfreuliches vermelden. Die Seminarbibliothek war auf 700 Bände "an abendländischer Literatur" (über China) angewachsen, zum Oktober 1911 waren Dr. phil. Fritz Jäger und zum Juni 1912 Schang Yen Liu, ein früheres Mitglied der kaiserlich-chinesischen Hanlin-Akademie, als "wissenschaftliche Hilfsarbeiter", später würde man sagen: als Assistent bzw. Lektor, eingestellt worden. Damit hatte Franke den Ausbau der Sinologie in Hamburg kräftig vorangetrieben.

Otto Franke Otto Franke war auch zum Vorsitzenden des Professoren-Rates des Kolonialinstituts gewählt worden. In seiner Antrittsrede nennt er, nach allgemeinen Darlegungen, ein überraschendes Stichwort, das dann den Rest seiner langen Rede prägen wird:

"Den großen Kulturvölkern Asiens mit ihrer langen Erfahrung und ihrer inhaltvollen Geschichte verdanken wir bereits manche überraschende und nützliche Kunde für unsere eigene überseeische Tätigkeit, und so möchte ich einmal den Versuch machen, Ihnen einige Grundzüge chinesischer Kolonialpolitik vor Augen zu führen, soweit dies bei dem gegenwärtigen Stande unserer geschichtlichen Kenntnisse möglich ist."

Chinesische Kolonialpolitik? Gemeinhin wird China nur als Leidtragender europäischer Kolonialpolitik angesehen. Franke beginnt in vorchristlichen Zeiten und umreißt die so rabiate wie geschickte chinesische Expansionspolitik. Ein Zwischen-Fazit lautet:

"Das war der Kolonisationsprozeß, durch den das chinesische Reich vom Südrande des mongolischen Hochplateaus bis zum Golf von Tongking, vom Gestade des Stillen Ozeans bis zu den Bergketten von Tibet und Birma emporwuchs. Zeitliche Grenzen lassen sich für diesen Prozeß schwer zieht, zumal er ja, wie bemerkt, noch immer im Gange ist."

Noch immer im Gange ist? – Franke skizziert die chinesischen Strategien, unterstreicht aber auch, das die staatsbildende Kraft Chinas in diesen Gebieten unzulänglich gewesen sei. Am Ende schreibt er:

"Unsere skizzenhaften Betrachtungen zeigen, welche Kolonisationsfähigkeit und welcher Kolonisationsdrang dem Chinesentum innewohnt. Wäre in China immer eine starke Regierung vorhanden gewesen, die den Willen und die Macht gehabt hätte, diese Kräfte auszunutzen, so würden die politischen Verhältnisse in Ost- und Mittelasien heute wesentlich anders sein. Ohne jemals von der eigenen Regierung gefördert oder geschützt worden zu sein, ist das chinesische Element in den fremden Besitzungen Hinterindiens und des malayischen Archipels sowie auf den Inseln des Stillen Ozeans und in den russischen Gebieten Nordostasiens zu einer wirtschaftlichen Kraft geworden, an deren Ausschaltung heute nicht mehr gedacht werden kann. Eine vorwärtsstrebende Regierung hätte aus diesem Zustande politische Folgerungen weitreichender Art ziehen können. Die weiten, fruchtbaren Ebenen und Flußtäler der östlichen Mongolei und nördlichen Mandschurei könnten längst chinesische Provinzen sein, wenn die Zentralregierung nicht aus Rücksicht auf die Interessen der Eingeborenen bis vor wenigen Jahren die chinesische Kolonisation dort grundsätzlich verboten hätte. Erst seitdem die russisch-japanischen Bestrebungen dort immer offener zutage traten, ist die chinesische Besiedelung freigegeben worden. Außerdem hat sich die kaiserliche Regierung bis zu ihrem Sturze planmäßig bemüht, durch Verbreitung chinesischer Bildung und chinesischer Einrichtungen im Lande die Mongolen in den Reichsorganismus einzufügen. Die Republik hat sich auch zur Fortführung dieser kolonialpolitischen Aufgabe als unfähig erwiesen. Die Entfremdung erscheint heute in jenen Gebieten ebenso unaufhaltsam wie in Turkistan und Tibet."

Otto Franke betrachtet, naheliegenderweise, die chinesische "Kolonisation" mit freundlichen Augen. Er irrte, wenn er meinte, die Mongolei, Tibet und Turkistan könnten sich China "entfremden". Große Teile dieser Regionen sind heute Teil der VR China, und diese betrachtet sie als integralen Bestandteil ihres Staates. Er irrte auch, wenn er meinte, bei solchem chinesischen "Kolonialismus" habe es an staatlicher Förderung und Schutz gefehlt. Er kannte lediglich die Mechanismen dafür noch nicht, denn mit chinesischer Geschichte beschäftigte er sich intensiv erst jetzt. Was aber das "noch immer im Gange ist" angeht – nur ein ganz kleines Beispiel: Das altehrwürdige und viel besungene Mandalay in Burma (Myanmar) ist heute in seinem Zentrum größtenteils eine chinesische Stadt. Jeden Morgen werden die "eingeborenen" Angestellten in Lastwagenkolonnen aus den Außengebieten nach dort zur Arbeit geschafft.
 
 
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