Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 37
11. März 2005
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
 

 Zwischen Himmel und Hölle

"Sind Hamburgs Nächte anders?" begann Matthias Wegner am 8. Oktober 1994 die Vorstellung eines Gedichts des namhaften und unglücklichen Hamburger Dichters Wolfgang Borchert (1921-1947). Wegner, ehedem Leiter des Rowohlt-Verlags im nahen Reinbek, überschrieb seine Interpretation "Geliebte zwischen Himmel und Hölle", während Borchert seine Verse schlicht "In Hamburg" nannte. Die beiden ersten lauten: "In Hamburg ist die Nacht/ nicht wie in andern Städten".

Bücherbord Ganz anders zwischen Himmel und Hölle fühlte sich der Berichterstatter in diesen Wintertagen. Von manchen Dingen hatte er sich, angesichts künftiger Gegebenheiten, zu trennen – darunter Stapeln von Zeitungsausschnitten über ältere und neuere Gedichte, auch diesen zugehörige Schriften, schmale Bände meist. Am Totensonntag 1946 wurde Borcherts Gedicht in Hamburg erstmals öffentlich vorgetragen. Es fährt fort: "… die sanfte blaue Frau,/ in Hamburg ist sie grau/ und hält bei denen, die nicht beten,/ im Regen Wacht."

Wer kennt noch alle die Dichternamen, denen vor dreißig, zwanzig, zehn Jahren lange Interpretationen und Betrachtungen galten, die jetzt in einem Containerabgrund verschwunden sind:

Erich Arendt/ Gerhard Amanshauser/ H.C. Artmann/ Cyrus Atabay/ Wolf Bächler/ Kurt Bartsch/ Jürgen Becker/ Uli Becker/ Franz Richard Behrens/ Hans Bender/ Rudolf G. Binding/ Johannes Bobrowski/ Thomas Böhme / Rudolf Borchardt/ Nicolas Born/ Rolf Bossert/ Rainer Brambach/ Rolf Dieter Brinkmann/ Heinz Czechowski/ Christoph Derschau/ Hugo Dittberner/ Hilde Domin/ Richard Exner/ Gunter Falk/ Gerhard Falkner/ Ludwig Fels/ Erich Fried/ Gerhard Fritsch/ Walter Helmut Fritz/ Peter Härtling/ Dorothée Haeseling/ Michael Hamburger/ Peter Hamm/ Jakob Haringer/ Harald Hartung/ Walter Hasenclever/ Rolf Hauf/ Manfred Peter Hein/ Günter Herburger/ Max Hermann-Neiße/ Wolfgang Hilbig/ Peter Hille/ Christian Ide Hintze/ Rolf Hörler/ Dieter Hoffmann/ Rainer Kirsch/ Wulf Kirsten/ Theodor Kramer/ Thomas Kling/ Hertha Kräftner/ Jürgen K. Hultenreich/ Alfred Kolleritsch/ Johannes Kühn/ Rainer Kunze/ Peter Maiwald/ Rainer Malkowski/ Helga M. Novak/ Harry Oberländer/ Heinz Piontek/ Felix Pollack/ Walter Prinz/ Rotraud Sarker/ Christa Reinig/ Friederike Rothe/ Ralf Rothmann/ Doris Runge/ Gustav Sack/ Robert Schindel/ Ernst Schönwiese/ Sabine Techel/ Guntram Vesper/ Gabriele Wohmann/ Karl Alfred Wolken/ Gerald Zschorsch

In manchen Literaturgeschichten und Anthologie wird der eine oder andere Name auch noch in hundert Jahren begegnen, doch die meisten werden vergessen sein. Erinnerungen sind mit allen verbunden, und jeder Verzicht schmerzte. Als eine "Wüste von Steinen und Toten" hatte Borchert vor seiner Rückkehr aus dem Krieg und todeskrank das Hamburg von damals beschrieben. Seine zweite Strophe lautet hier: "In Hamburg wohnt die Nacht/ in allen Hafenschänken/ und trägt die Röcke leicht,/ sie kuppelt, spukt und schleicht,/ wenn es auf schmalen Bänken/ sich liebt und lacht."

An die Wellenschläge der Elbe erinnern M. Wegner die sich ändernden Rhythmen dieser Strophen, und vielleicht stellte sich Borchert vor, er könne noch an diesen Hamburger Nächten teilhaben, wobei Wegner die Borchert-Verse nicht als "Regionalschwärmerei" ansieht, sondern ihnen "schwerelose Selbstverständlichkeit" und "sanfte Melancholie" entnimmt.
 
 
 
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Zum Jahr des Hahns
 
  Noch heute lernen viele chinesische Schulkinder, ihr Land habe die Gestalt eines Hahns. Bei einem Blick auf eine Landkarte Chinas läßt sich das, bei einigem guten Willen, nachvollziehen. Zu Beginn des Monats Februar in diesem Jahr 2005 mag er den Kleinen allerdings auch in anderen Gestalten begegnen, denn das Jahr des Hahns beginnt, nach dem chinesischen Tierkreis das zehnte Tier in diesem Zwölfer-Zyklus.

In einem Eßschälchen sollte ein Hahn jetzt allerdings niemand begegnet sein. Schon bei jedem anderen Neujahrs/Frühlingsfest ist der Verzehr seines Fleisches traditionellerweise untersagt, erst recht zu Beginn des ihm gewidmeten Jahres. Glück soll er nämlich bedeuten, ein roter Hahn schützt vor Feuer, ein weißer vertreibt Dämonen, und aller Kikeriki verheißt – Lautähnlichkeiten spielen bei derlei stets eine Rolle – Erfolg und Ruhm, und schnöder Verzehr sollte diese nicht gefährden.

Vielleicht hat dieser alte Rat, sich des Hähnchenverzehrs zu enthalten, noch eine andere Ursache: Schon im Altertum war der Hahn ein beliebtes Opfertier, für die Ahnen und Götter. Dem Chou-kuan, "Die Ämter von Chou", zufolge, wurde schon in weit vorchristlicher Zeit ein "Hahnen-Mann" bestallt. Diesem oblag, den Königshof mit dem prachtvollen Federvieh zu versorgen, zuerst für die Opfer, dann für das Mahl – vielleicht in Gestalt des Gerichtes mit dem hübschen Namen "Das trunkene Hähnchen".

Hahn Auch sonst galt der Hahn als ein Tier von hoher Dignität. Nicht nur die Volkstradition erkannte ihm die fünf wichtigsten Tugenden eines Edlen zu: Sein Kamm ähnele einer Gelehrtenkappe und zeuge also von Bildung (wen). Die Sporen an seinen Füßen kündeten von Kriegstüchtigkeit (wu), zum Kampf sei er, wenn nötig, schnell bereit, und das bedeute Tapferkeit (yung). Menschlichkeit (jen) leite ihn, wenn er "nach den anderen" rufe, sobald er Nahrhaftes entdeckt habe, und voller Zuverlässigkeit (hsin) "versäumt er nicht die Zeit", wenn er am Morgen den Tagesanbruch verkündet.

"Der Goldene Hahn verkündet das Morgenlicht" ist der abgebildete Neujahrsholzschnitt aus dem 19. Jahrhundert betitelt. "Goldhahn", das kann vieles meinen – ein Sternbild zum Beispiel, eine Blütenpflanze, auch eine Fasanenart. Auf diesem farbenfrohen Bild ist jedoch eine Art Hahnenkönig gemeint. Nach einer Legende wohl indischen Ursprungs ist er der Stimmführer aller Hähne auf der Welt. Sobald er die ersten Sonnenstrahlen erblickt, läßt er sein helles Kikeriki erschallen, und alle anderen Hähne stimmen dann weltweit, wohl noch ein wenig schlaftrunken, ein.

Viele Burschen in alter oder neuer Zeit mögen die Hähne ob ihres Morgeneifers verflucht haben. Schon im klassischen Shih-ching, "Buch der Lieder", lauten einige Verse:
Das Mädchen sprach: "Der Hahn kräht schon."
"Noch ist nicht Morgen", sagt der Bursche.
"Steh auf und blicke in die Nacht!
Der Morgenstern steht längst am Himmel."
Der Hahn mahnt, den heimlichen Geliebten fortzuschicken. "Taglieder", so der Name dieser Dichtungsart, kommen in allen Literaturen vor und deshalb auch das Krähen der Hähne. Manchmal sieht es so aus, als sei der Hahn das Schutztier der heimlich Liebenden. Jedenfalls sieht die chinesische Tradition ihn als Inbegriff des Yang an, des männlichen Urelements, der Sonne verbunden.

Mit der "Menschlichkeit" des Hahns ist es allerdings nicht weit her. Er ruft keineswegs alle "anderen" herbei, wenn er ein paar köstliche Würmer entdeckte, sondern die Hennen seiner Schar. Und wer je einen bäuerlichen Hühnerhof studieren konnte, der wird bemerkt haben, daß ein Hahn solche Lockrufe nicht selten ausstößt, um seine Hennen in ganz anderer Absicht herbeizuzitieren – in durchaus unmoralischer! Wer weiß, was der chinesischen Tradition bei der konfuzianischen "Menschlichkeit" so alles in den Sinn kam?
 
 
 
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Nackter Spreizklimmer
 
  Dem verdrossenen Flaneur, der durch tristgraue Winterstraßen schlendert, mögen hier und da, vornehmlich vor ebenso tristen Betonwänden, diese leuchtend gelben Blüten begegnen. Auf den ersten Blick könnte er meinen, die ersten Forsythienblüten verhießen ihm bereits Frühlingsfreuden, doch ein zweiter Blick zeigte ihm, daß weder die Zweige noch die Blüten dieses Strauches denen der Forsythie gleichen.

Das sind die Blüten des Winterjasmins (Jasminum nudiflorum), welchen die Botaniker den Spreizklimmern aus der Pflanzenfamilie der Ölbaumgewächse zuordnen. Die langen überhängenden Rutentriebe schmiegen sich an alle möglichen Wände, und "nacktblühend" heißt dieses Gewächs, weil die schmalen und filigranen Blätter sich erst später entfalten. Ein Winterblüher ist der Winterjasmin, und wenn einmal ein zu harter Frost den Blüten zugesetzt hatte, dann öffnen sich schon nach wenigen Tagen neue.

Winterjasmin (Jasminum nudiflorum)

In Nordchina ist der Winterjasmin heimisch. Dort entdeckte ihn 1844/45 der britische Pflanzenjäger Robert Fortune, John Lindley von der Londoner Royal Horticultural Society ordnete ihn 1845 botanisch ein, und bereits im Jahre 1855 führte ihn auch das Gartenpflanzenbuch des Ernst Berger für Deutschland auf. Zuvor galt er eher als für Gewächshäuser geeignet. Trotz der Liebenswürdigkeit seiner Winterblüte hat dieser Jasmin, welcher Name aus dem Arabischen stamm und "Der Wohlriechende" bedeutet, sich hierzulande noch nicht weit verbreitet, wird offenbar selten geschätzt..

In China ist das nicht anders. Die Klassiker der Blütenkultur, denen es meistens gefällt, die Blüten in eine Rangordnung ihrer Wertschätzung einzufügen, weisen dem Winterjasmin meistens nur eine Position in der sechsten oder siebten Kategorie ihrer "rankings" zu. Sein chinesischer Name kling allerdings schön: ying-ch'un-hua, "Blüte, die den Frühling empfängt". Andere chinesische Bezeichnungen sind chin-yao-tai, "Goldgürtel", und chin-mei, "Goldpflaume".

Mit der vielgepriesenen Pflaumenblüte, nach dem Blütenkalender (hua-li) die Blüte des ersten Monats, hatte der Winterjasmin offenbar um die Gunst der Blütenfreunde zu wetteifern. Einer von diesen bescheidet kühl, im Vergleich mit dieser sei er eine "Sklavin", und ein anderer nennt diesen "Goldgürtel", zu welchem Namen wohl die biegsamen Zweige führten, schlicht einen "frechen thronräuberischen Gesellen" – wohl, weil er kräftiger als die zarte Pflaumenblüte das winterliche Dunkel durchbricht.

Der alte Gartenfachmann Wang Hsiang-chin deutet in seinem Ch'ün-fang p'u, "Verzeichnis aller Düfte", an, warum die Wertschätzung nicht sehr hoch sei: Er komme an jedem Hause vor. Trotzdem beschreibt er, wie dieser Strauch, der ihm zufolge und tatsächlich bis mehr als drei Meter hochschießt, zu kultivieren sei: Er brauche fette Böden, und wenn man ihn kräftig gieße, dann blühe er reich. Hierzu steuert ein nächster Gartenklassiker einen weiteren Namen bei: mei-yü-fang, "Immer-am-Blühen" – und tatsächlich währt die Blütezeit oft drei Monate. Als ein rechtes "Aschenputtel" in der Blütenpracht behandeln den Winterjasmin die chinesischen Kenner.

Auch die Dichter, welche die Pflaumenblüte abertausendfach besangen, hat er nur selten angeregt. Der große Po Chü-i mag ihn geschätzt haben. Die Überschriften wenigstens zweier Kurzgedichte, die er Amtskollegen zugedachte, erwähnen ihn. "Sein goldener Glanz und die türkisfarbenen Zweige schmiegen sich in die Frühlingskälte" lautet ein Vers in dem einen, und in dem nächsten: "Mit Pflaumenblüten und Aprikosen hat er nichts zu tun, öffnet sich aber zur gleichen Zeit." Auch die Aprikosenblüte wurde von den Dichtern hochgeschätzt.

Vielleicht wollte Po Chü-i, der für seinen sozialen Sinn gerühmt wird, sich für den Winterjasmin verwenden und ihn gedichtfähig machen. Wenn er die Adressaten dieser beiden Widmungsgedichte mit dem Winterjasmin vergleicht, dann könnte sich dahinter allerdings auch eine ausgekochte Bosheit verbergen.
 
 
 
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Hähnchen-Rippen
 
  Als der begnadete Säufer Liu Ling (221-um 300) einmal mit einem gewöhnlichen Manne aneinandergeriet und dieser die Ärmel aufkrempelte, meinte Liu gelassen: "Wie könnten meine Hähnchen-Rippen Ihren geschätzten Fäusten Ruhe verschaffen!" Lachend verzichtete der andere auf die Prügeltracht.

Der sungzeitliche und sonst fast unbekannte Literat Chao Ch'ung wird schwerlich an diese Anekdote gedacht haben, als er einem schmalen Werk den Titel Chi-lo, "Hähnchen-Rippen", gab. Eher erinnerte er sich an einen berühmten Befehl des Feldherrn Ts'ao Ts'ao (155-220), der bei einem wenig erfolgversprechenden Feldzug den rätselhaften Befehl "Hähnchen-Rippen!" ausgab. Ein einziger seiner Hofliteraten, Yang Hsiu (173-217), verstand das: "Hähnchen-Rippen – wenn man sie ißt, hat man nichts davon; doch wenn man sie fortwirft, ist einem, als sollte man das bedauern."

Dermaßen trivial sind auch die "Hähnchen-Rippen" des Chao Ch'ung: vierzig kurze Abschnitte. Ein Beispiel: "Chiang Yen träumte von einem fünffarbenen Pinsel. Wang Hsüan träumte, jemand gebe ihm einen Pinsel, der so groß wie ein Balken war. Chi Shao-yü träumte einmal, Lu Ch'iu überreiche ihm einen Pinsel, der von einem blauen Faden umwickelt war. Unter den T'ang träumte Li Ch'iao, jemand überlasse ihm ein Paar von Pinseln, und Li Po träumte, aus einem Pinsel wüchsen Blumen."

Mehr oder minder berühmte Literaten waren diese Pinselträumer – und das Beispiel verdeutlicht, wie Chao Ch'ung bei seinen Notizen verfuhr: Er sammelt aus der historischen Literatur, leider meist ohne Quellenangabe, Berichte über gleichartige Dinge und reiht sie kommentarlos aneinander. Kleinigkeiten sind das, eine neben der anderen, eben wie Hähnchen-Rippen.

Was fällt Chao Ch'ung nicht alles auf! Wer alles "Sachkenner" genannt wurde, listet er auf, weiß, daß in drei historischen Epochen jeweils "Acht Vortreffliche" lebten und so bezeichnet wurden, wobei das "vortrefflich" allerdings jeweils etwas anderes meinte, und er nennt diejenigen Personen, bei denen "die Hände bis zu den Knien herabhingen". Den alten Physiognomen galt das als ein Vorzeichen, meist für künftige Bedeutung. Auch die Stotterer interessieren Chao Ch'ung, und die "Weinfässer", unter denen er die begabten Säufer, darunter auch Liu Ling, aufführt und ihre Kapazitäten nennt. Die meisten schafften mehr als einen Eimer voll! Unter "Gelüste von Altvorderen" schreibt er bekannten Persönlichkeiten spezielle Eßfreuden zu: Dörrfisch, Honig und Hirsekuchen erscheinen nicht weiter als auffällig, eher schon Rinderherzen, Entenmägen und Schafsaugen. Ausführlich schildert er sogar das – unappetitliche! – Gelüst eines hohen Würdenträgers: das Aussaugen von eitrigen Geschwüren! An den Verzehr von Forellen habe den solcher Wohlgeschmack erinnert.

In seiner kurzen Vorbemerkung sagt Chao Ch'ung nicht, was ihn bei solchen Aufzeichnungen interessierte. Er stellt sie lediglich als beiläufige Lesefrüchte hin, doch irgendeine Bedeutung wird er dem schon beigemessen haben. Das gilt auch für die chinesische Tradition, welche dieses Werkchen immerhin ein Jahrtausend lang immer wieder nachdruckte. Auch andere Werke führen in vergleichbarer Weise einander entsprechende Dinge auf.
Vielleicht suchten Chao Ch'ung und andere Autoren einfach nach Hinweisen auf Wiederholungen in den ewigen Kreisläufen der Geschichte – wie sie diese möglicherweise verstanden.

Der "Hähnchen-Rippen"-Befehl des Ts'ao Ts'ao ging sogar als Redensart in die Umgangssprache von heute ein: "Hähnchen-Rippen – schmecken nach nichts, aber sie wegzuwerfen wäre schade." Das ließe sich wohl auch über das kleine Werk des Chao Ch'ung sagen.
 
 
 
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Der Dolch im Fisch
 
  Mehrere Jahre lang hatte Prinz Kuang von Wu diesen Königsmord geplant, und der vorgesehene Meuchelmörder hatte sich darauf vorbereitet – unter anderem dadurch, daß er sich einige Monate lang in der Kunst, einen Fisch zu rösten, unterweisen ließ. Im Jahre 515 v. Chr. paßten alle äußeren Umstände zusammen, und beide konnten sich an ihr ruchloses Werk begeben.

Prinz Kuang war ein Enkel des Königs Shou-meng (585-561) von Wu, der dieser Herrschaft im Südosten des Alten China zu einem dramatischen Aufschwung verholfen hatte. Er hatte diesen Aufschwung durch mehrere siegreiche Feldzüge fortgeführt, glaubte sich möglicherweise dem regierenden König Liao (526-515) an Tatkraft überlegen. Vielleicht bewegte ihn aber auch eine dynastische Zurücksetzung. In Wu war unter König Shou-meng die Bruderfolge auf dem Thron ein- und dann fortgeführt worden, nach altem Vorbild. Nachdem drei Söhne des Shou-meng diesem nachgefolgt waren, glaubte Prinz Kuang an der Reihe gewesen zu sein – nicht König Liao. Wahrscheinlich war der König ein Vetter des Prinzen, nach einer Quelle sogar sein Bruder, dann wohl sein jüngerer.

Prinz Kuang hatte sich eines vortrefflichen Beraters versichert. Dieser Wu Tzu-hsü war ein Würdenträger des benachbarten mächtigen Ch'u, der nach Auseinandersetzungen mit seinem König 522 nach Wu fliehen mußte. Schon unter Shou-meng hatte ein Flüchtling aus Ch'u zum Aufstieg von Wu beigetragen, doch diesem Wu Tzu-hsü gelang noch mehr, und berühmt und volkstümlich blieb er bis heute, obwohl er seinem Gunstherrn, dem Prinzen, zunächst nur den Chuan-chu führte. "Er hatte eine vorstoßende Stirn und tiefliegende Augen, eines Tigers Brust und eines Bären Rücken. Schwierigkeiten ging er nicht aus dem Wege", beschreibt eine Quelle diesen Meuchelmörder Chuan-chu, dessen Name, wie fast alle Wu-Namen, ungewöhnlich klingt.

Königsmord Mehrere einflußreiche Mitglieder des Königshauses befanden sich im Jahre 515, in ziviler oder militärischer Mission, im Ausland, als Prinz Kuang seine Zeit gekommen sah. Er versteckte gepanzerte Krieger an einem geeigneten Ort und lud dann den König zu einem Eß- und Saufgelage. Den schwante Übles. "Der König legte darauf einen dreifachen Panzer von Eisen aus T'ang an und ließ seine Garde vom Tor des Palastes an bis zur Tür des Hauses von Kuang den Weg säumen. Auf den Stufen und Sitzmatten rechts und links von ihm saßen nur nahe Verwandte. Die Diener an seinem Platz hatten alle Befehl, sich mit Hellebarden und Zweizacken zu bewaffnen." So erinnert das Wu Yüeh ch'un-ch'iu, "Frühling und Herbst von Wu und Yüeh", aus dem 2. Jahrhundert an diese Szene. Das mag ein behagliches Fest gewesen sein, legendenfarbig war es jedenfalls.

Alle Vorsicht half dem König nichts. Unter einem Vorwand entfernt sich Prinz Kuang von dem Gelage. Chuan-chu trägt dem König einen gerösteten Fisch auf, des Königs Leibspeise, in welchem er einen Dolch verborgen hatte, und – "(…) da tat er den gerösteten Fisch auf und stieß mit dem Dolche zu. Sofort richteten sich Hellebarden und Zweizacke auf seine Brust, schlitzten sie auf und legten sein Herz frei. Aber wie vordem stieß er wieder mit dem Dolch zu, durchstach den König Liao und durchbohrte den Panzer, daß der Dolch bis zum Rücken durchdrang." – Werner Eichhorn übersetzte dieses Wu Yüeh ch'un-ch'iu.

Der Dolch war eigentlich ein Kurzschwert. – Prinz Kuang aber bestieg den Thron. Unter dem Königsnamen Ho-lü von Wu wurde er dessen bedeutendster Herrscher, galt einigen sogar als einer der fünf Hegemonen, die eine gewisse Ordnung in dieser alten Staatenwelt gewährleisteten.

Die Abbildung zeigt dieses Attentat – in einer Folge von Attentatsdarstellungen aus dem Schrein der Familie Wu, aus dem 2. Jahrhundert. Gerechtfertigte Morde sollen, nach neuerer Interpretation, diese Bildsteine zeigen. So recht edelmütig scheint, jedenfalls nach heutiger Quellenlage, dieses Komplott von Prinz Kuang und Chuan-chu aber nicht gewesen zu sein.
 
 
 
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Perle vom Himmel
 
  Manche Länder und noch mehr Landschaften verfügen über Örtlichkeiten, mit denen sich ein beinahe mystischer Glanz verbindet. Dieser mag darauf zurückzuführen sein, daß an diesen Orten sakrale Stätten lagen; manchmal verbinden sich ihnen herausragende historische Ereignisse, und in wieder anderen Fällen haben landschaftliche Schönheiten solchen Ruf begründet. In China liegen zahllose solcher Weihestätten, doch der Westsee von Hangzhou ist einer der berühmtesten. In ihm vereinigt sich alles: Weihestätte, historische Bedeutung und unvergleichliche Szenerie.

Dabei ist dieser See, der 5,66 qkm, mit 15 km Uferlänge, umfaßt und eine durchschnittliche Tiefe von nur 1,5 Metern aufweist, noch nicht sehr alt. Vor ungefähr 1800 Jahren entstand er durch die Versandung der Mündung des Qiantang-Flusses, die zunächst eine Lagune bildete. Damals und noch lange Jahrhunderte war dieses Gebiet malaria- und seuchengeplagt, und später kamen die Abwässer der Vorläuferstädte des heutige Hangzhou hinzu. Das waren einfach Drecklöcher, und der Westsee war ein eben solches.

Die Legende spricht von einer wundersamen Entstehung: Ein Drache und ein Phönix stritten sich um eine Jadeperle, die ob der Heftigkeit des Kampfes zum Himmel emporgeschleudert wurde. Dort eignete sich Hsi-wang-mu, "Königinmutter des Westens", die Perle an. Drache und Phönix forderten sie zurück, und wieder rangeln sie um die Perle. Sie fällt zurück auf die Erde – und verwandelt sich in den Westsee.

Unzählige Legenden und Gedichte preisen diesen, doch er mußte erst einmal eine Berühmtheit werden. Hierzu machte ihn vor allem der Literatenbeamte Po Chü-i, den es nach hier verschlug. Er errichtete einen noch heute nach ihm benannten Damm, der auch Zwecken der Kanalisation diente, und schrieb einige Gedichte über sein Werk, durch das der See zusehends reiner wurde.

Nicht minder bedeutend für den Nimbus des Westsees war ein nächster hochberühmter Literatenbeamter: Su Tung-p'o, den es 1071 und 1089 nach Hangzhou verschlug – damals noch eine Art Verbannungsstätte. Auch ein durch ihn geschaffener Damm ist noch heute vorhanden und nach ihm benannt. Bei der Gelegenheit soll er für die geplagten Fronarbeiter sogar ein besonderes Gericht kreiert haben, den "Topf des Su Tung-p'o": viel Schweinebauch, ein wenig Schnaps und andere Zutaten, nahrhaft und wohlschmeckend. Die Garküchen von Hangzhou halten das Gericht noch heute feil.

Die große Zeit von Hangzhou begann im Jahre 1127, als das Kaiserhaus Sung vor den anstürmenden Nordbarbaren in den Süden auswich und Hangzhou seine Hauptstadt wurde. Eine Zeit märchenhaften Glanzes begann, immer neu gepriesen: Hochstätte feinster Literatenkultur, Blüte bürgerlicher Geschäftigkeit, Lasterhöhle flanierender Müßiggänger.

Westsee, Hangzhou

Allein der See mit seinen vier Inselchen – die größte ist Gushan genannt, "Einsamer Berg", der bis auf 38 Meter emporragt, und sie ist 19 ha groß – birgt eine schier unvorstellbare Fülle von Sehenswürdigkeiten und Anblicken, und vierzig bedeutende in seiner Umgebung kommen noch hinzu.

Auch die Kommunisten wußten den Zauber des Westsees zu nutzen. Am stadtabgewandten Ufer errichteten sie eine Perlenkette von staatlichen "Gästehäusern". Dort wurden die Kungelrunden führender Politiker ausgetragen, verdiente Parteiaktivisten durften sich in ihnen erholen und Staatsmänner aus aller Welt sich dort erquicken: Nixon, Thatcher, Pompidou. Auch dem Verfasser dieser Notizen wurde einmal dieses Glück zuteil. Er könnte den vielen Geschichten um den Westsee noch ein paar ganz wirklichkeitsnahe hinzufügen.

Die Pagode im Hintergrund soll im Jahre 975 entstanden sein. Der Herrscher eines kleinen Teilreiches wurde an den Hof der damals jungen Sung-Dynastie beordert und an diesem festgehalten. Seine Würdenträger errichteten diese Pagode, um seine sichere Rückkehr zu erbitten. – Am Westsee wurden oft härteste Politikerschicksale in liebenswürdige Zeichen zur Bereicherung seiner Schönheiten umgewandelt.
 
 
 
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Erbsen, Schweinebauch und Fisch
 
  Wahrscheinlich hat Su Tung-p'o nie an einem Küchenherd gestanden, doch er erinnert sich sehnsüchtig an die liebreizenden "Mädchen in ihren blauen Hemden" in seiner Heimat Ssechuan, welche die nur dort vorkommende Erbsenart sammelten und dann zubereiteten. Er bittet seinen Freund Chao Hsüan-hsiu, ihm einige solcher Erbsen zum Anbau in sein Verbannungsrefugium auf dem Osthügel (Tung-p'o) nach Huang-chou im Süden mitzubringen, nennt diese schon einmal in "Gemüse des Hsüan-hsiu" um, widmet ihnen ein längeres Prosagedicht und schwelgt vorfreudig: "Schon steigen reich die Düfte auf!/ Ein Schuß Wein noch und gesalzene Bohnen,/ Orangenschalen, Ingwer und Zwiebeln dazu – / was sollen mir dann Hähnchen und Schwein?"

Dieser große Dichter war auch ein bekennender Gourmet. Zugleich lästert er über die Scheinheiligkeit buddhistischer Mönche, die sich den untersagten Genuß von Wein und Fleisch erlauben, indem sie den Wein auf den Namen "Suppe der Weisheit" tauften und ein Hähnchen zum "Gemüse, das durch Zäune schlüpft" machten. Auch Yen Hui, dem Lieblingsschüler des Konfuzius, gilt sein Spott, denn dieser war durch seine karge Lebensführung, die ihm nur Wasser und Reis erlaubte, bekannt: Hätte er mehr gegessen, wäre er wohl älter als 29 Jahre geworden.

Dongpo rou Noch heute kennt die chinesische Küche mehrere Rezepte, die Su Tung-p'o, der eigentlich Su Shih hieß, geschaffen haben soll. Erstaunlicherweise sind die meisten von ihnen vegetarisch, auch schlicht in ihrer Zubereitung – so die Su Shih t'ang, "Suppe des Su Shih", eine Sauergemüsesuppe, auch der "Grün gebratene Reis", der seinen Namen nach der Hauptzutat Schnittlauch bzw. Porree erhielt, und die "Suppe im Tontopf", die aus Chinakohl, Glasnudeln, Toufu und Frühlingszwiebeln besteht, mit Gemüsebrühe und ein wenig Schnaps natürlich, denn es war ein Gericht für die Wintertage.

Am berühmtesten blieb das "Fleisch des Tung-p'o" (Tung-p'o jou): viel Schweinebauch, Reiswein, Sojasauce, Öl und Ingwer, zur Verfeinerung beliebige Gemüse. In vielen Garküchen des heutigen Hangzhou köchelt dieses schlichte, nahrhafte Mahl auch heute. Über seine Entstehung berichten mehrere Geschichten:

- Als Freunde Su Tung-p'o zu einem Fest so große Mengen Fleisch vom Schweinebauch, mit dem zugehörigen Topf voll Reiswein, schenkten, daß er sie nicht selbst aufbrauchen konnte, kochte er das Fleisch, schmorte es in dem Wein, füllte die Portionen in die mitgesandten Reisweintöpfe und schickte diese Neukreation den Freunden zurück.
- Als er 1090 in Hangzhou den Westsee regulieren und mit einem Damm versehen ließ, um die hygienischen Verhältnisse in der Stadt zu verbessern, ließ er den Arbeitern dieses Mahl zum Frühlingsfest zukommen – jedem Arbeiter einen Topf voll.

Als Freund seiner Freunde wird Su oft gerühmt, sein soziales Gewissen zeigt sich auch in anderen Taten. Neben alldem war er aber auch ein Gourmand. Jedenfalls schrieb er ein Lao-t'ao fu, "Prosagedicht über einen alten Freßsack", und als solcher war er manchmal gar eigensüchtig. Einer der vielen Witze um und von ihm zeigt das, und zu dessen Verständnis muß man wissen, daß das Schriftzeichen Su für seinen Familiennamen aus drei Elementen besteht: oben das Element "Kraut", unten links "Fisch" und rechts "Korn", die unteren Elemente manchmal umgekehrt.

Su Tung-p' hatte einen köstlichen Fisch gebraten, als ein Freund auf sein Anwesen zukam. Flugs stellte er den Fisch auf einen Schrank, da er ihn nicht teilen mochte. Nach den Begrüßungsfloskeln schnupperte der Freund und sagte nachdenklich: "In deinem Namen – manchmal steht der Fisch unten links, mal auch unten rechts, doch ich habe noch nie gesehen, daß er oben stand." Lachend gab Su sich geschlagen und teilte den Fisch mit dem Freund. Er war eben auch ein großer Freund der Lachkunst.
 
 
 

 Grüne Abzocke auf Rügen

Der Königsstuhl genannte Kreidefelsen ist ein Wahrzeichen der Insel Rügen, der Heimatinsel des Berichterstatters. In DDR-Zeiten war sein Betreten kostenfrei. Bald nach der Wende mußte der unverstellte Blick vom Königsstuhl auf die Ostsee den Wanderer schon eine Mark wert sein, zu gegebener Zeit dann einen Euro. Ab dem 1. Januar 2005 soll er dafür schlappe sechs Euro berappen!

Ein grünbewegtes und geschäftstüchtiges "Königsstuhl-Zentrum" zeigte nahebei eine Multivisions-Show, die bei einem Eintritt von 7.50 Euro niemand sehen mochte, auch der Berichterstatter nicht. Nur um Freunden einen Gefallen zu tun, ließ er sich im letzten Herbst zum Betreten der königlichen Kreideplattform einladen. Jetzt wollen die Zentrum-Betreiber, voll Belehrungs- und Verdieneifer, den spektakulären Ausblick aufs Meer und die mißachtete Show koppeln. Die sechs Euro sollen jetzt zu beiden Betrachtungen einladen, auch weitere Vergünstigungen sind eingeschlossen, zum Beispiel kostenloses Pinkeln.

Diese Neuregelung wurde kurz vor Weihnachten bekannt. Da hatten viele Hoteliers schon längst für das Jahr 2005 kalkuliert. Einer, der sein Haus hauptsächlich mit Bustouristen füllt, klagt also: Jede Busladung koste ihn jetzt 200 bis 250 Euro. Die Verträge für solche Rügenrundfahrten mit einer Übernachtung seien abgeschlossen, das Betreten des Königsstuhles inbegriffen, er werde diese freche Preiserhöhung nicht weitergeben können, und für einen Besuch der Show-Ausstellung sei gar keine Zeit.

Die rügensche Gastfreundlichkeit zeigte in den letzten Jahren schon öfter Züge, die grüne Wut, DDR-Unlustigkeiten und, vermeintlich, kapitalistische Raffgier verbinden. Ansonsten: Jeder Rügentourist sollte auf das Betreten des Königsstuhls verzichten. Von ihm sind es nur fünf Minuten bis zur "Viktoriasicht". Von dort ist der Blick aufs Meer nicht weniger schön, und der Betrachter hat zusätzlich den prachtvollen Königsstuhl vor Augen. Wenn noch eine halbe Stunde Zeit ist, empfiehlt sich sogar der Treppenweg zum Steinstrand hinunter. Von dort erscheint der Königsstuhl und das ihn umgebende Kreideufer am majestätischsten.

Königsstuhl, Rügen

Und was das kostenlose Pinkeln angeht – in dem Waldgebiet der Stubnitz, um den Königsstuhl herum, stehen zehntausende von mächtigen Buchen, und auf dem Weg zum Königsstuhl zum stillen Herthasee stehen bald rechts des Weges undurchsichtige Gebüsche, für die Damen. Solche "Geschäfte" tun der Natur nicht unbedingt gut, doch wenn im Sommer 2005 alle Besucher zur Viktoriasicht pilgern, einige zehntausend Männer hinter den Buchen verweilen und einige tausend Frauen hinter den Büschen – vielleicht kommen diese Grünen dann zu der Einsicht, daß ihre Frechheit das Gegenteil des Erstrebten bewirkte. Voran also, hinter die Buchen und Büsche!

Auch die Rache der Natur läßt nie lange auf sich warten: Die "Wissower Klinken", eine sehenswerte Kreideformation ungefähr zehn Kilometer vom Königsstuhl entfernt, stürzten Anfang März ins Meer.
 
 
 

 Pforten zum Orkus: ein Gully-Kalender

Jetzt sind die Pracht- und Prunkkalender für dieses Jahr aus dem Geschäften verschwunden, nachdem sie auch für einen Rabatt von 50 Prozent nicht an die Frauen und Männer zu bringen waren. Die besten Kalender lassen sich ohnehin nicht käuflich erwerben: Interna der einen oder anderen Art vermitteln sie.

So erfreut sich der Berichterstatter während des Jahres 2005 eines "Pforten zum Orkus" genannten Kalenders, der in die verschwiegene Welt eben dieser gewichtigen Tore eingeführt, ebenso in die noch verschwiegenere der Gullyfreunde. Schön bebildert und informationsreich ist dieser Kalender!

"Pforten zum Orkus"

Zu den verschwiegensten Gullyfreunden gehören die chinesischen. Diese machen davon aber nicht etwas Fotographien oder nehmen Abreibungen, sammeln sie auch nicht für ein internationales Gully-Museum – nein, sie tragen sie schnöde zum Schrotthändler! Allein im Jahre 2004 ließen sie allein in Peking und nächtens ungefähr 30.000 dieser gewichtigen Kostbarkeiten verschwinden: Eisenschrott ist angesichts der Rohstoffknappheit begehrt. In anderen Städten ist das nicht anders, und Strafandrohungen fruchten wenig, denn Gully-Sammler sind listig. Die chinesischen lassen sich auch dadurch nicht beeindrucken, daß Fahrradfahren und Fußgänger in die sich öffnenden Abgründe stürzen – und wenn das Auto eines dieser Neureichen darob einen Achsbruch erleidet, vergrößert das die Gullyfreude eher. Entsprechende Leserbriefe in einer hauptstädtischen Tageszeitung rühren niemanden. Ein Gullyfreund braucht für sein Hobby und sein Werk nicht über viel Lesefähigkeit zu verfügen, denn viel steht auf denen eh nicht drauf, und zu lesen ist das nächtens auch nicht. In China zumindest ist die Gullyfreude anscheinend ein durchaus unakademisches Vergnügen.

Vor ungefähr hundert Jahren führten die Deutschen die Gullydeckel nach China ein, in ihrem Pachtgebiet Tsingtau/Qingdao. Von da kam die nützliche Einrichtung der dazugehörigen unterirdischen Kanalisation in weitere Städte – und damit auch ihr chinesischer Name: Gu-li – eines der wenigen deutschen Lehnwörter im Chinesischen. In Qingdao nennt mancher diese 30-Kilo-Dinger noch heute so.

Der US-Kriegsrecke Bush bescherte unlängst den deutschen Gullyliebhabern eine neue Erfahrung, vor allem denen in Mainz: Der CIA hatte ein Versiegelungsspray entwickelt, damit kein Bush-Gegner diesem aus dem Orkus entgegenstreben könne. Dem scheinheilig-frommen Präsidenten wäre der möglicherweise als der Leibhaftige erschienen. Vielleicht macht er jetzt, in all seiner Geschäftsbedachtheit, einen US-Exportschlager wider die chinesischen Gullydeckel-Liebhaber aus diesem Spray. Seine chinesische Handelsbilanz sieht schließlich ganz mies aus.
 
 
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