Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 37
11. März 2005
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
 

 Fortsetzung des Interviews mit Helmut Steckel

» Zum 1. Teil des Interviews

Helmut Steckel et al.

? 2. Ja, die "Tibet Initiative"! – Aufgrund meiner Kenntnisse als Historiker kann ich unterstreichen, daß Tibet und die Tibeter nicht auf irgendeine legitime Weise zu einem Teil Chinas und der VR China wurden. Aber vielleicht sollte das "Geschichte" sein. Die hier beliebte Gestalt des gegenwärtigen Dalai Lama ist, scheint mir, in Tibet nicht unumstritten – zwischen china-anhänglichen Tibetern und fundamentalistischen Anhängern einer lamaistischen Mönchrepublik/herrschaft. Mit welchen Gewißheiten setzen Sie sich für das tibetische Volk ein, besser gesagt: für die Menschen in Tibet?

Helmut Steckel:
Es ist keine Frage, daß die Geschichte nicht die Zugehörigkeit Tibets zu China legitimiert, auch nicht die sogenannte Befreiung Tibets aus der Feudalherrschaft und selbstverständlich auch nicht die in den vergangenen 50 Jahren erbrachten Leistungen. In der Tibetinitiative wissen wir allerdings, daß das Rad nicht zurückgedreht werden kann. Wir sagen aber deutlich, daß die Rechtfertigungsversuche der Chinesen für die militärische Besetzung und Annexion Tibets uns keinen Respekt abnötigen. Wir sind der Meinung, daß die Chinesen den Tibetern mit Zugeständnissen entgegenkommen müssen. Die Gespräche mit der Gesandtschaft des Dalai Lama sollten zu Ergebnissen führen. Wir haben allerdings nur wenig Hoffnung, daß sich die Funktionsträger der kommunistischen Partei in China zu ändern vermögen und aufgrund eines schlechten Gewissens die Härten aus ihrer Politik herausnehmen. Die Politik gegenüber Hongkong, Taiwan und Sinkiang, dem früheren Ostturkestan, ist alles andere als vertrauenerweckend.

Ich bin mir sicher, daß in der Bevölkerung im vom China besetzten Tibet das geistliche Oberhaupt der Tibeter, der XIV. Dalai Lama, wohlgelitten ist. Die ständige Aufforderung der Chinesen an die Tibeter, sich vom Dalai Lama zu distanzieren, führte bislang keineswegs zu einer Abkehr von ihm. Peking attackiert den Dalai Lama. Seine politische und religiöse Rolle mißfällt China. So heißt es in der "China Daily" vom 10. März 1995:
"Was den Dalai betrifft, so gehört stets die tibetische Unabhängigkeit zu den Lehren, die er in seinen Predigten von sich gibt, … wobei er heftig versucht, die Massen mit seiner göttlichen Kraft zu vergiften und zu betören. … Derartige flagrante Täuschungsmanöver und demagogische Hetzreden sind nichts als eine Blasphemie des Buddhismus."
Es kann durchaus von einem Kreuzzug gegen den Dalai Lama gesprochen werden. Die bis heute anhaltende Anti-Dalai-Kampagne wurde erstmals bei einem dritten Arbeitsforum zu Tibet im Juli 1994 in Chengdu thematisiert und institutionalisiert. Der Dalai Lama ist der "Hauptbösewicht", der "öffentlich bloßgestellt und kritisiert … und dem der Deckmantel eines religiösen Führers vom Leibe gerissen werden muß". Im "Jahresbericht 2003 über die Situation der Menschenrechte in Tibet", herausgegeben vom Tibetan Centre for Human Rights and Democracy" in Dharamsala/Indien und in der deutschen Version von der Arbeitsgruppe München der IGFM und der Regionalgruppe Hamburg der "Tibet Initiative Deutschland" heißt es: "Die religiöse Unterdrückung läßt in diesem Jahr ein Muster erkennen, das auf eine Intensivierung der Anti-Dalai-Lama-Hetze hinzuweisen scheint." Tibetischen Familien wird ihr Land genommen, wenn Dalai-Lama-Porträts in ihren Häusern gefunden werden. Im Zuge der Anti-Dalai-Lama-Kampagne wurden Personen festgenommen, "weil sie Bilder des Dalai Lama aufgestellt, Videos oder Tonkassetten mit Reden von ihm besaßen oder 'Lang lebe der Dalai Lama!' gerufen oder Gebetszeremonien für ihn durchgeführt hatten." (nach: "Verhaftungen wegen des Dalai Lama", in: "Tibet – Jahresbericht 2003 über die Menschenrechte"). Weiter heißt es dort: "Im Dalai Lama sehen sie (chinesische Behörden) das Symbol und die eigentliche Verkörperung des tibetischen Buddhismus unserer Zeit. Da 95 Prozent der Bevölkerung immer noch überzeugte Buddhisten sind, liegt es auf der Hand, daß der Dalai Lama bei dem Volk überwältigende Verehrung als spirituelles Oberhaupt genießt."

Keineswegs war das alte Tibet ein ausschließlich friedliches Land. Die inneren Auseinandersetzungen vor der sogenannten Befreiung durch die Truppen Mao Tse-tungs weisen darauf hin, daß die Widersprüche in dem vom konservativen Klerus und einem reformfreudigen XIII. Dalai Lama, einem nachfolgenden Regenten und dem bis zum Einmarsch der Chinesen unmündigen XIV. Dalai Lama regierten Land groß waren. Heather Stoddard und Elke Hessel beschreiben in ihren Büchern die Lebensgeschichte des Amdo Gendün Chöpel, eines Mannes, der gleich anderen tibetischen Intellektuellen dafür kämpfte, die alte Regierung abzusetzen und eine neue "republikanische", "sozialistische" oder "kommunistische" Regierung zu bilden, die aus dem Schatten des 19. jahrhunderts herausgetreten wäre. Im gegenwärtigen Exil ist es am ehesten der "Tibetan Youth Congress", der die auf einen Ausgleich mit der VR China angelegte Politik des Dalai Lama únd der tibetischen Regierung im Exil nicht in allen Punkten unterstützen kann. Solche Tibeter können aber nicht zu den Fundamentalisten gerechnet werden, denn auch sie bekennen sich zu dem vom Dalai Lama gewiesenen Weg der Gewaltlosigkeit. Es gibt sie nicht in Tibet, da sie dort um ihr Leben fürchten müßten, und es gibt sie auch nicht im Exil. Einer ihrer früheren Präsidenten, der Tibeter Jamyang Norbu, stellt in einem neuen Buch "Buying The Dragon's Teeth" die Frage, ob sich China in eine Demokratie oder in einen faschistischen Staat verwandelt. Er kann gute Gründe anführen, daß der propagierte Nationalismus den Boden für eine rechte Diktatur in China bildet. Im Dezember 1998 erklärte Präsident Jiang Zemin, daß China nie den Pfad zur Demokratie beschreiten würde. Jegliche Herausforderung des Machtmonopols der Kommunistischen Partei wird zerschlagen.


? 3. Nennen Sie mir, bitte, einige Möglichkeiten, durch die ich mich kontinuierlich über deutsche Tibet-Engagements, aber auch über das traditionelle Tibet, das anscheinend in vielen Bereichen vergangen ist, informieren kann?

Helmut Steckel:
Auf unseren Netzseiten » www.tibet-hamburg.de sind einige Organisationen angeführt, die allesamt ein verläßliches und aktuelles Bild über die Situation in Tibet vermitteln. Die Arbeitsgruppe München der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte kann Sie auch in den Verteiler aufnehmen. Wir sind durch ein Mitglied unserer Gruppe an den Übersetzungen beteiligt.


? 4. Harry Wu und die "Arbeitslager" in der VR China sind das Thema Ihres gegenwärtigen Engagements. Die Veranstaltungen mit ihm in Hamburg habe ich in der Einführung zu diesem Interview dargestellt. – Wir Deutschen mit unserer unheimlichen Tradition solcher Lager, von Links wie rechts eingerichtet – sollten wir nicht zögern bei einem solchen Engagement gegen einen anderen Staat. Dürfen wir, andererseits, die Menschen in solchen Lagern, die wir kennen, vergessen? Vielleicht berichten Sie, als Antwort, einfach darüber, was sich über solche Lager in der VR China mit einiger Sicherheit mitteilen läßt, von Harry Wu abgesehen.

Helmut Steckel:
Im Westen und auch in der VR China ist wenig bekannt, daß es zwei Arten von Arbeitslagern in China gibt. Die einen nennen sich Laogai (nach dem chinesischen Begriff "Umformung durch Arbeit") und die anderen Laojiao (deutsch: "Umerziehung durch Arbeit"). Im Laogai sitzen von einem Gericht zu langjährigen Haftstrafen verurteilte Gefangene ein, im Laojiao verschwinden Häftlinge ohne ein richterliches Urteil und ohne einen Rechtsanwalt mit einer sogenannten Verwaltungsstrafe bis zu vier Jahre.

Der französische Politikwissenschaftler und Soziologe Jean-Luc Domenach gibt in seinem Buch "Der vergessene Archipel. Gefängnisse und Lager in der Volksrepublik China, Hamburger Edition 1995 (Titel der Originalausgabe "Chine: l'archipel oublie", 1992) folgende Kennzeichnung der chinesischen Arbeitslager:
"Wie sein sowjetisches Gegenstück ist der chinesische Gulag ein immenser und ungleichförmiger politischer Raum, dicht bevölkert, in die Wirtschaft eingebunden, im Sozialgefüge verankert und dabei straff organisiert. Er gemahnt an eine isolierte Inselwelt, die den Winden und Strömungen der totalitären Politik schutzlos preisgegeben ist. Aus diesem Grunde haben wir zu seiner Charakterisierung das von Solschenizyn geprägte Wort Archipel gewählt."
Harry Wu, der chinesische Dissident und Menschenrechtler, der 19 Jahre in chinesischen Straflagern zubringen mußte, wählt das chinesische Wort laogai, das er dem früheren sowjetischen Gulag gleichsetzt. In seinen beiden auf Deutsch erschienenen Büchern "Wer schweigt, macht sich schuldig" und "Nur der Wind ist frei. Meine Jahre in Chinas Gulag" beschreibt er sehr eindringlich das chinesische Laogai-System, das als ein umfassendes System von Arbeitslagern zur Inhaftierung krimineller Personen wie auch politisch Andersdenkender dient. Es kann als gesichert gelten, daß es über tausend Laogai-Lager in China gibt, in denen sich vier bis sechs Millionen Zwangsarbeiter befinden. Die Laogai Research Foundation in Washington und Virginia, deren Direktor Harry Wu ist, stellte fest, daß seit Einrichtung durch Mao Tse-tung etwa 40 bis 50 Millionen Menschen inhaftiert waren. Massive Menschenrechtsverletzungen kennzeichnen das Laogai-System. Politisch Andersdenkende werden in ganz China verfolgt, inhaftiert und ohne faire Gerichtsverfahren oder rechtlichen Beistand, die internationalen Standards genügen, verurteilt. Trotz des Folterverbots, zu dem sich auch China international verpflichtet hat, ist diese Praxis bei der Erpressung von Geständnissen weit verbreitet. Gefangene werden zu 16 bis 18 Stunden Arbeit täglich gezwungen, ohne jeglichen Schutz bei gefährlichen Arbeiten und ohne jegliche Entlohnung. In Europa ist wenig bekannt, da0ß das Laogai-System mittlerweile zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden ist. Zahlreiche Waren, die aus chinesischen Zwangsarbeitslagern stammen, werden ins Ausland verkauft. Neben Kinderspielzeug, Feuerwerkskörpern, Textilien, tibetischen Teppichen oder Sportartikeln sind es auch Zwangsarbeiterprodukte, die von ausländischen Firmen in Auftrag gegeben worden sind. Dabei wird es zunehmend schwieriger, die Herkunft der Laogai-Produkte zu erfahren, da 1. die Produktionsmethoden und Produktionsstätten zum Staatsgeheimnis erklärt und 2. die Orte der Herstellung der Produkte systematisch verschleiert werden. Eine Vielzahl von Zwischenhändlern ist mittlerweile an dem Verdienst beteiligt und erschwert damit die Unterscheidung von "sauberen" Waren und Produkten aus Zwangsarbeitslagern. Harry Wu: ""Wegen der komplexen internationalen Marktstrukturen und des zirkulierenden Systems von Subunternehmen ist es sehr schwer zu erkennen, ob es sich um ein Produkt aus Zwangsarbeit handelt. So könnte ein Marktunternehmen mit einem legitimen chinesischen Textilbetrieb zusammenarbeiten, der seinerseits Unteraufträge an Arbeitslager vergibt."

Im einzelnen sind folgende Tatbestände nachweisbar:

1. Rohmaterial wird von chinesischen und ausländischen Fremdfirmen an die Arbeitslager geliefert. Bestraft werden die Zwangsarbeiter, wenn die vorgegebenen Quoten nicht erreicht werden.

2. Die Arbeit in den Zwangsarbeitslagern muß ohne Entlohnung geleistet werden. Einige reguläre Arbeiter werden bezahlt, um den Schein eines rechtmäßigen Betriebsverhältnisses zu wahren.

3. Es ist absolut unmöglich, die Zwangsarbeitslager zu betreten. Untersuchungsgruppen, die die Realität eines Lagers kennenlernen wollen, werden von der chinesischen Regierung auf eine infame Weise getäuscht. Gutachter treffen mit Gefangenen zusammen, die an dem Besuchstag ein gutes Essen erhalten und positive Berichte abgeben. Über die wahre Realität von Zwangsarbeitslagern können nur entlassene Gefangene berichten.

4. Gefangene, die in den Arbeitslagern inhaftiert sind, werden grausam gefoltert. Es gibt genug Tatsachenberichte über solche Praktiken. Der tibetische Gefangene Palden Gyatso, der über drei Jahrzehnte Zwangsarbeit in Straflagern leisten mußte, konnte Folterwerkzeuge bei seiner Entlassung herausschmuggeln und damit der Weltöffentlichkeit die Unmenschlichkeit des chinesischen Lagersystems vor Augen führen. Die physische und mentale Verfolgung ist unbeschreiblich.

5. Es gilt als sicher, daß die chinesische Wirtschaftspolitik den Profit durch die Zwangsarbeiter in ihre Jahrespläne mit einkalkuliert. Die in China unterdrückten Tibeter und Uiguren, chinesische Christen, Falungong-Praktizierende, Demokraten und Gewerkschaftler gehören zu dem gefährdeten Personenkreis, der sehr leicht mit einer Inhaftierung ohne rechtsstaatlichen Prozeß rechnen muß.

6. Zwangsarbeitslager sind Sklavenmärkte. Das Öffentliche Sicherheitsbüro erhält für in Laogai-Lager eingelieferte gefangene eine Provision von 1500 Yuan. D.h. das Laogai-Lager zahlt diesen Preis für die künftige Sklavenarbeit des Gefangenen. Benötigte Quoten werden von den Sicherheitsbüros den Polizeistationen durchgegeben, damit diese wiederum für den "Nachschub" sorgen. Auch gesetzestreue Bürger werden durch Folter zu Verbrechern erklärt und damit an die Zwangsarbeitslager "verkauft".

7. Es ist in der tat unerträglich, daß Produkte aus den Zwangsarbeitslagern über den Hamburger Hafen an die deutschen und europäischen Konsumenten kommen. Folgende Waren werden angeliefert:
Armbanduhren
Lederschuhe
Lichterketten für Weihnachten
Bücher (oft raubkopien)
Mahjong-Spielautomaten
Einweg-Eßstäbchen
Modeschmuck
elektrische Geräte
Plakate
Feuerwerkskörper
Serviettenringe
Feuerzeuge
Spielwaren
Flachpolster für Autositze
Sportartikel, z. B. Fußbälle
Fotoalben
Perücken aller Art, auch Toupets
Fußmatten für Autos
Geröstete Samenkörner und Nüsse
Taschen
Gewebte Teppiche
Telefongehäuse
Glühbirnen
Verpackungen für Schwämme für das Makeup der Frauen
Handgestrickte Schals
Verpackungen für Seife
Hochzeitskleider, handgemacht
Wachskerzen
Wohntextilien wie Tagesdecken, Tischdecken, Vorhänge, Kissenbezüge
Pullover, Baumwollhosen, Unterwäsche
Kunstblumen
Zahnstocher für Restaurants
Kuscheltiere
Laternen

Diese Produkte, die nur einen kleinen Teil darstellen, konnten von ehemals inhaftierten Zeugen dokumentiert werden. Für die Auflistung der Waren ist die IGFM (» www.igfm.de) verantwortlich. Harry Wu ist ihr Ehrenmitglied.

Es ist erwiesen, daß es sich bei den im Arbeitslager hergestellten Produkten schon lange nicht mehr nur um Kinderspielzeug, Feuerwerkskörper, Textilien, tibetische Teppiche oder Sportartikel handelt.

Es bleibt nachzutragen, daß Harry Wu den Beweis liefert, daß in den Arbeitslagern auch Gefangene getötet werden, um billig und ohne Schwierigkeiten deren Organe für den nationalen und internationalen Handel zu erhalten.


? 5. Unerträglich erscheint mir die Vorstellung, daß Produkte aus solchen Arbeitslagern im Hamburger Hafen gelandet werden. Andererseits: Sie sind, wie ich, ein Freund Chinas, wenngleich nicht seiner gegenwärtig institutionalisierten politischen Strukturen, doch China verfügt über eine lange Tradition solcher Lager. Auf welche Weise sollten wir, in Hamburg und im "Westen", dem entgegentreten?

Helmut Steckel:
Es gibt immer wieder Organisationen und einzelne Personen, die zu einem Boykott chinesischer Waren aufrufen. Befürworter eines Boykotts argumentieren, daß die Idee vom "Wandel durch Handel" bislang keine Veränderungen in der chinesischen Politik erbracht hat. Es ist keineswegs so, daß intensive Wirtschaftsbeziehungen die politische Lage und insbesondere die Situation der Menschenrechte in China verbesserten. Tibet ist noch immer ein besetztes Land, Sinkiang wird unterdrückt, Falungong-Anhänger, Gewerkschaftler, Demokraten und andere kritische Personengruppen werden ins Arbeitslager gebracht. Harry Wu ist ein engagierter Befürworter eines Boykotts chinesischer Waren. Der Schriftsteller Yamjang Norbu von den Tibet-Unterstützern schreibt: "Der Wirtschaftsboykott ist in unserem Fall die beste Waffe, denn das Einzige, was die Verantwortlichen Chinas interessiert, ist Geld." Ob der Boykott Gandhis gegen britische Waren in Indien und der gegen den Apartheid-Staat Südafrika als Vorbild dienen kann, sei dahingestellt. Der Dalai Lama meint, daß ein Boykott "eine negative Haltung gegenüber den Chinesen" bedeute. Ein Boykott Chinas führe zu einer Isolierung und nicht zu einer Einbindung. Es sollte dem Einzelnen überlassen bleiben, in welcher Weise er den Kauf chinesischer Waren vermeide. Da Waren in Europa nicht mit dem Namen des Ursprungslandes gekennzeichnet werden müssen, ist nicht immer nachvollziehbar, woher das Produkt stammt, zumal Zwischenhändler für die Endverpackung Sorge tragen. Bislang ist in Europa ins Leere gelaufen und in den Vereinigten Staaten auch nur punktuell erfolgreich gewesen. Die Nationalrätin Pia Hollenstein (Grüne, St. Gallen in der Schweiz) meinte in einem Interview, daß die chinesische Wirtschaft zu groß sei, um sie mit einem Boykott von in Arbeitslagern hergestellten Produkten zu schädigen. Der Boykott würde überdies auch von einem Teil der chinesischen Bevölkerung nicht wahrgenommen. Es wäre allerdings nichts dagegen zu sagen, wenn der Einzelne chinesische Produkte meide. Insgesamt könnte aber der Hebel bei den westlichen Firmen angesetzt werden, die entweder Waren aus China beziehen oder sie dort herstellen lassen. Es müßten ethische Grundlinien für das Verhalten von Firmen geben.

Das wäre dann eine erfolgversprechende Alternative zu einem Boykott. Denkanstöße könnten im Rahmen einer Kampagne gegeben werden, indem Unternehmen direkt angesprochen werden. Ein Dialog mit ihnen würde Manager mit der Situation der Menschenrechte in China und Tibet bekanntmachen und sie zum Handeln veranlassen.


? 6. Und wie stellen Sie sich eine Zukunft Tibets vor – und Schritte in diese. Ich fühle mich in dieser Problematik einigermaßen ratlos.

Helmut Steckel:
Vielleicht sollte eine Vision entworfen werden, die auch als Hinweis für ein Überleben der tibetischen Kultur dienen kann. Die bittere augenblickliche Realität kann allerdings nur überwunden werden, indem beharrlich nach der Wahrheit gesucht wird. Selbstkritisch ist in China die historische Begründung einer Zugehörigkeit Tibets zu China auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Selbstkritisch sind die verschiedenen Weißbücher und Propagandablätter zu untersuchen. Geradezu abstoßend ist das jahrzehntelange wahrheitswidrige Propagandagetöse der kommunistischen Partei. China kann nur dann ein in der Welt geachteter Partner sein, wenn es moralischen Appellen Gehör schenkt und aus dem kommunistischen System völlig heraustritt. Es ist sicher, daß die allseits geforderte Selbstbestimmung Tibets – der Dalai Lama und seine von den Tibetern im Exil gewählte Regierung wünschen sich eine echte Autonomie innerhalb des chinesischen Staatsverbandes – nur in einem China realisiert werden kann, das von der Doktrin der Einparteienherrschaft Abstand nimmt und sich einem demokratischen System öffnet. Taiwan ist das beste Beispiel, daß es gelingen kann. Die Schritte in eine bessere Zukunft Tibets müßten durch einen ernsthaften Dialog der chinesischen Regierung mit den Gesandten des Dalai Lama erfolgen. Es kann nicht angehen, daß die Kampagnen gegen die "Clique des Dalai Lama" und die Unterdrückung der Tibeter auch nach Gesprächen ungebremst fortgesetzt werden. Ob die gegenwärtigen Führer der chinesischen Regierung allerdings in der Lage sind, moralischen Appellen aus dem Westen Gehör zu schenken, kann bezweifelt werden. Die ablehnenden Aussagen zur Demokratie lassen eher erkennen, daß China immer wieder Regressionen aufweist, die nicht aus der erstickenden politischen Atmosphäre herausführen. Die chinesische Menschenrechtsdiplomatie beweist ebenso deutlich – Unterzeichnung von vielen internationalen UN-Konventionen, verbunden mit immer schärferen Sanktionen und Repressionen – die Strategie einer Täuschung der Weltöffentlichkeit. Die brutale Realität der Menschenrechtslage in Tibet und China wird bewußt verschleiert.

Wie könnten die Schritte im Westen aussehen? Es könnte ein ganzes Bündel von Forderungen und Maßnahmen geben, die den Chinesen deutlich machen, daß die westlichen Länder sich mit der augenblicklichen Situation in Tibet nicht abfinden, unnachgiebig die Menschenrechte einfordern und sich auch durch wirtschaftliche Kontakte nicht korrumpieren lassen: 1. Waffenembargo aufrechterhalten, damit China vorerst nicht in die Lage versetzt werden kann, Taiwan anzugreifen und das Militär in Tibet und Sinkiang aufzurüsten; 2. Forderung nach Umsetzung von verabschiedeten UN-Konventionen; 3. Institutionalisierung eines mit weitreichenden Vollmachten ausgestatteten Beauftragten der Europäischen Union für Tibet und Sinkiang/Ostturkstan; 4. Auflösung der Arbeitslager; 5. Gewährung von bürgerlichen und politischen Rechten; 6. Gewährung von wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechten; 7. keine massenhafte Besiedlung tibetischen Landes durch Chinesen nach dem Bau der Eisenbahntrasse von Golmud nach Lhasa, d.h. keinen illegalen und völkerrechtswidrigen Bevölkerungstransfer; 8. Umweltschutzgesetzen Geltung verschaffen; 9. keine Entwicklung als Instrument zur politischen Kontrolle; 10. keine Infrastruktur zum ausschließlichen Nutzen Chinas.

Ich bin sicher, daß China mit seiner großartigen kulturellen Vergangenheit, die es allerdings auch barbarisch in der kommunistischen Ära behandelte und beschädigte, wieder ein humaner Staat werden wird. Die Verletzungen, die sich China zufügte, sind sehr groß. Es wird auch die Hilfe der Tibeter benötigen, um sich zu reinigen und ein geachtetes Mitglied der Völkerfamilie zu werden.
 
 
 

 Zum schlechten Schluß

veröffentlichte Theodor Sommer, sogenannter "Editor-at-Large" der ZEIT, in dieser am 3. März einen Betrag unter dem Titel "Der geile Vorsitzende". Dieser beschloß eine 14teilige Porträtserie über die "kaum bekannten Seiten historischer Gestalten". Von Alexander dem Großen über Caligula und Madame Pompadour bis eben zu Mao widmete sich die ZEIT vor allem den BILD-Aspekten von deren Leben und Werk.

241 Zeilen lang verbreitet sich Sommer über Mao, ab Zeile 119 geht es vor allem um dessen erotisches Leben und ein paar unappetitliche Alltagsgewohnheiten. Diese sind seit ungefähr zehn Jahren, andeutungsweise auch schon länger, bekannt, doch die Quellen für derlei Kolportage sind nicht die besten. Ein wenig Quellenkritik hätte sich Sommer schon erlauben sollen, und auch wenn er von Zeile 1 bis 118 Mao als "Staatsmann" darstellt, mit ein paar biographischen Rückblicken, hätte man ihm bessere Quellen als die eigene Erinnerung und die Biographie von Ross Terrill gewünscht. Er bibliographiert, nebenbei bemerkt, dessen Mao-Biographie für das Jahr 1999, doch auch die ist ein "alter Hut": erstmals 1980 erschienen, 1981 in deutscher Übersetzung in Hamburg. Die gewohnten Schlampereien bei solchen journalistischen "Erkenntnissen" voller Anmaßung kommen hinzu, zum Beispiel: Kaiser Tschin Shi Huang Di.

Am Ende ist sich Sommer nach seinen "wohlabgewogenen" – die erste Hälfte ungefährer politischer Abriß, die zweite Hälfte über Sex – Ausführungen gleichwohl sicher: "Sein bleibendes Verdienst ist indessen unumstritten bei allen Fehlern, Irrtümern, Schwächen und Grausamkeiten: Chinas Aufbruch in die Neuzeit ist sein Werk." Eben das ist es nicht, und Theo Sommer entpuppt sich unversehens als Anhänger jener volkstümlichen Devise "Wo gehobelt wird, da fallen Späne." Zuvor hatte er von "zig Millionen" Toten geschrieben, die auf Maos Konto gehen, aber das scherte ihn bei diesem Schlußsatz nicht mehr, und von den Seltsamkeiten der "Mao-Kulte" der jüngeren Zeit hat er offenbar keine Ahnung.

Ausstellung "Auf den Spuren der Kulturrevolution" (Foto Hannelore Blöcker)

Was würde Theo Sommer wohl meinen, wenn in – sagen wir einmal: dreißig Jahren – über einen gewissen ZEIT-Herausgeber und bedeutenden deutschen Politiker ein ZEIT-Artikel erschiene, der in seiner zweiten Hälfte vor allem kolportierte, daß der, hochbetagt und fast taub, mit seiner Eheliebsten nach der Blumenpflege schon einmal kindlich-fröhliche Wechselgesänge anstimme. Das, immerhin, hat diese glaubwürdig bezeugt, aber dann erzählte ein Bonner Insider auch beiläufig noch ganze andere Dinge, nämlich von Geliebten in der Größenordnung von mindestens der Klasse eines Mädchengymnasiums. Das mag man glauben oder nicht. Es tut nichts zur Sache, wenn es nicht zu einem Psychogramm führt. Theo Sommer, den ZEIT-Leser immer wieder zu schätzen wußten, hätte diesen einen solchen Mist-Artikel besser erspart – doch jetzt droht dessen Buchfassung im Rowohlt-Verlag!

Ansonsten: Die ZEIT nennt gegenwärtige Politiker oft einen "Staatsmann". Von einer "Staatsfrau" war noch nicht zu lesen, und zwischen einem "Staatsmann", recht verstanden, und einem Politiker liegen nach allgemeinem Wortverständnis Welten. Der "Staatsmann" Mao Tse-tung habe zwei Seelen in seiner Brust vereinigt, meint Theo Sommer. Wahrscheinlich waren das noch ein paar "Seelen" mehr, doch ein "Staatsmann" war Mao nie, nur immer ein Egomane, wie eben die meisten Politiker. – Die Abbildung (Foto Hannelore Blöcker) bietet einen Blick auf eine Vitrine der Ausstellung "Auf den Spuren der Kulturrevolution" im Asien-Afrika-Institut.
 
 
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