Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 37
11. März 2005
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Erfreuliches und Unerfreuliches

Alljährlich treffen sich die die Professorinnen und Professoren für Sinologie aus dem deutschsprachigen Raum einmal, Anfang Februar. Das Treffen ist informell, doch es findet bereits seit 1990 statt. Eine gewisse Notwendigkeit wird man ihm also nicht absprechen können. Für den 12. Februar hatte in diesem Jahr Professor Dr. Florian Reiter von der Humboldt-Universität in Berlin in deren Hauptgebäude eingeladen.

Ungefähr 15 Kolleginnen und Kollegen waren angereist, und gleich hinter dem Hauptportal begrüßte sie eine mächtige Büste von Karl Marx, dem Stammvater der DDR, mit einem gewohnt kräftigen Spruch über die Notwendigkeiten von Weltveränderungen. An mancherlei andere Vertrautheiten aus der seligen DDR fühlte sich der Berichterstatter an diesem Tag erinnert.

Diese Treffen dienen dem persönlichen Gespräch, aber auch Beratungen über gemeinsam interessierende Angelegenheiten. Eine solche stand am Anfang, eine durchaus erfreuliche: Die Staatsbibliothek zu Berlin hat seit ungefähr zwei Jahren eine nationale Zugangsberechtigung für eine Volltext-Datenbank mit 2.100 Zeitschriften aus der VR China, die sich den Geistes- und Sozialwissenschaften widmen, erworben. Diese war bisher recht ansprechend genutzt worden, und die Finanzierung der Verlängerung stand an. Dr. Kaun von der Staatsbibliothek skizzierte hierfür ein Modell, das auch künftig den allesamt mittelarmen China-Seminaren den Zugriff ermöglichen soll. Da dafür alljährlich Kosten von mehr als 60.000 Euro anfallen, könnten sie allein das nicht finanzieren, doch sie müssen zur Finanzierung beitragen.

Nach einer Stunde waren die notwendigen vorbereitenden Absprachen getroffen – und alle Anwesenden werden innerlich Dr. Kaun noch dankbarer für sein Engagement gewesen sein, als sie das ausdrückten. Welche Fülle von Daten und Erträgen der Forschung wird auf diese Weise bequem nutzbar! Wenn überhaupt, war das bisher nur unter beträchtlichen Mühen notwendig. – Ein vergleichbares unternehmerisches Engagement für Volltext-Datenbanken über deutsche wissenschaftliche Zeitschriften gibt es anscheinend nicht. China ist uns wieder einmal voraus!

Beinahe gerührt denkt der Berichterstatter an die deutschen Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler, die sich verstärkt Chinathemen zuwenden und die sogar eine Art "Deutungshoheit" dafür anstreben. Da will, beispielsweise, eine Pädagogin über ein Hongkong-Thema forschen und hat schon herausgefunden, daß dort, neben Englisch, auch Kantonesisch gesprochen wird. Dieses will sie schnell lernen, immerhin lobenswert. Die chinesische Literatur zu ihrem Thema wird sie nie lesen können – und das bedeutet nach den Standards der Wissenschaft, daß ihre "Forschungsarbeit" schon vor deren Beginn bedenklich ist, wenn nicht überflüssig.

Solche Unerfreulichkeit bildet dann schon den Übergang zu einer gravierenden – den grauenvollen BA/MA-Studiengängen, die von Gesetz wegen einzurichten sind. In einer langen Gesprächsrunde berichteten die anwesenden Sinologen, was der "Stand der Dinge" bei ihnen sei. Einige hatten sie bereits eingeführt und zeigten sich wenig erfreut. Dieses Mißvergnügen galt auch den vorgeschriebenen Akkreditierungsagenturen, denen es an Sach- und Fachkenntnis fehlte und denen es daher vor allem auf Formalia ankam. Nur an einem Sinologischen Seminar ist man mit dem schon vor längerem eingeführten BA-Studiengang zufrieden, doch dieser entspricht vielleicht nicht den neuen Notwendigkeiten.

"Modulbeschreibung für die Studienordnung BA" Was da auf Lehrende und Studierende zukommt, läßt eine "Modulbeschreibung für die Studienordnung BA" ahnen, die ein Kollege vorzeigte: 16 Seiten, davon hier zwei abgebildet – und das ist ja nur ein Teil der erforderlichen hilfreichen Handreichungen für die neuen Studiengänge! Eine unbeschreibliche Regelungswut tobt sich bei derlei aus, wo die Öffentlichkeit doch nach Deregulierungen auf allen Gebieten verlangt. Bei diesen neuen Studiengängen und den damit verbundenen Verhaltensweisen auf allen Ebenen grüßt die DDR nicht nur aus der Ferne, sondern ist ganz nah. Der kontrolliert paukende Schüler und der einpaukende Lehrer sind gefragt, 40 Stunden die Woche! Auf Wissenschaft, auch nur Bildung und Denken kommt es dabei nicht an, der unmündig funktionierende Bürger wird angestrebt, durch Schwarze und Grüne und Rote, und die Gelben von der FDP haben dazu anscheinend nichts zu sagen.

Für das Fach Sinologie, das wohl nur noch selten so heißen, sondern in einer diffusen China- oder Asienwissenschaft aufgehen wird, mögen verantwortungsvolle akademische Lehrer trotzdem die unerläßlichen Studieninhalte, nicht nur den Erwerb von Fertigkeiten, und Annäherungen an eine großartige fremde Kultur zu gewährleisten versuchen. Für die Studierenden wirkt gravierend: Von Universität zu Universität werden sich diese Studiengänge so stark unterscheiden, daß ein Wechsel des Studienortes größten Schwierigkeiten begegnen dürfte. Die "Durchlässigkeit" der Studien, zu denen auch solche Wechsel zählen, sollten nach dem Willen des Gesetzgebers gefördert werden. Das genaue Gegenteil ist der Fall, auch wegen der fachlichen Inkompetenz der Akkreditierungsagenturen.

Die ChinA wird nicht vermeiden können, solche neuen Studiengänge zu konzipieren. Weit vorausschauend hatte sie schon vor fünf, sechs Jahren einen BA-Studiengang entworfen, der aber in der universitären Bürokratie versickerte. Jetzt sollte sie sich damit solange wie möglich Zeit lassen: Auch ein Tohuwabohu trägt zu Klärungen bei! Bei allen erforderlichen Neuerungen sollte ferner ein Grundgedanke beherrschend sein: Rahmenbedingungen skizzieren, nicht Regelungen festlegen. Trotz aller Annäherungen an die DDR ist die Bundesrepublik Deutschland noch weitgehend eine freiheitliche Demokratie, und dazu gehören auch die akademische Freiheit und die Freiheit der Studiengestaltung, für die Studierenden und Lehrenden.
 
 
 

 Der Anfänger-Jahrgang 2003 II

Wer hätte gedacht, daß einer unter all diesen gegenwartsorientierten Studierenden eine Einführung in das Klassische Chinesisch durch ein "Klassisch ist schön!" kommentieren würde. Er hatte sich in einer Sitzung dieser Lehrveranstaltung einige Augenblicke mentaler Abwesenheit gegönnt, das Teilnehmerverzeichnis farbig dekoriert und diese Bemerkung angebracht (siehe die Abb.). Leider fehlte eine Begründung dieser Feststellung.

Klassik ist schön Desungeachtet, diese "Klassisch"- Einführung verlief erfolgreich. Sie bestand zunächst aus 43 Teilnehmern, darunter anscheinend alle Sinologiestudenten des 3. Semesters, dessen Geschicke hier kontinuierlich verfolgt werden sollen (» HCN 35 "Ein Anfängerkurs").

Im Laufe des Semesters gab eine Studentin das Studium der Sinologie auf, weil sie sich trotz ansprechender Leistungen den Belastungen nicht gewachsen fühlte. Sie meldete sich erfreulicherweise bei den jeweiligen Dozenten ab. Ein weiteres Drittsemester gab stillschweigend den "Klassisch-Kurs" auf, nicht aber die Sinologie. Zwei Teilnehmerinnen, beide "Quereinsteiger", nahmen nicht an der Abschlußklausur teil – aus nachvollziehbaren Gründen. Diese Abschlußklausur verlangte vor allem die Übersetzung eines unbekannten anekdotischen Textes, dazu die Neuübersetzung eines im Unterricht behandelten Textes; beide Übersetzungen waren mit Fragen zur Grammatik des Klassischen Chinesisch verbunden.

39 Klausuren waren also zu betrachten, bei denen eine Höchstzahl von 100 Punkten erreichbar war. Ab 65 Punkten sollte die Klausur als bestanden gewertet werden. Die erreichten Punktzahlen bewegten sich zwischen 36 und 98. Allein 19 Ergebnisse lagen im dem guten und sehr guten Bereich von mehr als 81 Punkten, mehrere andere nahe daran. Hierbei ist zu berücksichtigen, daß sich bei solchen Punktvergaben für Übersetzungen eine gewisse Willkür nicht ganz vermeiden läßt, wenn es um zwei, drei Punkte geht. In den meisten Fällen entsprach der Stand der einzelnen Studierenden in der Abschlußklausur dem Stand bei einer Testklausur vor den Weihnachtsferien, doch in Einzelfällen lassen sich – positiv wie negativ – gravierende Abweichungen feststellen. Nur zwei Teilnehmer haben die Abschlußklausur für dieses Semester nicht verstanden. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand: schwerwiegende familiäre Probleme, eine Neuorientierung der Studieninteressen und damit ein Wechsel des Studienfaches.

Die meisten Teilnehmer an diesem "Klassisch"-Kurs hatten auch "Hochchinesisch II" bei dem Lektor Ni Shaofeng belegt. Auch die Ergebnisse dieses zeitaufwendigen Sprachkurs liegen inzwischen vor. Der Vergleich zwischen den Ergebnissen beider LV überrascht ein wenig: Manche haben in beiden LV exakt die gleiche Punktzahl erreicht, die meisten haben in beiden vergleichbare Ergebnisse erzielt: Nur in Einzelfällen unterscheiden sich die Ergebnisse erheblich. Hierfür mag allerdings auch die "Tagesform" bei einer Klausur verantwortlich sein, die gerade bei solch jungen Menschen nicht zu wenig berücksichtigt werden sollte, wenn Zahlen zu betrachten sind.

Ein großes Engagement hat diese Studierenden ausgezeichnet. Dieses zeigte sich auch darin, daß sie – von entschuldigten Ausnahmen abgesehen – die Unterrichtsstunden mit großer Disziplin besuchten. Besonders erfreulich war in dem "Klassisch"-Kurs die Bewältigung einer Aufgabe für die Weihnachtsferien: Ein selbstgewählter Text aus der chinesischen literarischen Tradition sollte auf einigen Seiten vorgestellt werden. Die Bandbreite der Interessen, die "Pfiffigkeit" bei der Auswahl dieser Texte und oft die Sorgfalt bei der entsprechenden Ausarbeitung beeindruckten. – Jeder, der ein Studium der Sinologie kennt, wird den Stoßseufzer eines Studenten am Anfang der Semesterferien verstehen, als er – nach seinem Ferienplänen befragt – meinte: "Zunächst endlich einmal ausschlafen!"

Ein Grundstudium der Sinologie besteht nicht nur aus dem Sprachunterricht in den beiden Hauptformen des Chinesischen. Die Vermittlung von Sachkenntnissen und die Einübung in das wissenschaftliche Arbeiten kommen hinzu – und dann gibt es auch noch die Nebenfächer bzw. ein zweites Hauptfach. Die Daten hierüber sind nur schwer zu erfassen, doch vielleicht läßt sich eine geeignete Form der Erhebung finden. Darüber wird eine nächste Notiz berichten.
 
 
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