Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 37
11. März 2005
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Schönes Neujahr I: Kunstausstellung im "Deutschen Ring"

Alles war schön an diesem Abend des 17. Februar! 200 bis 300 Gäste waren zu dem Versicherer "Deutscher Ring", Ludwig-Erhard-Straße 22, gekommen. Der Berichterstatter konnte, chinesisch-neujährlich, die Hände von einigen guten alten Bekannten schütteln. Ein paar junge Chinesinnen bewegten in einem Fächertanz anmutig die Glieder und guckten liebenswürdig drein. Der "Ring"-Vorstandsvorsitzende sagte über China, was man in Hamburg so über China zu sagen pflegt. Auch der Repräsentant des chinesischen Generalkonsulats sagte, was zu seinem Amt gehörte. Als "Grüße aus dem 'Reich der Mitte'" war das angekündigt, und auch sonst war öfter von diesem "Reich/Land der Mitte" zu vernehmen. Eine "feinsinnige" musikalische Interpretation sollte folgen, dann eine Rede des gewiß hochzuschätzenden Kollegen Gerhard Armanski über "China zwischen Tradition und Moderne", ein reichhaltiger China-Imbiß sich anschließen: schon zur Besichtigung freigegeben. Da war der Berichterstatter allerdings längst gegangen, nachdem er erfreut noch die junge Kollegin Sch. Z. begrüßen konnte. Schön warm war es überdies, denn die Außentemperaturen lagen um Null.

Deutscher Ring Hamburg: ChinaKunst & Zeitenwandel

Ach ja, worum es ging? Der "Deutsche Ring" eröffnete eine Kunstausstellung, die sich noch bis zum 24. Juni besichtigen läßt, von 10 bis 18 Uhr, Montag bis Freitag. "ChinaKunst & Zeitenwandel" ist der Titel der Ausstellung. Aus Werken von Zhang Yun Sheng (*1931) und Zhou Fei (*1971), beide aus Hangzhou, da Vater und Tochter, besteht sie. Der Vater pinselt in Tusche Landschaften und Sinnbilder zu den vier Jahreszeiten und schreibt auf "gestaltete Würfel" altchinesische Gedichte in etwas verwirrender Anordnung der Verse: "Erstmals und damit als Novum schlechthin, wird in Hamburg eine China-Architektur inszeniert, die aus gestalteten Würfeln mit kalligraphischen Botschaften zusammengesetzt ist", schreibt der Ausstellungsprospekt. Zhou Fei widmete sich einer Fotoserie mit dem Titel "Wintersleep" und einer Art Videoinstallation: "Lily Dance". Seit 1996 lebt sie in Deutschland und kennt also die Wichtigkeit englischer Titelgebungen. Der Kunstverein Gifhorn hat sie ausgezeichnet, auch das "Mönchehaus (!)-Museum für moderne Kunst in Goslar.

Hach! Was ließ sich da nachsinnen über "China zwischen Tradition und Moderne", gar über einen familiären Vater-Tochter-Konflikt! Indes, Chinakenner Dr. Thomas Kiefer riß den Berichterstatter aus seinen wohligen Betrachtungen: Vergleichbare "Würfel-Architekturen", "Novum schlechthin", zierten häufig die Abteilungen chinesischer Kaufhäuser. Ein anderer Kenner lästerte, solche Tuschmalereien habe er schon vor dreißig Jahren im "Freundschaftsladen" in Peking für ein paar Mark angeboten gesehen. So viel Schnödheit riß auch den Berichterstatter aus frühabendlichen poetischen Gestimmtheiten, und er sah, daß kaum ein Besucher die Tuschebilder der ausgelegten Preisliste zuordnen konnte, da sie nicht näher bezeichnet waren. Der Ausstellungsprospekt enthielt einige Fehler – und vielleicht hätte manch einer der Betrachterinnen und Betrachter gerne erfahren, was die Verse auf den "Würfeln" besagten. Deren Bedeutung hätte sie gewiß bezaubert.

Unter dem Rahmentitel "Dialog der Kulturen" präsentiert der "Deutsche Ring" "internationale Kunst verschiedener Kulturen". Das ist begrüßenswert, und der Berichterstatter wird sich auch die nächsten Ausstellungen ansehen. Für einen "Dialog" mit den deutschen Betrachtern dieser Ausstellung, in den nächsten Monaten, wurde hier jedoch zu wenig getan und wahrscheinlich insgesamt nicht genau genug geplant. Derlei Unbedachtheiten sind von vergleichbaren Unternehmungen bekannt, doch sie schmerzen immer wieder. Zwei Ärgernisse kommen hinzu: Die Tuschebilder sollen jetzt mindesten 1500 Euro kosten, und der "Ring"-Chef nannte Zhou Fei hartnäckig Frau Fei, wo er doch Frau Zhou hätte sagen sollen, denn Fei,"fliegen/im Flug" ist ihr persönlicher Name, der einem deutschen Vornamen entspricht. Das HA berichtete am 19./20. Februar über diese Ausstellung und bezeichnete Frau Zhou Fei wiederholt als Zou Fei.

So ganz weit ist es mit dem "Dialog der Kulturen" noch nicht her, und auch die Hamburger China-Kompetenzen beschränken sich anscheinend auf kleine Kreise. Und dann – als der Berichterstatter an seinen Schreibtisch zurückkehrte, nahm er verwundert wahr, daß die Uhr am Rathaustürmchen stehengeblieben war. Hoffentlich ist das kein schlechtes Omen. Ansonsten: Er freut sich über diese Ausstellung des "Ring" , wird noch einmal gemächlich durch sie schlendern – nach Möglichkeit an einem sonnigen Frühlingstag, um diese großzügige und lichte Ausstellungsgalerie in einem der Rendite verpflichteten Unternehmen genau zu genießen. Vielleicht erscheint ihm dann auch die Bildfolge "Lily Dance", "tanzende" Lotosblüten darstellend, in einem ganz anderen Licht als an diesem Abend. Diese Blüten mag er schließlich, all ihrer "Bedeutungen" eingedenk.
 
 
 

 Schönes Neujahr II: Allerlei Üblichkeiten

Der "Deutsche Ring" hatte seine Vernissage mit Werken von Zhang Yunsheng (so korrekt!) und Zhou Fei ausdrücklich als eine solche zum chinesischen Neujahrs- bzw. Frühlingsfest angekündigt. Obwohl dieses an dem ersten Märzwochenende, an welchem diese Notizen geschrieben werden, bereits etwas zurückliegt, sollen diesem und einige China-Ereignisse zu Beginn dieses Jahres in Hamburg noch einige Rück- und Hinblicke gelten.

Obwohl die FAZ sich urplötzlich emanzipatorisch gab und das Jahr durch seine Chinakorrespondentin flugs zum Jahr des Huhns" erklärte, hielt Hamburg konservativ am traditionellen "Jahr des Hahns" fest, das gemeinhin als glückverheißend angesehen wird. Ein "Grosses chinesisches Neujahrskonzert" in der Laesz/Musikhalle am 9. Februar geleitete die Hamburger in dieses neue chinesische Jahr. Das "China Traditional Orchestra Tianjin" spielte auf. Andere traditionsgestimmte chinesische Künstler, allerdings aus Taiwan, traten zwei Tage später bei dem schon berühmten Neujahrsfest des Chinesischen Vereins im CCH auf.

Hahn-Jahr Davor hatten Hamburger Abgesandte vom 19. bis 23. Januar auf der Shanghaier Tourismus-Messe mit einer großen Präsentation für Besuche in Hamburg geworben, mehr als 400 Gäste kamen zu einer abendlichen Gala. Eine direkte Flugverbindung zwischen den Partnerstädten, seit vielen Jahren herbeigewünscht, steht gleichwohl noch in den Sternen.

Auch sonst haben sich diverse Hamburger Veranstalter im Chinatourismus engagiert: Der Schulchor des Gymnasiums "Christianeum" (300 Personen) fährt mit 140.000 Euro Sponsorengeldern und den "Carmina Burana" von Carl Orff auf eine Tour nach Peking und Shanghai. Ob dessen Lust- und Loddertexte wohl ins Chinesische übersetzt wurden, um sie dem dortigen Publikum vertraut zu machen? Ein solch gewaltiger Chorauftritt wird ihm jedenfalls gefallen. – Am 3. März ereignete sich, mit ungefähr 200 Teilnehmern, auch das erste "Deutsch-Chinesische Bildungsforum" in den Räumen des Asien-Afrika-Instituts der Universität. Auch hierbei ging es um so etwas wie "vertraut machen", für Zukunftsorientierungen. Viele waren eigens aus Shanghai angereist. Die Höhe der Kosten blieb unbekannt, und unterschiedliche Teilnehmer schätzten die Zukunftsfähigkeit unterschiedlich ein.

Ganz anders werden demnächst ein paar ältere Herren nach Shanghai fahren, und möglicherweise wieder zurück: Aus Anlaß des 20. Partnerschaftsjubiläums brechen im Mai mehr als zehn Oldtimer zu einer Rallye nach Shanghai auf: 15000 Kilometer, und die Startgebühr beträgt 13.500 Euro. Für diejenigen, die weder über einen Oldtimer noch über eine dicke Börse verfügen: Man kann es ja auch mal mit dem Fahrrad versuchen und den Oldies Hals- und Beinbruch wünschen, als Segenswunsch freilich..

Im Bereich der Wirtschaft melden die Gazetten das immer Gleiche: "Chinesen zieht es nach Hamburg. 300 Firmen …" (HA 4. 2. 2005), "Mehr Konkurrenz aus China (HA 4.1.05), "Im Fluß des Chi" (HA 3.2.05); die Klatschseite der WamS vom 6.2.2005) wußte von einem Empfang, bei dem es wieder einmal darum ging, daß im UKE ein Zentrum für Traditionelle Chinesische Medizin entstehen soll. Bei Chinaprojekten wird die Hansestadt allmählich ein Will-und-wollte-Weltmeister. Nüchtern konstatierte hingegen die MoPo am 1.2.2005: "China holt Affi aus dem Tal der Tränen". Ein paar Tränen mögen auch chinesische Hersteller vergossen haben, deren gefälschte Produkte eifrige Zöllner im Hafen entdeckten: diesmal wieder Zigaretten, aber auch 10.000 Porzellanbecher, den bekannten Könitz-Bechern nachgestaltet.

Neben dem Ring zeigen auch weitere Aussteller gegenwärtige chinesische Kunst, in ganz unterschiedlichen Ausprägungen: Im Hotel Atlantik sind noch bis zum 22. März Werke der chinesisch-deutschen Künstler Liu Xiaomin, Yang Gaoying und Dorthea Chazal zu betrachten; der Kunstverein Harburger Bahnhof stellt seit dem 25. Februar Werke des 34jährigen "shooting star" in der chinesischen Gegenwartskunst, Xie Nanxing, aus. Davor hatte das "Gastwerk" traditionelle tibetische Kunstwerke gezeigt. Wer diese nicht erblickte und das bedauerte, kann sich freuen: Demnächst erlaubt das Völkerkundemuseum an der Rothenbaumchaussee in einer großartigen Schau Blicke auf seine Tibetschätze.

Ach, noch eine weitere Ausstellung sollte erwähnt werden: "Shanghai Modern. 1919 bis 1945". Sie bietet interessante Einblicke in die damalige künstlerische und literarische Szene dieser Glitzermetropole. Sie ist allerdings in der Kunsthalle Kiel zu sehen, bis zum 16. Mai. Eine Fahrt von Hamburg nach dort lohnt sich, doch die Ausstellung hätte wohl auch dem einen oder anderen Museum in Hamburg gut angestanden.
 
 
 

 Schönes Neujahr III: Menschenrechtler Harry Wu in Hamburg

Vor manchen Schattenseiten des gegenwärtigen China verschließen seine Beobachter und Freunde zu gerne die Augen. Solche Verdrängung mag als legitim erscheinen. Um so wichtiger sind Persönlichkeiten, die sich zum Ziel gesetzt haben, diese Schattenseiten aufzuhellen – und nach Möglichkeit abzuschaffen.

Zu diesen gehört der bekannte, heute in den USA lebende, chinesische Menschenrechtler Harry Wu, der sein Schicksal – darunter 19 Jahre in chinesischen Arbeitslagern – in mehreren Büchern beschrieben hat. Am 9./10. März 2005 wird er in Hamburg weilen.

Harry Wu

Zu seinem Programm gehören Gespräche mit Schülern mehrerer Gymnasien, eine Diskussion mit prominenten Vertretern der GAL nebst anschließender Pressekonferenz im Rathaus, und ein Besuch in der Senatskanzlei. Am 9. März, um 1930 Uhr, finden in der Gesamtschule Eppendorf und am 10. März, um 17.00 Uhr, im Abaton-Kino. Öffentliche Veranstaltungen mit ihm statt. Hierbei werden auch zwei Kurzfilme von Harry Wu vorgeführt: "Undisguised Killing" über öffentliche Hinrichtungen in China sowie "Communist Charity" über den Handel mit menschlichen Organen. Hierbei steht Harry Wu auch für Fragen und Gespräche bereit.

Organisiert hat diese Veranstaltungsfolge die Regionalgruppe Hamburg von "Tibet Initiative Deutschland e.V." Diese wurde gegründet und wird geleitet von Helmut Steckel. Aus Anlaß des Besuches von Harry Wu führten die HCN mit Helmut Steckel ein schriftliches Interview. Ein wenig ausführlich ist es geraten, doch dafür ist es stellenweise auch gleichsam eine Dokumentation. Deshalb hat HCN es nur an einer – dann gekennzeichneten – Stelle gekürzt.


? 1. Viele haben auch in Hamburg den Beginn des Jahrs des Hahns in China gefeiert, Deutsche und ihre chinesischen Freunde – wahrscheinlich auch Sie. Die Medien berichteten darüber, und die Freude über den China-Boom im Hafen, auch das Interesse an der glanzvollen chinesischcn Kultur, in Vergangenheit und Gegenwart, standen dabei im Hintergrund. Sie setzen sich hingegen für Menschen ein, die zu den Schattenseiten der Gegenwart Chinas gehören. Warum? Und was ist die – persönliche – Geschichte Ihres Engagements?

Helmut Steckel:
1979 reiste ich im Sommer mit einer Lehrer- und Studentengruppe mit der Eisenbahn von Hamburg über Wladiwostok nach China. Daß mein Reiseziel China war, ist wohl eher dem Zufall zuzuschreiben. Vielleicht wurde mein Interesse durch meine Mitgliedschaft in einer Gruppe Amnesty Internationals in Hamburg geweckt, die einen chinesischen Gefangenen adoptiert hatte und fleißig Briefe schrieb und mit kleineren Aktionen auf das Schicksal "ihres" Gefangenen in China hinwies. Es kann auch sein, daß mein allgemeines Interesse an China durch Lektüre angeregt wurde. Für die einwöchige Bahnfahrt jedenfalls war ich mit mehreren dickleibigen Büchern über China versehen. Meine Sympathie und mein Interesse für China ließen auch nach der Rückkehr nach Hamburg nicht nach. Ich trat in die deutsch-chinesische Freundschaftsgesellschaft (heute: Hamburger China-Gesellschaft) ein, wurde Vorstandsmitglied und beschäftigte mich intensiv mit chinesischer Kultur und Geschichte. Anfang der 1980er Jahre konnte ich meine ai-Gruppe davon überzeugen, eine Fotoausstellung über China zusammenzustellen, die nicht nur Menschenrechtsverletzungen dokumentierte, sondern sich auch mit weiteren Themen wie "Menschen, Ansichten, Alltag, Frauen, Erziehung, Medizin, Religion, Minderheiten, Tibet, Wirtschaft, Recht, Demokratische Bewegung, 'Mauer der Demokratie'" auseinandersetzte. Das waren weit über 200 Fotos von 16 Fotografen zu 14 Themenbereichen, die 1985 in Hamburg der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Ich gewann u.a. die Sinologen Prof. Dr. Thomas Heberer und Prof. Dr. Oskar Weggel für eine Mitarbeit. Die Ausstellung wurde vom früheren ai-Generalsekretär Helmut Frenz im Hamburg-Haus in Hamburg-Eimsbüttel eröffnet und in den folgenden Jahren in vielen deutschen Städten als Wanderausstellung gezeigt. Die letzte Ausstellung übergab Daniel Cohn-Bendit in der Frankfurter Paulskirche der Öffentlichkeit. Das Thema ließ mich in all den Jahren nicht los. Aus einem schmalen Begleitband zur Fotoausstellung mit grundsätzlichen Texten und einigen Fotos entwickelte sich ein Taschenbuch mit dem Titel "China im Widerspruch. Mit Konfuzius ins 21. Jahrhundert?", das ich 1988 im Rowohlt-Verlag herausgeben konnte. Meiner Erinnerung nach gehörte dieses Buch 1988, also ein Jahr vor dem Massaker auf dem Tienanmen-Platz, zu den wenigen kritischen Chinabüchern. Durch meine Mitgliedschaft bei ai war ich offenbar gefeit vor den maoistischen Anwandlungen so mancher Zeitgenossen.

(An dieser Stelle des schriftlich geführten Interviews führt Helmut Steckel dessen einzelne Beiträge auf. Wer sich für dieses Buch interessiert – es befindet sich in meiner Bibliothek. Unter "Deutsche Chinatexte" werde ich demnächst darauf eingehen. H. Stu. – Steckel fährt fort:)

1988 reiste ich dann in einer kleinen selbstorganisierten Gruppe wieder nach China, neugierig, aber bereits als Herausgeber eines kritischen Buches. Die Unbefangenheit, die ich 1979 noch in China aufwies, war dahingeschmolzen. Und dennoch: 1988 war ein Jahr v o r dem Massaker. Der aufmerksame Leser wird bereits bemerkt haben, daß sowohl in der Fotoausstellung über China als auch im Rowohlt-Buch Tibet thematisiert wurde. Das Schicksal dieses Volkes, seine Geschichte, die tibetisch-buddhistische Philosophie, Land und Leute begannen mich mehr und mehr zu interessieren. Die Interviews für das Buch "China im Widerspruch" mit hochrangigen Tibetern im schweizerischen Exil, eine Podiumsdiskussion zu Tibet im Curiohaus und eine Tibet-Filmwoche im "Abaton" in Hamburg – es war die erste in Deutschland – waren für meine weiteren Tibet-Aktivitäten wichtige Wegmarken. Petra Kelly lernte ich kennen, die mich als Redner und Vertreter einer zu Tibet und China arbeitenden ai-Gruppe zur ersten internationalen Tibet-Anhörung 1989 nach Bonn einlud. Sie war es, die mich mehr und mehr in die Tibetarbeit hineinzog. Es verstand sich wie von selbst, daß ich nach dem Erfolg der China-Fotoausstellung und des Chinabuches nunmehr eine Tibet-Fotoausstellung, einen Fotokatalog und ein Tibetbuch plante. 1990 reiste ich zur ersten internationalen Tibetkonferenz nach Dharamsala in Indien, führte mit dem Dalai Lame ein Interview und gewann eine Reihe von Autoren für mein geplantes Tibetbuch "Tibet – Zerstörung einer Hochkultur. Ein buddhistisches Land sucht die Befreiung". Das Buch erschien 1993. Im gegensatz zum vergriffenen Chinabuch ist es noch erhältlich. Unter » www.tibet-hamburg.de gibt es eine Themenliste, Rezensionen und eine Leseprobe. Das Buch ist mir sehr ans Herz gewachsen. Da es in deutscher Sprache noch kein vergleichbares gibt, ist es immer noch lesbar und vielleicht auch wichtig.

1991 konnte ich die Fotoausstellung "Tibet – Zerstörung einer Hochkultur" mit Hilfe meiner alten ai-Gruppe und einer von mir neu gegründeten Tibetgruppe der Öffentlichkeit präsentieren. Die Ausstellung wurde vom XIV. Dalai Lama und Prof. Carl-Friedrich Weizsäcker in Hamburg eröffnet. Beide waren auf Einladung des Tibetischen Zentrums e.V. Hamburg in die Hansestadt gekommen. Das Tibetische Zentrum stand meinem Engagement sehr positiv gegenüber und unterstützte mich, wo immer es nur möglich war. Der verstorbene geistliche Leiter des Zentrums Geshe Thubten Ngawang, Carola Roloff, Jürgen Manshardt, Christoph Spitz und Oliver Petersen sind hier zu nennen. Im Internet sind gleichfalls unter » www.tibet-hamburg.de die einzelnen Themenbereiche der Ausstellung aufgeführt. Mitzuteilen ist, daß die Ausstellung in vielen deutschen Städten und in Oslo und in St. Petersburg präsentiert wurde. In diesem Jahr wird sie in Bamberg gezeigt und im nächsten Jahr anläßlich der erneut geplanten Hamburger Chinawochen noch einmal in unserer Stadt. Die von mir 1989 mit aus der Taufe gehobene "Tibet Initiative Deutschland e.V." (TID), deren erster Vorsitzender ich in den Jahren 1992 bis 1994 war, bündelt neben der vor zwei Jahren gegründeten "International Campaign for Tibet Deutschland e.V." (ICT-D), der "Gesellschaft für bedrohte Völker" (GfbV), der "Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte" (IGFM) und "amnesty international" (ai) die politischen Tibet- und China-Aktivitäten in Deutschland. Karitative Organisationen wie "Deutsche Tibethilfe" und religiös-philosophische Zentren wie das "Tibetische Zentrum e.V. Hamburg" und außerdeutsche Tibet-Unterstützergruppen und Zentren gehören zum Netzwerk der nationalen und internationalen Hilfe für Tibet. In dem Veranstaltungskalender unserer Netzseiten von 1988 bis zum heutigen Tag ist nachzulesen, was unserer Tibetgruppe und mir wichtig war und ist: Es sind dies sino-tibetische Dialoge, Filmwochen, Kolloquie n in der Gustav-Heinemann-Bildungsstätte in Malente, Podiumsdiskussionen, Kulturveranstaltungen, Lesungen, Mahnwachen, Demonstrationen und Übersetzungsarbeiten zur Situation der Frauen in Tibet, zur Umwelt und zu den Menschenrechten in Tibet. Alles das tun wir, weil wir die Öffentlichkeit über die Schattenseiten Chinas informieren können. Mein Engagement ist allerdings auch auf unsere unselige Vergangenheit zurückzuführen, der ich mich als "Nachgeborener" durchaus verpflichtet weiß. In meinen Begründungen für unser Engagement in China und Tibet weise ich immer wieder darauf hin, daß unser Eintreten für die Menschenrechte und für die Selbstbestimmung Chinas auch unserer eigenen politischen Moral dient. Politik und Moral müssen miteinander versöhnt werden. Es gibt Politiker, wie Vaclav Havel und der schon etwas vergessene, nicht mehr lebende SPD-Politiker Carlo Schmid, die beides einforderten. Es ist geradezu zynisch, wenn eine kleine angesehene Zeitung schreibt, daß "Moral im demokratischen Alltag der Politik ein schlechter Ratgeber ist". Der Autor relativiert seinen Satz durch die Anmerkung, daß ein Politiker durchaus ethische Grundsätze haben sollte. Was gilt für mich, der ich kein Politiker bin, mich aber durchaus politisch betätige? Die Worte Martin Luther Kings
"Wenn irgendwo auf der Welt Unrecht geschieht,
so ist damit die Gerechtigkeit insgesamt bedroht,
sind wir doch gefangen im unausweichlichen Netz der Gegenseitigkeit,
das uns alle zusammenhält, die wir eine gemeinsame Bestimmung haben"
setzte ich an den Anfang des Vorwortes zu meinem Tibetbuch. Es ist das Credo meines Handelns und treibt mich trotz mancherlei Frustrationen über die Entwicklung in Tibet und Enttäuschungen über die Politik in Deutschland und Europa an. Es gibt mir Kraft, zusammen mit Freunden der Tibetinitiative Projekte zu planen und umzusetzen.

Fortsetzung des Interviews unter » "Deutsche Chinatexte"
 
 
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