Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 36
28. Dezember 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
 

 Hochburg für innovative Konzepte

So winterlich erschien die alte "Penne" des Berichterstatters nicht, als der sie gestern, am 21. Dezember, betrat, in Bergen auf Rügen. Länger als vierzig Jahre war er nach dem Abitur nicht in ihr gewesen. Manchmal war er um sie herumgestrichen, hatte sich nicht einmal auf ihr Gelände getraut, doch jetzt trat er schon zum dritten Male in sie ein , erhobenen Hauptes – und sogar durch das Hauptportal. Das war ehedem – in den Jahrzehnten des aufzubauenden, des sich nähernden und des vollendeten Sozialismus – den Lehrern vorbehalten, für die Schüler und andere Besucher blieben zwei schmale Türen an der Rückfront.

Was hat sich dort im letzten Jahrzehnt alles verändert! Auch ein architektonischer kühner Anbau ist hinzugekommen. Die Aula erkannte der Berichterstatter wieder, auch die Binnenstruktur des Hauptgebäudes, doch das Lehrerzimmer hatte er früher nie von innen gesehen. Damals wurden Schüler an dessen Tür abgewiesen. Das Direktorenzimmer kannte er ziemlich gut: Etliche Male hatte er sich unsozialistisch gezeigt und durfte sich stehend einer direktoralen Standpauke erfreuen: schon damals Augenblicke des Entzückens!

Einladungskarte

Diesmal war der Direktor liebenswürdig, hatte gerade seinen 60. Geburtstag gefeiert und ließ sein ganzes Kollegium durch Umtrunk und Imbiß sowie einen Jahres- und Lebensrückblick daran teilhaben: undenkbar früher. Mancher Pauker fürchtete den Direktor mehr als mancher Schüler, denn der Direktor, der diese Ernst-Moritz-Arndt-Oberschule, wie das Gymnasium hieß, in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre leitete, war ein ausgemachtes Scheusal und Mitglied der Bezirksleitung der SED.

Am Grab von dessen Vorgänger, Wolfgang Ruge, stand der Berichterstatter zu seiner Verblüffung vor einigen Monaten. Er hatte nicht einmal gewußt, auf welchem Friedhof der seine letzte Ruhestätte gefunden hatte. Ihm hatte er viel zu verdanken, durch Ansporn, genau betrachtet aber auch dem SED-Barden – durch Auseinandersetzung.

Schulzeiten verklären sich mit den Jahren, doch die Konturen bleiben hart. Manche Lehrer hat der Berichterstatter vergessen, wohl nicht ohne Grund, aber nicht die Beschwerlichkeiten der Winterwege. Jeden Tag vom Internat zur Schule einen Kilometer hin und zurück, jedes Wochenende nach einer Bahnfahrt noch acht Kilometer zu Fuß in das Heimatdorf und wieder zurück zum Bahnhof, oft durch tiefen Schnee.

Viel wäre zu erinnern, aber nicht deshalb schreibe ich diese Notiz. Ich war jetzt für die Absolventenvereinigung dieses Gymnasiums dort. Irgendwann soll unsereins zurückgeben, was er in der Schulzeit mitbekommen hat – mitbekommen nach sorgfältigem Bedacht, auch – einfach so - mitgenommen. Da ist ein geringer Mitgliedsbeitrag oder ein wenig Engagement vielleicht nur ein bescheidener Ausgleich, aber auch ein nützlicher. Für manches, das Lehrer und Schüler heute brauchen, ist in den Schuletats nichts vorgesehen. Das gilt vor allem dann, wenn sich Lehrer und Schüler etwas tatsächlich Neues einfallen lassen. Daran fehlt es in diesem Gymnasium erfreulicherweise nicht, und der ehemalige Schüler staunt darüber, was Schulleitung und -kollegium an anregenden Konzepten entwickeln und umsetzen.

Als, noch in den Kaiserzeiten, dieses Gymnasium errichtet wurde, wählten seine Urheber die Stätte mit Bedacht. Unweit des Zentrums der Stadt Bergen, doch freistehend auf einer eigenen Anhöhe sieht es fast wie eine Burg aus. Von ihm aus öffnet sich der Blick in weite Fernen, unverbau- und unverstellbar. Eine Hoch- und Trutzburg des Geistes sollte das sein, und als solche hat diese Schule oft gewirkt. Wem sonst als anderen Lehrern hatte der Berichterstatter Hinweise zu verdanken, wie er sich vor dem allmächtigen Direktor behaupten könne.
 
 
 
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Pfirsiche von den Barbaren
 
  Nicht wenige chinesische Pflanzennamen beginnen mit der Silbe hu, "Barbar". Dieses Wort dient seit dem Altertum als Sammelbezeichnung für die westlich von China ansässigen Fremdvölker. Pflanzen, deren Namen diesen Zusatz aufweisen, sind in aller Regel aus diesen Gebieten nach China eingeführt worden.

Das gilt auch für hu-t'ao, die Walnuß, deren chinesischer Name als "Barbarenpfirsich" zu übersetzen wäre. Die Ähnlichkeit zwischen der Walnuß und dem Pfirsich liegt in dem grünen Fruchtfleisch der Walnuß, das den Kern millimeterstark umgibt. Früher sahen die Pfirsiche anders aus als die heutigen Zuchtformen. Sie waren viel kleiner und bis kurz vor der Reife auch grün. Heute heißt die Walnuß in China meistens ho-t'ao, "Kernpfirsich".

Seltsamerweise enthält auch der deutsche Name der Walnuß einen Hinweis auf deren Ursprung. Er bedeutet, wie, wie der volle Name lautet, "Welsche Nuß", und das Welschland war meistens Italien. Der wissenschaftliche, lateinische, Name der Walnuß, Juglans regia, klingt viel feiner: Eichel des Jupiter und zwar eine königliche. Das Alte Rom schätzte die Walnuß, sie galt als Hochzeitsfrucht. Auch in China hieß sie manchmal wan-sui-tzu, "Frucht der zehntausend Jahre".

Walnüsse

Die Urheimat der Walnuß war der östliche Mittelmeerraum, vielleicht das Gebiet des Iran. Von dort gelangte sie, wahrscheinlich über Zentralasien, nach China. Schon im 2. Jahrhundert v. Chr. soll sie der große Westreisende Chang Ch'ien von dort nach China gebracht haben – so weiß jedenfalls Chang Hua (232-300) in seinem Po-wu chih, "Denkwürdigkeiten über die Vielfalt der Dinge". Von vielen Gewächsen in China gilt, daß sie des Chang Ch'ien "Mitbringsel" seien.

Vielleicht hängt das damit zusammen, daß sein Herrscher, der Han-Kaiser Wu (140-87), angeordnet hatte, daß ihm aus allen Gegenden seines Reiches besondere und für die jeweilige Gegend typische Gewächse übermittelt werden sollten. Diese ließ er in einem riesigen Park, dem Shang-lin, "Wald des Höchsten", anpflanzen. Das Hsi-ching tsa-chi, "Vermischte Aufzeichnungen über die Westliche Hauptstadt", ein Werk etwas obskurer Herkunft, sagt tatsächlich, im Shang-lin habe es Walnüsse gegeben. Sicherer scheint die Nachricht zu sein, in dem Park der Kaiser von Chin (265-419) hätten 84 Walnußbäume gestanden.

Den meisten frühen chinesischen Autoren zufolgte wurde der Baum in Nordchina kultiviert – und natürlich kann er mehrmals, auf unterschiedlichen Wegen und zu unterschiedlichen Zeiten, nach dort gelangt sein. Jedenfalls lassen sich, schon früh in alten Schriften und in der heutigen Natur, auch im Süden Walnüsse nachweisen, meistens jedoch Wildformen, doch der bedeutende Pflanzenkenner Wang Shih-mou (+ 1591) sagt in seinem Kuo-shu, "Versuch über die Gartenfrüchte", die Walnuß lasse sich auch im Süden kultivieren. Wang Hsiang-chin gibt in seinem Ch'ün-fang p'u, "Register aller Düfte", sogar Hinweise für die Aufzucht.

Besonders freundlich sind die chinesischen Literaten sonst nicht mit der Walnuß umgegangen. Nicht einer hat sie anscheinend gepriesen und verherrlicht. "Wenn die Granatapfelblüten sich öffnen, füllt ihr Glanz die Gemächer;/sobald die Blätter des Walnußbaums groß sind, legt sich Schatten über die Vorhänge", dichtet ein mongolenzeitlicher Literat.

Als schattenspendend, immerhin, galt dem Dichter dieser Baum, dessen dichtes Blätterwerk bis in mehr als 20 Meter Höhe hochragt. Auch die chinesischen Pharmakologen wußten diese Blätter zu schätzen. Viele Arzneien gewannen sie aus ihnen – für Kompressen gegen Juckreiz und Hautausschläge und vieles mehr. Was erklärte sonst den Namen "Frucht der zehntausend Jahre"? Ganz erklärt ist auch der Name "Barbarenpfirsich" nicht. Ob jene Barbaren den neugierigen Chang Ch'ien in die noch mit der grünen Schale behaftete Frucht beißen ließen und sich daran ergötzten, wie seine Zähne auf den harten Kern schlugen? Ein Zeichen ihrer Niedertracht wäre der Name dann ebenfalls.
 
 
 
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Abscheu vor dem Eßvergnügen
 
  Die chinesische Kochkunst ist umstritten. Manche Feinschmecker sprechen ihr die Raffinesse ab, sehen solche als künstlich vorgegaukelt an; andere rühmen ihre Vielfalt, auch ihre technisch aufwendigen und schonenden Zubereitungsarten. Solche Urteile sind eine Sache des Geschmacks, im doppelten Sinne des Wortes, und oft sind sie dadurch geprägt, welche Art der chinesischen Küche solche "Richter" kennengelernt haben.

Unumstritten ist die ausgeprägte Eßlust "der" Chinesen, die noch über die von Völkern hinausgeht, die wie das französische für ihren kulinarischen Sinn bekannt sind. Eben über dieses Eßvergnügen machte sich schon Hsia Mien-tsun (1885-1946) lustig. In dessen schriftstellerischem Werk entdeckten Roderich Ptak und Alexandra Dost den bösen Essay "Über das Essen" und übersetzten ihn in den "Heften für ostasiatische Literatur".Nach einigen einleitenden Passus schreibt Hsia:

"Glückwünsche zu Hochzeiten und Beileidsbezeugungen bei Trauerfeiern sind stets nur ein Vorwand, in Wirklichkeit geht es nur darum, sich den Bauch vollzuschlagen. Größere Gelage dauern eine gute Woche, kleinere ein bis zwei Tage. Frühstück, Mittagessen, Nachtisch, Abendessen und Nachtschmaus – ein Mahl folgt dem anderen. Als wäre das keine Freude! Wahrlich 'Ströme von Wein und Berge von Fleisch!'"

Hsia geht dann zu den großen jahreszeitlichen Festen über, an welchen besonders ausgiebig gespeist wurde, und stellt dar, daß nicht nur die Lebenden mit Leckerbissen versorgt sein wollten, sondern auch die Geister und Götter – wobei sich dann die Opfernden der gehörigen Überbleibsel solcher "Götterspeisen" vergewisserten. Weiter lästert über einige Besonderheiten:

"Der Volksmund sagt, es bedürfe sieben verschiedener Dinge zum Leben: Holz, Reis, Öl, Salz, Sojasauce, Essig und Tee. Zu hause erfordern nicht Erziehung oder andere Aufgaben den meisten Aufwand, sondern Einkauf und Zubereitung der Speisen. In der Schule bereiten nicht die Fragen, wie das Niveau zu heben und der Unterricht zu verbessern sei, die größten Schwierigkeiten – nein , es ist der Unmut über das schlechte Essen in der Kantine, der stets im Mittelpunkt steht."

Auch die bekannten Vorurteile über all das, was in China als eßbar gilt oder gar als Delikatesse angesehen wird, sind Hsia nicht fremd:

"Nicht zu Unrecht heißt es: 'Bei uns wird alles gegessen, außer Eltern und Bett.' Die chinesische Speisekarte bietet Dinge, die Ausländer in Angst und Schrecken versetzen. Chinesen verzehren nämlich nicht nur die üblichen Gerichte, sondern auch Delikatessen, von denen die anderen Abstand halten: Melonenkerne, Haifischflossen, Schwalbennester, Hunde, Schlangen, Katzen, Unken, Erdkröten, Schildkröten, junge Ratten und so weiter. (…) Wenn sie könnte, so fürchte ich, würden sie gar den Mond vom Himmel reißen und hineinbeißen."

chin. Broccoli Hsia erinnert daran, welch hohe Wertschätzung großen Köchen in der Geschichte entgegengebracht wurde, auch daran, wieviele Wörter für das Essen und damit verwandte Dinge die chinesische Sprache aufweise. Er schließt mit den Worten:

"In der buddhistischen Vorstellungswelt von der Selenwanderung werden alle Wesen nach ihrer Daseinsform in sechs Kategorien unterteilt: in himmlische Wesen, Menschen, Titanen, Tiere, Höllenkreaturen und hungrige Geister, sogenannte pretas. Diese Worte legen wahrhaft die Vermutung nahe, daß das chinesische Volk aus der Sphäre der hungrigen Geister wiedergeboren wurde."

Wer so vehement gegen die kulinarischen Lüste und die Völlerei wettert, der ist wahrscheinlich ein Griesgram. Oder hatte sich Hsia schlicht bei einem mehrtägigen Gelage überfressen? Dann hätte ihm das abgebildete Gericht – Brokkoli, auch Spargelkohl genannt, mit Austernsauce – wohlgetan.
 
 
 
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Markenzeichen für China-Uhren
 
  Begeistert berichtete der gerade zwanzigjährige Edouard Bovet (1797-1849) aus Fleurier in der Schweiz über seine ersten Eindrücke von China. Er hatte vier Taschenuhren mit nach dort genommen, und ein Mandarin, berichtete er, habe ihm für diese den Gegenwert von jeweils 10.000 Schweizer Franken abgekauft: eine horrende Summe.

Der junge Bovet gehörte einer angesehenen Uhrmacherfamilie in Fleurier an, war der vierte von sechs Brüdern und weniger handwerklich begabt denn geschäftstüchtig. Das sollte sich aber erst allmählich herausstellen, denn zunächst zögerten seine Brüder, in den chinesischen Markt einzusteigen – und verlangten von ihrem kleinen Bruder Vorkasse für ihre Lieferungen an ihn.

Uhren-Herstellerzeichen Im Jahre 1824 kommt Bruder Charles nach Macao, denn dort ist das Geschäft bereits etabliert, und die Bovets errichten auch in Kanton Vertriebszentren, die jahrzehntelang erfolgreich bleiben. Sie bieten vor allem Standardware mit silbernen Gehäusen und zu moderaten Preisen an. Schon früh legen sie sich ein chinesisches Herstellerzeichen zu, dessen Gestaltung auf Motive aus der chinesischen Tradition zurückgreift und auch den Firmennamen in chinesischen Schriftzeichen wiedergibt: Po-wei. Auch die Ziffern auf ihren Uhren wurden oft in chinesischen Schriftzeichen wiedergegeben.

Als Edouard nach vierzehn Jahren in China nach Fleurier zurückkehrt, ist er nicht nur schwerreich. Er bringt seinen Sohn mit, von einer Chinesin, der von Jesuiten erzogen wurde, und einen "richtigen" Chinesen dazu. Fortan werden die Bovets die "Bovets von China" genannt.

Der Jesuitenpater Matteo Ricci hatte nachweislich 1601 die ersten mechanischen Uhren nach China gebracht. Unter den Kaisern K'ang-hsi (1662-1722) und Ch'ien-lung (1736-1795) blühte der Uhrenmarkt in China auf, der für Taschen- und Spieluhren vor allem. Auch einheimische Hersteller hatten sich, in Kanton, Peking und Su-chou, gezeigt, doch deren Nachahmungen erschienen den betuchten Chinesen nicht als gleichwertig.

Umfassend erschloß den chinesischen Markt für die schon damals gerühmten Schweizer Uhren ein anderer: Charles de Constant (1762-1835). Bereits mit siebzehn Jahren war er nach Macao gekommen, dann nach Kanton aufgebrochen und hieß bald nur noch "Le Chinois". Er zeichnete sich durch eine ungewöhnliche Beobachtungsgabe und große Umsicht aus. Nachdem er zunächst mit vorgefertigten Uhren gehandelt hatte, nahm er auf deren Herstellung Einfluß. Einerseits verlangte er gezielt Veränderungen der Mechanik, damit diese auch dem feuchtheißen Klima im Süden Chinas gewachsen sei, anderseits riet er zu Veränderungen in der Gestaltung der Gehäuse – bis hin zu den Farben und Motiven des beliebten Emaillezierats, das er durch Perlen und Edelsteine zu ergänzen riet. Dann war ihm auch eine Gewohnheit aufgefallen, die lukrativ wurde: Solche Uhren wurden oft als "Geschenke" für hochrangige Würdenträger erworben, und diese mußten stets zweiteilig sein. Also forderte er von seinen Lieferanten die Herstellung von Zwillingsuhren. – Die damit bedachten Würdenträger hängten sie meistens als Schmuck an die Wände ihrer Studios.

Auch andere bekannten Uhrmacher in der Schweiz produzierten für den Chinamarkt, so Isaac-Daniel Piguet (1775-1845) und Philippe-Samuel Meylan (1772-1845). Deren Uhren wurden für ihre Eleganz, die harmonische Farbgebung und den reichen Besatz mit Edelsteinen gerühmt. Nach Ausweis der erhaltenen Geschäftsbücher lieferten sie 9.997 Uhren nach China.

Im Gefolge der Bovets schuf sich die von Edouard Juvet (1820-1883) gegründete Werkstatt Juvet im Jahre 1856 ein Verkaufsbüro. Auch sie legte sich chinesische Firmenzeichen zu, von denen das liebenswürdigste den chinesischen Firmennamen in die Flügel eines Schmetterlings schreibt.

Gemeinsam war den genannten Werkstätten und noch mehreren Nachfolgern, daß sie sich dem chinesischen Markt anpaßten – mit Werken, die sie ausdrücklich als "chinesische Uhren" deklarierten. Wer hätte das von den chinafernen Kleinkünstlern in den Gebirgstälern der Alpen gedacht!
 
 
 
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Anfangsjahr für korrekte Datierungen
 
  Einmal muß derlei klar und deutlich gesagt werden: Immer wieder ist zu lesen, im Jahre 2337 v. Chr. sei in China dieses oder jenes geschehen oder in einem anderen Jahr, das mit vergleichbarer Genauigkeit ein frühes Ereignis datiert. Auch heißt es, Kaiser Yü, der die Hsia-Dynastie, das erste chinesische Herrscherhaus, gründete, sei von 2205 bis 2198 auf dem Thron gewesen, der legendäre Frühherrscher T'ai-hao gar von 2852 bis 2738. All das sind Unsinnsdaten! Das zeigt allein schon die so ansehnliche wie angebliche Regierungszeit des T'ai-hao.

Das erste Jahr in der chinesischen Geschichte, dem sich ein Vorgang jahrgenau zuordnen läßt, ist das Jahr 841 v. Chr., in dem ansonsten nicht viel geschah. Alle anderen Frühdatierungen entspringen traditionellen oder neuen gelehrten Kalkulationen. Manche von diesen, so sie zwischen der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts und dem Jahre 841 liegenden, können inzwischen eine gewisse Wahrscheinlichkeit beanspruchen – sofern der Autor, der sie nennt, einer der wenigen heutigen Spezialisten für diese ferne Zeit ist. Andernfalls beruhen solche Frühdaten auf Legenden und Mythen, sie sind Fiktion oder freie Erfindung.

Der große Geschichtsschreiber Ssu-ma Ch'ien (um 100 v. Chr.) beginnt mit diesem Jahr 841 das Kapitel 14 seines monumentalen Shih-chi, "Historische Aufzeichnungen", das 130 Kapitel umfaßt. Das Kapitel 14 ist das zweite im zweiten Teil seines Werkes, den er piao, "Tabellen" nannte, doch dieses Wort bedeutete ursprünglich auch so etwas wie "Merkzeichen". Im ersten Teil seines Werkes – chi, "Annalen" – hatte Ssu-ma Ch'ien in kurzen Notizen die Herrscherfolgen des chinesischen "Reiches" der Frühzeit von den Uranfängen bis in seine Tage knapp und chronologisch dargestellt: Kapitel 1 bis 12.

Die zehn Kapitel der "Tabellen" folgen einem anderen Muster, doch nach der Zwölfzahl der Anfangskapitel verlangt jetzt die Zahl Zehn Bedacht. Beide entsprechen denen der zehn sogenannten "Himmelsstämme" (t'ien-kan) und zwölf "Erdzweige" (ti-chih), zwei uralten Zählsystemen, mit vielen "Bedeutungen" assoziiert. In der ersten Tabelle, Kapitel 13, listet Ssu-ma Ch'ien in acht Rubriken das auf, was sich von der Urgeschichte bis zum Jahre 841 für ihn mit einiger Sicherheit chronologisch festhalten ließ. Er nennt nicht eine einzige Jahreszahl – aus gutem Grund, denn die ihm vorliegenden Quellen ließen solche Kalkulationen eben nicht zu.

Shiji (Sima Qian), Kap. 14 Das getraut er sich erst für dieses Jahr 841, und von da an stellt er in Kapitel 14 in tabellarischer Form und Jahr für Jahr (siehe die Abb. aus einem alten Druck, um 1035) die Geschichte des Königshauses Chou und dreizehn weiterer Herrschaften des Alten China dar, manche dem Chou-"Reich" zugehörig, andere in Widerstreit mit diesem. Kurze Notizen sind das, noch kürzer als in den "Annalen", und viele verzeichnen nur das erste Regierungsjahr der jeweiligen Fürsten. Mit dem Jahre 477 endet diese Tabelle, die für nachfolgende Kapitel eine Art Bezugssystem, einen Wegweiser, bildet. Mit dem Jahre 477 beschließt Ssu-ma dieses Kapitel. Auch er hat dessen Daten kalkuliert, doch ihm hat die neuzeitliche Wissenschaft vertraut bzw. vertrauen müssen.

Die Namen der 14 Königs- und Fürstenherrschaften, deren Geschichte Ssu-ma in Shih-chi 14 rubriziert, sind wohlbekannt: wichtig in jener Zeit zwischen 841 und 477, doch auch hier ungenannte waren wichtig. In einem weiteren, dem vierten Teil seines Werkes – shih-chia, "Erbliche Häuser" überschrieben, Kapitel 31 bis 60 - schildert Ssu-ma unter anderem diese Herrschaften ausführlicher. Dort, im dritten Teil, stellt er sie allerdings in eine andere Reihenfolge, und auch sonst setzt er viele Akzente anders.

Mit dem ersten Jahr kung-ho (841), "Gemeinsame Eintracht", beginnt Ssu-ma Ch'ien seine allseits akzeptierte Chronologie der chinesischen Frühgeschichte. Über die Bedeutung dieses Jahres 841 berichtet eine nächste dieser Notizen, und dem Historiker ist sinnfällig, warum diese Tabelle hiermit anhebt. Nicht gleichermaßen bedeutungsvoll ist das Jahr 477, mit dem Shih-chi 14 endet. Ganz im Gegenteil, das Jahr ist gänzlich bedeutungslos. – Indes, der Zeitraum zwischen beiden Daten umfaßt genau 365 Jahre, die Zahl der Tage im Jahr. Ssu-ma Ch'ien war eben nicht nur ein Großgeschichtsschreiber, sondern auch der für die Glückszeichen am Kaiserhof der Liu von Han zuständige "Großastrolog".
 
 
 
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Festspielhaus für Lebensreformen
 
  Das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts sah in Europa das Aufkommen zahlreicher Bewegungen, die sich eine "Lebensreform" zum Ziel setzten. Viele ihrer Anhänger träumten von einer "frei assoziierten, gebildeten und global denkenden Gesellschaft, die sich auch der Linderung sozialer Nöte zuwenden sollte.

Zu ihnen zählte auch der Möbelfabrikant Karl Schmidt. Der erwarb nördlich von Dresden 140 Hektar Land und errichtete auf diesen seine "Deutschen Werkstätten". Seinen Beschäftigten gedachte er nahebei eine schmucke Gartenstadt zu: Hellerau. Sie war die erste ihrer Art, für ihre Planung hatte er 1908 eigens eine gemeinnützige "Gartenstadt GmbH" gegründet. Gesund und gemeinschaftsfördernd sollten seine Arbeiter wohnen, auch in den von ihnen in "schöner Arbeit" hergestellten "schönen Maschinenbaumöbeln". Bei soviel Schönheit durfte es in Hellerau auch an Kultur nicht fehlen.

Festspielhaus Hellerau Der junge Architekt Heinrich Tessenow (1876-1950) entwarf für die Mustersiedlung ein Feststpielhaus, das in seiner Großzügigkeit und sinnvollen Gestaltung vieler Einzelheiten schon die ersten Besucher entzückte. 700 Besucher konnte der Hauptsaal fassen, der 34 mal 17 Meter maß und 14 Meter hoch war. 7000 Glühbirnen konnten ihn in die verschiedensten Lichtstimmungen versetzen, auch an Interaktionen zwischen Bühne und Publikum war bereits gedacht 1912 wurde das Haus eingeweiht.

Neue Arten der darstellenden Künste hatten die künstlerischen Förderer des Festspielhauses vor Augen – allen voran der Musikpädagoge Emile Jaques-Dalcroze, der in Anlehnung an den Anthroposophen Rudolf Steiner auch eine "Bildungsanstalt für rhythmische Gymnastik" schaffen wollte. Da das chinesische Yin-Yang-Symbol das Wahrzeichen seiner Schule war, prangte es auch auf dem Gipfel des Festspielhauses. In diesen Kreisen wurde auch die Vorstellung vom ostasiatischen "Ganzheitlichen" gepflegt, wenn nicht gar erfunden.

Die ersten Sommerakademien im Festspielhaus auf dem Heller-Hang weckten europaweit Aufmerksamkeit. Künstler und Literaten wie Mary Wigman, Oskar Kokoschka, Thomas Mann, Stefan Zweig und Rainer Maria Rilke eilten in die "Reformsiedlung im Grünen". Sie lehrten dort oder ließen sich durch experimentelle Aufführungen faszinieren. Paul Claudel sprach von einer "Werkstatt einer neuen Humanität".

Äußerlich beendete der 1. Weltkrieg die kurze Blütezeit von Hellerau. Danach stottert sich der Ort durch die Zeitläufte. Die Nazis wollen Hellerau zum "Reichs-Opern-Festspielort" machen, widmen es aber nur in eine Polizeischule mit Kaserne und dem Hauptsaal als Turnhalle um. Nicht weniger schnöde nutzen die sowjetischen Truppen das Gelände nach ihrem Sieg. Vor allem aber hängen sie das Yin-Yang-Symbol durch ihren Roten Stern ab. Die Nazis hatten sich noch gescheut, ihr Hakenkreuz anzubringen.

Vielleicht steckte etwas anderes hinter diesem Verzicht. "Kraft durch Schönheit" lautete eine der zahlreichen verräterischen Devisen der Initiatoren von Hellerau, die auch einem klassizistischen Körperkult anhingen. Der Festspielhaus-Architekt Heinrich Tessenow reichte später, 1936, einen Entwurf für Hitlers "Kraft durch Freude"-Bad Prora/Rügen ein, und Hitler-Liebling Albert Speer war sein Schüler und Assistent gewesen. Ein NS-Kulturfunktionär nannte Tessenows Bau gar einen "Prototypen nationalsozialistischer Baugesinnung, in dem der griechische Tempel endgültig eingedeutscht" sei – vielleicht dachte er ebenso auch vom Yin-Yang-Zeichen, dem Ex-Kaiser Wilhelm II. eine Abhandlung widmete hatte.

Zwischen Lebensreform und Faschismus bestehen tiefverwurzelte, noch weithin unbekannte Querverbindungen. – Nach der "Wende" fiel engagierten Hellerau-Neubelebern schwer, hierfür Konzepte zu finden. Eine kritische Untersuchung seiner Anfänge und der Folgen stünden den neuen Konzepten gut an. Auch ohne das – ein Besucher Dresdens sollte einen Spaziergang durch diesen besonderen Stadtteil nicht versäumen.
 
 
 
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Blütenwettstreit zum Jahreswechsel
 
  Gemälde von Qiu Ying So nahe wie auf diesem Bild kommen sich Narzissen und Pflaumenblüten in der freien Natur gemeinhin nicht. Die Zweige des Pflaumenbaumes streben knorriger in die Höhe, während Blüten und Blätter der Narzissen selten so schmal und elegant emporschießen. Nichts deutet allerdings bei diesem Bild darauf, daß es sich um ein Naturstück handelt. Kühn wählte Ch'iu Ying den Ausschnitt seines Bildes!

Ch'iu Ying (+ wohl um 1552) stammte aus der Kreisstadt T'ai-ts'ang nahe der Mündung des Yangtse ins Meer, doch er wuchs in Su-chou auf, wo er – anscheinend in den Jahren 1530/31 – von dem berühmten Maler Chou Ch'en (ca. 1450-ca. 1535) Unterricht erhielt. Viel ist über sein Leben nicht bekannt.

Zunächst machte sich Ch'iu Ying einen Namen als begnadeter Kopist älterer Gemälde. Die hierbei erworbenen Fertigkeiten ermöglichten ihm auch für die eigenen Werke eine außergewöhnliche Vielfalt von eigenen Stilen und "Handschriften". Die meiste Zeit seines Malerlebens lebte er wohl bei Freunden und Gönnern, für deren Sammlungen er alte Werke kopierte oder neue schuf – allen voran der noch junge Hsaing Yüan-pien (1525-1590), auf dessen Landsitz im heutigen Chekiang er die Jahre 1545 bis 1550 zubrachte. Hsiang hatte zwar die Voraussetzungen für eine Amtsaufbahn erfüllt, zog es gleichwohl wohl, von seinem Familienvermögen zu leben und seinen weitgespannten Sammlerfreuden zu genießen. – Im Grunde stellte Ch'iu Ying auf diesem Bild auch nicht einfach Narzissen- und Pflaumenblüten dar. Beide galten ihm zugleich als Sinnbilder.

Die Narzisse, die den schönen Namen shui-hsien, "Wasserfee", trägt, war nach dem alten chinesischen Blütenkalender (hua-li) die Blüte des 12. Monats nach dem Mondkalender. "Jade-Klingklang" und "Goldnäpfchen auf der Silberterrasse" sind weitere poetische Namen für sie. Nicht wenige Dichter widmeten ihr Verse, so Yü Jo-ying im 16. Jahrhundert: "Die Wasserfeen neigen ihre feinen Blätter,/ die sanft und leicht wie grüne Wolken schweben." – Schon früh wurden Narzissen in den trüben Wintermonaten künstlich zur Blüte gebracht.

Die Pflaumenblüte – eigentlich Winterpflaume oder -kirsche – ist die Blüte des ersten Monats. Sie kündet, obwohl ihre Blüten manchmal noch von Schnee bedeckt werden, vom Erwachen der Natur und von der Neubelebung der Yang-Kräfte aus der Trübsal des Winters. Deshalb gelten ihr auch ungleich mehr Gedichte als der Narzisse, die dergleichen lediglich verheißt.

Den Jahreswechsel stellt Ch'iu Ying in diesem Bild also dar. – Beide, Pflaumenblüte und Narzisse, gelten auch als Geschwister, wobei die Narzisse der zurückgesetzte jüngere Teil des Paares ist. Ein Blütenliebhaber erklärt gar kurz und bündig: "Der Winterpflaume gilt die Narzisse als ihre Sklavin." Deren bescheidenheit und Anspruchslosigkeit mögen zu solch unterschiedlichen Wertschätzungen geführt haben.

Anscheinend weiß sich die Narzisse sich solcher Zurücksetzung zu erwehren. Yü Jo-ying beendet sein kurzes Gedicht, das nur vier Verse umfaßt: "Sich selbst genug, fühlt sie sich unvergleichlich./ Wer sagt, die Pflaumenblüte sei ihr überlegen?" Die wurde zwar öfter besungen, doch Chung Hsing (+ 1625) weiß sogar: "Stets lacht sie über die Pflaumenblüte, denn solches Getöse fürchtet sie."

Ch'iu Ying, zeigt sein Bild, war ein Freund der Narzissen. Stolz recken sie ihre Blüten und Blätter, denn sie verheißen, elegant und kraftvoll, das neue Jahr, das sich – in Gestalt der Pflaumenblüten – erst zart und schüchtern über das vergehende neigt.
 
 
 
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Konfuzius als Silvesterknaller
 
  Seit einer Reihe von Jahren stammen die meisten Feuerwerkkörper, die hierzulande in den Silvesterhimmel steigen, aus China. Dort reicht die Tradition von "Feuerwerken", die zunächst nur "Knallwerke" waren, weit zurück. Ein zu Abschnitten zersägter Bambus, bei denen die Knoten erhalten blieben, wurde durch Feuer zur Explosion gebracht. Vielleicht bestreute man dieses Bambusstück schon in der Frühzeit mit irgendwelchen prasselnden Salzen.

Der Geisterabwehr sollen solche Bambusexplosionen gedient haben, die vor allem in der letzten Nacht oder an dem ersten Tag des Jahres gezündet wurden. Anscheinend berichtet als erstes Werk das Ching-Ch'u sui-shih chi, "Aufzeichnungen über die jahreszeitlichen Abläufe in Ching-Ch'u", von Tsung Lin (um 500-um 563) über solche Feuerwerke. Am Hofe des Kaisers Yang (605-616) von Sui kamen sie in die feineren Kreise.

Erst die Erfindung des Schießpulvers um das Jahr 1000 schuf die Voraussetzungen für die spätere Prachtentfaltung dieses Volks- und Kaiservergnügens. Schon Fan Ch'eng-ta (1126-1193) erwähnt es in einem "Silvester"-Gedicht. Die Geschichte der chinesischen Feuerwerke, die bald in den Vorderen Orient, wo Salpeter "chinesischer Schnee" hieß, und später nach Europa wirkten, ist noch zu schreiben.

Eine Fußnote in einer solchen gebührte den Etikettierungen, heute labels genannt, mit welchen Feuerwerkskörper während der letzten Jahrzehnte des Kaiserreiches, vielleicht auch vorher, in den Handel gebracht wurden. Interessante Zeugnisse der Volks- und Reklamekunst sind as, doch nur wenige blieben erhalten – naturgemäß, bei einem dermaßen vergänglichen Gegenstand.

Im Kreis Lin-yang in Hunan lag damals eine der wichtigsten Produktionsstätten. Von hieraus gelangten die pao-"Kracher" auf Lastdschunken nach Kanton und Shanghai, von wo aus sie weiterverkauft wurden, bis in die USA mit ihrer schon zahlreichen chinesischen Minderheit. In Kanton und Shanghai wurden die unscheinbaren Glitzergranaten aus Pappe aufwendig verpackt und mit prachtvollen Etikettierungen versehen, um ihre Attraktivität zu verstärken. Familienbetriebe besorgten diese Aufwertung.

Die Verpackungskünstler drückten zunächst einen hölzernen Druckstock mit einem Bildmotiv in Blattgold. Mehrere Künstler machten sich dann daran, die eingedruckten Umrisse auszumalen – erst den Hintergrund, schließlich die Feinheiten, Gesichtszüge zum Beispiel. Mit der Glücksfarbe Rot sparten die Künstler selten, und das Gold des Hintergrundes schimmerte überall durch. Über die Einzelheiten solcher Produktion ist kaum etwas bekannt. Einerseits hüteten alle Hersteller ihre Produktionsgeheimnisse, andererseits waren Feuerwerker nicht sonderlich angesehen.

Die Motive ihrer Bilder wechselten je nach der Gelegenheit, für welche die Feuerwerke gedacht waren: Neujahr, Eheschließung, Kindgeburt, religiöse Feste. Meistens sind sie vertraut aus der Volkskunst: Glücksgötter, Symboltiere, Assoziationen zu Yin und Yang, Legenden um Sonne und Mond, der populäre und legendäre Heiratsvermittler Yüeh Lao-ye usw.

Feuerwerkskörper-Etikett

Wer kam wohl auf die Idee, die ehrwürdige Gestalt des Konfuzius für solch ein Etikett zu nutzen? In der Bildmitte steht er aufrecht da, wie meistens. Zwei Schriftbänder zu seinen Seiten rühmen, zehntausend Generationen hätten ihn verehrt und die "fünf Stämme" ebenso – die fünf großen chinesischen Völkerschaften in der Zeit der Mandschu-Dynastie: Chinesen, Mandschu, Mongolen, Mohammedaner, Tibeter. Unter dem Meister ruht das ihm oft verbundene Ch'i-lin, "Einhorn", und über ihm verheißen weitere Schriftzeichen, daß er für Reichtum und Ansehen sorgen werde. Ob die Tibeter tatsächlich den Meister priesen – und was, wenn dieser gewußt hätte, daß er, mit solchen Schnödheiten verbunden, in einen Abendhimmel geknallt werden sollte?

Überaus selten sind solche Etikettierungen, kaum mehr als hundert Jahre alt, heute, denn niemand hat sie gesammelt. Was wird aus den "labels der gegenwärtigen Silvesterknaller aus China? Bald könnten sie für sinologische Erkundungen aufschlußreich sein.
 
 
 

 Ein Denkmal für einen Kuchen

Vor- und weihnachtliche Gepflogenheiten mögen Studenten, die aus China hierher gekommen sind, befremdlich anmuten – selbst wenn sie noch nicht Einblick in die familiären Gepflogenheiten gewonnen haben, die manchmal noch seltsamer sind.

Zu diesen Gepflogenheiten zählt eine – meistens nur zu dieser Jahreszeit erwachte – Lust am Backen. Gerne erinnert sich der Berichterstatter da an seine Kindheit. Schon Wochen vor den Feiertagen buk seine Stiefmutter riesige Bleche voller Plätzchen, die sie "Peppernoet", Pfeffernüsse, nannte und die sie sorgsam in gewaltigen Blechdosen versteckte – im Keller, in Spinden und Kleiderschränken, in den Scheunen des Bauernhofes gar. Diese Peppernoet mußten nämlich reifen, und andererseits war der Haushalt groß. Von Zeit zu Zeit lüftete sie diese Blechdosen, denn nur dann wurden deren Inhalte bis zum Fest so mürbe, daß sie auf der Zunge vergingen.

Wer beschreibt das Erstaunen der Mutter, wenn sie in den Stunden vor den Bescherungen am Heiligen Abend die "bunten Teller" füllen wollte: viele Peppernoet, eine Apfelsine, ein kleines Stück Schokolade, mehrere Äpfel, auch Backpflaumen und getrocknete Birnenschnitze! Die untere Hälfte der Peppernoet in den Blechdosen hatte sich in Strohbüschel verwandelt! Wäre nicht in diesem Orte Brauch gewesen, den ganzen 24. Dezember "den Heeligdag" zu nennen, wären Ohrfeigen unvermeidlich gewesen.

Diese weihnachtliche Art der Kuchenbäckerei ist der chinesischen Festtradition fremd. Zwar kennt auch diese für jahreszeitliche Feste kuchenartige Köstlichkeiten, doch nicht solche sich auftürmenden Napf- und Marmorkuchen, von handbreithohen wuchtigen Torten und endlosen Blechen mit Butter- und Streuselkuchen, auch "Bienenstich", zu schweigen.

Eine folkloristisch interessierte chinesische Studentin wurde jetzt durch eine marokkanische Kommilitonin in die Kuchenbäckerei eingeführt. Das erste Werk, noch unter den Augen der Lehrmeisterin bereitet, gelang vortrefflich – nach Wohlgeschmack und Aussehen. Seine Urheberin war so stolz darüber, daß sie Freundinnen und Freunden ein Stück abtrat und die Mutter in der fernen Heimat über ihre neue Kunstfertigkeit unterrichtete. Auch der Berichterstatter erhielt ein Stück, und es mundete ihm wohl, denn das Abendessen war noch fern.

Kuchen Das zweite Werk (siehe die Abb.), jetzt vollkommen selbständig gestaltet, gelang wegen einer technischen Unbedachtheit nicht ganz so ansehnlich. Dafür mundete es etwas feiner, denn die Chinesin hatte – durchaus kulturspezifisch! – den Ingredienzien weniger Zucker beigefügt als die Marokkanerin. Dem Vernehmen nach sucht diese Chinesin jetzt nach weiteren leicht nachvollziehbaren Kuchenrezepten, und auch andere junge Chinesinnen interessieren sich für diese Backkunst, wollen Deutschland auch auf diese Art kennenlernen.

Vielleicht bilden sich ja vor dem nächsten Weihnachtsfest ein paar deutsch-chinesische Back-"Tandems" und zwischendurch solche für die Alltagsküche. Die Vorteile für beide Seiten reichten weit über die solcher Gemeinsamkeiten hinaus, und niemand sollte vergessen, daß ausländische Studierende hier manchen Einsamkeitsgefühlen ausgesetzt sind. Möglicherweise gilt das auch für einige deutsche.
 
 
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