Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 36
28. Dezember 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
 

 Ein China-Sinndichter: Paul Gurk

Wer kennt schon Paul Gurk (26.4.1880-12.8.1953), der sich auf Anraten eines Verlegers auch Franz Grau nannte. Der Verleger hoffte, daß dieses Pseudonym nicht so käuferabschreckend wie der eigentliche Name wirke, doch viel half auch das nicht.

Aus ärmlichen Verhältnissen in Frankfurt/Oder stammend, begann Gurk 1912 zu schreiben. In den nächsten Jahren verfaßte er ungefähr dreißig Theaterstücke, von denen er für eines über den christlichen Bauernaufrührer Thomas Münzer 1921 den bedeutenden Kleist-Preis zugesprochen erhielt. "Die Wege des teelschen Hans", "Das Lied von der Freundschaft" und "Meister Eckehart" folgten – und dann, 1927 und in Lübeck gedruckt: "Die Sprüche des Fu-kiang", in dessen Haut Gurk geschlüpft war. Zwei beliebige Seiten daraus:

- Wer aber verlangt Treue?" fragte mich ein Weib. "Wer Sklaven braucht", antwortete ich. Da wurde das Weib zornig, denn sie hatte keinen Mann.

- Was ist der Durchschnitt? Die Ungerechtigkeit gegen das Oben und das Unten.

- Ich, Fu-kiang, sah auf einer Bank vier alte, häßliche Weiber sitzen. Sie sprachen mit hohlem Kummer, und das Laub der Bäume wurde welk von ihrem Gespräch.
Als ich aber diese Worte verstand: "Man muß den Göttern danken, daß man noch lebt!" – erkannte ich, Fu-kiang, daß auch Frömmigkeit ein Laster sein könne, Schönheit aber sicher eine Tugend sein müsse.
Da ich aber dies erkannt hatte, erkannte ich nach einer zeit, wie alt ich schon sein müsse, um dies zu erkennen.

- Ein Teppich lag auf einem Wege, den viele gingen. Und als es Abend wurde, war er grau und Staub wie der Weg, also daß nicht Farbe und Muster und nicht das Gewebe der Seide zu erkennen war. Der Teppich war Weg geworden.
Da sprach ich, Fu-kiang, zu meiner Seele: "Dies ist dein Gleichnis, o Seele, wenn du den Markt und die Ereignisse des Marktes über dich ergehen läßt."

Sinnsprüche und -geschichtchen sind das, in chinesischem Gewand, auf wohl hundert ungezählten Seiten, hübsch aufgemacht. Auch andere nutzten solch eine Verhüllung.

Paul Gurk: "Die Sprüche des Fu-kiang" Gurk schrieb fleißig weiter. Die meisten seiner Werke blieben ungedruckt, doch bis 1924 war er Stadtobersekretär in Berlin gewesen, lebte dann im "Wartestand" und bezog eine schmale Pension. Manche seiner Werke wurden von den Nazis verboten, doch berühmt wurde er nie, hielt sich auch allen literarischen Moden fern, schuf gleichzeitig ein umfangreiches Werk von Gemälden und Zeichnungen. Ein Eigenbrötler blieb er zeitlebens, klagte aber nicht viel.

Mehrmals wandte er sich noch Chinathemen zu. "Die Traumstadt des Kaisers Kien-Lung" erschien 1943 in Prag, eine Erzählung "Die Geschichte des Kaisers Sung aus der Tsungdynastie" wurde wohl nie veröffentlicht.

Solchen vergessenen Literatenexistenzen sollten die Literaturwissenschaftler öfter als gewohnt nachspüren. In vieler Hinsicht erscheinen sie als aufschlußreicher denn die immer wieder herumgewälzten Großmeister. Das dachte vielleicht auch der Magistrat von – damals – West-Berlin: Am 26. April 1970 brachte er an Paul Gurks letztem Wohnsitz, Afrikanische Straße 144b in Berlin-Wedding, eine Gedenktafel an, und 1987 erhielt Paul Gurk auf dem Domfriedhof II ein Ehrengrab.

Interessant ist auch der Weg dieses Büchleins auf einen Sinologenschreibtisch: Der erste Eigentümer war wohl die Bibliothek der "Nordische Rundfunk A.G.", Inv.-Nr. II 3656; dann kam die "R.R.G. Reichssender Hamburg", Inv.-Nr. 1935 A 1392. Jetzt wurde es aus der "NDR-Bibliothek - Hamburg" förmlich gelöscht, und eine liebenswürdige Nachbarin entdeckte es, bevor es möglicherweise in einen Abfallcontainer gelangt wäre. Genau betrachtet, ist es eine kleine Kostbarkeit. – Ob diese "Sprüche des Fu-kiang" jemals in einer Rundfunksendung vorkamen?
 
 
 

 Ein China-Protestdichter

Albert Ehrenstein (23.12.1886-8.4.1950) gilt als einer der zornigen Unerbittlichen unter den Autoren des deutschen Expressionismus. Um Wahrheit und Menschlichkeit und um die Unterdrückten ging es ihm. Bekannt wurde er zunächst durch Erzählungen wie "Tubutsch" (1911) und "Der Selbstmord eines Katers" (1912). Als heftiger Kriegsgegner zeigte er sich im 1. Weltkrieg, resignierte zusehends, veröffentlichte Essays und Übersetzungen aus dem Chinesischen.

Unzählige aphorismusartige Sentenzen finden sich in seinen Werken: "Mittelschule: ein Mittel des Staates, durch die Schule die Jugend in dauernder Unbildung zu erhalten." – "Was für ein Augenaufschlag! Eine mörderische Augenaufschlägerin." – "Der Staat ist die Ausrede für die Willkür Einzelner." – "Die Liebe ist die Konzentration des Lebens. Aber die Ehe ist das Konzentrationslager der Liebe." – "Auf den Schlachtfeldern tötet sich brüderlich das internationale Proletariat, aus Liebe zur Besitzlosigkeit und Fürsorge für die Reichen das Vaterland verteidigend."

Schon 1932 begab sich der Österreicher Ehrenstein in die Emigration nach Zürich und floh 1941 weiter nach New York. Vergessen und verbittert starb er dort in einem Armenhospital.

"China klagt. Nachdichtungen revolutionärer chinesischer Lyrik aus drei Jahrtausenden" war der Titel eines Bändchens, das er 1924 im gleichfalls "revolutionären" Malik-Verlag herausbrachte.

Die "drei Jahrtausende" befremden ein wenig. Dreizehn "Nachdichtungen" aus dem klassischen "Buch der Lieder", dessen Texte überwiegend in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. entstanden, stehen in dem Bändchen, zwei nach Tu Fu (712-770) und neun nach Po Chü-i (772-846). Das ergäbe einen Zeitraum von 1800 Jahren, doch nach seinem Vorwort führt Ehrenburg noch zwei Texte ohne Autorenangabe an: "Kampflied der Chinesen", "An die Freiheit". Vielleicht stammen diese Texte von Ehrenstein. Er hätte sich dann selbst zum Chinesen gemacht – und dann käme das auch mit den "drei Jahrtausenden" hin. Eine der Nachdichtungen aus dem "Buch der Lieder" lautet:
Der Junker

Vor dem Tore steht die Eiche,
Doch die Ulme wächst am See.
Drunter sitzt der ihnen gleiche
Sorgenfreie Herr von Tse.

Einen Glückstag wählt er eben,
Um aufs Feld sich zu begeben;
Reis und Mais wird er nicht pflanzen,
Aber wie ein Reiher tanzen.

Einen Glückstag wählt er aus,
Und verfügt sich aus dem Haus;
Zwar den Hanf wird er nicht säen,
Aber stets spazieren gehen.

Das soziale Engagement dieser "revolutionären chinesischen Dichtung" in den Nachdichtungen Ehrenstein wurde oft hoch gerühmt, auch sein Pathos. Er schreibt in seinem Vorwort: "Die hier mitgeteilten Übersetzungen aus dem Schi-King greifen meist auf Rückert zurück (…). Gemeint ist die erste Übersetzung dieses Klassikers in die deutsche Sprache durch Friedrich Rückert (16.5.1788-31.1.1866). Sie erschien 1833 in Altona und ist weitgehend vergessen. Rückert übersetzte diesen Liedtext:
Der Müßiggänger

Vor dem Thore steht die Eiche,
Und die Ulme wächst am See.
Drunter sitzt der ihnen gleiche
Sorgenfreye Sohn von Tsee.

Einen Glückstag wählt er eben,
Um aufs Feld sich zu begeben;
Dort wird er den Mais nicht pflanzen,
Aber einen Reihen tanzen.

Einen Glückstag wählt er aus,
Und verfügt sich aus dem Haus;
Zwar wird er den Hanf nicht sän,
Aber doch spazieren gehen.

Da hat Ehrenstein nicht viel "nachgedichtet"! Die gravierendste Abweichung von Rückerts Übersetzung liegt in der Variante "Reiher/Reihen". Wußte Ehrenstein nicht, daß "Reihen" eben "Reigen" bedeutet, verlas dieses Wort zu "Reiher", welcher Vogel doch nicht – im Unterschied zu den Kranichen – tanzt, sondern meistens stocksteif herumsteht und auf Beute wartet?

Auch sonst hat Ehrenstein die Rückert'schen Vorlagen einfach übernommen. Die meisten deutschen "Übersetzer" aus dem "Buch der Lieder" kannten kein einziges chinesisches Schriftzeichen, auch Rückert nicht, der seinerseits auf einer älteren Übersetzung ins Lateinische fußt. Ein Jungforscher, der einmal die Geschichte der deutschen Übersetzungen aus dem "Buch der Lieder" schreibt, wird die erstaunlichsten Überraschungen erleben – und manch ein wohlbekannter "Übersetzer" sollte noch im Grabe rote Ohren bekommen.

Ehrenstein "An die Freiheit" hebt an: "Freiheit, höchste Segnung des Himmels!/ Vereint mit dem Frieden,/ wirst du auf Erden/ Wirken zehntausend Zauberwunder des Neuen." Ein so frommer wie dereinst revolutionärer Wunsch ist das, und die Alliteration, na ja … doch sonst: Diese Verse mögen sich für ein neues Jahr eignen – zehntausend Zauberwunder allen Lesern dieser Notiz für das Jahr 2005!
 
 
 [China - Hamburg]   [ChinaS]   [Schreibtisch-Notizen]   [Chinatexte] 
 
Seitenanfang Hauptseite Suche & Archiv Impressum