Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 36
28. Dezember 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Ein mustergültiger Journalist: Winfried Scharlau

Als Dr. Winfried Scharlau am 27. September vor der Hamburger Sinologischen Gesellschaft und der Chinesisch-Deutschen Gesellschaft über den Singapur-Staatsmann Lee Kuan Yew referierte, befürchteten manche, daß dies sein Schwanengesang sei. Er sprach kenntnisreich und abgewogen, elegant in der Diktion. Erst in der anschließenden Diskussion deutete er an, wie oft er mit diesem zusammengetroffen sei, doch vorsichtig und gewissenhaft versagte er sich Äußerungen über gegenwärtige Politiker in Singapur. Er war ein Journalist der besonderen Art: nahe am Geschehen, vertraut mit den Hintergründen, unbestechlich und gewissenhaft bei seinen Kommentaren. In der Fernsehberichterstattung über den Vietnam-Krieg gab er dereinst die Genauigkeiten.

Den Vortrag über Lee Kuan Yew hatte Winfried Scharlau einige Monate davor für eine andere Gelegenheit vorbereitet. Damals vereitelte der Ausbruch der Krankheit den Vortrag. An diesem 27. September sprach er wie gewohnt: still und zugleich kräftig, sorgfältig artikulierend. Erst in der Diskussion bemerkten die zwei, drei im Publikum, die seine Krankheit kannten, daß seine Stimme schwächer wurde, doch er ließ sich das nicht anmerken und antwortete geduldig. – Auch solch eine Haltung gehörte zu diesem Menschen, der am 7. Dezember 2004 starb.

Dr. Winfried Scharlau (2. v. links)

Die Journalisten mögen den Journalisten Winfried Scharlau würdigen – und vor allem seiner Vorbildlichkeit, auch in den späteren Funktionen, die er ausübte, gedenken. Die ChinA des AAI und die HSG werden ihn auf andere Weise nicht vergessen: Oft und ohne jeden Aufwand war er bereit, an ihren Veranstaltungen mitzuwirken – eine Podiumsdiskussion zu moderieren, beispielsweise. Noch öfter kam er "einfach so" zu ihren Veranstaltungen – aus Interesse an Asien und Asiatischem. Was ihn zu diesem Interesse führte? Kein Außenstehender weiß das, denn dieser Mann verfügte auch über seine Verschlossenheiten und wußte seine Außenwelt von der privaten zu trennen. Leider trachten nur wenige der bekannten Fernsehköpfe ebenso danach.

Seine letzte große Fernsehdokumentation befaßte sich unlängst mit den Greueln der "Kulturrevolution" in China und deren Nachwirkungen. Dieses Projekt führte zu einer spannenden Lehrveranstaltung in der ChinA, und vor einigen Jahren hatte er in dem Büchlein "Gützlaffs Bericht über drei Reisen in den Seeprovinzen Chinas 1831-1833" an diesen deutschen Chinaenthusiasten und -kenner, auf welchen auch der chinesische Name für Hamburg zurückgeht, erinnert. Eine Studentin der ChinA, Katja Levy, ging ihm dabei ein wenig zur Hand.

Selbstbewußt hörten sich seine Urteile oft an – vor allem, wenn er für den NDR im Rundfunk ein politisches Buch rezensierte. Bescheiden und zurückhaltend ging er trotzdem mit anderen um, mit den Autoren solcher Bücher und im Alltag. Und als der Berichterstatter vor einiger Zeit die Vorzüge des Busfahrens entdeckte, begegnete er auch dabei Winfried Scharlau öfter – in der Linie 109, auf dem Weg zu einem Termin in der Stadt. Aufheben mit sich und um seine Person gab es nie.

Seine Familie schrieb in der Todesanzeige: "Er ist in Würde gestorben." Nicht anders lassen sich Winfried Scharlaus letzte Wochen und Tage vorstellen, das Unausweichliche im Bewußtsein. Die Würde der Menschen, der einzelnen, und die universale Menschenwürde waren die Leitbilder seines Wirkens.
 
 
 

 Eine Studierenden-Statistik

In HCN 35 stand eine erste Notiz über den Jahrgang von Studierenden der Sinologie in Hamburg, der gegenwärtig das belastungsstarke 3. Semester absolviert und auch künftig genauer betrachtet werden soll.

Solche Daten bedürfen der Einbettung in die allgemeine Szenerie des Hamburger Sinologiestudiums. Deshalb sollen sie durch Daten über diese begleitet werden, nach und nach verfeinert.

Gemäß einer universitätsoffiziellen Aufstellung sind in diesem Wintersemester 2004/05 genau 212 für das Fach Sinologie als Hauptfach eingeschrieben. Dieses Fach wurde zwar vor knapp dreißig Jahren in Hamburg zweigeteilt (I Sprache und Literatur, II Staat und Gesellschaft), doch diese Zweiteilung ist für allgemeine Daten wenig relevant. Die Zahl der Nebenfächler ist unbekannt, da sie offiziell nicht erhoben wird. Die ChinA ist ihrerseits bestrebt, diese Zahl klein zu halten, zum Beispiel über die Zugangsberechtigung (numerus clausus) zu den Sprachkursen.

Studierendenstatistik Von den 212 Immatrikulierten sind 13 für ein Promotionsstudium eingeschrieben, obwohl für eine Promotion in Hamburg die Immatrikulation nicht vorgeschrieben ist. Die Beweggründe sollen hier nicht erörtert werden. In den hier interessierenden Magisterstudiengängen sind also 199 junge Menschen eingeschrieben, 117 weiblichen und 82 männlichen Geschlechts.

Jemand, der persönliche Geschicke von Studierenden der Sinologie kennt, wundert sich oft über die Buntheit der Lebensläufe. Statistisch drückt sich diese rudimentär schon darin aus, daß bei nicht wenigen die Zahl der Studiensemester nicht mit der Zahl der Fachsemester übereinstimmt. Bei den gegenwärtigen Erstsemestern in der ChinA stimmen bei 28 beide Zahlen überein, bei 11 hingegen nicht; bei den Drittsemestern ist das entsprechende Verhältnis 25:14, bei den Fünftsemestern gar 10:10.

In nicht wenigen Fällen sind beide Zahlen erstaunlich weit voneinander entfernt: Hochschulsemester 22: Fachsemester 5, 17:7, 11:3, 16:3, 8:1, 7:1, 14:3, 6:1, 10:3. Selten ist der Umstand, daß die Statistik die Semesterzahlen eines abgeschlossenen Erststudiums hier einrechnete, dafür verantwortlich. Meistens wurde ein anderes Studium erst nach verhältnismäßig langer Zeit abgebrochen und das Fach Sinologie neugewählt. Die Auswirkungen dieses Umstandes sollen später genauer gewürdigt werden.

Die tatsächliche Studienzeit bis zum Magisterexamen lag in der ChinA nach Erhebungen über die Jahre nach 1980 stets knapp über durchschnittlich 12 Semester. Gegenwärtig weisen noch 27 von den 199 MA-Studierenden eine höhere Semesterzahl auf. Dies gilt, obwohl die gesetzlich angeordneten Semestergebühren für Langzeitstudierende und nachhaltige Anstrengungen der ChinA diese Zahl reduzieren sollten. Sie erscheint denn auch nicht als unvertretbar hoch. Die Fachsemesterzahlen dieser "Veteranen" bewegen sich zwischen 13 und erstaunlichen 43.

Diejenigen, die 13 Fachsemester und ein wenig mehr aufweisen, können einstweilen noch als unproblematisch gelten, zumal zumindest einige gegenwärtig ihr Examen anstreben – und bei dem "Methusalem" mit den 43 Semestern läßt sich unterstellen, daß er sich der ChinA einfach dauerhaft verbunden fühlt. Bei einigen anderen wird demnächst ein ausführliches Beratungsgespräch naheliegen. Was aber ist mit den "Hochsemestrigen", die nie ein Lehrangebot an der ChinA wahrnahmen?

Noch eine Zahl sei heute mitgeteilt: Von den 199 MA-Studierenden tragen 39 einen Namen, der auf eine ostasiatische Herkunft deutet: China, Japan, Korea, Vietnam. Das sind ziemlich genau 20 Prozent. Die genauere Kenntnis der Personen erweist, daß dies einerseits aktuelle Staatsangehörige der genannten Länder sind, die sich zu einem Auslandsstudium in Hamburg aufhalten, und andererseits sind das in Hamburg oder sonst in Deutschland ansässige Kinder von dauerhaft Eingewanderten aus den genannten und weiteren Gebieten, die oft auch über die deutsche Staatsangehörigkeit verfügen.

Die seitens der Gesetzgeber angeordnete Einführung von BA/MA-Studiengängen wird in der ChinA noch auf sich warten lassen. Diese können – unbestreitbar! – Vorzüge aufweisen, doch um diese tatsächlich zur Geltung zu bringen und die mit ihnen verbundenen – und zu befürchtenden! – Nachteile zu vermeiden, sind genaue Überlegungen erforderlich, vor allem für den ganzen und in Deutschland einzigartigen Fächerverbund im AAI. Dem dienen, unter anderem, auch diese kontinuierlichen Erhebungen über die gegenwärtigen ChinA-Studierenden.
 
 
 

 Ein ärgerlicher Nikolaus

Der diesjährige Nikolaustag, der 6. Dezember, fiel auf einen Montag. An diesem Tag ist Brauch, daß Verwandte und Freunde sich kleine Geschenke machen – ehedem in richtigen, später in nachgebildeten Stiefeln verborgen. Das kann heutzutage zu erheiternden Augenblicken führen – bei jenem Bekannten zum Beispiel, dem seine übermütigen Göhren einige zarte, kirschwassergefüllte Pralinés in die geliebten ausgetretenen Tagesschuhe bugsierten, und zwar in deren Spitzen. Die nächsten Wochen wird er diesen Tagestretern entsagen müssen.

Einen "Nikolaus" eigener Art bescherte die Uni-Verwaltung am 6. Dezember dieses Jahr den Nutzern von Dienstzimmern im AAI, genauer die "Abteilung Bau- und Gebäudemanagement. Referat Haushalt und Controlling. Gebäudewirtschaft. Name des Sachbearbeiters". Letzterer erklärte den "lieben Kolleginnen und Kollegen": "ab dem 01.12.2004 wurden die Reinigungsleistungen in Ihrem Arbeitsbereich geändert." – Irgendetwas stimmt hier nicht, denn das Schreiben trägt das Datum vom 24. November, aber diese Räume waren tatsächlich seit dem 1. Dezember nicht gereinigt worden. Klammheimlich wurde da etwas geändert, und die allfälligen Beschwerden führten dann zu diesem "ankündigenden", aber vordatierten Schreiben, das offenbar die "Putzleute" auf die Schreibtische legten. – Die versehentlich gewählte Vergangenheitsform ist wieder einmal die verräterische Freud'sche Fehlleistung.

Das Schreiben fährt fort: "Zukünftig werden die Räumlichkeiten wie folgt gereinigt: Normal genutzte Büroräume und andere vergleichbare Bereiche = 1x wöchentliche Reinigung."

Daß diese Räume bisher täglich gereinigt wurden, verschweigt dieses Nikolausgeschenk. "Normale" Nutzung heißt im Falle des Berichterstatters: Montag bis Freitag regelhaft sechs bis sieben Stunden, Sonnabend und Sonntag jeweils drei bis vier. Andere Nutzer verweilen, dienstgeplagt, noch länger im AAI – und künftig wöchentlich nur eine Reinigung?! Da wird sich mancher einen blauen Sack der Stadtreinigung neben seinen Papierkorb stellen und zu Weihnachten schon einmal einen handlichen kleinen Staubsauger wünschen müssen.

"Verschmutzungs-intensive" Bereiche sollen künftig alle zwei Tage, die WCs gar weiterhin täglich gereinigt werden. Der Brief fährt fort: "Außerdem verspricht sich die Universität durch eine parallel eingeführte Qualitätskontrolle eine erheblich höhere Reinigungsqualität." – "Die Universität" verspricht sich davon, zunächst einmal, gar nichts, denn das sind in erster Linie die Lehrenden, Studierenden, Forschenden, denen die Universitätsverwaltung als Dienstleister zur Seite steht, doch offenbar definiert sich die Verwaltung eben als "die Universität". Der nächste verräterische Lapsus! Dann die "Qualitätskontrolle": Wird künftig ein – neu angestellter? – Verwaltungsangestellter dieses so beliebte "controlling" besorgen und jeden Tag den Putztrupps hinterherschleichen? Oder wird er auch einmal, Tage nach der letzten Reinigung, die Dienstzimmer klammheimlich inspizieren: Was hat der Prof. da jetzt für einen Saustall?

Der Brief fährt, nicht ohne Zynismus, fort: "Wir hoffen, das (!) Sie mit der Reinigungsleistung weiterhin zufrieden sein werden." – Seit seinem Umzug in den Ostflügel des AAI war der Berichterstatter das, und manchmal war er gar überrascht darüber, mit welcher Umsicht diese "Reinigungsleistungen" erbracht wurden. Kleine Details zeigten, daß sich öfter einmal Hausfrauenaugen umsahen.

Kurios deshalb: Diesen sorgfältig arbeitenden Dienstleistern wollte der Berichterstatter alljährlich ein kleines Weihnachtsgeschenk und einen ebensolchen Geldschein als Dank übermitteln. Wohin er derlei auch legte, auch mit einem deutlich sichtbaren Schreiben versehen – das wurde nie mitgenommen. Offenbar haben diese, ausländischen, Universitätsmitarbeiter die strikte Anweisung, aus den Dienstzimmern nichts aufzuheben oder mitzunehmen, außer den Inhalten von Papierkörben. Deren Arbeitsmoral war bisher hoch zu loben, doch wenigstens einmal im Jahr hätten sie davon absehen sollen!

Ach ja, da wäre noch das "das (!)" da oben. Hierfür ist weder "die Universität" noch "die Verwaltung" verantwortlich, sondern die sogenannte Rechtschreibungsreform. Dieser orthographische Fehler nimmt in letzter Zeit überhand – und kein PC-Programm kann ihm abhelfen.

Ein elender Brief und ein elender Vorgang – und der Nikolaus des Jahres 2005 möge zahlreiche und vor allem wirkungsvolle Ruten zur Hand nehmen!

Nachtrag: Am Morgen des 14. Dezember blickte die Putzbrigade das nächste Mal in dieses Dienstzimmer Flügelbau Ost Rm 134. Sie leerte den Papierkorb, sonst tat sie nichts, wie leicht zu erkennen war. Dann aber, noch eine Woche später: Herrlich! Der Teppichboden wurde gesaugt. – Alle zwei Wochen also?!
 
 
 

 Ein sinologischer Anfangsgruß

Auf den ersten Blick sieht dieses Heft aus, als sei es auf traditionelle chinesische Weise fadengeheftet. Der zweite Blick lehrt, daß diese Fadenheftung nur aufgemalt ist und daß zwei Stahlklammern die neunzehn Doppelseiten des Textes und die beiden Umschlagkartons zusammenhalten, aber diese Camouflage macht nix. Auch sonst ist die Aufmachung des Heftes einem chinesischen Buch-Faszikel nachempfunden: hübsch gemacht!

Serica 0 "Sinologische Anfänge" lautet der Titel dieser O-Nummer von "Serica", einer Zeitschrift, die Studierende der Sinologie am Ostasiatischen Seminar (OAS) der Freien Universität in Berlin jetzt in die Welt schickten. "Sinologische Anfänge" bedeutet hier eine Menge und vor allem Abwechslungsreiches: Sinologen-Ziele in Berlin, ein Exzerpt aus Canettis "Blendung", "Monstrosum China", Ausführungen über die Bezeichnungen für China, Probleme des Sinologiestudiums, ein Porträt des Profs von Mende: sympathisch-grauslig karikiert und als eine der zahlreichen chinesischen "Minderheiten" vorgestellt, Erinnerungen an erste Gänge in das OAS, ein Beitrag über die Vorgeschichte des Heftes: "150 Jahre Serica", ein lästerlicher Fragebogen, ein deutsch-chinesisches Kreuzworträtsel und noch mehr hat sich die Redaktionsgemeinschaft ausgedacht.

Angenehm geschrieben ist alles, zahlreiche Abbildungen erfreuen, der zweispaltige Satz vermeidet Buchstabenwüsten – und nicht nur für sinologische Anfänger bietet das Heft manchen Aufschluß. Wer laptopmüde die Augen erholen und den Geist ablenken will, der sollte das Heft bei sich tragen.

"Sinologen ohne Grenzen" nennen sich die Initiatoren dieses Projekts, und auch das kann viel bedeuten. Auf jeden Fall erhoffen sie sich schon einmal Kontakte mit Sinologinnen/Sinologen außerhalb von Berlin, in der großen weiten Welt. Unter www.sinologen-ohne-grenzen.de lassen sich weitere Informationen abrufen, und unter fu@sinologen-ohne-grenzen.de sind Kontakte willkommen. Das nächste Heft soll im März 2005 erscheinen, und der dafür vorgesehene Beitrag "Topographie des TerrOAS" läßt schon jetzt erwartungsvoll schmunzeln.
 
 
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