Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 36
28. Dezember 2004
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Ein Weihnachtsmarkt und der China-Tourismus

C&A wirbt, wie sonst H&M, mit Neunzehntel-Nackten in Billigstdessous. Der SPIEGEL titelt "Stille Nacht, billige Nacht". Über dem Rathausmarkt wabern die Düfte von Bratwürsten und Glühwein, auf ihm stehen auch einige Stände mit Laubsägearbeiten und Kerzen. Eine Blaskapelle posaunt "Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all" und "Macht hoch die Tür, die Tor' macht weit". – Jetzt weiß der Hanseat: Es weihnachtet sehr. In diesem Jahr entzückt ihn zusätzlich ein wirres Gehüpfe von Lichtpunkten am Rathausturm – dank "Lichtkünstler" Matz und einem Sponsor.

Die Weisen mit den Kinderlein sowie Tür und Tor – die zielen auf das Geschäft, und möglicherweise sollen sie gar Touristen aus nah und fern anlocken. Vor allem die fernen! Über solche wußte die "Welt" am 23. Oktober erfreut zu berichten: "Chinesen stürmen Hamburg – Tourismus legt zu: 1,6 Millionen Besucher in der Hansestadt, zehn Prozent mehr als 2003, "Hamburg will sich unter den Top ten der Tourismusmetropolen Europas etablieren". 39,8 Prozent mehr Chinesen seien gekommen. – Auf den Hamburger Weihnachtsmärkten mahnten, trompetend, auch die Zeugen Jehovas und die Heilsarmee. Menschen mit ostasiatischen Gesichtszügen ließen sich auf ihnen nicht blicken.

39,8 Prozent mehr! Aber wieviel waren das, nach Köpfen und Übernachtungen gerechnet? 22.852 mal übernachteten Chinesen im Jahre 2003 hier, und da jeder durchschnittlich 1,9 Nächte hier ruhte, waren das ungefähr 12.000 chinesische Besucher. Also könnten das im Jahre 2004 so 16.000 gewesen sein, die meisten mit Sicherheit Geschäftsleute, keine Touristen. So sehr "stürmen" die Chinesen Hamburg offenbar nicht. – Jana Sommer, Studentin der Sinologie, untersuchte für eine Seminararbeit den chinesischen Hamburg-Tourismus, und sie weiß auch, daß diese Gäste je Tag 210 Euro in Hamburg lassen.

Am 8. September hatte die "Welt" herausposaunt "Shanghai-Tourismus errichtet Europazentrale in Hamburg" – d.h. will das, denn dazu gehört ein chinesisches Teehaus am Völkerkundemuseum, und das kommt nicht voran. Ein Kenner des China- und des Chinesen-Tourismus, O. F., schrieb an HCN unter anderem: "… und mußte im Laufe der vergangenen Monate feststellen, daß man sich in Deutschland, zumindest in vielen Regionen, eher gar nicht auf den Tourismus aus China einstellt. Der Erfolg ist, daß immer mehr Chinesen Europarundreisen buchen, in denen Deutschland nicht mal als Ankunfts- oder Abflugflughafen vorkommt. Selbst die Deutsche zentrale für Tourismus scheint das Handtuch geworfen zu haben. (…) Die Tourismusindustrie in Deutschland ist gut darin zu jammern, wie schlecht es ihr geht, noch besser aber ist sie darin, Trends zu verschlafen."

Weihnachtsmarkt Hamburg Immerhin freut sich O. F. darüber, daß Hamburg ein paar Plakate mit chinesischen Schriftzeichen aufgehängt habe, als Wegweiser. Wahrscheinlich hat er recht mit seinem kritischen Urteil. Chinesischsprachige Stadtpläne für Hamburg gibt es schon, auch solche Werbe-CDs und Reiseführer, doch niemand weiß, wie er sie beziehen kann. Offenbar erreichen sie ihr Zielpublikum in China nicht.

Wahrscheinlich ist auch für die Hamburger Touristenwerbung in China ein Rahmenkonzept aller Interessierten notwendig, zum Wohle der Hansestadt und zum eigenen der Beteiligten. Nicht, daß Hamburg in China für seine diversen Weihnachtsmärkte werben sollte – den auf dem Rathausmarkt, den "besonders stimmungsvollen" auf dem Gänsemarkt und die verstreuten anderen! Doch die Beteiligten könnten Konzeptfindung schon einmal üben, damit sich die Weihnachtsmärkte etwas stärker vom "Alstervergnügen" im Sommer unterscheiden und eine charakteristische Note bekommen. Wozu gibt es schließlich seit Jahren diesen neuen Beruf der Straßen- und Passagen- und sonstiger Manager?

Auch für einen Weihnachtsmarkt sind Ideen notwendig, soll dieser nicht so billig erscheinen wie bisher. Bald würde der sicher Besucher aus – sagen wir einmal – Stade anlocken. Dann ließe sich auch über größere Fernen nachdenken. "Inwieweit diese Maßnahmen", urteilt Jana Sommer zögernd über die bisherigen mehr oder weniger amtlichen Anstöße, überarbeitet, ausgebaut und ergänzt werden, wird sich erst anhand der zukünftigen Entwicklungen zeigen." Der noble Uhrenhändler Wempe in der City wußte, warum er auf dem Titel eines chinesischen Stadtplans erscheinen wollte. Wenn aber Lichtkünstler Matz meint, die Rathaus-Illuminierung sei "weltweit beachtet" worden, wie das "Abendblatt am 17.12. zögernd weitergab – ob für ihn die Welt an der Schmuckstraße, dereinst HHs "Chinatown" endet?
 
 
 

 Eine Sammlerin und chinesische Schattenspiele

Chin. Schattenspiel Bald werden diese drei Künste aus der chinesischen Alltagswirklichkeit verschwunden sein! Am Anfang steht der Schneidekünstler, der filigrane Gestalten in Pergament schnitt und mit transparenten Farben lebhaft einfärbte: Schattenspielfiguren. Der fingerflinke Spieler führte diese auf transportablen Bühnen in chinesischen Dörfern vor, meistens nach Einbruch der Abenddämmerung. Zu seinem Spiel rezitierte der Sprecher die Texte, imitierte die Stimmen, singt schon einmal, zetert mit schriller Stimme und gibt auch noch den begleitenden Musikanten die Einsätze.

Die Kunst des Schattenspiels erfuhr in China zahlreiche, im Westen kaum bekannte, Ausprägungen. In kleinen Trupps zogen diese Künstler von Dorf zu Dorf. Ihre Themen und Personen entnahmen sie der volkstümlichen Erzählliteratur. Dazu gehörten der beliebte Affenkönig, auch der unerschrockene Richter Pao, der schon einmal einen kaiserlichen Kanzler vor sein Gericht zitiert und ihm zum Zwecke der Wahrheitsfindung Prügel androht. Ein wenig Helligkeit brachten solche Spiele in das harte bäuerliche Leben und die Hoffnung, daß im Reiche trotz allem Gerechtigkeit walte. Manchmal fügten die Spieler ihren Stücken aktuelle Anspielungen ein, und als "Zeitung" waren sie auf ihren Wanderungen von Dorf zu Dorf unersetzlich.

Einen liebevoll gestalteten kleinen Einblick in diese so bizarre wie heitere Welt bietet jetzt – und bis zum 9. Januar 2005 – das Museum Rade, gegenüber von Schloß Reinbek.

Luise Thomae, eine Lehrerin in Hamburg, hatte sich schon lange für die Traditionen der Schattenspiele interessiert. Nach ihrem Eintritt in den Ruhestand brach sie auf, um chinesische Schattenspielkünstler zu entdecken. Das muß man sich vorstellen: ohne Chinesischkenntnisse, ohne genauere Vorstellungen vom Land China, auch ohne Kontaktadressen! Energie, Hartnäckigkeit und Einfallsreichtum müssen derlei ersetzen, und schon bei ihrer zweiten Chinareise befand Luise Thomae sich auf der richtigen Fährte.

Inzwischen hat sie eine stattliche Sammlung von Schattenspielfiguren zusammengetragen, vor allem aus der Provinz Shaanxi. Im Museum Rade präsentiert sie ihre Schätze jetzt – angemessen arrangiert, nämlich in durch Stoffbahnen nachgebildeten Spielbühnen. Eine Reihe von Fotos bilden zusätzlich das ländliche Umfeld dieser vergehenden Dorfkunst ab, und wer Glück hat, der trifft Frau Thomae in der Ausstellung an, denn sie hat einige Aufführungen per Video dokumentiert und zeigt diese gerne, aber auch ohne jede Spur von Aufdringlichkeit, die solchen begeisterten Sammlern manchmal eignet.

Plötzlich spürt der Betrachter, wieviel Licht und Heiterkeit, kindliches Entzücken gar, diese Spiele dereinst in den ländlichen Gemütern in China aufsteigen ließen. Einen Abglanz davon vermittelt das Museum Rade – gerade passend zu den Grauheiten des hiesigen Winters.

» http://www.chinesische-schattenfiguren.de/

 
 
 

 Ein Gegenstand von geringer Bedeutung und eine Anregung

Am Morgen des 13. Dezember trat Liu Shu, eine so begabte wie tüchtige Studentin aus China, an den Schreibtisch des Berichterstatters. Sie trug eine schwarze Leinentasche über der linken Schulter. Fein und zurückhaltend in diese eingeschrieben waren, wiewohl auf kurze Entfernung lesbar, die Schriftzüge "Hamburg Summit. China meets Europe". Das entsprechende Logo schmückte die Schrift dezent. Liu Shu hatte die Umhängetasche von einem Teilnehmer an diesem "Gipfel" erhalten, und sie rühmte deren Vortrefflichkeit.

Das kann auch der Berichterstatter. Eine Woche davor hatte die kleine Tasche, in der er gewöhnlich seine Papiere vom häuslichen Schreibtisch an den dienstlichen – und umgekehrt – transportierte, gelitten. Nicht jeden Tag braucht er dafür den dickleibigen Pilotenkoffer, doch der Schaden an diesem ehedem verflixt hochpreisigen kleinen Ding war gering, nur der Handgriff an einer Seite gerissen, und das ließ hoffen. Ein Schuhmachermeister erklärte leider unverblümt, der Griff sei so dämlich konstruiert, daß er nicht reparierbar sei.

Hoffen auf Weihnachten also! Bis dahin war eine Überbrückung notwendig. Der Blick fiel auf diese Tasche vom "Summit", die noch von den abgeschleppten Prospekten und sonstigen Konferenzunterlagen gefüllt war, prall. Die sollte aushelfen – nicht gerade aus feinem Leder, doch allemal besser anzusehen als die Rücksäcke, die unausgesetzt deren Nichtträger behelligen, auch angenehmer als die Leinentaschen, deren knallige Aufdrucke sie als Werbeträger verraten. Diese Tasche mochte bis zur Erfüllung von Weihnachtshoffnungen genügen, doch eine flüchtige Umsicht in Fachgeschäften ergab auch, daß eine geeignete Nachfolgerin für die kleine Tagesmappe nicht im Angebot war.

So wird die "Summit"-Umhängetasche, die auch über einen Handgriff verfügt, noch länger als geplant Dienst tun, auf den Wegen zum Dienst und zur Wohnung. Das mindert das Hamburger Weihnachtsgeschäft um winzige Promillepunkte, doch immerhin – denn das entsprechende Angebot war nicht gut!

Hamburg Summit-Tasche Diese Tasche hingegen! Das Format stimmt, die Innenaufteilung ist in Ordnung, das Material scheint solide zu sein – und vor allem die Rahmenstabilität, die ist tadellos! Drei Flaschen Wein – oder, von mir aus, Mineralwasser – lassen sich darin verstauen, neben einigen Papieren, ohne daß sich die Tasche verzieht. Vielmehr sieht sie dann ganz so aus, als stecke ein praller Aktenordner in ihr. Das ist nicht der schlechteste Eindruck, den ihr Träger vermitteln kann.

Auch dieser nebensächliche Teil der "Summit"-Vorbereitung ist der Handelskammer vortrefflich gelungen, wie die ganze Veranstaltung (siehe HCN 35), aber auch er ist aufschlußreich für handelskammerliche Umsichtigkeiten.

Nicht die Handelskammer, aber der Hamburger Senat könnte sich seinerseits in solchen Angelegenheiten weiter umsehen als gewohnt: Mehrere Mails wiesen den Berichterstatter auf, auch vorher nicht unbemerkte, vergleichbare Veranstaltungen in anderen deutschen und europäischen Städten hin: Düsseldorf, Frankfurt, Berlin, München, Brüssel, Paris usw. Irgendjemand im Rathaus sollte einmal die China-Konkurrenz in Deutschland und Europa genauer beobachten, um die eigene Hamburger Außerordentlichkeit genauer unterstreichen zu können, ebenso die Art und Weise, in der Shanghai seine Partnerschaften mit anderen Städten weltweit gestaltet. Auch ein regelmäßiger Pressespiegel darüber, wie Hamburg in der Shanghaier und in der Pekinger Presse vorkommt, würde achdenklich stimmen.

China-Orientierung als eines von sechs "Leitbildern" der Zukunftsorientierungen in der Senatspolitik verlangt nach sehr genauen und vergleichenden Kenntnissen und umsetzbaren Strategien, nicht den vielfältigen bisherigen und zugleich diffusen Aktivitäten.

Die Aussicht, daß die Handelskammer für das Jahr 2006 einen Summit mit veränderter Konzeption plant und daß dann auch die 4. Hamburger China-Wochen stattfinden sollen, läßt hoffen. Hoffentlich hält die bescheidene Umhängetasche des ersten "Gipfels" bis dahin. – Anscheinend hat der Hamburger Senat die Organisation dieser China-Wochen 2006 in seine Hände genommen. Die bisherigen drei, seit 1988, waren überwiegend von chinainteressierten privaten Institutionen gestaltet worden. Mal sehen, was der so zustandebringt. Viel Vorbereitungszeit ist bereits ungenutzt verstrichen.
 
 
 

 Ein Großaufgebot und ein Kalender

Mitte Dezember mag es im Wirtschaftsministerium (Ministry of Economic Affairs, MOEA) der Republik China auf ´Taiwan ruhig zugegangen sein. Ein Großteil der "Führungsetage" war, unter Leitung der Ministerin Mei-yueh Ho, nach Berlin eingeschwebt.

In Zusammenarbeit mit dem "Taiwan-Ausschuß der Deutschen Wirtschaft" hatte die Wirtschaftsabteilung der Taipeh-Vertretung in der Bundesrepublik Deutschland zu einem Seminar "Business and Investment Opportunities with (!) Taiwan" eingeladen. Es fand im Großen Ballsaal des luxuriösen Hotels Grand Hyatt statt.

Die Themen der Fachdiskussionen waren "Biotechnologie/Pharmazie", "Optoelektronik/Halbleiter", "Erneuerbare Energien" und "Informationstechnologie". Sie zeigen – auch das Ausrufungszeichen oben deutet auf solch einen Aspekt – wie Taiwan, das sich zugleich als "Das Tor zur Asien-Pazifik-"Region" kennzeichnete, eine künftige wirtschaftliche Zusammenarbeit vorstellt.

Auch solche Ereignisse sollten in der hamburger und deutschen Öffentlichkeit wahrgenommen werden, nicht nur in Fachblättern.

Wenige Tage nach diesem "Seminar", das seiner Bedeutung nach weit über den Rahmen eines solchen hinausging, erreichte den Berichterstatter – durch das Büro Hamburg der Taipeh-Vertretung übermittelt – ein Kalender für das Jahr 2005, von der Zeitschrift "Sinorama" gestaltet.

Sinorama-Kalender 2005

Bei manchen Chinafreunden hat sich dieser Kalender aus Taipei über die Jahre hinweg fast den Status eines Kultkalenders erworben: heiß begehrt! Von den praktischen Teilen abgesehen, trugen hierzu vor allem die verschwenderisch eingefügten Abbildungen bei. Sie illustrieren stets, knapp und mehrsprachig erläutert, einen Bereich der chinesischen Kultur, oft mit besonderer Berücksichtigung der taiwanischen Sonderentwicklungen.

Für das Jahr 2005 wurde ein aktuelleres Thema gewählt: der taiwanische Film, der, wie die Filmkunst aus der VR China, in den letzten Jahren weltweit für Aufsehen sorgte und zahlreiche große Preise einheimste. Allein über die Filmposter, die der Kalender abbildet und die hierzulande naturgemäß weitgehend unbekannt ist, ließe sich eine längere Abhandlung schreiben – so "spannend" sehen sie aus.

Beides – Engagement bei dem Wirtschafts-"Seminar" und dieser Kalender – zeigen, daß die Verantwortlichen in Taipei gegenüber der übermächtigen VR China voller Selbstbehauptungswillen sind. Das hat nicht unbedingt etwas mit irgendeiner Politik zu tun. Zunächst stellt sich auf diese Weise eine Wirtschafts- und Kulturregion dar – der Konkurrenz eingedenk. Ob es für das Jahr 2006 auch einmal einen vergleichbar vortrefflichen Shanghai-Kalender gibt und für die China-Wochen 2006 eine vergleichbar herausragende Shanghai-Delegation?

– Und ob auch die Freie und Hansestadt einen solchen Kalender für die Freunde und Partner in Shanghai und im sonstigen China zusammenstellen läßt? Den würden viele Firmen und Privatleute gerne erwerben, um ihn als Geschenk zu versenden – nicht nur nach Shanghai und das sonstige Great China auf dem Festland, das Greater China bis hin nach Singapur, auch das Little China auf Taiwan? Der müßte allerdings die informative Qualität und Anschaulichkeit dieses Taiwan-Kalenders aufweisen.
 
 
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