Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 35
6. Dezember 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
 

 Wider eine sinologische Marotte – und zugleich eine Empfehlung!

Lexikon der chinesischen Literatur, hg. v. Volker Klöpsch und Eva Müller Dieses Lexikon bietet einen Überblick über die chinesische Literatur, von den Anfängen bis zur Gegenwart. 416 kurze Ausführungen zu Autorennamen, Texttiteln und Sachstichwörtern genügen seinem Anspruch, der klug bedacht wurde, durchweg. Es wendet sich an "den allgemein literarisch interessierten Leser", doch auch Adepten der Sinologie würde seine häufige Handhabung fördern – erst recht seine Lektüre. Alle Beiträge sind in einer angenehm klaren und unprätentiösen Sprache abgefaßt, und die Kenntnisse, die sie vermitteln, sind solide und anregend, zur weiterführenden Lektüre nämlich. Wenn möglich, verweisen die Beiträge stets auf Übersetzungen in leichter zugängliche Sprachen.

Wer – halbwegs fachkundig – dieses Lexikon genau betrachtet, wird kleine Unzulänglichkeiten entdecken: ungeschickte Formulierungen, nicht durchgeführte Auszeichnungen, problematische Transkriptionen, ebensolche Titelübersetzungen, und manchmal haben die Autorinnen/Autoren ein Werk, das sie in ein, zwei Sätzen beschreiben, offenbar schon längere Zeit nicht in der Hand gehabt. Über manche Feststellung mögen sich die Fachleute streiten, über die zum Beispiel, daß das Enjambement in der chinesischen Lyrik keine Rolle spiele. Das sind, wie gesagt, kleine Unzulänglichkeiten. Niemand in der angestrebten Leserschaft wird sie bemerken. Wundern werden sich diese Leser hingegen über einen Umstand:

Ein Namenseintrag zu einem Autor im Bereich der traditionellen Literatur beginnt in der Regel nach folgendem Muster: "Ouyang Xiu, zi Yongshu, hao Zuiweng u. Liuyi Jushi", wobei das "Ouyang Xiu" gefettet ist, während die Transkriptionen "zi" und "hao" kursiv gesetzt sind. Trotz dieser Auszeichnungen ist das für einen "allgemein literarisch interessierten Leser" eine Transkriptionswüste: schwer verdaulich – und unverständlich.

Zwar erklären die "Benutzerhinweise" auf Seite 17, ein "zi" sei ein "Mannesname" und ein "hao" ein Beiname. So ganz stimmt schon diese Erklärung nicht, denn auch eine Frau kann einen "Mannesnamen" haben. "Großjährigkeitsname" oder ähnlich wäre besser gewesen – und "hao" ein bloßer Beiname?

Wichtiger ist: Was sagt die Angabe, Ouyang Xiu habe den Mannesnamen Yongshu gehabt, dem anvisierten Leserkreis? Nichts. Vielleicht habe ich den Namen dieses großartigen Dichters aus dem 11. Jahrhundert in der westlichsprachigen Literatur einige Male als Ouyang Yongshu angegeben gefunden, aber überaus selten. Hier wurde eine Standardangabe der traditionellen chinesischen Biographik und Lexikographie, wo sie eine gewisse Berechtigung hat, unbedacht übernommen, als eine Art Sinologismus. Auch für den sinologischen Adepten wäre sie nicht hilfreich, denn der brauchte die Schriftzeichen. – Immer wieder habe ich in der populären und in der Fachliteratur solche zi-Angaben gefunden, die meisten überflüssig.

Auf andere Weise, aber genauso überflüssig sind in diesem Lexikon die hao-Angaben. Auch sie sagen dem Leser nichts, obwohl sie doch, da sprechende Namen, sehr beredt sind. Sie hätte man übersetzen können. Dann hätte der Leser des Eintrags über Ouyang Xiu den hao-Namen Zuiweng, "Der Trunkene Alte", in dem Titel "Der Pavillon des Trunkenen Alten" wiedererkannt. Aufmerksame Leser mögen sich auch darüber wundern, warum solche Angaben bei neueren Autoren fehlen, sich stattdessen die "auch"- und "eig."- und "Pseud."-Namen häufen. Da wären ein paar mehr Zeilen an Erklärung zu chinesischen Namensgebungen aufschlußreich gewesen, und dabei wäre dann vielleicht aus dem "postumen Titel" auch wieder der vertraute "postume Name" oder ein verständlicheres "Ehrenname" geworden.

Voller Vergnügen habe ich dieses Lexikon – 446 Seiten, ansprechend und solide und ohne Kinkerlitzchen gestaltet – auf meinem Schreibtisch vorgefunden. Offenbar erlebte das Projekt einige Schicksalsschläge, bevor die Herausgeber, Volker Klöpsch und Eva Müller, es zum Druck befördern konnten, und der Verlag C.H.Beck hat seinem guten Ruf entsprochen. Sinologische Marotten indes gehören dorthin, wo sie zu erwarten sind und meinethalben auch gepflegt werden sollen: in die Fachliteratur. Nur darauf wollte ich hinweisen.

Jedem "allgemein literarisch interessierten Leser" sei dieses Werk empfohlen. Er kann es lesen, von Anfang bis Ende. Er kann darin herumblättern, geleitet durch die zahlreichen Verweise auf nächste Stichwörter. Er kann darin nachschlagen, wenn er wieder einmal – wie ich – ein Lebensdatum vergessen hat. Vor allem aber kann er sich einen vorzüglich vorbereiteten Weg in eine der reichsten Literaturen der Welt, in der Vergangenheit und zunehmend auch in der Gegenwart, bahnen.
 
 
 
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Lobpreis der Orange
 
  Unklar ist, warum die frühen deutschen Liebhaber der Orange (Citrus sinensis oder Citrus nobilis) diese köstliche Frucht appel sinae, "Chinesischer Apfel", nannten, woraus dann das vertraute Apfelsine wurde. Schon die Bürger des im Jahre 79 untergegangenen Pompeji kannten sie, wie eine Darstellung auf einem Mosaik erweist, und Jahrhunderte früher beschrieb der Grieche Theophrastus (372-287) sie als exotische Frucht und nannte sie den "persischen Apfel". Die Heimat der Orange liegt in Südchina, und ihr deutscher Name entspricht dem. Wahrscheinlich brachten in der Neuzeit Portugiesen oder Holländer diese Frucht direkt aus China nach Deutschland.

In China erwähnen mehrere Schriften aus dem Altertum die Orange. Die älteste davon dürfte das Yü-kung, "Tribute des Yü", sein. Es nennt die Orange als Tribut südlicher Gegenden an den Königshof im Norden – eine Fiktion, natürlich, doch als Handelsgut war sie anscheinend gut bekannt, wie sprichwortartige Redewendungen und einige Anekdoten erkennen lassen. Mehrere Arten wurden schon damals unterschieden und mit eigenen Schriftzeichen geschrieben, und hervorgehoben wurde öfter, daß diese Frucht nur südlich des Chiang, des später Yangtse genannten Flusses, gedeihe.

Orange, Albumblatt von Lin Chun (Song)

Diesen Umstand hebt in seinem zweiten Vers auch das Chü-sung, "Lobpreis der Orange, hervor. Dieses Gedicht steht in der Anthologie Ch'u-tz'u, "Gesänge aus dem Süden", und entstand wahrscheinlich im 3. Jahrhundert v. Chr. Nach solchen eröffnenden Ausführungen zeigen die Verse vier bis sechs das Entzücken des unbekannten Autors über dieses Gewächs:

"Die grünen Blätter und der weiße Blütenglanz erfreuen den Betrachter,/ und von den kräftigen Zweigen mit ihren Stacheln lassen sich Früchte pflücken./ Das Grün und das Gelb vermischen sich zu Bildern voll strahlendem Glanz."

Die Stacheln erwähnt der Autor nicht ohne Grund, und nach solchen Schilderungen macht der Autor in den nächsten Versen deutlicher, worauf es ihm bei dem Gesang ankommt. Ihm gilt die Orange als Sinnbild, und zweimal verwendet er jetzt für sie die Worte tu-li – sie stehe allein da, besagt das. Dieser Ausdruck wurde zuvor auch zur Kennzeichnung des Konfuzius (551-479) verwendet, und mehrere Lehrtexte der konfuzianischen Tradition beschreiben durch ihn die Lebenshaltung ihrer Idealgestalt, des Edlen (chün-tzu). Dieser handele aus eigenem Recht und Anspruch, meinen sie, allein und für sich und nur sich selbst verpflichtet.

Beinahe sieht das so aus, als reflektiere das "Lobpreis der Orange" spöttisch und ironisch diese Morallehre aus dem Norden: Seht her, ihr trockenen Moralapostel dort! Bei uns hier, im Süden, dem lebensfrohen, gedeiht das Ebenbild eures Edlen – eine süße und saftige Frucht. In diesem Sinne fährt der Gesang fort: "Sie (die Orangen) verschließen ihr Herz und achten auf sich und zeigen nie einen Makel,/ bewahren ihr Wesen und sind ohne Selbstsucht – ein Gegenstück zu Himmel und Erde." Hierbei dachte der Autor wohl an ein Weltkonzept, bei welchem der Himmel wie eine Schale die kugelige Erde umschließt.

Das greift noch höher, aber am Ende seines "Lobpreis" weiß der Autor seine Lästerei noch einmal zu steigern: "Wiewohl jung an Jahren, ist sie zum Lehrer und Vorbild geeignet;/ dem Einsiedler Po-i ist sie vergleichbar. Sie stelle ich als Musterbild hin."

Diesen Po-i hatte auch Konfuzius gepriesen, und seine Lehrtradition legte Gewicht auf vorbildliche Lehrer – auf menschliche Vorbilder freilich, nicht auf eine Frucht.

Noch viele Gedichte wurden nach diesem über die Orange geschrieben, auch spätere Autoren begriffen den Baum oder die Frucht als Sinnbilder. Manchmal verwiesen sie darauf, daß der Baum nicht in den Norden umgesiedelt werden könne, und rechtfertigten so die eigene Unwandelbarkeit.

Viel liebenswürdiger nutzt ein altes anonymes Volkslied die Orange: Eine junge Frau besingt ihre Blüten und Früchte, meint dann, ihr Angebeteter habe von ihrer, der sich Sehnenden, "Süße" vernommen, und stellt sich vor, ihm gleichsam in einer Schale aus Jade vorgesetzt zu werden. Der sungzeitliche Künstler Lin Ch'un malte das abgebildete Albumblatt. Auch er sah diesen Orangenzweig als liebenswürdiges Sinnbild.
 
 
 
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Prachtvolle Einsiedelei
 
  Die Abbildung gibt nur einen Ausschnitt einer Bildrolle wieder, die 30.2 mal 368.2 cm mißt. Sie wurde durch einen anonymen Künstler, wohl zu Beginn der Sung-Dynastie, geschaffen. Der kunstbegeisterte Kaiser Hui-tsung (1101-1125) fügte dem Bild Beischriften hinzu, welche Einzelheiten der Darstellung identifizieren, und noch später würdigte Kaiser Ch'ien-lung (1736-1795) das Werk durch eine abwägende Nachschrift, ein Kolophon.

Bildrolle: Landsitz des Wang Wei (nn, songzeitlich)

Eine der berühmtesten Stätten der chinesischen Literatur stellt diese Bildrolle dar – den Landsitz des t'angzeitlichen Würdenträgers, Literaten und Künstlers Wang Wei (701-762). Dieser Landsitz lag im erfrischenden Tal des Flüßchens Wang-ch'uan, ungefähr zehn km nordöstlich des heutigen Xi'an, nahe der damaligen Hauptstadt also.

Berühmt wurde dieser Landsitz Wang-ch'uan durch eine Folge von zwanzig Gedichten, die Wang Wei einzelnen Stätten in ihm widmete und welche eben diese Bildrolle darstellt. Eines dieser Gedichte, "Hütte im Bambushain", lautet, in der Übersetzung von Günther Debon: "Im Bambusdickicht saß ich ganz allein./ Ich schlug die Zither, summte dann und wann./ Kein Mensch vernahm mich dort im Hain,/ und nur der Mond kam nah und schien mich an."

Ganz allein, von Dienerschaft usw. abgesehen, war Wang Wei nicht, als er dieses Gedicht schrieb. Sein Freund P'ei Ti schrieb zu den gleichen Stätten ebenfalls je ein Gedicht, und in einem Brief, als "Brief aus den Bergen" einer der berühmtesten der chinesischen Tradition, erinnert Wang Wei sich später, wahrscheinlich im Winter 746:

"Jetzt sitze ich alleine hier, die Diener sind still und stumm, und ich denke oft daran, wie wir dereinst, Hand in Hand einherschreitend, Verse formten, während wir über die schmalen Pfade schritten und auf den klaren Fluß blickten."

Unter den T'ang-Würdenträgern, auch Angehörigen des Kaiserhauses, war Mode geworden, über solch einen Landsitz (pieh-ye) zu verfügen. Sie gaben diesen allerlei poetische Bezeichnungen und fühlten sich auf ihnen, fern dem politischen Alltag der Hauptstadt, wie bescheidene Einsiedler, die sich des anspruchslosen Landlebens erfreuten – der Natur, dem Kosmos und sich selbst, oft auch Freunden, nahe und dichtend.

Gar so bescheiden-ländlich, wie ihre Gedichte suggerieren, ging es auf den Stätten solch stadtflüchtiger Zurückgezogenheit nicht zu. Jedenfalls stellte sich dieser anonyme Künstler den Landsitz von Wang-ch'uan recht stattlich vor, aus der Phantasie vielleicht und ohne genauere Kenntnisse, möglicherweise aber nach einem Bild von des Wang Wei eigener Hand. Also könnte dieses Bild der Wirklichkeit einigermaßen nahegekommen sein – und es gibt nur einen kleinen Teil dieser meterlangen Bildrolle wieder.
 
 
 
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Sieben Weise
 
  Die "Sieben Weisen vom Bambushain" Berühmt war jeder einzelne von ihnen, doch noch berühmter wurden sie als Gruppe: die "Sieben Weisen vom Bambushain". Ihre Treffen in einem solchen darf man sich nicht so vorstellen, wie das der unbekannte Künstler der abgebildeten Tuschemalerei tat – wohlanständig auf Stühlen und an Tischen sitzend, in würdevoller Haltung auch. Damals, im 3. Jahrhundert, als diese sieben lebten, kannte China solche Tische und Stühle noch nicht.

Schriften wie das Chu-lin ch'i-hsien lun, "Über die Sieben Weisen vom Bambushain", des Tai Kuei (+ 293) oder das Chu-lin ming-shih chuan, "Überlieferungen über die berühmten Gelehrten vom Bambushain", von Yüan Hung (328-376) förderten den Nimbus dieser Literatengruppe, die sich zu feinsinnigen Erörterungen traf, auch zu Saufgelagen und ganz taoistisch und lustvoll gestimmt.

Über den großen Dichter Hsi K'ang (223-262), einen der sieben, sagen diese Schriften: "Shan T'ao begegnete ihm in den Bergen. Im Winter bedeckte er sich mit seinen herabhängenden Haaren, im Sommer flocht er Gräser zu einem Hemd. Er spielte auf einer Ch'in mit einer Saite, und seine Weisen harmonierten mit den Klängen der Wasser." Als er schließlich, nach politischen Verstrickungen, seiner Hinrichtung entgegensieht: "Im Angesicht seines Todes wandte er sich um zu den Schatten der Bäume, zog die Ch'in an sich, schlug sie und sagte; 'Einst wollte Yüan Hsiao-ni von mir die Kuang-ling-Weise. Ich hatte kein Mitgefühl und gab sie ihm nicht. Von jetzt an wird sie vergessen sein.'" Könner auf der Griffbrettzither Ch'in spielen sie trotzdem bis heute, Hsi K'ang war ein Großmeister auf diesem Instrument, und solche Geschichten sollen ein Lebensgefühl vermitteln.

Noch bedeutender als Dichter war unter diesen Sieben Weisen Juan Chi (210-263), doch auf irgendeine Weise zeichneten sich auch die anderen aus: Shan Tao, Hsiang Hsiu, Liu Ling, Wang Jung und Juan Hsien. Als Hsiang Hsiu (ca. 221-ca. 300) seinen Kommentar zu dem taoistischen Klassiker Chuang-tzu, "Meister Chuang", vorgelegt hatte, hieß es: "Alle, die seine Deutungen lasen, waren überwältigt. Es war, als seien sie über den Staub erhoben worden und hätten einen Blick in das Unermeßliche getan. Hierdurch konnten sie die Welt hinter sich lassen und sich außerhalb der zehntausend Dinge stellen."

Auf eine andere Art ließ Liu Ling (ca. 221-ca. 300) die Welt hinter sich: "Liu Ling lebte zwischen Himmel und Erde. Einmal gelassen, einmal übersprudelnd, mochte er an nichts sein Herz wenden. Stets betrunken, stieß er einmal mit einem gewöhnlichen Mann zusammen ". Als der ihm Prügel androht, lupft Liu sein Hemd und sagt, sein Lallen in eine formvollendete Rede verwandelnd: "Reichen meine Hähnchenrippen wohl aus, Ihre geschätzten Fäuste zu besänftigen?"

Witzig waren diese Sieben Weisen oft – und voll Feinsinn ihre Gedanken. Leider blieben von den beiden erwähnten Werken über sie nur wenige Fragmente erhalten. Sonstige Überlieferungen und die erhaltenen literarischen Werke legen den Schluß nahe, daß diese exaltierten Sauf- und Dichtbegegnungen im Bambushain nie stattgefunden haben. Die bekannten Lebensumstände der sieben passen für dergleichen nicht zusammen, obwohl sich manche von ihnen persönlich kannten.

Anscheinend zeugen die Legenden über sie von einem Lebens- und Weltgefühl im 3./5. Jahrhundert. Alltagsflucht und Weltenthebung, oft auch durch Drogen beflügelt, bestimmen dieses, dazu Politikverdrossenheit. In solcher Hinsicht wurden die vom Bambushain Vorbilder für viele Spätere: Literaten, Künstler, "dissidente" Angehörige der Führungsschichten. Ein wenig mögen diese Legenden dennoch den Lebenswirklichkeiten der sieben entsprochen haben: Sex und Schnaps, Feinsinn und Witz, zwischenzeitlich auch ordentliche, manchmal ausgezeichnete Amtslaufbahnen!
 
 
 
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Zwei Welten
 
  Größer könnten die Gegensätze nicht erscheinen! Auf der einen Seite die strammen Japaner, die damals die Preußen Ostasiens genannt wurden, an der Spitze ihr Premierminister Ito Hirobumi (1841-1909). Die chinesische Seite in ihren schlichten traditionellen Gewändern sieht ein wenig vertroddelt aus. Ihr sitzt Li Hung-chang (1823-1901) vor, damals ein "elder statesman". Mit allen Wassern der politischen Taktik und der Verhandlungsführung gewaschen waren beide.

Chinesisch-Japanische Verhandlungen, März 1895 im japanischen Shimonoseki

Um einen Vertrag ging es, als sich die beiden, mit ihren Beraterstäben, am 20. März 1895 im japanischen Shimonoseki gegenübertraten. Sie hatten schon einmal, am 18. April 1885, im chinesischen Tientsin einen Vertrag ausgehandelt, aber diesmal hatte sich die Lage erheblich verschlimmert, jedenfalls für China.

Das aufstrebende, reformorientierte Inselreich Japan hatte seine begehrlichen Blicke auf das ostasiatische Festland gerichtet, vor allem auf die koreanische Halbinsel als Brücke. Demgegenüber hatte es das chinesische Kaiserreich schwer genug, sich gegenüber den Ansprüchen europäischer Mächte zu behaupten, und grundlegende wirtschaftliche und politische Reformen ließen sich gegen konservative Hofcliquen nicht leicht durchsetzen.

Als ein japanisches Kriegsschiff am 25. Juli 1894 den britischen Frachter Kowshing, der chinesische Truppen nach Korea, einer Art Protektorat Chinas, an Bord hatte, versenkte, nachdem sich die chinesischen Offiziere auf ihm völkerrechtswidrig verhalten hatten, kam es zum Krieg. Am 1. August wurden die Kriegserklärungen ausgetauscht, schon im September war die koreanische Hauptstadt Pyongyang in japanischer Hand, am 24. Oktober überquerten die Japaner den Yalu, den Grenzfluß nach China. Jetzt war für die chinesische Seite der Handlungsbedarf dringend, doch fast hätte Li Hung-chang erst einmal seinen Kopf verloren, denn die Konservativen machten ihn für die Niederlage verantwortlich. Durch Vermittlung verschiedener Seiten kam es zu den Friedensverhandlungen von Shimonoseki.

Gleich zu Beginn beanstandet Ito, daß die Verhandlungsvollmacht Lis nur das Siegel des Kaisers zeige, nicht dessen Unterschrift, aber er gibt sich großmütig: "Für dieses Mal will ich nicht darauf bestehen, aber Ihr Kaiser unterhält doch freundschaftliche Beziehungen zu ausländischen Staatsoberhäuptern. Weshalb hält er sich nicht an die Gepflogenheiten des Völkerrechts?" – Nun, chinesische Herrscher hatten sich oft in der Gewißheit gewiegt, ihr eigenes Völkerrecht setzen zu können.

Ein wenig plaudern die Herren, so Li: "Ich bin jetzt 73 Jahre alt und hätte nicht gedacht, noch einmal mit Ihnen zusammenzutreffen. Ich sehe Sie in Ihren besten Jahren und in aller Schaffenskraft." Das schreibt das chinesische Protokoll, demzufolge Ito unter anderem antwortet: "Das japanische Volk ist nicht so leicht zu regieren wie das chinesische. Außerdem haben wir ein Parlament. Da werden Kleinigkeiten leicht zu Problemen."

Er verhandelt hart und nachdrücklich, und Li bleibt gar nichts anderes übrig, als – dies die wichtigsten Vertragsbestimmungen zum Abschluß dieses 1. Sino-japanischen Krieges – der Abtretung Koreas und Taiwans an Japan zuzustimmen. Am 17. April wird der Vertrag von Shimonoseki von beiden unterzeichnet und von der chinesischen Seite als eine der schlimmsten Demütigungen in Jahrtausenden der Geschichte empfunden.

Noch als es um die Frist für den Austausch der Ratifizierungsurkunden ging, tauchen Weltunterschiede zwischen den Vertragspartnern auf. Ito hatte auf einer Verfahrensweise nach dem allgemeinen Völkerrecht bestanden und Li Hung-chang gemosert: "Das hier ist Asien. Warum ziehen Sie immer wieder Vergleiche mit Europa?" Dabei war er einer modernisierungsfreudigsten Würdenträger des Kaiserreiches, tatkräftiger Unternehmer dazu – und hatte es längst zum Milliardär gebracht.
 
 
 
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Männergrillen, Frauengrillen
 
  "Wenn der siebte, achte Monat gekommen ist", beginnt Yüan Hung-tao (um 1602) sein Ts'u-chih chih, "Denkwürdigkeiten über die Grillen", "hegt jede Familie in der Hauptstadt Grillen. Jedesmal, wenn ich vor die Stadt gehe, sehe ich kräftige Männer und kleine Jungs mit gespitzten Ohren herumgehen." Verfallene Gebäude eignen sich als Fundstätten besonders gut, und für den Fang wurden sinnreiche zierliche Geräte und feine Methoden entwickelt.

Schon vor ihm hatte Chia Ssu-tao (1213-1275), ein Sung-Kanzler, eine Schrift gleichen Titels verfaßt, und eine Anekdote erzählt, als ihm die Nachricht von einer schlimmen Niederlage gegen die Barbaren überbracht worden sei, habe er gerade kämpfenden Grillen zugesehen und sich durch die Nachricht nicht davon abhalten lassen. Aus Grillenkämpfen, meinte er, ließen sich vortreffliche Hinweise für die Schlachten der Menschen gewinnen. Dieser Grillenleidenschaft wegen erhielt er den Beinamen "Grillenkanzler".

Damals waren Grillenkämpfe zu einem beliebten Gesellschaftsspiel geworden, bei dem hohe Wetten abgeschlossen wurden. Rangordnungen dieser Kämpfer gab es, für deren Hege und Pflege wissen Yüan und Chia Ratschläge, eine passende Schlachtarena wurde entwickelt, und wenn ein berühmter Kämpfer schließlich doch sein Leben ließ, dann wurde er schon einmal in einem Silbersärgchen beigesetzt. Der Ming-Kaiser Hsüan-tsung (1426-1435) ließ sich alljährlich aus Su-chou 1000 bewährte Kampfgrillen als Tribut zustellen. Die zuständigen Offiziere sahen den Grillenfang als Dienstpflicht an, vererbten ihre Ränge an die Söhne – und dieser Kaiser lebte als "Grillenkaiser" fort.

Die frühe Geschichte der Grille in China ist viel liebenswürdiger, als solche martialischen Überlieferungen andeuten. Schon das klassische "Buch der Lieder" nennt sie, und ein gewisser Lu Shan (284-350) widmete ihr ein erstes langes Gedicht, doch populär wurde sie erst in der T'ang-Zeit. Das K'ai-yüan t'ien-pao i-shih, "Hinterlassenes aus den Regierungsperioden k'ai-yüan und t'ien-pao" (713-755), berichtet: "Wenn der Herbst kommt, sammeln die Palastdamen mit kleinen goldenen Käfigen Grillen, sperren sie in diese ein und stellen sie neben ihr Kopfkissen. So lauschen sie die ganze Nacht lang ihrem Gesang." Die einfachen Leute hätten es ihnen nachgemacht, meint der Autor, doch vielleicht war es auch umgekehrt.

Gefäße für Singgrillen Von den Hofdamen weiß eine sprichwörtliche Redensart, sie "schauen den Schwalben nach und lauschen den Grillen". Ausdruck ihrer Liebenssehnsucht und grenzenloser Einsamkeit ist beides, und bei den Grillen kommt hinzu, daß sich mit ihnen die Wehmut des Herbstes verbindet. "Warum bewegen ihre traurigen Klänge die Menschen?" rätselt noch Tu Fu (712-770), doch er weiß den Grund, fragt nur rhetorisch. Hofdamen und einfache Leute hielten diese Singgrillen in feinen Gefäßen, in allen erdenklichen Formen.

Chang Ch'iao (um 880) schlägt in einem Grillengedicht einen anderen Ton an: "Ich denke mir, daß du nicht am Webstuhl verweilst, sondern bei deinen Gefühlen." Die kalte Jahreszeit, meint er, nähere sich, und spielt mit dem gebräuchlichsten Namen der Grille: ts'u-chih, "Ran ans Weben!" Das war Frauenwerk und vor allem vor dem und im Winter zu pflegen, nicht Grillensehnsüchten nachzuhängen.

Diese Frauen wußten sich anscheinend zu helfen. Yüan Hung-tao schreibt über die Grillen: "Wenn der Herbst endet, enden auch sie." Heutzutage kenne man aber eine Methode, sie für den Winter neu zu züchten: "Nach einem Monat singen sie dann. Ihr Gesang ist feiner als im Herbst, doch im Frühling ist er wieder ganz stark." So überstehen Empfindungen die trostlosen Wintertage, welche Vergnügungen in der frischen Natur wehren.

Indes, das Geräusch der Webstühle (oder auch der Spindeln) soll an den Gesang der Grillen erinnern und deshalb zu diesem Namen geführt haben. "Weben" andererseits ist eine übliche Umschreibung für die liebevolle Begegnung der Geschlechter. Sollte "Ran ans Weben!" an etwas ganz anderes gemahnen?
 
 
 
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Oldenburgischer Kuli-Skandal
 
  Am 21. April 1860 geriet das Herzogtum Oldenburg unversehens in die internationale Chinapolitik. In London schrieb die "Times", in einer zeitgenössischen Übersetzung:

"Unsere privat Correspondence schildert die Scenen, die an Bord jener Schiffe stattfanden als von schrecklichster Art. Die amerikanischen Capitain's waren schlimm genug, aber das Benehmen eines gewissen von Carlowitz, welcher den mächtigen Seestaat Oldenburg repräsentiert, der, mag er einen Seehafen haben oder nicht, doch anscheinend eine Flagge zu verunehren hat, wird uns in Ausdrücken berichtet, die wir nicht zu wiederholen wagen ohne ganz vollständigen Beweis. Gewiß indessen erscheint es, daß er dem Verfahren der Mandarine Widerstand leistete und daß einige von den Gefangenen sich selbst über Bord warfen und ertranken, da sie glaubten, sie würden in die Hände ihrer Oldenburgischen Herren wieder abgeliefert. Zuletzt wurde er von den Coolies selbst weggetrieben, welche unmittelbar nachdem sie bemerkt, daß sie jemanden hatten, der ihre Empfindungen theilte, drohten jenem 'Edelmann dritter Klasse' von – wie wir annehmen – Adel Oldenburgs, die Kehle abzuschneiden."

Oldenburgs Öffentlichkeit war schon vorher unterrichtet, denn die "Weser-Zeitung" hatte bereits am 21. Februar aus Kanton über den Fall berichtet: Die in Oldenburg registrierte Bark "Fanny Kirchner" hatte es übel getroffen. Der Kapitän war gestorben, nachdem – wie die "Oldenburgische Zeitung" gleichfalls am 21. Februar schreibt – das Schiff "mit 325 Chinesen zu 55 Dollar per Kopf befrachtet" worden war. Sein Steuermann trat die Nachfolge an. Dann: "Schon waren 200 Passagiere an Bord, als auch dieser am Schlagflusse starb. Der Kontrakt mußte nun rückgängig gemacht werden." Zuvor hatte der zuständige chinesische Gouverneur der "Fanny" das Auslaufen verboten, sechs amerikanischen Schiffen ebenfalls.

Carlowitz

Es ging um die Kulitransporte nach Lateinamerika, "einem wenn auch bis jetzt nicht verbotenen, doch jedenfalls nicht geschätzten Geschäfte". So eine amtliche westliche Meinung damals, doch von chinesischer Seite wurde der "Fanny" vorgeworfen, auch gegen chinesische Auswanderungsbestimmungen verstoßen zu haben. Diese waren freilich, wie Konsul von Carlowitz sich bald zu wehren weiß, undurchsichtig oder ihm gar nicht mitgeteilt worden. Ferner wurde der "Fanny" vorgeworfen, für den Transport von lediglich 284 Passagieren vermessen zu sein, und viele von diesen, die prospektiven Kulis, seien nicht freiwillig an Bord gegangen.

Bei einer Inspektion des Schiffes durch chinesische Würdenträger geschah dann, wie Carlowitz berichtet, nachdem zwischen Oldenburg und London und Kanton diplomatische Post hin und her gegangen war, folgendes: "Während ich noch auf dem erhöhten Hinterdeck war, entstand ein plötzlicher Ausbruch, viele Leute kamen aus dem Verdeck hervorgestürzt, und mehrere davon sprangen über Bord (). Von diesen sagte man daß einige ertrunken seien, indeß ist meines Wissens kein einziger Leichnam gefunden worden, im Gegenteil habe ich leuten gehört, daß diese s.Z. vermißten Leute sich in Macao haben wieder zu Coolies anwerben lassen."

Viele im Ostasiengeschäft damals waren Schlitzohren. Warum sollten nicht auch chinesische Auswanderer solche und bestrebt gewesen sein, durch die Flucht von der "Fanny" die Chance auf ein zweites Kontrakt-Handgeld zu erhalten?

Der oldenburgische Konsul R. von Carlowitz, der noch weitere Konsulate wahrnahm, scheint sich ehrenwert verhalten zu haben. Gewiß nicht zu Unrecht deutet er an, englische Interessen an Kulitransporten und chinesische Korruption hätten sich gegen das Schiff unter seiner Obhut verbündet. Ein Neuling in diesem Geschäft war niemals willkommen, zumal dann nicht, wenn er für einen deutschen Kleinstaat handelte, von dem – wie die "Times" lästerte – in London unbekannt sei, ob er einen Seehafen habe oder nicht.
 
 
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 Wider den Schilderkram

Verkehrsschilder, Feldbrunnenstraße, HH Was sagt dem Betrachter das oben abgebildete Verkehrsschild? Es ist dermaßen verdreckt, daß er wenig erkennt, und steht am Anfang der Feldbrunnenstraße im feinen Harvestehude, wenn man diese, von der Johannis-Kirche kommend, erreicht. Diese prachtvolle Wohnstraße, von stattlichen Villen und Stadthäusern gesäumt, wird von der Binderstraße und der Johnsallee gequert, bevor sie auf die Moorweidenstraße, gegenüber dem Hotel Elysee, trifft und dort endet.

Der Berichterstatter flanierte in den vergangenen Herbstwochen häufig durch diese Straße, und einmal begann er sogar, die Verkehrsschilder zu studieren. Hinweise auf die Richtung von Einbahnstraßen erblickte er und Schilder, welche Fahrradlern das Fahren in die eine oder andere Richtung oder in beide Richtungen erlaubten, dazu zahlreiche kleine Schilder, sehr frisch aussehend und in Augenhöhe von Sportwagen-Machos angebracht, welche das Parken zu beiden Straßenseiten erlauben.

Alle diese Schilder sind überflüssig. Autofahrer parken, auch ohne solche ostentative Erlaubnis, dort, wo sie können, und die auf dem Fahrrad fahren ohnehin, wie sie wollen. Geschwindigkeitsbegrenzungen sind überflüssig, denn die Feldbrunnenstraße ist streckenweise ein derber Knüppeldamm aus Stein, auch Einbahnstraßenregelungen sind unnötig, denn sie und die querenden Straßen befahren nur Autofahrer, die – langsam und voller Umsicht – einen Parkplatz suchen, und breit genug sind diese Straßen allemal.

Besonderes Augenmerk widmete der müßiggehende Flaneur einem Schild ganz eigener Art. Er betrat den Bürgersteig, der längs des Uni-Sportplatzes zur Binderstraße hinunterführte. Ansehnliche Mengen gefallener Herbstblätter bedeckten den Weg, und deren herrliche Farbfülle forderte ihn heraus, sie im Gehen spielerisch mit den Füßen aufwirbeln zu lassen. Das war nicht gut getan! Schmerzvoll begegnete der Fuß plötzlich hartem Widerstand. – Unter dem Laub war nicht zu sehen gewesen, daß eine Platte des Gehwegs sich gelöst hatte und gut zwei Zentimeter über die umliegenden Platten hervorragte.

Auf solche Weise wird auch ein herbstlich-heiterer Flaneur auf die Unbilden des Straßenverkehrs aufmerksam. An der Kreuzung Binderstraße mahnte dann das Bezirksamt Eimsbüttel durch ein kleines Schild: "Stolpergefahr! Gehweg uneben". Er ging zurück: Nein, am Anfang des Weges war diese Warnung nicht zu entdecken. Mit seinen jetzt geschärften Sinnen bemerkte er, daß zu beiden Seiten der Feldbrunnenstraße die Platten auf den Gehwegen in den abenteuerlichsten Zuständen lagen oder ganz fehlten, solche Hinweisschilder aber ebenso unzulänglich angebracht waren.

Auch solche Hinweisschilder sind überflüssig. Fußgänger, Flaneure zumal, lesen selten Verkehrs- und andere Straßenschilder. Überdies können in Deutschland, bekanntermaßen, mehr Menschen sehen als lesen, und die sehen bei Tageslicht schon, wenn ein Gehweg schadhaft ist. Nach Einbruch der Dämmerung sehen sie diese Warnschilder ohnehin nicht, denn die Feldbrunnenstraße ist – aus vernünftigen Gründen – an den Abenden nur schwach beleuchtet.

Wahrscheinlich meinte irgendwann ein bezirksamtlicher Beamter angesichts geringer öffentlicher Mittel, Warnschilder dieser Art könnten Regreßforderungen von Bürgern, die durch desolate Wegeverhältnisse zu Schaden kamen, begegnen – nach einem Beinbruch vielleicht und mit Lust auf Schmerzensgeld. Ob ein solcher Prozeß je ausgefochten wurde? Das Bezirksamt Eimsbüttel hätte jedenfalls, bei einem solchen Unfall in der Feldbrunnenstraße, keine guten Argumente.

Der Aufwand für alle diese überflüssigen Schilder hätte ausgereicht, ein gehöriges Stück der Gehwege auszubessern. Ihr Fehlen würde die Feldbrunnenstraße noch schöner erscheinen lassen – vor allem an den Wochenendtagen, wenn nur wenige Autos dort parken.

Nur ein einziges Verkehrsschild in dieser Straße scheint notwendig zu sein und ist liebenswürdig. Es mahnt Autofahrer, I-Dötzken könnten die Straße überqueren, und verweist auf einen Kindergarten nahebei. Allerdings mahnt es in einer Richtung, in welche diese Kleinen nie gehen und also die Straße nie überqueren – wie der Flaneur nach zwanzig Jahren von Gängen durch die Feldbrunnenstraße allmählich sicher weiß.
 
 
 

 Notwendiger Nachtrag

In einer früheren dieser Notizen war die Notwendigkeit, ein so internationales wie interdisziplinäres und multikulturelles Projekt zur Grundlegung eines Museums für Gullydeckel vorzubereiten, dargestellt worden. Hilfreiche Hinweise hierzu erreichten mich. In diesem Zusammenhang hatte ich angeregt, an den Wochenenden schon einmal einige Originale zu "erbeuten".

Am 30. November 2004 titelte das HA einen Vierspalter "Wer klaute 36 Gullydeckel?" Am Wochenende davor hatten sich unbekannte Täter in Wilhelmsburg und Veddel diese ehernen Zeugnisse der Alltagskultur angeeignet. Die Polizei rätselt: Sollten die für ein paar Euro an einen Schrotthändler verhökert werden, oder wollte jemand damit Schaufenster knacken? – Gleich 36 Schaufenster auf einmal?

Jedenfalls waren die Täter nicht, das sei festgehalten, die Mitglieder des multikulturell besetzten Vereins zur Vorbereitung der Gründung eines Gullydeckel-Museums. Dessen Satzung verlangt – und das wurde, wegen der Steuerbegünstigung, finanzamtlich abgesegnet – ausdrücklich, daß beim Sammeln solcher Objekte ein Warnlicht neben die danach offenen Gullylöcher gestellt werde. Das war bei diesen 36 Missetaten unterblieben.

Von ruchlosen Schrotthökern und Schaufensterbrechern, vielleicht auch – ein Tip für die Polizei! – Autobahnbrückenschmeißern distanziert sich dieser Verein ausdrücklich!
 
 
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