Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 35
6. Dezember 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
 

 Himmlische Schätze

Konrad Herrmann: "Erschließung der himmlischen Schätze" Nur wenige Deutsche werden sich in ihrer Bibliothek einer alten Blockdruckausgabe des T'ien-kung k'ai-wu, von Konrad Herrmann als "Erschließung der himmlischen Schätze" übersetzt, mit ihren zahlreichen Holzschnittdarstellungen erfreuen können. Sung Ying-hsing (1587-um 1666) schloß das Werk im Jahre 1637 ab. Wenige auch werden sich die Mühe machen, die nicht ganz leicht verständlichen, weil oft fachsprachlichen, Texte, zu studieren, obwohl die Mühe sich stets lohnte. Beides ist jetzt für ein deutschsprachiges Publikum bequem möglich. Konrad Herrmann übersetzte den Text des Sung Ying-hsing, und der Wirtschaftsverlag NW, "Verlag für neue Wissenschaft", in Bremerhaven machte in diesem Jahr 2004 ein prächtiges Buch daraus, das auch 159 Holzschnitte wiedergibt.

Achtzehn Kapitel umfaßt das Werk – von "Getreide" bis "Perlen und Jade", mit Themen wie "Herstellung von Salz", "Schmieden von Hämmern" und "Papier" dazwischen. Es gibt einen Überblick über technologische Standards im China des 17. Jahrhunderts, die so erstaunliche wie kuriose Einzelheiten aufweisen. Viele Einzelheiten kannte Sung Ying-hsing aus eigenem Augenschein, manche aus der Literatur oder vom Hörensagen, doch er beschreibt sie stets anschaulich und lebendig, weist oft auf lokale Ausprägungen einzelner Anbau- oder Herstellungstechniken hin und beginnt stets mit einer einführenden Betrachtung zu dem jeweiligen Gegenstand. So schreibt er gleich zu Beginn seines Schlußkapitels:

"Perlen wachsen immer in Muscheln, und sie reifen durch den Mondschein im Laufe vieler Jahre zu einer Kostbarkeit heran. Es ist falsch, wenn behauptet wird, sie wüchsen im Bauch von Schlangen, in den Kiefern eines Drachen oder auf der Haut eines Haifischs. Die in China gefundenen Perlen stammen alle von den Perlenbänken in Leizhou und Lianzhou in der Provinz Guangdong."

Aufklärerisch klingen manche seiner Sätze – und wer in der einflußreichen Literatenschicht jener Zeit interessierte sich schon genauer dafür, auf welche Weise Bauern und Handwerker die Güter des täglichen Bedarf gewannen! Böse äußert er sich über solche Ignoranz:

"Die Kinder der Adligen, die Hosen aus feiner Seide tragen, sehen auf die mit Bambushut und Schilfumhang bekleideten Bauern stets wie auf Sträflinge herab. Für die Gelehrten ist Bauer ein Schimpfwort. Fürwahr nicht wenige, die morgens und abends genußvoll essen, kennen den Geschmack der Speisen, wissen aber nicht woher sie stammen."

Was mag Sung bewogen haben, diese Enzyklopädie des ländlichen und handwerklichen Lebens zusammenzustellen? Aus einer etwas heruntergekommenen Landbesitzerfamilie in Jiangxi stammte er, scheiterte öfter, wohl fünfmal, bei den staatlichen Reichsexamina, die ihm den direkten Zugang in eine Amtslaufbahn ermöglicht hätten. Desungeachtet durfte er sich, aufgrund von Herkunft und Verwandtschaft, als Angehöriger dieser Literaten/Gelehrtenschicht fühlen. Vielleicht war es Zorn über die vergeblichen literarischen Studien, denen er sich drei Jahrzehnte gewidmet hatte, die ihn zur Abfassung dieser "Erschließung der himmlischen Schätze" bewogen. Vielleicht wollte er dokumentieren, was das wahre Wissen sei, das jedoch in den amtlichen Prüfungen nichts galt. Nach Abschluß dieses Werkes gelangte er noch kurzzeitig in einige geringe Amtsstellungen.

Ein prächtiges Buch ist das, auch in der deutschen Ausgabe. Der Leser staunt über technologische Fertigkeiten und das Erfahrungswissen in jener Zeit, er liest sich fest und möchte doch gleichzeitig weiterblättern – auch, um sich wieder an den hübschen Holzschnitten zu erfreuen. Konrad Herrmann hat den Text, wie einige Vergleiche mit dem chinesischen Text erwiesen, korrekt, wenngleich ein wenig frei übersetzt – was schon bei dem Titel festzuhalten ist. Solche Freiheit kam dann erfreulicherweise der Lesbarkeit zugute, und etliche Anmerkungen Herrmanns zu jedem Kapitel vermitteln noch zusätzliche Kenntnisse und Einblicke. Die Holzschnitte allerdings verdienten einige eigene Betrachtungen: Gar heiter und anmutig sehen die Schuftereien auf ihnen aus!

Die chinesische Überlieferung meinte es mit dem T'ien-kung k'ai-wu nicht gut. Unter der Mandschu-Dynastie geriet es sogar auf den Index: Nicht jede Formulierung erschien als "politisch korrekt". Möglicherweise galt das auch für einige Holzschnitte. Mein Druck, der aus dem 19. Jahrhundert stammt, läßt nicht einen Mann, wie durch Herrmann abgebildet, die Seide haspeln, sondern zwei Frauen, auch mit einer anderen Technik. Sonst entsprechen beide Abbildungen sich. – Zu viel mehr anregenden Betrachtungen lädt dieses Buch ein.
 
 
 

 Verborgene Gärten

Traurig und düster ist dieser Monat November. Nicht ohne Grund hat die christliche Tradition ihre Totengedenken in diese Tage gelegt. Regengänge auf die Friedhöfe sind angesagt, die ehedem auch die Totengärten genannt wurden. Mancher Mensch mag dann, nebenbei, der Pracht und der Farben in anderen Gärten gedenken – den frühlingsverlockenden, den sommerlich strahlenden und den im Herbst noch einmal lodernden.

Renate Hücking und Kej Hielscher: "Oasen der Sehnsucht. Von Gärten im Verborgenen" Da kommt dieses Buch gerade recht, das Renate Hücking und Kej Hielscher im Piper-Verlag veröffentlichten: "Oasen der Sehnsucht. Von Gärten im Verborgenen". Ungewöhnlich Gärten sind das allemal. Das zeigen schon die wohlbekannten Namen zweier "Gärtner": Nelson Mandela und Albert Speer. Auch Korbinian Aigner, dem "Apfelpfarrer im KZ", und Wahlafried Strabo, einem Benediktinermönch auf der Reichenau, im 9. Jahrhundert, sind zwei von den acht Kapiteln gewidmet.

Zentrum des Lebens waren für sie und die anderen dargestellten Gartenliebhaber ihre "Gärten hinter Mauern", die natürlich nicht immer Gefängnismauern waren, nicht selten auch Voraussetzungen dafür, überhaupt leben zu können. Das mag sogar für den großmächtigen chinesischen Kaiser Kangxi/K'ang-hsi (1662-1712) gelten, dem das längste der acht Kapitel gewidmet ist – nicht ihm, sondern seinem Sommerpalast in Jehol, zwei Tagesreisen von Peking entfernt.

"Bergvilla, um der Hitze zu entfliehen" nannte der Herrscher diesen Sommerpalast, dessen Anlage er gegen mancherlei Kritik verteidigen mußte, doch er brauchte ihn, um dem Staub Pekings und der höfischen Enge zu entkommen, fühlte sich dort wieder als Mensch, genoß die Natur und die Ungebundenheit und die Jagd und, wie sich der Pater Matteo Ripa erinnert:

"Die Sommerhäuser sind auf allen Seiten mit Seidenvorhängen ausgestattet, so daß man von außen nicht hineinsehen kann, rundherum gibt es Sitzmöglichkeiten, ein Tisch oder ein Bett steht in der Mitte. Alle diese Pavillons und Sommerhäuser stehen dem Kaiser zur Verfügung, damit er sich mit seinen Frauen dahin zurückziehen kann."

Bald umfaßt diese "Bergvilla" aberdutzende Gebäude, von einer stattlichen Mauer umfriedet. 36 von ihnen zeichnet der Kaiser dadurch aus, daß er eigenhändig die Namensschilder für sie schreibt. Auch sonst widmet er sich höchstpersönlich der Pflege seiner Gartenbesitzungen:

"Der duftende Reis und die Wasserkastanien, die ich von den südlichen Inspektionsreisen mitbrachte, überstanden den Frost in Beijing nicht, dafür aber überlebte der grüne Bambus bei sorgfältiger Pflege und gedieh prächtig, trotz der kalten Winde. Der Ginseng wächst in den Palastgärten in Töpfen, und in Jehol erfüllen jetzt die Walderdbeeren aus Ninguta die Luft mit ihrem seltsamen Duft und tragen Früchte, die ebenso gut schmecken wie die Litschis aus Guangdong oder Fujian."

Mit großem Vergnügen habe ich dieses Kapitel gelesen, mit nicht minderem die anderen Kapitel. Hin und wieder begegnete ich auch in diesen China – so, wenn der begnadete britische Exzentriker William Beckford im 18. Jahrhundert schreibt:

"Ich kann nicht behaupten, daß ich auf meinem Weg zur Popularität recht vorangekommen bin, denn ich habe gerade den Freunden der Fuchsjagd das Vergnügen durch eine Mauer verlegt, die nur eben, nicht ganz so lang und ganz so hoch, aber besser gebaut ist als die Chinesische Mauer."

Auch von der chinesischen Gartenbaukunst lernte dieser Beckford. Und wer läse nicht neugierig und gerne über den Haremsgarten von Süleiman dem Prächtigen im 16. Jahrhundert, der nicht nur die Blumen liebte, sondern auch die geheimnisvolle Roxelana, "die Russin"?

Viel stiller Zauber verbirgt sich in diesem Buch, auch stille Heiterkeit: wohltuend in diesem November. Unversehens kam mir beim Nachsinnen über den "Hortulus" des Mönchs auf der Reichenau, den er in einem langen Gedicht über den Gartenbau schildert, ein Dichtergeschöpf aus dem 20. Jahrhundert in den Sinn, wahrscheinlich inzwischen vergessen, doch ebenso bezaubernd: "Er geht der Zeit nicht auf den Leim./ Gugummer weiß genau:/ Er schwebte einst als Glockenton/ Über der Reichenau."
 
 
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