Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 35
6. Dezember 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst ChinaS
jetzt und einst
Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 Eine Privatdozentin

Viel Zeit, sich dem Müßiggang zu widmen, hatte Dr. Dorothee Schaab-Hanke auch nach dem 28. Oktober 2004 nicht, und PD, nämlich Privatdozentin, ist sie an dem Wochenende, an welchem diese Notizen geschrieben werden, am 27./28. November, noch nicht.

Dorothee Schaab-Hanke An jenem 28. Oktober stand ihr Habilitationskolloquium an. Zuvor hatte sie eine Sammlung von Aufsätzen unter dem zusammenfassenden Titel "Die Macht des Schreibers (shi): Geschichtsschreibung und Exegese im Shiji" als schriftliche Habilitationsleistung, in deren kumulativer Form, eingereicht. Drei Gutachter hatten diese positiv gewürdigt, und der Prüfungsausschuß hatte sich unter drei von ihr vorgeschlagenen Themen für den Probevortrag für "Attentate und ihre moralische Bewertung in der frühen chinesischen Historiographie" entschieden.

Eigentlich sollte das Thema für einen solchen Probevortrag weiter von dem Thema der Habilitationsschrift entfernt sein als diesmal. Möglicherweise bestimmten die Prüfer die Attentate und Selbstmordattentate der Gegenwart bei ihrer Wahl. Vielleicht war deshalb auch das Publikum zahlreicher als bei einem solchen Verfahren üblich, denn es ist stets "universitätsöffentlich".

Der Inhalt dieses Vortrages sei hier trotzdem übergangen. Wahrscheinlich wird daraus einmal ein Aufsatz werden, und da ein Aufsatz etwas anderes ist, zumindest sein sollte, als ein gedruckter Vortrag, sei dem nicht vorgegriffen. Neues Material und neue Nachdenklichkeit würden in diesen eingehen, vielleicht auch die eine oder andere Erinnerung an das Kolloquium.

Von der – nicht öffentlichen – Beratung des Prüfungsausschusses läßt sich immerhin mitteilen, daß sie sehr kurz war. Dann konnte Dekan Michael Friedrich die Habilitation, die höchste und schwerste akademische Prüfung, die keineswegs immer reibungslos verläuft, vollziehen. Sie ist auch heute die wesentlichste Voraussetzung dafür, eine Professur zu erlangen.

Nach dem 28. Oktober hatte die frischhabilitierte Schaab-Hanke in Belgien an einem Promotionsverfahren mitzuwirken, und eine Shiji-Konferenz an einer chinesischen Universität konnte sie sich einfach nicht entgehen lassen. Bei dieser wollten die Veranstalter sogleich einen Vortrag über ihre Habilitationsarbeiten: wieder ein Vortrag, diesmal auf Chinesisch, von einem Tag auf den anderen!

Erst die Erteilung der Lehrerlaubnis, venia legendi, macht Habilitierte zu Privatdozenten – ein schmückender Titel, der aber mit einer Lehrverpflichtung verbunden ist. Bis dahin sind noch einige Formalia und eine Gremienentscheidung notwendig. Vor den "Ruhm" haben die akademischen Götter dereinst, als diese Regelungen getroffen wurden, viel Schweiß und Beratung gesetzt. Im Grunde sind sie bewährt. Wahrscheinlich wird aus Dr. Dorothee Schaab-Hanke noch vor Weihnachten eben PD Dr. Schaab-Hanke.
 
 
 

 Ein Anfängerkurs

Ein Ziel der aktuellen Hochschulpolitik ist, die Zahl der Studienabbrecher drastisch zu reduzieren und die Studienanfänger zu einem schnellen Studienabschluß zu veranlassen. Hierbei wird meistens verkannt, daß die Motivationen der Studierenden – im Hinblick auf das Studium überhaupt und dessen Verlauf – nicht von universitären Gegebenheiten bestimmt werden, sondern von privaten und gesamtgesellschaftlichen.

Desungeachtet hat die ChinA seit einem Jahrzehnt zu verfolgen versucht, wie die Studienverläufe der für das Hauptfach Sinologie I oder II an der Universität Hamburg Immatrikulierten sich gestalten. Nicht immer sind die administrativen und andere Voraussetzungen dafür günstig, doch jetzt soll einmal die systematische Dokumentation eines Jahrgangs versucht werden.

Zum Wintersemester 2003/2004 wurden für das Fach Sinologie 55 Studienanfänger immatrikuliert. Studienanfang in einem solchen Fach bedeutet zunächst einmal die Teilnahme an dem Sprachkurs "Hochchinesisch I". Durch ein administratives Versehen waren mehr Studierende für diesen Kurs zugelassen worden, als die Lehrkapazität erlaubt, denn zu diesen 55 kamen noch die Nebenfächler hinzu. Der wieder einmal wachsenden Nachfrage nach solchen universitären Sprachkursen kann nur durch einen numerus clausus begegnet werden, wenn die Qualität des Unterrichts gewährleistet sein soll. Kurzfristige und hilfsweise Stellenzuweisungen, um Notlagen abzuhelfen, sind kaum sinnvoll.

Drei von den 55 erschienen nicht und wurden deshalb zwangsexmatrikuliert. Also umfaßte dieser grundlegende Sprachkurs zu Semesterbeginn 52 Teilnehmer, am Ende des Semesters waren es dann 34. 18 hatten den Sprachkurs – und damit das Studium? – abgebrochen oder waren in ein anderes Fach gewechselt. Die Beweggründe hierbei wurden untersucht, sollen jedoch hier übergangen werden.

Hochchinesisch II im Sommersemester 2004 besuchten zu Semesterbeginn 35 Studierende, auch am Semesterende waren es noch 35. Geringfügige personale Verschiebungen ergaben sich durch den Wechsel von Sinologie als Hauptfach zu Sinologie als Nebenfach und umgekehrt, und am Ende des Semesters strichen vier Teilnehmer die Segel: ein weiterer Studienabbruch, und drei bestanden zum zweiten Mal nicht die Abschlussklausur.

Studierende des 3. Semesters Sinologie

Von den verbleibenden 31 wiesen 21 sehr gute und gute sprachliche Leistungen auf. Bei ihnen läßt sich ein positiver Fortgang der Studien erwarten. Bei denen, die nur eine "Vier" schafften, ist Skepsis angeraten. Aus den unterschiedlichsten Gründen ist aber erfahrungsgemäß eine plötzliche Veränderung der Studienleistungen – positiv oder negativ – jederzeit denkbar.

Im Wintersemester 2004/2005 begannen diese Studierenden ihr drittes Semester. Dieses und das vierte sind für hiesige Studierende der Sinologie besonders belastend. Der Sprachkurs Hochchinesisch wird fortgeführt. Hinzukommt die Einführung in das Klassische und Literarische Chinas. Erst diese schafft die Voraussetzung dafür, die reiche kulturelle Tradition Chinas an den Quellen studieren zu können. Fast die gesamte literarische Überlieferung Chinas ist in den Sprachformen des Klassischen und des Literarischen, bzw. von diesen abgeleiteten Sonderformen, des Chinesischen abgefaßt – bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Hochchinesisch III hatte zu Beginn dieses Semesters 2004/2005 insgesamt 36 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, obwohl nur 31 die Abschlußprüfung zu Hochchinesisch II bestanden hatten. Wiederholer und Quereinsteiger mit guten Vorkenntnissen trugen zu dieser Erhöhung bei.

Zu erwarten war, daß die vierstündige Einführung in das Klassische Chinesisch ebenso 31 Interessenten finden würde oder geringfügig mehr. Tatsächlich trugen sich 43 Personen in die Teilnehmerliste ein. Ein Datenabgleich erbrachte den Eindruck, daß die "zusätzlichen" Studierenden zur Hälfte chinesische Studentinnen sind, die Sinologie als Nebenfach belegt haben und denen zur Auflage gemacht wurde, diesen Kurs zu besuchen. Zur anderen Hälfte waren das Studierende höherer Semester: fünfte, sechste, siebte, neunte. Ungefähr 15 Prozent der Studierenden der Sinologie weichen also bei diesem Kurs aus irgendwelchen Gründen vom vorgesehenen Studienplan ab und folgen eigenen Optionen. Diese Zahl erscheint als niedrig.

Über das "Schicksal" dieses dritten Semesters läßt sich gegenwärtig nur andeutungsweise etwas sagen. Die Anwesenheit sowohl in Hochchinesisch III als auch in Klassisch I ist gut bis hoch. Das gilt auch für die Mitarbeit, die jedoch nicht unbedingt ein verläßlicher Indikator für die Studienleistungen ist, auch nicht für die Studienmotivation. Auch stille Wasser können, bekanntlich, tief sein. Weiteren Einblick werden die Testklausuren vor den Weihnachtsferien bieten.

Ein Grundstudium der Sinologie besteht nicht nur aus den Sprachkursen, wenngleich schon diese zu einer starken zeitlichen Beanspruchung der Studierenden führen. Die Proseminare zur Vermittlung grundlegender Sachkenntnisse über China kommen hinzu, von den individuellen Studien abgesehen. Auch sind – nach den bisher geltenden Studienordnungen – die Studierenden gehalten, zwei Nebenfächer oder ein zweites Hauptfach zu studieren. Hierfür liegen verläßliche Daten noch nicht vor, doch in HCN 37 soll darüber berichtet werden.

Bei einem Hauptfachstudium der Sinologie dürfte die durchschnittliche Zahl der absolvierten Unterrichtsstunden in diesem Semester 14 betragen. Die An- und Abfahrtszeiten zur Universität sind in einer Großstadt meistens hoch, die Vor- und Nachbereitungen zu den Unterrichtsstunden kommen hinzu. Alles in allem dürfte allein der sinologische Teil des Studiums, von den Nebenfächern abgesehen, einen zwei- bis dreifachen zeitlichen Aufwand erfordern.

Wir, die hier an der ChinA im Fach Sinologie lehren, fluchen manchmal – unter uns – über die eine Studierende oder den anderen Studierenden. Die Leistungen und das Engagement der meisten betrachten wir jedoch voller Freude – und mit Respekt. Den zeitlichen und intellektuellen Aufwand, den sie klaglos auf sich nehmen, könnten sich manche Behördenbeamte, die viele "treffliche" Vorschläge für künftige stark reglementierende Studienpläne ausbrüten, durchaus zum Vorbild nehmen.
 
 
 

 Eine Hausaufgabe

Die Einführung in das Klassische Chinesisch hatte, mit jeweils vier Stunden, gerade vier Wochen gedauert. Anhand vorbereiteter Lektionen waren einige wichtige Grundregeln von dessen Grammatik und ein kleines grundlegendes Vokabular zu lernen und einzuüben. Nach einer ersten Hausaufgabe, die eher wiederholenden Zwecken diente, sollte eine nächste Einblicke anderer Art vermitteln.

Das Shuo-yüan, "Garten der Sprüche", des großen Gelehrten Liu Hsiang (77-6) ist ein bis ins 20. Jahrhundert geschätztes Hauptwerk der Tradition. Durch lehrhafte Anekdoten über berühmte Staatsmänner des als vorbildlich angesehenen Altertums vermittelt es wichtige "Spielregeln" für die Ordnung von Staat und Gesellschaft. Das Kapitel 16 dieses Werkes besteht aus mehr als 200 unzusammenhängenden "Sprüchen" – kurzen, oft gereimten, "goldenen Worten", die wahrscheinlich als Zitatvorrat für den politischen Diskurs zusammengestellt wurden. Die Teilnehmer des Klassisch-Kurs sollten jeweils eines dieser Worte selbständig – das Werk ist bisher nicht in eine westliche Sprache übertragen – übersetzen.

Die Schwierigkeit dieser Aufgabe bestand darin, daß manche Einzelheit der in diesen Sprüchen vorkommenden Grammatik noch nicht bekannt war, viele Wörter ebenfalls nicht. Die Schwierigkeit wurde dadurch verstärkt, daß die Sprüche zusammenhanglos dastehen, ihr Leser also nicht durch einen Kontext auf das jeweils Gemeinte hingeführt wird, und die Vorstellungswelten jener fernen Zeit sich von gegenwärtigen, auch in China, unglaublich unterscheiden. Viel an Nachdenklichkeit oder an Nachschlagereien war also notwendig, um halbwegs Sinn in diese Sätze in einer Sprachform, deren Lernen gerade erst begann, zu bringen. – Fast alle der 43 eingeschriebenen Kursteilnehmer erledigten diese Hausaufgabe.

Die meisten Übersetzungen waren gelungen, von Details abgesehen, über die sich manchmal allerdings auch erfahrene Sinologen streiten würden. Eine kleine Auswahl, manchmal etwas bearbeitet, sei hier wiedergegeben, weil diese "goldenen" Worte trotz großer zeitlicher und räumlicher Ferne auch heute als aussagekräftig erscheinen mögen:
  • Alle Menschen wissen, daß man durch Nehmen etwas bekommt; sie wissen nicht, daß man durch Geben etwas bekommt. (Joost Hillinghaus)
  • Kleine Treue ist der Mörder großer Treue, kleine Vorteile sind der Ruin großer Vorteile. (Zhu Siyi)
  • Wer Gutes tut, dem vergilt das der Himmel mit Segen; wer Schlechtes tut, dem vergilt der Himmel das mit Unheil. (Wibke Ridder)
  • Sei pietätvoll zu Vater und Mutter und zuverlässig im Umgang mit Freunden! – In einem Sumpf von zehn Schritten gibt es bestimmt ein duftendes Kraut und in einem Dorf von zehn Häusern einen rechtschaffenen Mann. (Maria Bondes)
  • Üble Worte sollen den Mund nicht verlassen und leichtfertige Reden nicht in den Ohren verweilen. (Juliane Burmester)
  • Glück und Unglück kommen nicht aus der Erde heraus und nicht vom Himmel herab. Man selbst bringt sie hervor. (Ellen Luu)
  • Auf den Gipfeln hoher Berge wachsen keine schönen Bäume – sie leiden unter zu viel Sonne; unterhalb von großen Bäumen wachsen keine schönen Kräuter – sie leiden unter zu viel Schatten. (Lena Knake)
  • Sind die Oberen nicht glaubwürdig, sind die Unteren nicht treu. Wenn Obere und Untere nicht harmonieren, wird sogar aus Sicherheit Gefährdung. (Imke Homma)
  • Sittlichkeit und Gerechtigkeit stehen im Vordergrund, der Einsatz von Truppen im Hintergrund! (Nancy Wu)
  • Mit dem General einer geschlagenen Armee braucht man nicht über Tapferkeit zu reden, mit den Beamten eines gescheiterten Staates soll man nicht über Klugheit reden. (Dong Kun An)
  • Die Überschwemmungen von Chiang und Ho währen nicht länger als drei Tage, ein Wirbelwind und ein Platzregen sind im Nu vorüber. (Margarete Cholewinski)
  • Die Pflanzen sterben im Herbst, nur Kiefern und Zypressen leben; ein Fluß läßt alle Geschöpfe forttreiben, doch Jade und Steine bleiben. (Mayumi Teranishi)
  • Ein Mensch, der nicht liebt, ist nicht in der Lage, menschlich zu sein. Wer wortgewandt ist, aber nicht geistvoll, kann nicht glaubwürdig wirken. (Kristina Fleischer)
  • Wer Schmach ertragen kann, lebt in Frieden; wer Kränkungen erdulden kann, bleibt am Leben. (Philipp Meyer)
  • Reichtum beruht darauf, das "Genug" zu erkennen, und Ansehen darauf, nach Zurückhaltung zu streben. (Nora Schlenzig)
  • Jemand, der über anderen steht, sorge sich darum, daß er nicht klarsichtig sei! Jemand, der unter anderen steht, sorge sich darum, daß er nicht loyal sei! (Daniel Schmidt)
  • Ein Kind, das nicht pietätvoll ist, bleibt nicht mein Kind; ein Bekannter, der nicht zuverlässig ist, wird nicht mein Freund. (Julia Brüchmann)
  • Ein Edler handelt voll Tugend und vervollkommnet so die eigene Person, ein "kleiner Mann" handelt voll Gier und verdirbt so die eigene Person. (Mario Janiszewski)
Bei manchen dieser Worte muß der Leser einen Augenblick verweilen, um das Gemeinte zu erfassen. Dafür aber kann er sich des Vorzugs erfreuen, sie als authentische Überlieferungen aus dem Alten China verstehen zu können. Vieles, das der Berichterstatter so in den Jahren als "chinesisches Sprichwort" oder als Ausspruch des Konfuzius in der deutschen Alltagsliteratur, vornehmlich in Küchenkalendern, gelesen hat, ist nämlich frei erfunden.
 
 
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