Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 35
6. Dezember 2004
China-Hamburg jetzt und einst China-Hamburg
jetzt und einst
ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte
 
 

 China-Gipfel in der Handelskammer

Am Abend des letzten Freitags im Monat November, der auf den 26. Tag dieses Monats fiel, erinnerten das Hamburger Rathaus und die unweit von diesem gelegene Handelskammer an Gespensterschlösser. Der "Lichtkünstler" Michael Batz hatte sie in ein fahles blaues Licht getaucht.

Auf dem Rathausmarkt fand der Weihnachtsmarkt statt, dessen gemächliche Stimmung und warme Farben wenig zu diesem Geisterblau paßten. Diese Fassadenbelichtung war auch nicht für adventliche Einstimmungen gedacht, ein Sponsor hatte sie anläßlich eines Ereignisses in der Handelskammer möglich gemacht, doch auch zu diesem paßte die Sterbensfarbe nicht. Das deutete schon die stattliche Reihe der "official cars" vor der Handelskammer an: Mercedes, schwarz und silbergrau.

Am Abend davor hatte Bürgermeister von Beust zu einem Rathausempfang mit anschließendem Festmahl geladen: "Hamburg Summit – China meets Europe". 450 Führungskräfte aus Wirtschaft und Politik und anderen Kreisen hatten sich angemeldet, der meinungsmächtige Altkanzler Helmut Schmidt hielt die Festrede und erhielt aus der Hand des COSCO-Käptens Wei Jiafu irgendeinen neuerfundenen "award", neuerdings beliebt derlei.

Entenbrust machte den Hauptgang aus. Sollte er die chinesischen Gäste, die in einer gutbesetzten Regierungsriege, mit Vizepremier Zeng Peiyan an der Spitze, eingeflogen waren, an die vertraute Pekingente erinnern? Sollte das Kredenzen dieses Schnattervogels auf die bevorstehende Tagung verweisen? Nein, diesen Schnatterern war ja der Garaus gemacht worden.

Hamburg Summit  China meets Europe Der Freitag war der Haupttag dieses "Gipfels". Den Vormittag füllten die notwendigen offizielleren Darlegungen. Ob Kammerpräsident Dr. Karl-Joachim Dreyer oder sein Vorgänger, der Reeder Nikolaus W. Schües, auf dessen Anregungen und Engagement dieses Ereignis zurückgeht, ob der ehedem vorlaute Politiker und dann Jungunternehmer Horst Teltschik oder Vizepremier Zeng – sie trugen die vertrauten Dinge vor, doch manchmal waren Nuancierungen herauszuhören, auch schon einmal ein Hinweis auf Indien, und bei dem Vizepremier erfreute den Beobachter, was der auf eine – offenbar nicht vorbereitete – Frage aus dem Publikum eben nicht beantwortete. Kammerpräsidenten und Politiker wissen ihre Zungen zu kontrollieren. Das versteht gewiß auch Lee Kuan Yew, Singapurs elder statesman, doch seine Art, seine Zunge trotzdem als locker erscheinen zu lassen, erfrischte das Publikum ganz außerordentlich.

Die eigentliche Arbeit begann danach und am Nachmittag. Titel paralleler Panels waren: "Rating and Capital Markets in China and Europe", "Opportunities in China's Private Sector", "China Expands Abroad: M&A in Europe", "Developing China's Automotive Industry", Opportunities in China's Fast-Growing Consumer Sector", "China's Emerging Media Markets". Dieses vielfältige Programm wurde am Sonnabend mit Panels zu Problemen der Energieversorgung und des Finanzsektors fortgesetzt, bevor zum Abschluß Nobelpreisträger Robert A. Mundell einen Ausblick auf die "China-Europe Agenda" vortrug.

Die Handelskammer hatte ihre vorzüglichen wirtschaftlichen Chinakenntnisse und -verbindungen genutzt, um kompetente Praktiker für die Podien zu gewinnen. Manchmal unterschieden sich deren Grundhaltungen – so, als es um die chinesischen wirtschaftlichen Aktivitäten in Europa ging. Der eine meinte, Europa habe "be scared" zu sein, während der andere dagegen hielt: Europa müsse seine Stärken genauer definieren und die Ärmel aufkrempeln. Die vorgesehenen Diskussionen mit dem chinaerfahrenen und genauso hochkarätigen Publikum kamen, wie meistens bei solchen Podiumsveranstaltungen und obwohl diese "interactive" genannt wurden, zu kurz, aber dafür mochten die Kaffeepausen, "contact break" genannt, dienen.

Auch die Panels verschafften hier und da verblüffende Nebenbei-Einsichten. Prof. Dr. Mei Zhaorong, der ehemalige VR-Botschafter in Deutschland, moderierte das Panel über Chinas aufstrebende Medienmärkte. Dr. Heike Holbig gab einen Überblick über die Medienlandschaft in der VR, Dr. Stefan Simons, ehedem SPIEGEL-Korrespondent in China, lästerte behutsam über noch ausstehende Pressefreiheiten dort, die Starmoderatorin Yang Lan erzählte aus ihrem reichen Erfahrungsschatz im staatlichen und privaten Fernsehen der VR, und dazu hatte auch ihr Ehemann, der Medienmogul Bruno Wu, Aufschlußreiches beizutragen. Nicht alles, was Moderator Mei gehört hatte, gefiel ihm offenbar. Nach den statements wollte er lieber etwas darüber hören, wie deutsche Medien Chinakenntnisse vermittelten, und beklagte, daß diese im Vergleich zu den Deutschlandkenntnissen in China zu gering seien. Das mag so sein, doch so hatte er auch mit gravitätischer Selbstverständlichkeit von dem Thema abgelenkt, das sein Publikum interessierte.

Auch ein kritischer Beobachter wird diese Veranstaltung der Handelskammer, die durch zahlreiche Hamburger Chinafirmen ermöglicht wurde, großartig nennen. Eine Selbstvergewisserung der hamburgischen Chinakompetenzen war sie, doch sie machte weit über Hamburg hinaus deutlich, daß sich darin kaum eine Metropole in Europa mit ihm messen kann, vor allem nicht bei der bewußten Pflege dieser Kompetenz. In Peking ist das inzwischen bekannt, in Shanghai erst recht, auch in Brüssel – noch nicht so recht in Berlin. Dabei ging es bei diesem "Gipfel" längst nicht um alle hamburgischen Chinakompetenzen.

Die begeisterten Hamburger Medien leisteten sich bei ihren Berichterstattungen wieder einige journalistische Nachlässigkeiten. HA und "Bild" taten am 26. November beispielsweise so, als sei Singapurs Lee Kuan Yew in Hamburg gegenwärtig. Gegenwärtig war er zwar, aber nur per Satellit, und als der ehemalige SPD-Senatspräsident und Bürgermeister und jetzige Notar Dr. Henning Voscherau ihn fragte, was Lee Deutschland unter den gegenwärtigen Umständen rate, lachte der mit einiger Bonhomie: den Gewerkschaftsfunktionären ein paar Wochen Urlaub und einige Gespräche in Ländern wie Indien, Malaysia oder in den neuen, den östlichen EU-Ländern finanzieren! Der alte Lee ist immer noch "der alte".

Den Berichterstatter erfreute nebenbei, nicht wenigen vertrauten Gesichtern aus der China-Abteilung an der Universität zu begegnen – auf allen Ebenen. Die jüngsten trugen als Hilfskraft zu den geordneten Abläufen dieses "Gipfeltreffens" bei, andere hatten an Vorbereitungen mitgewirkt, wieder andere befanden sich auf dem Podium oder saßen im Publikum, als Unternehmerinnen (mehrere!) oder Journalisten.

In zwei Jahren, plant die Handelskammer, soll sich der nächste "Hamburg Summit" ereignen, und für dieses Jahr 2006 bereitet die Freie und Hansestadt auch die nächsten "China-Wochen" vor. Das Programm dieses zweiten "Gipfels" wird sich, zeigten die Schlußworte am Sonnabend, strukturell und in den Zielen von dem ersten unterscheiden, und die China-Wochen 2006 bedürfen ebenfalls neuer Konzeptionen.

Ach ja, und nicht zu vergessen: Jedem/jeder, der/die an einem Panel auf dem Podium mitgewirkt hatte, schenkte die Handelskammer zum Dank ein Buddelschiff – erstmals, als neues Motiv, mit einem Chinafrachter darin. Allerdings, wer zweimal auf einem Podium saß, bekam desungeachtet nur ein Buddelschiff. Bei allem Aufwand sonst, die Verantwortlichen in der Handelskammer haben gelernt: "Wi häb'n it nich vont Uutgävn, sondern vont Fasthollen." Auch diese Einzelheit war vorbildlich.
 
 
 

 China-Gipfel in der Hamburger Presse

Am wenigsten und am schrägsten berichtete erwartungsgemäß "Bild-Hamburg" über diesen Gipfel: Über den Auftakt hieß es: "Asiengipfel. Mit Entenbrust lockt Hamburg die Chinesen". Auch von Akrobatik und Löwentanz war dann die Rede. – So ganz Asien ist China noch nicht, und ob ein "Bild"-Redakteur wohl ahnt, daß in China nie Löwen lebten und daß ein solcher Tanz bei einem Chinaereignis möglicherweise eine ganz eigene Symbolik entwickelt? Ein weiterer Beitrag: "Chinas Vize macht unserem Bürgermeister gute Laune". Als wenn das ein Ziel des Vizepremiers oder der Veranstaltung gewesen wäre! Immerhin zitiert dieser kleine Beitrag ein schriftliches Grußwort von Innenminister Otto Schilly: "China und Deutschland verbindet eine ausgezeichnete Freundschaft und strategische Partnerschaft." Ein Innenminister, der stets auch als Polizeiminister gilt, sollte sich lieber nicht zu China äußern, von der problematischen deutschen Syntax abgesehen, und was die strategische Partnerschaft angeht – die chinesische politische Führung benutzt diesen Begriff in sehr distinkter Weise, jedenfalls nicht in der von Otto Schilly!

Das Schwesternblatt "Welt-Hamburg" hatte die Botschaft dieser Veranstaltung ebenfalls nicht richtig verstanden: "Altkanzler Schmidt sieht positive Zukunft für China" und "Brückenschlag ins Reich der Mitte. Internationale Konferenz in der Handelskammer – China auf dem Sprung an die Spitze" waren hier die Überschriften. Als wenn es um die Zukunft Chinas gegangen wäre! Für mehr als die beiden allgemeinen Eröffnungsveranstaltungen interessierten sich die "Welt"-Journalisten nicht. Genauer sah schon vorab das Schwesterblatt "Welt am Sonntag" am 21. 11. hin: "Ein Hauch von Davos an der Elbe. Mit einer hochkarätig besetzten China-Konferenz wirbt die Wirtschaft für Hamburg". Am Konferenzwochenende brachte die WamS nur noch eine Glosse über die Eröffnungsansprache des Bürgermeisters: gemein!

Hervorhebenswert ist wieder einmal die China-Berichterstattung des "Abendblatts". Mit täglich einem großen Artikel und einigem Beiwerk, Kommentaren u.ä., begleitete es die ganze Konferenz, die Abschlußrede des Nobelpreisträgers Robert Mundell eingeschlossen. Das war nicht nur ausführlich, sondern auch kompetent. Ein abschließender Kommentar von Bob Geisler hielt dann auch fest, was ein Manko dieses ersten "Gipfels" ausmachte: "Denn das einzige, was dem gelungenen China-Gipfel noch fehlte, war die deutliche Präsenz der Bundesregierung."

Und dann gibt es ja auch noch die MoPo. "Hamburg wartet auf Zengs Vision", stimmte sie am 25. November ein. Auf Zengs Vision? "Drache China im Anflug. Liebeswerben des Roten Riesen beim Hamburger Wirtschaftsgipfel" folgte am 27. November. Experten für solches Liebeswerben und dessen Richtungen sitzen bei der MoPo anscheinend nicht. Dafür dachte man dort bei China wieder einmal flugs an einen Drachen – fand ein passendes Motiv für die Klatschspalte am 26. (siehe Abb.) und rahmte damit das Rathausstrahlen ein. Über die Symbolik dieses Wunderwesens Drache in China und die Symbolik dieser spezifischen Farbe Blau machte sich auch in der MoPo niemand Gedanken.

China-Gipfel: MoPo 26.11.04

Schön ausführlich mag die Hamburger Berichterstattung über diese hochbedeutsame Handelskammer-Konferenz erscheinen, und damit auch gut. Trotzdem, sie verdeckt drei Dinge:

– Die Berichte über die Konferenz erschienen, als sei sie ein politisches oder gesellschaftliches Ereignis gewesen, selten in den Wirtschaftsteilen der Blätter. Dabei hätten die Wirtschaftsjournalisten – und ihre Leser – während der ganzen Konferenz aufschlußreiche Hintergrundinformationen gewinnen können. Jedes Panel hätte eine Zusammenfassung verdient.

– Die überregionale Tagespresse hat diese Konferenz kaum oder nicht wahrgenommen. Einer der Gründe dafür dürfte sein, daß die Chinakompetenz vor allem der meisten Wirtschaftsjournalisten gering bis nicht vorhanden ist. In Zusammenhang mit China schreiben sie über allgemeine und Überblicksthemen und widmen lieber einem deutschen Mittelständler einen Vierspalter als einer volks- und weltwirtschaftlich brisanten Entwicklung in China. Artikel über ein chinesisches Großunternehmen und chinesische Strategien im 21. Jahrhundert sind Ausnahmen.

– Grund für beides ist, daß trotz aller Deklamationen künftige hiesige, hamburgische und deutsche, Chinaabhängigkeiten zwar von der Hamburger Handelskammer erkannt, aber darüber hinaus noch nicht recht verinnerlicht worden sind. Das allgemeine Bewußtsein hierfür muß sich schneller erweitern als bisher – und das sollte schon in den Schulen beginnen, denn in vielen von diesen gelten Chinaprojekte für Schüler noch immer als "elitär".
 
 
 

 China-Schnickschnack am Hafen

Manchmal faßt sich der unbefangene Chinafreund in Hamburg an den Kopf – so bei der Lektüre zweier Artikel im "Abendblatt" vom 9. November: "Hamburg: Riesiger China-Garten in der HafenCity", "China-Garten im Hafen soll eine Zickzack-Brücke bekommen" – auch "Seerosenteiche, eine chinesische Galerie und Pagoden".

70.000 Quadratmeter soll er umfassen, am Lohseplatz. "Außerdem sollen chinesische Schriftzeichen installiert werden, die im Dunklen leuchten." Auch "ein original Stadttor aus China" soll dort aufgebaut werden. Beweggrund des Projekts ist: "China solle für die chinesischen Gäste und für die Bürger erlebbar werden, dazu müsse das Thema China im Stadtbild verankert werden."

Ogottogott! CDU-HafenCity-Experte Henning Finck habe sich bereits Chinagärten in Shanghai, Peking, Hanzhou (!) und Zürich angesehen – und diese Spesen waren überflüssig. Der Botanische Garten hat schon lange einen solchen Chinagarten, den "Garten der aufblühenden Magnolien" (siehe Abb.) konzipiert – mit Sachverstand und subtil, nicht auf diese Rabaukenart. In das Ambiente von Klein Flottbek paßte dieser Chinesische Garten, aber dort sind die Mittel knapp.

"Garten der aufblühenden Magnolien"

Politiker und Stadtplaner gebieten anscheinend über besondere Formen des Feinsinns. Wie subtil sich dieser äußern kann, zeigt ein weiteres Detail der Planungen in der HafenCity: Unmittelbar neben dem Chinesischen Garten soll eine Gedenkstätte entstehen – an die Opfer der Vernichtungstransporte in die Nazi-KZs!

Der Feinsinn, den solche Nachbarschaft zeigt, wird den Generalkonsul der VR China entzücken. Schließlich erinnert, vorsichtig formuliert, "amnesty international" alljährlich daran, daß noch heute Hunderttausende in China in solchen "Arbeit macht frei"-Stätten schuften, wenn nicht Schlimmeres erdulden müssen. Nicht wenige ihrer Produkte landen auch im Hamburger Hafen.

Das wird ein schöner Dreiklang werden: Garten-Schnickschnack mit Zickzack-Brücke wider die Geister, Arbeits- und Vernichtungslager-Gedenken und der "brummende" Chinahandel im Hafen!
 
 
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