Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 34
24. Oktober 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Notizen von einem
nächtlichen Schreibtisch
Deutsche Chinatexte
 
 

 Erinnerung an ein fernes Land

"Wo die Kultur aufhört, dort fängt Masuren an", weiß eine böse Redensart. Ausgerechnet hier erblickte ich das erste Chinarestaurant in Polen – und es heißt auch noch "Shanghai" und lockt seine Gäste mit dem Sinnspruch, in chinesischen Schriftzeichen: "Lächelnd empfangen wir Gäste aus der ganzen Welt,/ heiter versammeln wir Freunde von jenseits der Meere."

Chinarestaurants sind in Polen noch selten. Ein amtlicher Restaurantführer verzeichnet für die Hauptstadt Warschau lediglich vier, davon drei für Nichtraucher! Auch in anderen Großstädten – Posen, Krakau, Breslau – gibt es nur wenige, anscheinend vor allem durch Vietnam-Chinesen betrieben, aber solche amtlichen Führer sind auch in Polen selten aktuell.

China-Restaurant in Masuren

Das skurril verklärte Masuren, das etwa Siegfried Lenz und Arno Surminski schilderten, existierte wohl nie, doch so arm, wie sich dieser Landstrich bei ihnen darstellt, ist es geblieben – reich allerdings an landschaftlichen Schönheiten und alten Obstbaumsorten, die hierzulande längst den Modernisierungen zum Opfer fielen.

Ein Deutscher fährt nicht ohne Beklommenheit nach Polen. Zwischen Marienburg, Auschwitz, Breslau und Schweinitz begegnet er unablässig deutscher Geschichte, die es mit den Polen selten gut meinte. Und wer kennte nicht das Vorurteilswort von der "polnischen Wirtschaft" und erinnerte sich nicht sogleich an einige EU-"Anmaßungen" polnischer Politik und das Schüren antideutscher Ressentiments durch ein paar verantwortungslose Politiker? Da war angeraten, den neuen EU-Nachbarn wenigstens ein paar Tage in Augenschein zu nehmen.

Polnische Gullydeckel Zu den schönsten deutschen Rathaus- und Marktplätzen gehören die in den polnischen Städten Krakau und Breslau, und die neuen Herren haben sie sorgfältig und liebevoll restauriert, ohne dabei die sichtbaren Hinweise auf ihre deutsche Vergangenheit zu tilgen, erst recht nicht die in den stattlichen Kirchen. Deutsche Vertriebenenfunktionäre sollten ihnen das unablässig danken und auch daran erinnern, daß es gleichzeitig polnische Vertriebene gab. An allen Monumenten deutsch-polnischer Geschichte begegnet der Fremde regelmäßig polnischen Schulklassen. Nationalstolz lernen diese Heranwachsenden dabei gewiß, und so kennen auch die Erwachsenen viel von der Geschichte ihres Volkes und ihres Staates, doch offenbar wird dabei auch mit der deutschen Geschichte behutsam umgegangen.

Eine von vielen zukunftsträchtigen polnischen Unbefangenheiten mit den deutschen Anteilen an der Geschichte Polens: Die Schokoladenmarke "E. Wedel"dominierte vor dem 2.Weltkrieg den polnischen Leckermäulermarkt. Im "sozialistischen" Polen dreier Jahrzehnte wurde diese Marke natürlich in Volkseigentum überführt und entsprechend umbenannt. Die Auslandspolen – denn dieses dynamische Volk suchte stets sein Auskommen auch in der Ferne, besiedelte in Deutschland wenigstens das halbe Ruhrgebiet mit all seinen Kaczmareks und vergleichbaren Namen und stellte dereinst bei der "Tour de France" sogar eine "Mannschaft der in Frankreich lebenden Polen" – diese Auslandspolen mochten zwar nicht auf ihre heimatliche Schokolade verzichten, doch sie goutierten nicht deren "sozialistischen" Markennamen. Um des Geschäftes willen blieben auch die polnischen Sozis bei der Exportschokolade von E. Wedel, und heute liegen diese "deutschen" Tafeln an jeder Tankstelle aus.

Die polnischen Durchschnittseinkommen liegen angeblich bei 2000 Zloty im Monat: 400 bis 500 Tassen Kaffee in einem Café, doch die Cafés und Restaurants sind gut besucht. Obst und Gemüse in den Geschäften weisen eine Güte auf, die deutsche Supermärkte nie erreichen, und die Polen treffen sich auch gerne privat zu opulenten Gastmählern. Ein Eßtisch für acht Personen ist der Traum jedes polnischen Häuslebauers, doch er kann ihn sich bestenfalls durch einen Zweitjob leisten. Eine unverdrossene Lebensfreude zeigt sich in vielen Einzelheiten, auch in der Öffentlichkeit, dazu eine hohe Lebensqualität trotz bescheidener Möglichkeiten, zu welcher auch die Sauberkeit in den Städten beiträgt. Deren Abfallbehälter weisen stets eine Art Aschenbecher auf, weshalb sich kaum ein Raucher getraut, seine Kippe auf die Straße zu werfen. Solche Kleinigkeiten bezeugen die Umsicht von Verwaltungsbeamten – denen in Hamburg zum Vorbild!

Sprichwörtlich war ehedem die Eleganz polnischer Frauen und Jungfrauen. Daran hat sich auch heute nichts geändert. Manchmal scheint der Habitus solcher Eleganz in längstvergangene Zeiten zurückzureichen, und dazu paßt eben auch der Glasharmonikaspieler vor dem Breslauer Rathaus, der – des entzückten Deutschen ansichtig geworden – sogleich "La Paloma" intonierte. Dachte er dabei an Hans Albers oder sah er diese Weise als eine Art "Internationale" an oder wußte er gar, daß dieses Liedchen ursprünglich einer schönen Chinesin gewidmet war? Der NDR sollte diese zauberhafte Intonation in seine Sammlung von "La Paloma"-Versionen aufnehmen.

In keinem anderen Land begegnet ein Deutscher so unablässig wie in Polen deutscher Geschichte, doch in zuversichtlicher Weise. Dafür spricht sogar Adolf Hitlers Wolfsschanze. Die meterdicken Betonwände und -decken, die er nach seinem fluchtartigen Abschied sprengen ließ, erobert sich allmählich die Natur zurück. Das mag zukunftsträchtig und sinnbildhaft erscheinen, doch sinnbildhafter ist, daß Hitler lange Monate in solch einem Gehäuse lebte und von hieraus Deutschland "regierte". Offen und weltzugewandt sind die polnischen Großstädte heute, doch die ländlichen Räume, von viel Ursprünglichkeit erfüllt? Der liebe Gott, der Polen-Papst, den aberhunderte Denkmäler feiern, und die EU gnade ihnen!
 
 
 
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Fünf Prinzipien
 
  Als Chou En-lai, Ministerpräsident der jungen VR China und Außenminister zugleich, am 1. August 1954 in Peking aus dem Flugzeug stieg, hatte er sich auch im Westen Ansehen erworben. Er kehrte, mit einigen Zwischenstationen, von der Genfer Indochina-Konferenz zurück, die nach den Niederlagen der französischen Kolonialherren für das südostasiatische Festland eine – zumindest vorläufige – Friedensordnung geschaffen hatte. Chou hatte kräftig daran mitgewirkt und zugleich geschickt den Eindruck erweckt, die VR China sei keineswegs kriegslüstern. Nach den Erfahrungen des Koreakrieges war dieser Eindruck im Westen bestimmend gewesen, und Chou konnte jetzt zusammenfassen: "Die Ergebnisse der Genfer Konferenz zeigen, daß internationale Konflikte durch friedliche Verhandlungen beigelegt werden können."

Das demonstrierte Chou En-lai Ende September des gleichen Jahres erneut. Aus der "brüderlichen" Sowjetunion kamen KP-Chef Nikita Chruschtschow und Ministerpräsident Nikolai Bulganin nach Peking. Schon damals standen einige unerfreuliche Dinge zwischen beiden sozialistischen Bundesgenossen, sogar noch Überbleibsel der alten "ungleichen" Verträge aus den Kaiserzeiten beider Länder. Chou erreicht den Rückzug der Russen aus dem okkupierten Port Arthur, die Rückgabe russischer Beteiligungen an mehreren Aktiengesellschaften sowie die Zusicherung einer bedeutenden Anleihe und von technischer Hilfe.

Bei dem nächsten internationalen Großereignis, das bevorstand, ließ er sich dann Bedenkzeit. Mitte Januar 1955 erreichte ihn die Einladung von fünf Ländern (Indien, Burma, Indonesien, Pakistan, Ceylon), im April in Bandung an einer Konferenz teilzunehmen, bei welcher die erst kurze Zeit befreiten und jetzt aufstrebenden Länder der "Dritten Welt", neben der kapitalistischen und der sozialistischen unter sowjetischer Führung, Grundsätze für ihr Verhalten in der internationalen Politik beraten sollten. Chou zögerte vier Wochen mit seiner Antwort.

Zhou Enlai, Bandung 1955 Dann nahm er doch an der bald berühmten Konferenz von Bandung teil, die vom 18. bis 24. April 1955 währte – neben so markanten Politikern wie J. Nehru (1889-1964) aus Indien, A. Sukarno (1901-1970) aus Indonesien, dem Ägypter G.A.Nasser (1918-1970) und dem Jugoslawen Josip B. Tito (1892-1980). Eine begeisterte Aufbruchstimmung herrschte unter den vertretenen 39 Nationen, und Nehru sprach von "unserer neuen Würde, unser neuen Unabhängigkeit, unserer neuen Freiheit und unserem neuen Geist." Chou sagte (siehe Abb.): "Unsere Völker in Asien und Afrika brauchen Frieden und Unabhängigkeit. Wir haben keineswegs die Absicht, unsere Völker gegen die anderer Regionen aufzustacheln."

Die Teilnehmer an der Konferenz von Bandung verständigten sich auf fünf – eigentlich zehn, doch diese fünf blieben in aller Munde – Grundforderungen internationaler Politik. Sie lauteten: 1. gegenseitige Achtung territorialer Integrität und Souveränität, 2. gegenseitigen Nichtangriff, 3. Nichteinmischung in innere Angelegenheiten, 4. Gleichberechtigung und gegenseitiger Nutzen, 5. friedliche Koexistenz.

Bald wurden sie als die Fünf Prinzipien der friedlichen Koexistenz ein wichtiger Bestandteil der politischen Rhetorik. Chou war in meisterhafter Weise gelungen, in der Dritten Welt die Überzeugung zu stabilisieren, daß allein westlicher Imperialismus ihre Unabhängigkeit gefährde, daß das sozialistische Lager ihr Verbündeter sei und die VR China ein leidenschaftlicher Verfechter ihrer Interessen. Im Westen wurde der Begriff der friedlichen Koexistenz nicht sonderlich geschätzt. Vielleicht lag das daran, daß er auf Wladimir I. Lenin (1870-1924) zurückging. Auch der oftbeschworene "Geist von Bandung" kam nicht recht ins Leben, sondern verflüchtigte sich bald.

Chou En-lai aber hatte wieder "bella figura" gemacht und auch im Westen seinen Ruf, ein Staatsmann zu sein, gefestigt. – Zu dem guten Eindruck von seinem Auftreten hatte nicht wenig beigetragen, daß er sich bei der Genfer Konferenz die Zeit genommen hatte, dem Filmschauspieler Charlie Chaplin seine Aufwartung zu machen.
 
 
 
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Konfuzianischer Militär
 
  Die Geschichten, die über Wu Ch'i (440-381) überliefert sind, lassen seine Person selten in einem günstigen Licht erscheinen. Gleiches wäre über für explizite Charakterisierungen zu sagen, die zumindest widersprüchlich sind. Den einen galt, er sei "gierig und liebe die Frauenschönheit", ein anderer rühmt seine Lauterkeit.

Einig sind sich die Geschichten darüber, daß er in mehreren Staaten der Chan-kuo-Zeit, der "Zeit der kämpfenden Staaten", erfolgreich als Heerführer wirkte. Auch scheint durch manche solcher Überlieferungen, daß er sich nahezu bedingungslos für seine Kämpfer einsetzte.

Das kleine Werk zur Theorie der Kriegführung, das ihm zugeschrieben wird, wurde zwar spätestens seit der Sung-Zeit als ein Klassiker dieses Genres der Fachliteratur angesehen, doch bis heute wurde ihm nie die gleiche Bedeutung zuerkannt wie dem vergleichbaren Text Sun-tzu, "Meister Sun", der in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts in manchen Kreisen gar ein Kultbuch war, aus dem postindustrielle Manager im Westen sowie aufstrebende sozialistisch-kapitalistische Unternehmer in der VR China einige Kernsätze und -lehren für ihre eigenen Strategien bezogen.

In der kaiserlichen Bibliothek des Hauses Liu von Han (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) war die Abteilung der Militärtheoretiker in vier Gruppen unterteilt. Insgesamt umfaßte sie 53 Schriften mit 790 Kapiteln. Diese vier Gruppen, ungefähr gleich umfangreich, lassen sich – die meisten Schriften sind nicht überliefert – ungefähr als 1. die Strategen, 2. die Taktiker, 3. die Metaphysiker, 4. die Techniker kennzeichnen. Die Schrift des Wu Ch'i, deren Titel auch nur "Wu Ch'i" war, zählte zu den Strategen. Erst später erhielt sie den ehrenvollen Titel Wu-tzu ping-fa, "Die Kriegskunst des Meisters Wu".

Nur sechs kurze Kapitel, jedes mehrfach unterteilt, umfaßt der überlieferte Text: "Wider andere Staaten planen", "Den Gegner einschätzen", "Die Ordner der Krieger", "Erörterung über den General". "Über das Entsprechen bei Veränderungen", "Über das Anspornen der Offiziere". Die jeweiligen Lehren werden entweder als Zitate des Wu-tzu, "Meister Wu", eingeführt beziehungsweise, dieser legt sie, dann Wu Ch'i genannt, in einer Art Lehrdialog mit Markgraf Wu von Wei (386-371) dar. Diesem aufstrebenden Fürsten soll er eine Zeitlang gedient haben, bevor Neider ihm nach einer fiesen Intrige seinen Abschied nahelegten.

Schon diese nicht einheitliche Benennung legt den Verdacht nahe, der überlieferte Text sei aus wenigstens zwei älteren Texten kompiliert worden. Auch die Grundpositionen der geäußerten Lehren sind hin und wieder widersprüchlich. Trotzdem ist immer wieder eine Prägung durch Lehrmeinungen der konfuzianischen Tradition unübersehbar – so, wenn von einer idealen Staatsführung gefordert wird, sie zügele das Volk durch den Rechten Weg, das Tao, ordne es durch Rechtlichkeit (i), bediene sich seiner gemäß der Sitte (li) und fördere es gemäß der Menschlichkeit (jen). Das sind Leitbegriffe des Konfuzius, und vielleicht liegt die Bedeutung des Textes Wu-tzu darin, daß er konfuzianische Vorstellungen von einer zivilen Ordnung der Gesellschaft, von der Staatskunst, mit den Erfordernissen des Kriegshandwerks in Einklang zu bringen versuchte.

Massengrab mit Opfern der Schlacht von Changping (260 v. Chr.) Wu Ch'i soll bei dem Konfuzius-Schüler Tseng Ts'an (505-436) frühen Studien nachgegangen sein. Der – ihm ging die Kindesehrfurcht (hsiao) über alles – brach mit Wu Ch'i, weil der den Tod seiner Mutter nicht drei Jahre lang betrauern, sondern weiter studieren wollte. Auch das Lernen war schließlich eine zentrale Forderung des Konfuzius.

Den kalkulierten Lebensdaten zufolge kann Wu Ch'i kein Tseng-Schüler gewesen sein, doch vielleicht besagt diese Überlieferung lediglich, daß er in dessen "Schule", die nach seinem Tode fortgeführt wurde, lernte. Andererseits, vielleicht hat jemand die Anekdote über die Trennung von Tseng Ts'an und Wu Ch'i auch erfunden, um darzutun, daß es mit des Wu Ch'i konfuzianischer Gesinnung nicht so weit her sei. – Die Bosheiten, die sich in der altchinesischen Anekdotenliteratur verbergen, zeigen oft höchstes Raffinement, und die Eigenheiten der altchinesischen Chronologien erlauben immer wieder, Personen unterschiedlicher Zeiten solchermaßen zusammenzubringen. – Die Abbildung zeigt ein Massengrab mit Opfern der berühmten Schlacht von Ch'ang-p'ing im Jahre 260 v. Chr.
 
 
 
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Strahlende Lehre
 
  Heute interessiert sich kaum jemand mehr für diese Steininschrift, die im Pei-lin, dem berühmten "Hain der Stelen", bei Xi'an steht. Sie weist die stattliche Höhe von 279 cm auf und ist 99 cm breit. In die Vorderseite der Steintafel, auch in die beiden Seitenkanten sind in sorgfältigem Duktus Schriftzeichen eingeschnitten. Ihr Inhalt erscheint, zumal bei einer chinesischen Inschrift, an manchen Stellen als befremdlich:

"Dann kam unser Messias. Es ist die Gestalt, die aus der Dreieinigkeit kam und von unserer strahlenden Lehre verehrt wird. Er verbarg seine wahre Majestät, wurde Mensch und betrat diese Welt. Die Götter und der Himmel verkündeten die frohe Botschaft, als eine Jungfrau diesen Einen Heiligen in Ta-ch'in gebar, und ein leuchtender Stern kündigte das glückliche Ereignis an."

Nestorianer-Inschrift, Xi'an

Im Februar des Jahres 1625 war diese Steintafel zufällig auf einem Feld ungefähr 60 km von Xi'an entfernt entdeckt worden. Noch im gleichen Jahr besichtigte sie der in China lebende Jesuitenpater Trigault und berichtete sogleich darüber an den Papst. Schon er hatte festgestellt, daß die Stele jahrhundertealt war. Sie war, in den westlichen Kalender umgerechnet, am Sonntag, dem 4. Februar 781, aufgerichtet worden. Nachdem der deutsche Jesuit Athanasius Kircher sie 1667 in seinem berühmten "China Illustrata" veröffentlicht hatte, erregte sie ungeheures Aufsehen. "Nestorianer-Inschrift" wird der Stelentext seither genannt.

Diese christliche Lehrtradition ging auf Nestorius (381-451), Patriarch von Konstantinopel, zurück. Er wandte sich unter anderem gegen den Marienkult, sah Maria nicht als "Gottesgebährerin" an, auch Jesus Christus nicht als Gott in der Hl. Dreifaltigkeit, sondern nur als Mittler zwischen Gott und den Menschen. Das Konzil von Ephesos ächtete im Jahre 431 diese Lehre, und ihre hartnäckigen Anhänger machten sich davon – nach Indien, Zentralasien, wo es bald zehn Metropolitensitze gab, und eben nach China.

Die Inschrift enthält, neben eher hymnischen Teilen, auch eine kurzgefaßte Geschichte der Nestorianer, und deswegen auch des frühen Christentums in China. Im Jahre 635 habe sich ein Abt aus Ta-ch'in, das mit dem Gebiet des heutigen Syrien gleichzusetzen ist, nach China aufgemacht, sagt die Inschrift und schildert dann den Empfang dieses Abtes O-lo-pen:

"Der Kaiser sandte mit einer Ehreneskorte seinen Ersten Minister, Seine Hoheit Fang Hsüan-ling (…) und ließ ihn als Ehrengast in den kaiserlichen Palast führen. Die Schriften wurden in der kaiserlichen Bibliothek übersetzt und Fragen, welche die Lehren betrafen, in den kaiserlichen Gemächern vorgelegt. Nachdem sich der rechte Sinn der Lehre herausgestellt hatte, gab der gnädige Kaiser die Erlaubnis, sie zu verbreiten."

Nach diesem Kaiser T'ai-tsung (627-649), schildert die Inschrift ausführlich, hätten weitere Herrscher die ching-chiao, "Strahlende Lehre", gefördert. Das mag hier und da übertrieben dargestellt sein, doch es dokumentiert die religiöse Offenheit und Toleranz der T'ang-Zeit. Deren Ende kann sie allerdings nicht mehr darstellen. Kaiser Wu-tsung (841-846), ein glühender Anhänger des Taoismus, ordnete 845 die Aufhebung der buddhistischen Klöster an, "damit sie nicht länger unsere Kultur verderben." Geärgert hat ihn allerdings vor allem die Steuerfreiheit der Mönche und Nonnen.

Unter diese Verfolgung fielen, wie eine historische Quelle weiß, auch 3.000 Nestorianermönche aus Ta-ch'in. Die Gemeinschaft der Christen in China scheint damals eine beträchtliche Größe erreicht zu haben. – Heute gibt es auf der ganzen Welt vielleicht noch 120.000 Nestorianer – in den USA, im Vorderen Orient und in Indien. – Francois Voltaire (1694-1778), der vehemente Religionskritiker, sah die Stele übrigens als Fälschung der Jesuiten im 17. Jahrhundert an, zu propagandistischen Zwecken. Das meint heute niemand mehr, doch auch im Jahre 781 sollte die Stele solche Effekte erzielen – zumindest die T'ang-Herrscher der christlichen Loyalität versichern.
 
 
 
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Literaten-Picknick
 
  Wenn man ihren Werken – Gedichten, Prosatexten, Gemälden – vertraut, dann gehörte zu den Lieblingstätigkeiten chinesischer Literaten, sich in der freien Natur zu ergehen, Höhen zu erklimmen und den Wassern zu lauschen.

Einer von ihnen, Tseng Kung (1019-1083), schildert in einer Prosanotiz, wie sein Freund und Lehrer Ou-yang Hsiu (1007-1072) solches Erleben empfand: "Wenn er dort die Fülle der Berge, die ihn umgab, wahrnahm, die erfrischende Kraft von Dunst und Wolken und die Unendlichkeit der weiten Ebenen, die Vielzahl der Kräuter und Bäume und die Schönheit der Quellen und Felsen, brachten diese seine Augen dazu, sich über dem Gesehenen zu erneuern, und seine Ohren über dem Gehörten, und dann wurde sein Sinn rein und nüchtern, und er wollte noch länger verweilen und vergaß die Heimkehr."

Davor hatte Tseng Kung gesagt, am Ziel des Ausflugs, einer Anhöhe, sei Ou-yang Hsiu gelegentlich trunken und erschöpft gewesen. – Viele Stilisierungen scheinen den tatsächlichen Verlauf solcher Ausflüge in die Natur, allein oder mit Freunden, zu verhüllen. Wahrscheinlich kann der abgebildete Holzschnitt, der von einem unbekannten Meister wohl aus dem 17./18. Jahrhundert stammt, einen Eindruck von der Ankunft am Ziel vermitteln. Ein Mahl, wenigstens wohl ein Umtrunk, war anscheinend regelhaft mit einem solchen Unternehmen verbunden. Und diese hochwürdigen Herren hockten sich natürlich nicht ins Gras.

chin. Paravent Ein Paravent schützt die Gelehrten, die jeder für sich an einem Tisch dinieren, vor der Brise, die ihre stolzen Kappen sonst in Unordnung brächte. Drei zarte Musikantinnen spielen ihnen zum Mahl auf, und zwei Pfauen spazieren stolz umher. Wie eine Gartenszene mutet das an, doch ähnlich sind solche Szenerien "in den Bergen" vorzustellen, wenn dort nicht gar schon ein Pavillon errichtet war.

Wie aber gelangten Tische und Stühle, auch die Herren Literaten selbst, an diese oft abgelegenen Stätten, an steilen Hängen über einem Fluß gelegen? Nun, sie verfügten über reichlich Diener, und schon Wen Chen-heng (1585-1645), der Kenner feiner Lebensart, schrieb in seinem Chang-wu chih, "Denkwürdigkeiten über überflüssige Dinge", daß bei einem Ausflug in die Berge eine ausreichende Zahl von Korbsänften unerläßlich sei. Er weiß auch noch etwas anderes: "Bei Ausflügen in die Berge werden sie mitgeführt, manche nutzen sie auch auf einem Boot. Sie sind überaus bequem."

Wen Chen-heng meinte jetzt die Faltstühle, chiao-ch'uang. Diese wurden anscheinend schon lange vor ihm gefertigt, oft aus kostbarem Holz, und durch mancherlei Intarsien geschmückt. Auch Klapptische, an welchen die Gelehrten auf diesem Holzschnitt sitzen, hatten die Tischler schon längst konstruiert.

Wenn Ou-yang Hsiu einmal wieder die Heimkehr vergaß und in den Bergen nächtigte – dann könnte er auch über ein Klappbett verfügt haben. Ein wahrhaft stattliches bargen Archäologen 1986 aus einem Grab, das in dem Südstaat Ch'u bereits vor 220 v. Chr. angelegt worden war (siehe unteren Teil der Abb.). Auf nichts brauchten, wahrlich, diese feinen Literaten bei einem Ausflug in die Berge zu verzichten! Wahrscheinlich trugen die Musikantinnen ebenfalls zu den Behaglichkeiten einer solchen Nacht in der Natur bei.
 
 
 
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Begabter Prestidigitateur
 
  Nicht wenige Kenner chinesischer Kunst bezeichneten Chang Ta-chien, als er am 2. April 1983 in Taipei im Hospital für die Kriegsveteranen starb, als den größten chinesischen Maler der letzten fünf Jahrhunderte.

Chang, 1899 geboren, stammte aus wohlhabendem Hause in Ssechuan. Schon seine Mutter hatte sich in den Techniken der Tuschemalerei geübt und unterwies auch ihre Kinder in diesen. Die besonderen Talente von Chang Ta-chien wurden schnell offenbar, doch es sollte noch länger als drei Jahrzehnte dauern, bis er mit eigenständigen Werken an die Öffentlichkeit trat. (Abgebildet ist ein Spätwerk).

Zu jeder "ordentlichen" Biographie eines bedeutenden Chinesen gehört eine Kindheitsgeschichte. Diese weist, so in der Regel ihre Funktion, schon einmal auf später ausgeprägte Wesenszüge voraus. Über Chang wird erzählt: Als er sieben, acht Jahre alt war, kam eine Weissagerin am Haus der Familie vorbei. Sie sagte aus 24 kleinen Rollbildern, ähnlich den Tarot-Karten, die Zukunft vorher. Als sie künstlerischen Übungen des kleinen Burschen sah, bat sie ihn, diese 24 Bildchen neu zu malen, denn durch den häufigen Gebrauch waren sie schon arg zerschlissen. In vier Stunden war er damit fertig, und für jedes Bild verlangte und erhielt er 80 Käsch. – Als vortrefflicher Kopist wirkte er, nebenbei, lebenslang, auch geschäftstüchtig blieb er.

Seine Familie erlaubte dem begabten Jungen nicht die erstrebte künstlerisch Ausbildung in Shanghai, sondern schickte ihn zwei Jahre nach Japan. Er sollte neue Techniken bei der Herstellung von Textilien, für das Familiengeschäft, studieren. Das gelang ihm nur mit geringem Erfolg, doch danach durfte er sich in Shanghai in Malerei und Kalligraphie unterrichten lassen – durch Li Jui-ch'ing und Tseng Hsi, die am Ende des Kaiserreiches bekannte Literatenmaler waren. Unterricht in der traditionellen Tuschemalerei bedeutete, damals wie heute, die sorgsame Schulung an den Meistern der Vergangenheit, bis hin zu Kopien von denen Bildern.

Chang wählte sich Shih T'ao als Vorbild, einen herausragenden Künstler vom Beginn der Ch'ing-Dynastie. Vielleicht hing diese Wahl mit Changs Bewunderung für diesen Meister zusammen, doch zufälligerweise erfreute sich Shih T'ao gerade besonderer allgemeiner Wertschätzung. Seine Werke erzielten hohe Preise. – Schnell eignete sich Chang dessen künstlerische Techniken an, drang auch in den "Geist" seiner Werke ein. Verblüfft nahmen seine Lehrer und Freuden solche Vollkommenheit wahr.

Gemälde von Zhang Dajian (1899-1983)

Als Ch'en Pan-ting, ein bedeutender Kunstsammler, eine Arbeit von Shih T'ao erworben hatte, wollte er diese, wie damals Brauch, auf einer Party seinen Freunden vorstellen. Der kaum bekannte Chang Ta-chien war nicht geladen, doch als "Experte" für Shih T'ao wollte er diese Arbeit, ein Leporello-Album, gerne für sich betrachten. Ch'en verweigerte ihm das und verwies ihn auf die Präsentation am Abend. Drei Stunden wartete Chang auf diesen Anblick.

Dann kam der große Augenblick. Noch bevor Ch'en das Album öffnete, rief Chang aus: "Ah, das ist es! Machen Sie sich nicht die Mühe, es zu zeigen! Ich kenne es bereits." Zur Verblüffung der umstehenden Gäste, bedeutende Künstler und Kunstkenner darunter, schilderte Chang genau, was das jeweils nächste Blatt zeige – bis hin zu den Einzelheiten der Siegelabdrucke. Die meisten dachten bei sich, er sei ein Vorbesitzer dieses Albums gewesen, doch Chang wußte es besser: "Ich habe es ja gemalt", erklärte er schließlich. Der Zorn des Ch'en Pan-ting war ihm sicher, doch jetzt war er als Kenner des Shih T'ao allgemein bekannt.

Anscheinend hat Chang Ta-chien im Laufe seines Lebens zahlreiche Werke auch anderer Meister der Vergangenheit kopiert oder eigene Werke im Stil dieser Meister geschaffen. So besitzt mancher Sammler chinesischer Kunst, auch manches Museum, eben nicht ein altmeisterliches Werk, sondern einen echten Chang Ta-chien. Erklärt hat dieser nie, wie das Shih T'ao nachempfundene Album in den Kunsthandel gelangte statt in der eigenen Schublade zu bleiben. Vielleicht wäre Ch'en Pan-ting nicht so erbost über die Täuschung gewesen, wenn er geahnt hätte, daß Chang Ta-chien "der größte Maler der letzten fünf Jahrhunderte" werden würde.
 
 
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 Nordkorea am Rothenbaum? Ein Rückblick

Irgendwann in diesen hatte sich der Berichterstatter, Arbeitnehmer an einer – wie geplant – Hamburger Schrumpfinstitution, lästerlich darüber geäußert, daß Blumenfreundinnen und -freunde eine zubetonierte Bushaltestelle durch eine Blumenrabatte aufhellen wollten. Ihn erfüllte die gewohnte Morgen-Verdrossenheit am Anfang des Weges zu seiner Arbeitsstätte. Vielleicht sollte die Gestaltungsfreude jener "Bürger-Initiative" solchen Grauheiten am Morgen begegnen – aber aber aber: immer wieder an den Rändern auf dem Weg zur Arbeit aufmunternde Blumen?!

Ha! Das war eine Freude, als wilde Gräser und Kräuter allmählich schneller und höher als die sorgfältig gesetzten Pflanzen emporschossen! Am schnellsten waren die Disteln, und diese entzückten den Arbeitnehmer sehr, denn ihnen fühlte er sich in manchen Gestimmtheiten verbunden. Auch erinnerten sie ihn an Spiele in der Kindheit: Distelköpfen.

Plötzlich waren auch jetzt die Disteln und andere Wildwüchse fortgehackt, und eines Morgens – das war wohl der Pfingstmontag! – sah dieses kleine Gartenfeld, nach einer Zeit ohne Niederschläge, frischgewässert aus, und von Zeit zu Zeit pflegte auch künftig jemand diese kleine Blütenecke. Einmal war, morgens um 10, eine Frau dabei zu sehen, ein anderes Mal ein Mann, doch andere mögen zu anderen Zeiten zur Pflege dieser Ecke beigetragen haben. Da wächst die Hochachtung, denn vergleichbar angepflanzte Verschönerungen in Rotherbaum wurden weniger vortrefflich gepflegt.

Irgendwann im Hochsommer hatten sich alle verheißenen Blüten entfaltet: ein herrlicher Anblick! Er hellte die Morgenverdrossenheiten auf und mahnte zugleich zum Einsatz für die Gemeinschaften der Hamburger Gegenwart. Jetzt legte sich die Wehmut des Herbstes über dieses Beet, und seine Urheber sollten es getrost seinem jahreszeitlichen Schicksal überlassen. Ein Tunichtgut nahm den Verfall der Blüten jedoch sogleich zum Anlaß, Zeitungspapiere und anderen Unrat zwischen die Pflanzen zu werfen. Ganz schnöde lag dieser Mist zwischen vergehenden Blüten und herabgerieselten Herbstblättern – und wieder sammelte eine Rotherbaum-Bürgerin diese Schandflecken fort. Da kann sich der Berichterstatter – skeptisch angesichts solcher Blumenrabatten am Wegesrand noch immer – die Hochachtung nicht verhehlen. (Leider gingen die Fotos von dieser Blütenecke verloren. Deshalb illustriere ich diese Notiz mit einer Herbstimpression aus dem vergangenen Jahr.)

Herbstimpression

 
 
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