Hamburger China-Notizen: zum Anfang Nr. 34
24. Oktober 2004
China-Hamburg jetzt und einst ChinaS jetzt und einst Notizen von einem nächtlichen Schreibtisch Deutsche Chinatexte Deutsche Chinatexte
 
 

 Ein absichtsvoller Schmöker?

Die Geschichte der deutschen China-Wahrnehmungen weist noch beträchtliche Lücken auf. Wer sich für sie interessierte, der orientierte sich meistens an deren Glanz- und Schandpunkten, weniger an den Alltäglichkeiten, die möglicherweise die deutschen China-Bilder am stärksten beeinflußten.

Zu diesen Alltäglichkeiten zählt auch der historische Roman, den Hermann Schreiber im Jahre 1936 im Verlag Scherl in Berlin veröffentlichte: "Opfergang in Peking. Ein Buch um das Sterben des Gesandten von Ketteler".

Nur in ganz wenigen Sätzen hat die Erscheinungszeit auf das Werk abgefärbt – so, wenn der Autor auf Seite 132 einen westlichen Diplomaten in Peking räsonieren läßt: "() aber wenn ein gütiges Geschick dem chinesischen Volk einmal den Führer schenkt, ich meine den wirklichen, in seinem Volk verwurzelten Führer, dann wird das alte Reich auch den Weg wieder finden, der ihm die Kraft gibt, sich selbst zu behaupten."

Im Jahre 1900 spielt dieser Roman, zur Zeit des Boxeraufstandes. Seitenweise gibt Hermann Schreiber die Gespräche westlicher Diplomaten wieder, charakterisiert sie nicht einmal unangemessen, wenngleich weitgehend stereotyp. Er belauscht auch die Kaiserinwitwe Tz'u-hsi bei einem Gespräch mit ihrem Vertrauten, Prinz Tuan, kennt sich im legendären Pekingklub aus, erinnert beiläufig an Konfuzius und die gescheiterten Reformen des K'ang Yu-wei und weiß auch den Boxer-Ruf "Sha Kweze!" zu übersetzen: "Tötet die Teufel!", die Fremden nämlich.

Im Mittelpunkt des Romans steht der zur Lichtgestalt verklärte Clemens Freiherr von Ketteler, deutscher Gesandter in Peking, der schon einmal einen Würdenträger des fremdländischen Mandschu-Kaiserhauses anblafft:

"Nein, Prinz Tuan, in der kaiserlichen Stadt Ihrer Souveräne geht es nicht um eine ehrliche Befreiung der vierhundert Millionen, sondern um etwas ganz anderes. Man ist hier intelligent genug, die Zeichen der Zeit zu begreifen und einzuschätzen, daß ein Geist der Aufklärung und ein Erwachen des chinesischen Volkes sich bestimmt zunächst gegen die wahren Unterdrücker richten werden und daß es daher gut ist, die Aufklärung etwas umzubiegen und das Feuer abzulenken in eine Richtung, wo die Kaiserstadt verschont werden kann."

Das ist eine freche Provozierung des Mandschu, die der historische von Ketteler schwerlich über die Lippen gebracht hätte, und der "Opfergang", den der Roman beschwört, kann mit dem historischen Abstand zu den handelnden Personen und der Zeit wohl auch als Eselei eines zu selbstsicheren Diplomaten verstanden werden, doch solch ein ruchloser Mord legt Verklärungen nahe. Alles in allem vermittelt der Roman, der gewiß nicht aus der Feder eines geübten Schriftstellers stammt, Szenarien und Stimmungen, welche die Lage in Peking in den Wirren des Boxeraufruhrs halbwegs authentisch schildern – bis hin zu der hübschen Geschichte mit der "internationalen Kanone".

Grablege Clemens von Ketteler

Über die Person des Autors ließ sich einstweilen nichts herausfinden. Anscheinend bedarf es dafür längerer Google-Suche. Diese brachte immerhin ein Forschungsprojekt an der Universität Innsbruck zutage, das deutschen historischen Romanen gewidmet ist und schon einige tausend solcher Werke erfaßt hat. "Opfergang in Peking" ist dort leider bisher nur erfaßt, noch nicht gelesen worden. Die Lektüre schadet jedenfalls nicht, und eine Untersuchung verspricht einigen Aufschluß über deutsche China-Wahrnehmungen im Jahre 1900 – oder auch im Jahre 1936. Der Verfasser hatte jedenfalls mehr im Sinn, als bloß einen historischen Roman zu schreiben. Warum sonst hätte er ihm 27 historische Fotos beigegeben? Eines zeigt (siehe Abbildung) die Grablege des Gesandten im Garten der deutschen Gesandtschaft in Peking.

Zur Geschichte dieser Grablege und die Geschichte des von Ketteler zugedachten Ehrenbogens dürften in deutschen und chinesischen Archiven, nebenbei bemerkt, noch einige aufschlußreiche Dokumente schlummern.
 
 
 

 "Chice chinesische Süßigkeiten" und "allerlei chinesischer Kram"

Hochnäsig, gelinde gesagt, ist diese junge Dame. Über eine Eisenbahnfahrt nach Peking schreibt sie: "Die Abteile von Europäern und Chinesen sind nicht getrennt. Es soll sogar vorkommen, daß Europäer das Coupé mit Chinesen teilen müssen." Und über Cordes, den Dolmetscher des Freiherrn von Ketteler, der bei dessen Ermordung nur schwerverletzt entkam, urteilt sie: "Er scheint geistig sehr bedeutend zu sein. Unbegreiflich, daß er sich so an seiner Rasse versündigt." Cordes hatte eine Chinesin geheiratet.

Altklug ist sie überdies. Einem jungen Kerl, der sich in sie verguckt hatte und den sie mit dem Hinweis auf eine "tiefe Liebe" in Hamburg bescheidet, sinniert sie hinterher: "Aber – ich glaube, Männer überwinden und vergessen leicht, darum will ich mich auch nicht lange grämen." Auch in China reitet sie gerne und durchsetzt ihr schlichtes Deutsch mit englischen Brocken – beides nach altem Hamburger Brauch: steamlaunch, walk und half-cast Kinder.

Sie – das ist eine junge Hamburgerin, die im Jahre 1910 "mein Tagebuch auf meiner Weltreise" schreibt, die sie zusammen mit dem Vater und Schwester L. unternahm: bester Hamburger Kaufmannsadel. Das Typoskript, das ihre Aufzeichnungen wiedergibt, nennt ihren Namen nicht, aber er ist leicht zu identifizieren, doch manchmal soll ein Tagebuchleser seine Neugier nicht zu weit treiben. Auch Geschäfts- und andere Freunde des Vaters kennzeichnet sie kurz und knapp: lüstern der eine, langweilig der nächste, ein dritter voller "Stieselichkeit". Noch heute könnten diese Notizen Unerfreulichkeiten zwischen den Nachkommen wecken.

Eigentlich ist sie eine sympathische Gestalt, deren unbekümmerte Wahrnehmung und Urteilsflottheit einerseits dem deutschen Zeitgeist schuldig sind, andererseits backfischhafter Unbefangenheit. Sie tanzt gerne und genießt offenbar, daß bei den kleinen Festlichkeiten der Deutschenszene in Hongkong, Shanghai und andernorts in China die Damen, die jungen zumal, weit in der Minderheit sind.

Mit den Köstlichkeiten der chinesischen Küche kann sie sich, wie viele, nicht anfreunden, doch die Schilderung eines Festmahls verbindet sie mit einer Impression, die immerhin auch ihr manchmal waches Interesse an chinesischen Alltäglichkeiten zeigt:

"Nun muß ich von den kleinen Sing-Song-Girls berichten, die uns fast während des ganzen Mahls Gesellschaft leisteten. Eine nach der anderen trat mit lächelndem Gesicht, in kostbare Seide gekleidet und wunderbar frisiert, von einer Dienerin und einem Musiker begleitet, in unser Zimmer und setzte sich an unseren Tisch. Schließlich hatten wir 5 bei uns. Man denke sich die Crowd, die sich um uns befand und die Luft! Die kleinen Sing-Song-Girls sind meistens 16 oder 17 Jahre alt. Wie im Mittelalter die Minnesänger, werden sie in Schulen im Gesang ausgebildet und werden sehr geachtet, und man bezahlt sie gut. Für jedes Lied, das sie vortragen, bekommen sie 2 Dollar. Einige verdienen an einem Abend 100 Dollar. Ein reizendes Geschöpf nahm neben mir Platz. Ihre Dienerin gefiel mir weniger. Sie spuckte verschiedentlich auf meinen Rock, was ich nicht mochte. Das kleine Mädchen war aber niedlich! Sie war sehr gut frisiert und geschminkt und in helle Seide gekleidet, trug viel Schmuck, wunderbare echte Perlengehänge und künstliche Blumen. Sie amüsierte sich riesig über uns und hörte nicht auf, in ihr Taschentuch hinein zu kiechern. Dann fing sie eine Unterhaltung mit mir an, von der ich leider nichts verstand, und schließlich fing sie mit ihrer Dienerin an, mich einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Sie besahen meine Hände, befühlten meine Haare und konnten sich nicht genug über den durchsichtigen Stoff meiner Tüllbluse wundern. Auch über die Art unseres Essens lachte die Kleine herzlich und versuchte, mir das Essen mit Chopsticks beizubringen. Aber – sie mußte ihre Bemühungen aufgeben, weil ich zu ungeschickt war. Die Sing-Song-Girls dürfen bei Tisch keine Speisen annehmen, aber Zigaretten verschmähen sie nicht. Nachdem nun die Mädchen ihre Lieder vorgetragen hatten, die nicht häßlich geklungen hätten ohne die Begleitung der entsetzlichen chinesischen Geige, verließen sie uns, um sich zu einer anderen Tafelrunde zu begeben. Für eine bestimmte sehr hohe Summe können Männer eine Nacht mit ihnen verbringen. Das müssen sie aber freiwillig tun. Sie können nicht dazu gezwungen werden. Nach dem Essen rauchten wir unsere mitgebrachten Zigaretten, die wir wohl noch nie so wie heute genossen haben."

Sing-Song-Girls, Taiwan

Nach vier Wochen China kann die Schreiberin noch immer nicht mit Stäbchen essen – doch was sie sonst alles an diesen Unterhaltungskünstlerinnen interessiert! Ganz ohne scheint auch die Schreiberin nicht gewesen zu sein: durchsichtige Bluse, Zigaretten, und nach weiteren Wochen: "Da entdeckte ich die Zauberkraft des Whiskys."

Noch in manch anderer Familie in Deutschland mögen solche Chinatagebücher schlummern – aus dieser frühen Zeit, aber auch von Reisen in die VR China. Interessante Dokumente deutscher China-Wahrnehmung sind sie allemal. – Zur Ehrenrettung der seinerzeitigen Sing-Song-Girls aus Shanghai sei ergänzt, daß die abgebildeten solche aus Taiwan zeigen, aus der Zeit der japanischen Besatzung.
 
 
 [China - Hamburg]   [ChinaS]   [Schreibtisch-Notizen]   [Chinatexte] 
 
Seitenanfang Hauptseite Suche & Archiv Impressum